Serienkritiken

Mad Men 2.12: „The Mountain King”

Lesestand

Wenn mich jemand fragt, welche Folge der zweiten Staffel mich am meisten berührt, nenne ich diese. Sie enthält die zärtlichste Beziehung, die Don je hatte, und gleichzeitig eine der brutalsten Szenen der ganzen Serie. Beides in derselben Stunde, und die Folge schafft es, beides auszuhalten.

Don ist in Kalifornien geblieben. Er fährt nach San Pedro, zu einem kleinen Haus am Meer, und klopft bei Anna Draper. Jetzt erfahren wir endlich, wer sie ist: die Witwe des echten Don Draper, des Leutnants aus Korea. Sie hat Dick Whitman damals aufgespürt, und statt ihn anzuzeigen, hat sie ihm verziehen. In Rückblenden sehen wir, wie die beiden eine Art Freundschaft entwickeln, wie Dick sich offiziell von ihr scheiden lässt, um Betty heiraten zu können, und wie Anna ihm ihren Segen gibt. Sie ist der einzige Mensch auf der Welt, der alles über ihn weiß. Und sie liebt ihn trotzdem.

Die Szenen zwischen Don und Anna sind für mich das Schönste, was Mad Men bis dahin gezeigt hat. Don repariert ihren Stuhl, sie legt ihm die Tarotkarten, sie reden über Annas Schwester und über ein Leben ohne Lügen. Bei ihr muss er nichts spielen. Man sieht Jon Hamm an, wie die Spannung aus Dons Körper weicht. Am Ende geht Don ins Meer, mit ausgebreiteten Armen, fast wie bei einer Taufe. Ob er dort etwas loslässt oder nur für einen Moment vergisst, bleibt offen. Aber es ist das erste Mal, dass wir ihn wirklich frei sehen.

In New York passiert unterdessen das Gegenteil von Freiheit. Joans Verlobter Greg, ein Arzt, kommt ins Büro, und als die beiden allein in Dons Büro sind, vergewaltigt er sie. Auf dem Boden, zwischen den Möbeln ihres Arbeitsplatzes. Die Serie inszeniert das ohne Musik, ohne Schnitt ins Dunkel, man muss hinsehen. Danach steht Joan auf, richtet ihr Kleid und geht mit ihm zum Abendessen, als wäre nichts gewesen. Sie heiratet ihn trotzdem. Das ist so schwer zu ertragen, gerade weil Joan bisher die Frau war, die alles im Griff zu haben schien. Christina Hendricks spielt diese Fassung nach dem Übergriff so, dass man ihr in die Seele schauen kann und zugleich gar nichts sieht.

Peggy dagegen erlebt ihren bislang größten beruflichen Triumph. Sie präsentiert eine Kampagne für Popsicle, mit einem Bild, das sie aus der Kirche mitgebracht hat: das Eis am Stiel, das man teilt, wie man in der Kommunion das Brot teilt. Der Kunde ist begeistert. Und dann geht Peggy zu Roger und verlangt ganz ruhig Freddys altes Büro. Sie bekommt es. Eine Frau, die gelernt hat, die Sprache der Männer zu sprechen, und ihnen ihre eigenen Regeln vorhält.

Pete steht vor einer Prüfung. Trudys Vater macht ihm klar, dass er von der Agentur den Clearasil-Etat abzieht, wenn Pete und Trudy kein Kind adoptieren. Pete, der seiner Mutter folgt, weigert sich. Er verliert den Kunden, aber er bleibt bei seiner Haltung. Man kann das Prinzipientreue nennen oder Kälte, wahrscheinlich ist es beides.

Und im Hintergrund regeln Bert Cooper und Duck den Verkauf der Agentur an die Briten. Roger ist mit Jane beschäftigt, Don ist am Pazifik. Die Firma wird verkauft, und die beiden wichtigsten Männer bekommen es kaum mit.

Meine Einschätzung: Für mich die beste Folge der zweiten Staffel. Anna Draper ist eine wunderbare Figur, und die Szenen in San Pedro geben Don eine Menschlichkeit, die ihm die ganze Staffel gefehlt hat. Joans Vergewaltigung ist schwer anzusehen, aber notwendig, und sie verändert den Blick auf die Figur für immer. Peggys Popsicle-Pitch ist ein großer Moment. Einzig Petes Strang wirkt im Vergleich etwas mechanisch.

Wertung (Claude): 9,5/10