Serienkritiken

Mad Men 2.10: „The Inheritance”

Lesestand

Was erben wir von unseren Eltern? Die Frage steckt im Titel, und die Folge stellt sie gleich dreimal: bei Betty, bei Pete und, ohne es auszusprechen, bei Don. Es ist eine unruhige Folge, die viel will und nicht alles schafft, aber ihre besten Momente gehören zu den unangenehmsten der Staffel, im guten Sinn.

Bettys Vater Gene hat einen Schlaganfall erlitten. Betty fährt zu ihm, und obwohl sie Don rausgeworfen hat, kommt er mit. Die beiden spielen vor der Familie das intakte Ehepaar. Das Elternhaus ist voller Erinnerungen, und Gene ist nicht mehr er selbst: Er verwechselt Betty mit ihrer toten Mutter und fasst ihr an die Brust. Betty erstarrt. Die Szene dauert nur Sekunden, aber sie sagt mehr über Bettys Kindheit, als irgendein Dialog es könnte. Gene macht auch keinen Hehl daraus, was er von Don hält: ein Mann ohne Familie, ohne Herkunft, dem man nicht trauen kann. Ausgerechnet der verwirrte alte Mann sieht am klarsten.

In der Nacht schlafen Don und Betty in ihrem alten Kinderzimmer miteinander, auf dem Boden, fast trotzig. Am nächsten Morgen macht Betty klar, dass das nichts ändert. Ich mag diese Entscheidung der Serie: Keine Versöhnung durch Sex, keine Rückkehr zum Status quo. Betty hat gelernt, ihre eigenen Grenzen zu ziehen.

Zurück zu Hause kommt der kleine Glen Bishop zu Besuch, inzwischen ein Teenager auf der Flucht von zu Hause. Er will Betty „retten", mit ihr weggehen. Betty ist gerührt und bringt ihn dann doch zu seiner Mutter zurück. Für mich wirkt dieser Moment etwas aufgesetzt, als hätte die Folge noch schnell zeigen wollen, wie einsam Betty ist. Aber er bleibt hängen, weil Glen der einzige Mensch ist, der Betty ohne Hintergedanken bewundert.

Pete erbt nichts. Das Vermögen der Familie ist endgültig weg, das bisschen, was übrig ist, braucht seine Mutter zum Leben. Und als Trudy, die nicht schwanger wird, eine Adoption vorschlägt, reagiert die Mutter entsetzt: So etwas tue man in ihrer Familie nicht. Pete übernimmt ihre Meinung fast wortgleich. Er ist das Produkt dieser kalten, statusversessenen Erziehung, und er weiß es nicht einmal. Wenn man weiß, dass irgendwo ein Kind von ihm lebt, ist das alles noch bitterer.

Im Büro ist Harry Vater geworden, alle feiern. Don springt kurzfristig für eine Geschäftsreise nach Los Angeles ein, zu einer Luftfahrtkonferenz, und nimmt damit Paul den Platz weg. Paul fährt stattdessen mit seiner Freundin Sheila nach Mississippi, um schwarze Wähler zu registrieren, und man merkt ihm an, dass er sich dabei weniger als Idealist fühlt denn als Mann, der keine bessere Option hatte. Don dagegen steigt ins Flugzeug und lässt alles hinter sich. Was in Kalifornien auf ihn wartet, erzählt die nächste Folge.

Meine Einschätzung: Eine Folge mit starken Einzelmomenten, Genes Übergriff, die Nacht im Kinderzimmer, Petes Mutter, die aber etwas zerfasert wirkt. Zu viele Figuren, zu viele neue Orte, und Glens Auftritt am Ende ist ein Strang zu viel. Thematisch ist sie dicht, emotional kommt sie nicht ganz an die besten Folgen der Staffel heran. Eine wichtige Brücke zum Finale, aber eher Vorbereitung als Höhepunkt.

Wertung (Claude): 7,5/10