Serienkritiken

Mad Men 3.9: „Wee Small Hours”

Lesestand

Die frühen Morgenstunden, wenn alle anderen schlafen und man Dinge tut, die man bei Tageslicht nicht tun würde. Diese Folge spielt fast ausschließlich in solchen Stunden, und sie enthält einen der grausamsten Momente der ganzen Serie, nicht blutig wie der Rasenmäher, sondern still und endgültig.

Conrad Hilton ruft Don an, mitten in der Nacht, betrunken oder zumindest in Plauderlaune. Er redet über Gott, über Amerika, über seinen Traum, Hotels auf der ganzen Welt zu bauen, am liebsten auch auf dem Mond. Don hört zu, steht auf, arbeitet. Hilton behandelt ihn wie einen Sohn, und Don, der nie einen richtigen Vater hatte, will ihm unbedingt gefallen. Als Don die Kampagne präsentiert, ist Hilton enttäuscht. Er habe den Mond verlangt, sagt er. Don hat ihm etwas Gutes geliefert, aber nicht das Unmögliche. Für Don, der es gewohnt ist, dass jeder seine Arbeit bewundert, ist das ein seltsamer, verletzender Moment.

Gleichzeitig beginnt Don seine Affäre mit Suzanne Farrell, Sallys Lehrerin. Er sieht sie frühmorgens joggen, hält mit dem Auto an, und aus einem Gespräch wird mehr. Suzanne ist anders als seine bisherigen Geliebten: ernsthaft, idealistisch, sie hört Martin Luther King und glaubt daran, dass sich die Welt verändern kann. Don sucht bei ihr etwas, das er sonst nicht findet, vielleicht eine Unschuld, die er nie hatte.

Das Herz der Folge, und das Schmerzhafteste, gehört aber Sal. Lee Garner Jr., der arrogante Erbe des Kunden Lucky Strike, ist bei einem Dreh dabei und macht Sal im Schneideraum eindeutige Avancen. Sal weist ihn ab, höflich, aber klar. Lee ist gekränkt und verlangt, dass Sal gefeuert wird. Roger, der Lucky Strike um keinen Preis verlieren will, beugt sich. Sal geht zu Don, hofft auf Hilfe. Don, der in Folge 3.1 noch sein Geheimnis gedeckt hat, ist diesmal gnadenlos. Er wirft Sal vor, er hätte nachgeben sollen, und sagt dabei einen Satz über „euch Leute", der Sal mitten ins Gesicht trifft. Am Ende steht Sal in einer Telefonzelle im Park, nachts, und lügt seiner Frau vor, er arbeite noch. Im Hintergrund suchen Männer in der Dunkelheit Gesellschaft. Das ist Sals Abschied aus der Serie, und er tut so weh, weil wir genau wissen, dass er nichts falsch gemacht hat.

Betty schreibt derweil Briefe an Henry Francis. Sie organisiert eine Spendenveranstaltung für Gouverneur Rockefeller, in der Hoffnung, ihn wiederzusehen. Henry kommt nicht, schickt aber einen Brief. Betty kocht in ihrer Küche vor sich hin, während ihr Dienstmädchen Carla im Radio die Trauerfeier für die vier schwarzen Mädchen hört, die in Birmingham bei einem Bombenanschlag gestorben sind. Betty dreht das Radio leiser. Die Welt da draußen interessiert sie nur, wenn sie sie selbst betrifft.

Meine Einschätzung: Eine der stärksten und bittersten Folgen der Staffel. Sals Ende ist eine echte Tragödie, und Dons Reaktion zeigt eine Grausamkeit, die man ihm nach „Out of Town" nicht zugetraut hätte. Die Hilton-Szenen sind faszinierend, Suzannes Einführung gelungen. Bettys Strang bleibt im Vergleich etwas leer, und die Bürgerrechtsthemen werden wieder eher am Rand gestreift. Aber wegen Sal unvergesslich.

Wertung (Claude): 9/10