Serienkritiken

Mad Men 5.5: „Signal 30”

Lesestand

Der Titel stammt aus einem Aufklärungsfilm über Verkehrsunfälle, den Pete in seiner Fahrschule sehen muss. Blutige Bilder von zerquetschten Autos, Leichen am Straßenrand. Pete lacht darüber. Am Ende der Folge lacht er nicht mehr, und dazwischen liegt eine der besten Pete-Folgen der ganzen Serie, eine Studie über einen Mann, der alles hat, was er wollte, und daran zugrunde geht.

Pete wohnt jetzt in der Vorstadt, mit Trudy und dem Baby, ganz so, wie es sich gehört. Nachts kann er nicht schlafen und repariert einen tropfenden Wasserhahn in der Küche. In der Fahrschule flirtet er mit einer Schülerin, Jenny, die viel jünger ist als er. Er stellt sich vor, sie sei interessiert. Dann taucht ein Junge aus ihrer Schule auf, gutaussehend, selbstverständlich, und Jenny vergisst Pete auf der Stelle. Das letzte Bild der Folge zeigt Pete, wie er zusieht, wie der Junge seine Hand auf Jennys Bein legt. Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Dazwischen liegt ein Abendessen bei den Campbells, und es ist großartig inszeniert. Pete lädt Don und Megan ein, dazu Ken und seine Frau. Pete führt stolz seine neue Stereoanlage vor, als wäre er ein Junge mit einem neuen Spielzeug. Und dann bricht der Wasserhahn, den Pete repariert hat, und das Wasser schießt durch die Küche. Don zieht das Hemd aus und repariert ihn. Alle applaudieren. Pete steht daneben, nass und gedemütigt. Der Mann mit dem Haus, der Frau, dem Kind und dem Werkzeugkasten kann nicht einmal seinen eigenen Wasserhahn reparieren. Im Auto auf dem Heimweg sagt Megan zu Don, dass sie ihn beim Reparieren sehr anziehend fand, und Don spricht zum ersten Mal davon, ein Kind mit ihr zu wollen.

Beruflich wittert Lane eine Chance. Er trifft im Pub beim WM-Finale 1966 einen Landsmann, der für Jaguar arbeitet. Jaguar will in Amerika Fuß fassen und braucht eine Agentur. Lane will den Kunden selbst gewinnen, um endlich einmal etwas anderes zu sein als der Buchhalter. Roger gibt ihm Tipps, aber Lane ist kein Verkäufer, und der Kunde will vor allem Spaß. Also übernehmen Roger, Don und Pete. Sie gehen mit ihm in ein Bordell. Die anderen gehen mit Frauen auf die Zimmer, Don sitzt allein an der Bar und lehnt ab. Pete wählt eine Frau, die er dafür bezahlt, ihn wie einen König zu behandeln. Im Taxi danach spürt Pete, dass Don ihn verurteilt, und Don sagt ihm nur, er solle seine Ehe nicht wegwerfen.

Dann platzt der Kunde, weil seine Frau von dem Bordellbesuch erfahren hat. In der Partnerbesprechung schiebt Pete Lane die Schuld zu und beleidigt ihn. Lane, der steife, höfliche Engländer, fordert Pete zum Faustkampf heraus, mitten im Konferenzraum, die Partner schauen zu. Lane gewinnt. Pete liegt am Boden. Ich gebe zu, dass ich diese Szene genossen habe, und ich glaube, das ist Absicht. Danach küsst Lane Joan in seinem Büro, ungeschickt und unerwartet, und Joan geht darüber hinweg mit dem schönen Hinweis, im Büro hätten alle schon einmal Pete schlagen wollen.

Am Ende steht Pete mit Don im Aufzug und sagt mit erstickter Stimme, er habe nichts. Ein Mann mit Haus, Frau, Kind und Karriere, der nichts hat. Vincent Kartheiser spielt das so, dass man Pete, den man so oft verachtet, zum ersten Mal wirklich bemitleidet.

Und Ken? Er hat heimlich Science-Fiction-Geschichten unter Pseudonym veröffentlicht. Roger verbietet ihm das Schreiben, Pete hat ihn verraten. Ken schreibt einfach unter einem neuen Namen weiter, an einer Geschichte über einen Mann mit einem kleinen Orchester in seiner Stereoanlage. Eine wunderbare, leise Rache.

Meine Einschätzung: Eine der besten Folgen der Staffel und vielleicht die beste Pete-Folge der Serie. Der Wasserhahn, das Bordell, der Faustkampf, der Aufzug, jede Station zeigt Pete ein Stück tiefer im Loch. Lanes Kampf ist befriedigend, Kens Rache herrlich. Nur Lanes Jaguar-Strang ist ein bisschen zu umständlich erzählt, und manches Symbol, vor allem der Wasserhahn, ist sehr deutlich gesetzt.

Wertung (Claude): 9/10