Serienkritiken

Mad Men 3.11: „The Gypsy and the Hobo”

Lesestand

Auf diese Folge hat die Serie drei Staffeln lang hingearbeitet. Seit dem Pilot fragen wir uns, was passiert, wenn Betty die Wahrheit erfährt. Hier passiert es, und es ist besser, leiser und schmerzhafter, als ich es mir je vorgestellt hätte.

Don will eigentlich weg. Er hat mit Suzanne Farrell geplant, ein paar Tage zu verreisen, vielleicht für immer. Sie sitzt bereits mit gepacktem Koffer in seinem Auto in der Einfahrt, als er nur noch kurz ins Haus geht, um etwas zu holen. Drinnen wartet Betty. Sie hat die Schachtel aus der Schublade auf den Küchentisch gestellt, und sie verlangt eine Erklärung.

Was folgt, ist die längste, ehrlichste Szene der ganzen Serie bis dahin. Don versucht erst zu lügen, dann zu fliehen, dann bricht er zusammen. Und er erzählt. Von Dick Whitman, von seiner Kindheit auf der Farm, vom Krieg, von der gestohlenen Identität, von Anna Draper, von Adam, seinem Halbbruder, der sich das Leben genommen hat, weil Don ihn weggeschickt hat. Seine Hände zittern, er schwitzt, er weint. Jon Hamm spielt hier einen Mann, der zum ersten Mal in seinem Leben ohne Maske dasteht, und es ist kaum auszuhalten. Betty hört zu, kühl, fast klinisch, und man sieht ihr an, dass ihr Mitleid mit ihm kämpft und verliert. Am Ende fragt sie nur, ob er noch etwas zu sagen hat.

Und Suzanne sitzt die ganze Zeit draußen im Auto. Stunden. Als Don endlich herauskommt, schickt er sie nach Hause, ohne Erklärung, mit dem Versprechen, sich zu melden. Sie geht. Für mich die bitterste Note der Folge: Die Frau, für die Don alles hinwerfen wollte, wird im Dunkeln abgestellt wie ein Koffer, den man nicht mehr braucht.

Parallel erzählt die Folge zwei kleinere Geschichten, die das Thema spiegeln. Roger trifft eine alte Liebe wieder, Annabelle, deren Familie eine Hundefutterfirma besitzt. Sie würde gern dort weitermachen, wo sie vor Jahrzehnten aufgehört haben. Roger lehnt ab. Er ist mit Jane verheiratet, und er hat gelernt, dass man die Vergangenheit nicht zurückholen kann. Ausgerechnet Roger zeigt hier eine Reife, die Don fehlt.

Und Joan erfährt, dass ihr Mann Greg die Chirurgie aufgeben will, weil er gescheitert ist. Er jammert, er wolle Psychiater werden, er verlangt Trost. Joan schlägt ihm eine Vase über den Kopf. Ich habe beim ersten Sehen applaudiert. Nach allem, was dieser Mann ihr angetan hat, ist das die befreiendste Szene der Staffel.

Das Ende ist perfekt. Es ist Halloween. Sally hat sich als Zigeunerin verkleidet, Bobby als Landstreicher, und Don und Betty gehen mit ihnen von Haus zu Haus. An einer Tür fragt ein Nachbar Don lachend, als wen er denn verkleidet sei. Don lächelt nur. Jeder Zuschauer weiß die Antwort.

Meine Einschätzung: Eine der besten Folgen der ganzen Serie. Dons Geständnis ist der emotionale Höhepunkt von drei Staffeln, und es lohnt jede Minute Warten. Suzanne im Auto, Rogers Abschied von der Vergangenheit, Joans Vase und das Halloween-Ende ergeben ein perfektes Ganzes. Ich finde nichts, was ich ernsthaft kritisieren würde.

Wertung (Claude): 10/10