Serienkritiken

Mad Men 3.6: „Guy Walks Into an Advertising Agency”

Lesestand

Der Titel klingt wie der Anfang eines Witzes, und genau das ist diese Folge: der wohl absurdeste, blutigste und komischste Moment in der Geschichte von Mad Men. Ich habe beim ersten Sehen laut aufgeschrien und danach lange gelacht, und ein bisschen schäme ich mich bis heute dafür.

Die britischen Eigentümer kommen zu Besuch, und sie bringen einen jungen Mann mit, Guy MacKendrick. Er ist charmant, ehrgeizig, offensichtlich ein Überflieger, und es stellt sich schnell heraus, dass er Lane Pryce ablösen und künftig über Sterling Cooper wachen soll. Lane soll nach Indien versetzt werden. Für Don und Roger ist das eine Demütigung: Ein junger Brite, den sie nicht kennen, wird ihr Chef. Lane nimmt es mit stoischer Höflichkeit hin, wie man es von ihm erwartet.

Dann feiert das Büro. Der Kunde John Deere hat einen Rasenmäher-Traktor geschickt, und eine Sekretärin, ausgerechnet die unglückliche Lois, setzt sich betrunken darauf, fährt durch das Büro und überrollt Guy den Fuß. Blut spritzt an die Glaswände, Leute schreien, alles bricht zusammen. Es ist gleichzeitig grauenvoll und komisch, eine Szene wie aus einem schwarzen Splatterfilm, mitten in dieser sonst so beherrschten Serie. Und die Pointe ist die beste: Die Briten erklären hinterher, Guys Karriere sei damit vorbei, ein Mann ohne Fuß könne kein Golf spielen und deshalb keine Kunden betreuen. Roger findet das, wie wir alle, einfach nur absurd. Lane darf bleiben.

Für mich das stille Herz der Folge ist aber Joan. Es ist ihr letzter Tag bei Sterling Cooper. Ihr Mann Greg soll Oberarzt werden, und sie hat gekündigt, um seine Ehefrau zu sein. Doch kurz zuvor hat sie erfahren, dass Greg die Stelle nicht bekommt, er war als Chirurg nicht gut genug. Joan geht trotzdem, weil sie schon gekündigt hat und zu stolz ist, darum zu bitten, bleiben zu dürfen. Ausgerechnet sie, die das Chaos nach dem Unfall mit Tatkraft im Griff hat, die Guy einen Druckverband anlegt, während alle anderen herumstehen, muss das Büro verlassen. Don sieht sie zum Abschied an und sagt ihr, er habe nie verstanden, warum sie geht. Christina Hendricks spielt diesen Abschied mit einer Würde, die wehtut.

Und Don? Er erfährt, wer der alte Mann aus der Bar in Folge 3 war: Connie ist Conrad Hilton, einer der reichsten Hotelbesitzer der Welt. Hilton schätzt Don, will ihn für Aufträge, und Don weiß sofort, dass das eine riesige Chance ist. Gleichzeitig ist Hilton ein Mann, der wie er aus dem Nichts gekommen ist, und Don spürt, dass er ihn versteht.

Zu Hause hat Sally Angst vor ihrem kleinen Bruder. Sie glaubt, das Baby sei ihr toter Großvater, der zurückgekommen ist, weil es nach ihm benannt wurde. Don setzt sich zu ihr und erklärt ihr behutsam, dass das Baby ein eigener Mensch ist, der nicht weiß, wer er sein wird. Das ist so zärtlich, dass man vergisst, was für ein schlechter Ehemann er ist. Und es ist ironisch: Ausgerechnet Don, der sich seinen Namen von einem Toten genommen hat, erklärt seiner Tochter, dass man nicht der ist, nach dem man benannt wird.

Meine Einschätzung: Eine der unvergesslichsten Folgen der Serie. Der Rasenmäher ist legendär, nicht nur wegen des Blutes, sondern weil er eine ganze Hierarchie über den Haufen fährt. Joans Abschied ist herzzerreißend, Dons Gespräch mit Sally wunderschön, und Hilton bringt eine neue Dynamik ins Spiel. Das Einzige, was mich stört: Nach dem Unfall verliert die Folge etwas an Spannung, und Hiltons Auftritt kommt fast etwas zu kurz.

Wertung (Claude): 9,5/10