Mad Men 5.3: „Tea Leaves”
Betty Draper passt nicht mehr in ihr Kleid. Ihre Kinder versuchen vergeblich, den Reißverschluss hochzuziehen, und Betty legt sich wieder ins Bett. So beginnt Bettys Rückkehr in dieser Staffel, und viele Zuschauer haben damals vor allem über den Fatsuit von January Jones geredet. Ich finde, das greift zu kurz. Diese Folge erzählt etwas ziemlich Mutiges: Was bleibt von einer Frau, deren ganzer Wert immer ihr Aussehen war, wenn das Aussehen verschwindet?
Betty geht zum Arzt, eigentlich um sich Diätpillen verschreiben zu lassen. Der Arzt meint, Hausfrauen nähmen eben zu, wenn sie unglücklich oder gelangweilt seien, und dann ertastet er einen Knoten an ihrem Hals. Möglicherweise Krebs. In den Tagen bis zum Befund ist Betty so verletzlich wie selten. Sie trifft im Krankenhaus eine alte Freundin, die schwer krank ist, und bricht beim Mittagessen in Tränen aus: Wenn sie stirbt, werden ihre Kinder dann gut über sie reden? Eine Wahrsagerin liest ihr aus dem Teesatz, sie sei eine große Seele, die anderen viel bedeute, und Betty weint. Es ist der Moment, in dem man Betty, die so oft kalt und kleinlich war, wirklich nahekommt.
Dann der Befund: gutartig. Henry umarmt sie erleichtert, und Betty sagt trocken, man habe sie ganz schön durch die Mangel gedreht, nur um festzustellen, dass sie dick ist. Das ist einer der besten Betty-Sätze der Serie, bitter und komisch zugleich. Und das Schlussbild ist großartig: Betty und Sally essen Eisbecher, Sally lässt die Hälfte stehen, und Betty zieht den Becher zu sich und isst ihn auf. Kein Wort, nur diese Geste. Die Angst ist vorbei, die Leere nicht.
Don erfährt von Bettys Verdacht auf Krebs und ist erschüttert, mehr als er zugeben will. Megan ermahnt ihn, sich nicht das Schlimmste auszumalen. Als Don später anruft, um nach dem Befund zu fragen, nimmt Henry ab und wimmelt ihn ab. Don ist in diesem Haus nur noch ein Gast.
Beruflich geht es um Jugend, mal wieder, aber diesmal mit Witz. Heinz will die Rolling Stones für einen Werbespot. Don und Harry gehen hinter die Bühne eines Konzerts, und Don unterhält sich mit einem Teenager-Mädchen darüber, warum sie diese Band liebt. Er versteht kein Wort und hört trotzdem zu. Harry dagegen ist begeistert, glaubt, die Stones unter Vertrag genommen zu haben, und stellt fest, dass er mit einer völlig unbekannten Band verhandelt hat. Eine kleine, sehr komische Szene über Männer, die eine Zeit verkaufen wollen, die sie nicht mehr verstehen.
Peggy soll einen neuen Texter einstellen, einen Mann, denn sie ist überlastet. Sie findet Michael Ginsberg, einen jungen, nervösen, frechen Kreativen aus Brooklyn, dessen Mappe brillant ist. Stan warnt sie, niemanden einzustellen, der besser ist als sie selbst. Ginsberg benimmt sich im Gespräch unmöglich, verlangt Don zu sehen, und Peggy stellt ihn trotzdem ein. Das spricht für sie. Ginsberg erzählt es zu Hause seinem Vater, und der segnet ihn auf Hebräisch. Eine wunderbare kleine Szene, die eine Figur einführt, die die Serie noch beschäftigen wird.
Und Pete? Er gewinnt Mohawk Airlines zurück und zwingt Roger, den Kunden zu betreuen, unter ihm. Roger ist gedemütigt und sagt zu Don, er sei es leid, ständig seinen Wert beweisen zu müssen. Wann werde alles wieder normal, fragt er. Niemals, ahnt man.
Meine Einschätzung: Eine leise, überraschend berührende Folge. Bettys Krebsangst gibt ihr eine Menschlichkeit, die in den letzten Staffeln oft fehlte, und das Eis-Ende ist perfekt. Ginsbergs Einführung macht Spaß, die Rolling-Stones-Szene ist herrlich. Was mir weniger gefällt: Der Fatsuit lenkt manchmal ab, und der Pete-Roger-Konflikt tritt auf der Stelle. Trotzdem eine starke Folge.
Wertung (Claude): 8,5/10