Mad Men 6.13: „In Care Of”
Die letzte Einstellung der Staffel ist eine der schönsten der ganzen Serie. Don hält mit seinen Kindern vor einem heruntergekommenen Holzhaus in Pennsylvania, in einer armen Gegend. Ein schwarzer Junge sitzt auf der Veranda und sieht sie an. Don sagt: Hier bin ich aufgewachsen. Sally schaut ihren Vater an, und zum ersten Mal seit Monaten liegt in ihrem Blick etwas anderes als Verachtung. Dazu singt Judy Collins „Both Sides Now". Don hat seinen Kindern nach sechs Staffeln zum ersten Mal die Wahrheit gezeigt. Mehr braucht es nicht.
Der Weg dorthin führt über einen Tiefpunkt. Don schlägt in einer Bar betrunken einen Pfarrer nieder, der ihm erzählt, Jesus liebe ihn, und verbringt die Nacht in einer Zelle. Am nächsten Morgen beschließt er, aufzuhören zu trinken. Und er hat einen Plan: Die Agentur eröffnet ein Büro in Los Angeles, er will mit Megan dorthin ziehen und neu anfangen. Wieder einmal. Megan ist begeistert, kündigt ihre Rolle in der Seifenoper. Doch dann kommt Ted zu Don. Er hat mit Peggy geschlafen, und am nächsten Morgen hat er Angst bekommen. Er fleht Don an, ihn nach Kalifornien gehen zu lassen, um seine Familie zu retten. Und Don, in einem seltenen Akt von Großzügigkeit, gibt ihm den Platz. Megan ist fassungslos. Sie hat ihren Job aufgegeben. Sie sagt ihm, er wolle Kalifornien gar nicht, er wolle nur weg, und am Ende geht sie allein, im Zorn.
Peggy erlebt das Ganze von der anderen Seite. Sie hat nach langem Zögern mit Ted geschlafen und glaubt, er werde seine Frau verlassen. Stattdessen erfährt sie, dass er sie verlässt, nach Kalifornien. Sie sagt ihm, er habe Glück, dass er Entscheidungen treffen könne. Elisabeth Moss spielt diese Wut ganz kontrolliert, und das ist schlimmer als jede Szene. Im letzten Bild von Peggy sitzt sie in Dons Büro, auf seinem Stuhl, in Hosen, die Silhouette wie Don im Vorspann. Sie hat den Platz eingenommen, den man ihr nie geben wollte.
Und dann der Moment, der diese Folge berühmt gemacht hat: der Hershey-Pitch. Don präsentiert dem Schokoladenkonzern zuerst eine wunderbar erfundene Geschichte, wie sein Vater ihm als Belohnung einen Hershey-Riegel kaufte und ihm durchs Haar strich. Die Kunden sind begeistert. Und dann hält Don inne. Er erzählt die Wahrheit. Er sei als Waise in einem Bordell aufgewachsen. Eine der Frauen habe ihm einen Dollar gegeben, wenn er den Freiern die Taschen durchsuchte, und dafür habe er sich einen Hershey-Riegel gekauft, den er ganz allein aß, wie ein normaler Junge. Es sei das einzig Süße in seinem Leben gewesen. Die Kunden starren ihn an, die Partner auch. Jon Hamm spielt das ohne jede Theatralik, und es ist die ehrlichste Rede, die Don je gehalten hat, und vielleicht auch die selbstzerstörerischste. Ob es Mut ist oder Zusammenbruch, lässt die Serie offen, und das ist richtig so.
Die Konsequenz folgt am Thanksgiving-Morgen. Die Partner, Bert, Roger, Jim und Joan, bitten Don zu einem Gespräch und schicken ihn in einen unbefristeten Zwangsurlaub. Man spürt, dass sie es schon lange vorhatten. Beim Hinausgehen läuft ihm ein Mann namens Lou über den Weg, sein Nachfolger. Don geht einfach.
Pete hat seine eigene Katastrophe. Seine Mutter ist von einer Kreuzfahrt nicht zurückgekehrt. Sie hat Manolo geheiratet, den Pfleger, und ist über Bord gegangen. Pete ist sicher, dass Manolo sie umgebracht hat, aber Bob Benson macht ihm klar, dass Manolo längst verschwunden ist. Dann sabotiert Bob Pete auch noch bei Chevrolet: Bei einer Autoschau in Detroit muss Pete einen Wagen mit Schaltgetriebe fahren, kann es nicht und blamiert sich. Pete verliert Chevy und geht nach Kalifornien. Ein Mann, dem alles genommen wurde, Frau, Kind, Mutter, Konto. Es ist der Tiefpunkt von Pete, und Vincent Kartheiser spielt ihn mit einer Mischung aus Lächerlichkeit und Trauer, die man fast mögen muss.
Daneben gibt es Roger, der endlich bei Joan zu Thanksgiving eingeladen wird, mit Kevin und Bob Benson am Tisch. Und Betty ruft Don an, weil Sally in der neuen Schule Ärger mit Alkohol hatte, und fragt, ob sie beide als Eltern versagt haben. Das ist die richtige Frage, und Dons Antwort ist das Haus in Pennsylvania.
Meine Einschätzung: Ein großartiges Staffelfinale, und für mich das stärkste seit „Shut the Door. Have a Seat." Der Hershey-Pitch gehört zu den besten Szenen der Serie, und das Schlussbild mit Sally ist herzzerreißend schön. Dons Opfer für Ted, Peggy auf Dons Stuhl und Petes Absturz sind alle stark erzählt. Man kann kritisieren, dass Hershey nie vorher als Kunde vorkam, dass der Pitch wie herbeigeschrieben wirkt. Ich finde, das zählt wenig gegen das, was die Folge auslöst.
Wertung (Claude): 9,5/10