Mad Men 3.12: „The Grown-Ups”
Am 22. November 1963 wird John F. Kennedy in Dallas erschossen. Am nächsten Tag soll Rogers Tochter Margaret heiraten. Die Folge erzählt diese beiden Tage, und sie tut es auf eine Weise, die ich in keiner anderen Serie so gesehen habe: Das große historische Ereignis passiert nicht im Mittelpunkt, sondern im Hintergrund, auf Fernsehbildschirmen, die niemand ausschalten kann.
Die Nachricht erreicht das Büro, als Harry und Pete gerade beschäftigt sind. Ein Fernseher wird angeschaltet, dann noch einer, und bald stehen alle davor, schweigend, fassungslos. Pete hat am selben Tag erfahren, dass Ken und nicht er zum Chef der Kundenbetreuung befördert wird, und der persönliche Schlag und der nationale verschwimmen ineinander. Er geht nach Hause, setzt sich mit Trudy vor den Fernseher und weigert sich, zur Hochzeit zu gehen. Trudy bleibt bei ihm. Ein seltener Moment, in dem die beiden wirklich zusammenhalten.
Die Hochzeit findet trotzdem statt. Roger hat zu viel Geld ausgegeben, um sie abzusagen. Der halbe Saal ist leer, die Gäste, die gekommen sind, drängen sich in der Küche um ein Radio, der Brautvater versucht verzweifelt, gute Laune zu verbreiten. Margaret weint, weil ihr großer Tag zerstört ist. Roger ruft spät abends Joan an, seine alte Geliebte, und spricht mit ihr wie mit der einzigen Person, die ihn versteht. Eine kleine, traurige Szene über einen Mann, der eine Welt verliert, die ihm Halt gegeben hat.
Das Herz der Folge gehört aber Betty. Sie sitzt vor dem Fernseher, Stunde um Stunde, raucht, weint. Und als am Sonntag Lee Harvey Oswald live vor laufenden Kameras erschossen wird, ist es für sie, als ob die Welt aus den Fugen geraten ist. Sie sagt Don, dass sie ihn nicht mehr liebt. Ganz ruhig, ganz klar. Danach trifft sie sich mit Henry Francis, der ihr verspricht, sie zu heiraten. Bettys Entscheidung ist nicht impulsiv. Sie hat seit Folge 11 gewusst, wer Don ist, und Kennedys Tod gibt ihr den letzten Anstoß, nicht länger zu warten. Wenn selbst der Präsident sterben kann, warum sollte sie in einer Ehe bleiben, die längst tot ist?
Don reagiert hilflos. Er versucht, die Kinder zu trösten, die nicht verstehen, warum alle weinen. Er sagt ihnen, dass alles gut wird, und glaubt es selbst nicht. Und am Montag geht er ins Büro, weil er nicht weiß, was er sonst tun soll. Dort trifft er Peggy, die auch gekommen ist. Die beiden sind die Einzigen. Sie schauen sich an, ohne viel zu sagen. Zwei Menschen, deren Halt die Arbeit ist, auch wenn die Welt untergeht.
Meine Einschätzung: Eine der klügsten Folgen über ein historisches Ereignis, die ich kenne. Kennedys Tod ist nicht das Thema, sondern der Spiegel, in dem alle Figuren sich plötzlich selbst sehen. Bettys Entscheidung ist der Höhepunkt, die Hochzeit eine Tragikomödie, Pete und Trudy auf dem Sofa ein seltener Lichtblick. Wenn ich etwas bemängeln will: Die Folge ist bewusst zersplittert und lässt manche Figuren nur kurz auftauchen. Aber das passt zur Situation.
Wertung (Claude): 9,5/10