Mad Men 5.6: „Far Away Places”
Ein einziger Tag, drei Mal erzählt. Die Folge folgt erst Peggy, dann Roger, dann Don durch dieselben vierundzwanzig Stunden, und jedes Mal springt sie zurück an den Anfang. Ein ungewöhnlicher Aufbau für Mad Men, fast wie ein Episodenfilm, und er passt perfekt zum Thema: Jeder will irgendwohin fliehen, an einen fernen Ort, und keiner kommt dort an, wo er hinwollte.
Peggy beginnt den Tag mit einem Streit. Ihr Freund Abe wirft ihr vor, dass die Arbeit ihr wichtiger ist als er, und geht wütend. Dann verschwindet Don überraschend mit Megan, und Peggy muss die Kampagne für Heinz allein präsentieren. Der Kunde lehnt ab, Peggy wird pampig, und er entzieht ihr den Auftrag. Sie hat sich verhalten wie Don, nur ohne seine Autorität, und es funktioniert nicht. Frustriert geht sie mitten am Tag ins Kino, raucht mit einem Fremden einen Joint und befriedigt ihn im dunklen Saal. Eine Szene, die man nicht vergisst, und die genau zeigt, wie Peggy Dons Fluchtmuster übernimmt.
Am Abend erlebt sie dann etwas ganz anderes. Sie fragt Ginsberg nach seiner Herkunft, und er erzählt erst scherzhaft, er sei ein Marsianer. Dann sagt er die Wahrheit: Er wurde in einem Konzentrationslager geboren, und der Mann, den er Vater nennt, hat ihn mit fünf Jahren aus einem schwedischen Waisenhaus geholt. Ben Feldman spielt das so beiläufig und so erschütternd, dass es mir jedes Mal den Atem nimmt. Danach ruft Peggy Abe an und bittet ihn, zu ihr zu kommen. Wer Ginsberg zuhört, merkt plötzlich, wie viel ihm an Nähe fehlt und wie viel er selbst verschenkt.
Roger nimmt den buchstäblichsten Weg in ferne Welten: LSD. Jane schleppt ihn zu einer Dinnerparty bei ihrem Therapeuten, wo die Gäste gemeinsam einen Trip nehmen. Roger ist erst gelangweilt, dann verwandelt sich alles. Eine Wodkaflasche spielt Musik, er sieht sich selbst im Spiegel als alten und als jungen Mann, in der Badewanne erlebt er die World Series von 1919. Diese Szenen sind komisch und überraschend schön. Und dann liegen Roger und Jane auf dem Boden ihres Schlafzimmers und reden zum ersten Mal ehrlich miteinander. Beide wissen, dass die Ehe vorbei ist. Am nächsten Morgen ist Roger gut gelaunt, als hätte er eine Last abgeworfen, und Jane macht sich Sorgen, wie teuer die Scheidung wird. Ausgerechnet unter Drogen findet Roger die einzige ehrliche Nacht seiner Ehe.
Don dagegen erlebt seinen fernen Ort als Albtraum. Er entführt Megan spontan in ein Howard-Johnson’s-Hotel im Norden des Staates, mitten am Arbeitstag. Megan will eigentlich arbeiten, sie fühlt sich übergangen. Er bestellt ihr Orangensorbet, sie will keins, er besteht darauf. Der Streit eskaliert, Megan macht eine böse Bemerkung über Dons Mutter, und Don fährt einfach davon und lässt sie stehen. Als er zurückkommt, ist sie weg. Stundenlang sucht er sie, ruft Peggy an, ruft ihre Mutter in Montreal an. Am frühen Morgen findet er sie zu Hause, die Sicherheitskette vorgelegt. Er tritt die Tür ein, jagt sie durch die Wohnung, die beiden stürzen zu Boden, und Don hält sie fest und sagt, er habe gedacht, er hätte sie verloren. Diese Szene ist schwer anzusehen, weil sie zeigt, wie nah Liebe und Gewalt bei Don beieinanderliegen.
Am Ende steht Don im Büro, und Bert Cooper weist ihn zurecht: Er habe sich auf einen Liebesurlaub verabschiedet, die Agentur laufe auch ohne ihn. Und dann kommt Roger herein, strahlend, und verkündet, es werde ein wunderschöner Tag.
Meine Einschätzung: Eine der kühnsten Folgen der Serie. Die Struktur ist gewagt und geht auf, Rogers LSD-Trip ist ein Highlight, Ginsbergs Geschichte einer der bewegendsten Momente der Staffel. Dons Teil ist bedrückend, und das soll er auch sein. Kleiner Abzug für Peggys Kinoszene, die mir etwas zu gewollt provozierend wirkt, und weil das Spiel mit den drei Perspektiven manchmal den Fluss bremst.
Wertung (Claude): 9/10