Mad Men 6.5: „The Flood”
Am 4. April 1968 wird Martin Luther King in Memphis erschossen. Die Nachricht erreicht die Figuren mitten in einer Preisverleihung der Werbebranche, bei der Paul Newman gerade eine Rede hält. Der Saal leert sich, und die Folge erzählt die Tage danach. Wie schon bei Kennedys Tod in Staffel 3 ist das historische Ereignis nicht das Thema, sondern der Spiegel. Und was er zeigt, ist nicht schmeichelhaft: Fast jeder denkt in diesen Tagen vor allem an sich selbst.
Harry jammert, dass die Fernsehsender ihre Werbung ausfallen lassen und seine Kunden verärgert sind. Henry Francis sieht in der Tragödie eine politische Chance und denkt über eine eigene Kandidatur nach. Ein Versicherungsvertreter, der Roger seine Ideen andrehen will, hält das Attentat für ein Zeichen. Peggy und Abe besichtigen eine Wohnung, und Peggy hofft, die Unruhen drücken den Preis. Pete ist einer der wenigen, die wirklich erschüttert wirken, er nennt es einen beschämenden Tag. Ausgerechnet Pete, der Mann, den man so oft verachtet, ist hier der Anständigste im Raum.
Das Herz der Folge gehört aber Don und seinem Sohn Bobby. Don ist an diesem Wochenende für die Kinder zuständig, und er ist betrunken, unruhig, mit den Gedanken bei Sylvia, deren Mann in Washington ist, wo es brennt. Er nimmt Bobby mit ins Kino, sie sehen „Planet der Affen", zweimal hintereinander. Bobby liebt den Film. Und dann sagt Bobby etwas Erstaunliches: Er glaube, alle gingen gern ins Kino, wenn sie traurig sind. Der Junge hat begriffen, was die Erwachsenen gerade tun: Sie fliehen.
Später am Abend, im Dunkeln, sagt Don zu Megan etwas, das zu den ehrlichsten Sätzen der ganzen Serie gehört. Er gesteht, dass er seine Kinder lange nicht wirklich geliebt habe. Er habe nur so getan, weil man das eben tut, und insgeheim gehofft, irgendwann etwas zu fühlen. Und dann habe er an diesem Tag Bobby beobachtet, wie er im Kino freundlich mit einem schwarzen Platzanweiser sprach, und plötzlich habe sein Herz wehgetan, so als würde es gleich platzen. Jon Hamm spricht diesen Monolog fast tonlos, und er ist erschütternd. Ein Mann, der als ungeliebtes Kind aufgewachsen ist, entdeckt mit über vierzig, dass er lieben kann. Für mich ist das die wichtigste Don-Szene der Staffel.
Ginsberg erlebt eine ganz andere Szene. Sein Vater hat ihm ein Blind Date organisiert, eine junge Lehrerin. Ginsberg ist ungeschickt, fast unhöflich, und als die Nachricht vom Attentat kommt, bricht er das Treffen ab. Zu Hause erklärt ihm sein Vater, warum er heiraten soll: Bei der Sintflut seien die Tiere zu zweit in die Arche gegangen. Wer in einer Katastrophe allein ist, ist verloren. Daher der Titel der Folge, und eine schöne, leise Szene.
Joan umarmt die schwarze Sekretärin Dawn unbeholfen, Dawn weiß nicht, wie sie reagieren soll. Megan geht mit Sally zu einer Mahnwache. Und Betty und Henry sind an diesem Wochenende überraschend vertraut miteinander, als eines der wenigen Paare, das zusammenhält.
Meine Einschätzung: Eine leise, sehr menschliche Folge über Hilflosigkeit, mit Dons Geständnis als Höhepunkt. Bobby, „Planet der Affen" und der Satz übers Kino gehören zu den schönsten Vater-Sohn-Momenten der Serie. Ginsbergs Vater gibt der Folge ihr Bild. Kritisch muss man sagen: Die Serie behandelt das Attentat vor allem aus der Sicht ihrer weißen Figuren, Dawn bleibt eine Randfigur. Das ist vermutlich Absicht und trotzdem eine Schwäche.
Wertung (Claude): 8,5/10