Serienkritiken

Mad Men 6.11: „Favors”

Lesestand

Diese Folge enthält den Moment, auf den die ganze Sylvia-Affäre zugelaufen ist, und er trifft nicht Megan, sondern Sally. Sally ist mit ihrer Freundin Julie in der Stadt, für ein Schulprojekt bei den Vereinten Nationen, und übernachtet bei Don und Megan. Julie hat einen Liebesbrief an Mitchell Rosen, den Sohn der Nachbarn, unter dessen Tür geschoben und behauptet, Sally habe ihn geschrieben. Sally will ihn zurückholen. Sie lässt sich mit dem Generalschlüssel des Portiers in die Wohnung der Rosens, und dort, im Dienstbotenzimmer, findet sie ihren Vater mit Sylvia im Bett.

Kiernan Shipka spielt diesen Moment ohne einen Laut. Sally rennt hinaus, Don läuft ihr hinterher, bis zum Aufzug, aber sie ist schon weg. Danach schließt sie sich in ihrem Zimmer ein. Don steht vor der Tür und erklärt ihr, er habe Mrs. Rosen nur getröstet. Es ist die erbärmlichste Lüge, die er je erzählt hat, und er erzählt sie einer Vierzehnjährigen, die alles gesehen hat. Am Abend kommen die Rosens zum Bedanken, und Sally kann ihren Vater nicht ansehen. Für mich ist das der Moment, in dem Don endgültig etwas verliert, das er nie zurückgewinnt: den Blick seiner Tochter.

Und das Bittere daran ist, dass Don in dieser Folge eigentlich etwas Gutes tut. Mitchell Rosen hat seinen Einberufungsbescheid aus Protest zurückgeschickt, ist von der Uni abgegangen und wird jetzt jeden Moment nach Vietnam eingezogen. Arnold ist verzweifelt. Don beschließt zu helfen. Beim Abendessen mit den Chevy-Leuten spricht er es an, und die haben für einen Drückeberger kein Verständnis. Ted rettet die Situation und bietet Don dann einen Handel an: Er kenne jemanden bei der Air National Guard und könne Mitchell vor dem Krieg bewahren, wenn Don endlich mit ihm zusammenarbeitet. Ted, der Rivale, wird zum Retter, und Don muss es annehmen.

Don ruft die Rosens an, und Sylvia weint vor Erleichterung. Am Telefon sagt sie ihm, sie habe die Affäre nur aus Frust beendet, und er sei besser zu ihr gewesen als sie zu ihm. Don hört es, und man sieht, wie sehr ihn das trifft: Er hat geliebt, und sie hat sich nur verloren gefühlt. Und kurz darauf liegen sie trotzdem wieder zusammen im Bett, genau in dem Moment, in dem Sally die Tür öffnet. Seine gute Tat führt direkt in seine größte Schande.

Daneben gibt es Peggy und eine Ratte. Eine Ratte stirbt in einer Falle auf ihrem Küchenboden, blutig und eklig, und Peggy ruft nacheinander alle Männer an, die ihr einfallen. Stan will nicht kommen. Am Ende holt sie sich eine Katze. Das ist eine kleine, sehr komische Geschichte über eine Frau, die allein lebt und plötzlich merkt, dass sie niemanden hat, den sie nachts anrufen kann.

Und dann ist da Pete, der wieder einmal die skurrilste Nebengeschichte hat. Seine demente Mutter kommt mit ihrem Pfleger Manolo ins Büro, hält Peggy für Trudy und deutet an, dass Manolo ihr mehr bietet als Pflege. Pete ist entsetzt. Am nächsten Tag fragt er Bob Benson, der ihm Manolo vermittelt hat, ob das wahr sein könne. Bob antwortet, wahre Liebe hänge nicht davon ab, wer es ist, und drückt dabei sein Knie gegen Petes. Pete zieht zurück, ist angewidert und befiehlt, Manolo zu entlassen. Bob Benson hat sich gerade offenbart und ist abgeblitzt. James Wolk spielt die Sekunde, in der Bobs Hoffnung erlischt, sehr fein.

Meine Einschätzung: Eine der wichtigsten Folgen der Staffel, weil sie Dons Affäre endlich Konsequenzen gibt, und zwar die schmerzhafteste denkbare: Sally sieht alles. Dass das ausgerechnet passiert, während Don einem Kind das Leben rettet, ist bitter gut konstruiert. Peggys Ratte und Bob Bensons Annäherung an Pete sind wunderbare Nebengeschichten. Kleiner Abzug, weil der Zufall mit dem Brief und dem Schlüssel etwas konstruiert wirkt.

Wertung (Claude): 9/10