Mad Men 5.4: „Mystery Date”
Juli 1966. In Chicago hat Richard Speck acht Krankenschwestern ermordet, und die Zeitungen sind voll von den grausigen Details. Die ganze Folge ist von dieser Tat durchzogen, und sie fragt auf unbequeme Weise, wie viel Gewalt in ganz normalen Menschen steckt. Es ist eine der dunkelsten Folgen der Serie, und für mich eine der mutigsten.
Don hat Fieber. Im Aufzug begegnet er mit Megan einer früheren Geliebten, Andrea, die ungeniert mit ihm flirtet, bis er ihr Megan als seine Frau vorstellt. Megan ist verletzt: Wie viele solcher Frauen gibt es noch in dieser Stadt? Don geht krank nach Hause, und dann steht Andrea vor seiner Tür. Er schickt sie weg, sie kommt durch die Hintertür zurück, und sie schlafen miteinander. Danach sagt sie ihm, er werde sich nie ändern. Und Don erwürgt sie und schiebt ihre Leiche unter das Bett. Ein roter Schuh schaut hervor. Am nächsten Morgen wacht er auf, und es war ein Fiebertraum.
Diese Szene hat mich beim ersten Sehen völlig überrumpelt, und ich halte sie für einen der kühnsten Momente der Serie. Don tötet im Traum nicht Andrea, sondern den Teil von sich, der immer wieder untreu wird. Er will Megan gegenüber ein anderer Mann sein, und sein Unterbewusstsein löst das Problem auf die einzige Art, die es kennt: mit Gewalt. Man kann die Szene plakativ finden, ein bisschen ist sie das auch. Aber sie sagt etwas Wahres über Don, das man sonst nicht so offen zeigen könnte.
Bei Sally zuhause ist die Gewalt ganz real, oder zumindest die Angst davor. Betty und Henry sind verreist, Henrys Mutter Pauline passt auf die Kinder auf. Sally liest heimlich über die Morde und bekommt Angst. Pauline beruhigt sie auf die denkbar schlechteste Weise: Sie erklärt ihr, was die Krankenschwestern falsch gemacht hätten, erzählt von ihrer eigenen harten Kindheit, holt ein Fleischmesser zum Schutz und gibt der Zehnjährigen eine Schlaftablette. Am Morgen finden Betty und Henry die Großmutter schlafend auf dem Sofa, das Messer neben sich, und Sally zusammengerollt darunter. Ein unvergessliches Bild, gleichzeitig komisch und erschreckend.
Joan erlebt die realste Gewalt der Folge, nur ohne Blut. Ihr Mann Greg kommt aus Vietnam zurück, lernt sein Baby kennen, und eröffnet ihr dann, dass er für ein weiteres Jahr zurückgeht. Beim Familienessen verrät seine Mutter, dass er sich freiwillig gemeldet hat. Joan ist außer sich. Am nächsten Morgen wirft sie ihn raus und sagt ihm, er sei nie ein guter Mann gewesen, und sie wisse das seit langem. Jeder Zuschauer weiß, was sie meint: die Vergewaltigung in Dons Büro. Für mich der befriedigendste Joan-Moment seit der Vase. Nach Jahren des Schweigens zieht sie endlich einen Schlussstrich.
Peggy bekommt die schönste kleine Geschichte. Roger hat Mohawk Airlines vernachlässigt und braucht übers Wochenende eine Kampagne. Er bietet Peggy zehn Dollar, sie verlangt mehr, und am Ende gibt er ihr alles Geld, das er im Portemonnaie hat. Ein herrlicher Moment: Peggy hat gelernt, ihren Wert in Dollar auszudrücken. Spät abends findet sie Dawn, Dons neue Sekretärin, schlafend in Dons Büro. Dawn ist schwarz und hat Angst, wegen der Unruhen nach Harlem zu fahren. Peggy nimmt sie mit nach Hause, die beiden trinken Bier und reden. Dann zögert Peggy einen Moment, bevor sie ihre Handtasche mit Rogers Geld neben Dawn liegen lässt. Dawn bemerkt das Zögern. Am Morgen ist sie weg und hat einen höflichen Zettel hinterlassen. Diese eine Sekunde zeigt mehr über Rassismus als jeder Monolog, und sie zeigt, dass auch die fortschrittliche Peggy nicht frei davon ist.
Meine Einschätzung: Eine der stärksten Folgen der fünften Staffel, düster, mutig, thematisch geschlossen. Der Fiebertraum ist ein Wagnis, das sich lohnt, Sally und Pauline sind unvergesslich, Joans Befreiung überfällig, Peggy und Dawn sind leise großartig. Kleiner Abzug für Ginsbergs Strang mit dem Schuhkunden, der neben allem anderen verblasst, und weil der Traum für manche Geschmäcker vielleicht zu deutlich ist.
Wertung (Claude): 9/10