Mad Men 4.10: „Hands and Knees”
Jede Hauptfigur dieser Folge hat ein Geheimnis, und jedes Geheimnis droht in derselben Woche aufzufliegen. Was daraus entsteht, ist eine der spannendsten Folgen der vierten Staffel, fast ein Thriller, und gleichzeitig eine der traurigsten.
Für Don ist es der Albtraum, vor dem er seit Staffel 1 Angst hat. Die Agentur will den Rüstungskonzern North American Aviation als Kunden gewinnen, und dafür braucht Don eine Sicherheitsüberprüfung durch die Regierung. Zwei Agenten tauchen bei Betty auf und stellen Fragen über ihren Ex-Mann. Betty deckt ihn, aus einem Rest Loyalität oder aus Angst um die Kinder, und ruft Don an. Don gerät in Panik. Wenn die Behörden nachforschen, finden sie Dick Whitman, einen Deserteur unter falschem Namen. Ausgerechnet Pete, der als Einziger in der Agentur Dons Geheimnis kennt, wird sein Helfer: Er lässt über einen Bekannten im Verteidigungsministerium prüfen, wie gefährlich die Lage ist. Als Don abends mit Faye nach Hause kommt und zwei Männer vor dem Haus für Agenten hält, bekommt er eine regelrechte Panikattacke, und danach erzählt er Faye die Wahrheit über sich. Die Lösung: Die Agentur muss auf den Kunden verzichten, dann endet auch die Überprüfung. Pete, der den Auftrag mühsam an Land gezogen hat, gibt ihn auf, nimmt vor den Partnern die Schuld auf sich und lässt sich von Roger anbrüllen. Er tut es aus Loyalität zu Don, und das ist für mich einer der schönsten Pete-Momente der Serie. Der einstige Erpresser schützt jetzt dasselbe Geheimnis.
Joan hat ein anderes Problem. Sie ist schwanger, von Roger, aus der Nacht nach dem Überfall. Ihr Mann ist bei der Armee und kann nicht der Vater sein. Roger besorgt den Kontakt zu einem Arzt, der diskret Abtreibungen vornimmt, und Joan geht allein hin. Im Wartezimmer wird sie für die Mutter einer jungen Frau gehalten, und sie lässt die Frau in dem Glauben, eine Szene, die mich jedes Mal kalt erwischt. Auf der Heimfahrt sitzt Joan schweigend im Bus. Was sie wirklich empfindet und was sie wirklich getan hat, lässt die Folge bewusst offen. Christina Hendricks spielt das ohne jede Sentimentalität, und gerade das macht es so schwer.
Lane Pryce hat sich in New York verliebt, in Toni, eine junge Frau, die als Bunny im Playboy Club arbeitet. Sie ist schwarz. Lanes Vater kommt aus London zu Besuch, ein steifer, autoritärer alter Mann, und als er von Toni erfährt, ist er entsetzt. Er verlangt, dass Lane mit ihm nach England zurückkehrt, zu seiner Frau und seinem Sohn. Als Lane widerspricht, schlägt ihn der Vater mit dem Gehstock zu Boden und verlangt, dass er sein Haus in Ordnung bringt. Lane gibt nach. Lane, ein erwachsener Mann, ein Partner in einer Agentur, liegt auf allen vieren vor seinem Vater. Der Titel der Folge kommt daher, und diese Szene ist schockierend in ihrer Brutalität.
Und Roger muss dazu noch einen weiteren Schlag verkraften: Lee Garner Jr. teilt ihm mit, dass Lucky Strike die Agentur verlässt. Roger verschweigt es seinen Partnern. Er hat einen Monat Zeit, um eine Lösung zu finden, und er weiß, dass es keine gibt.
Meine Einschätzung: Eine dichte, angespannte Folge, in der jeder Strang ein Abgrund ist. Dons Angst vor der Überprüfung ist hervorragend inszeniert, Petes Loyalität ein schöner Wendepunkt. Joans Gang zum Arzt und Lanes Demütigung gehören zu den härtesten Szenen der Staffel. Ein bisschen zu viel Schicksal auf einmal vielleicht, und Rogers Lucky-Strike-Geheimnis wird eher angerissen als erzählt. Aber kaum eine Folge der Staffel ist spannender.
Wertung (Claude): 9/10