Serienkritiken

Mad Men 2.9: „Six Month Leave”

Lesestand

Marilyn Monroe ist tot. Mit dieser Nachricht beginnt die Folge, und es ist faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich die Figuren darauf reagieren. Die Sekretärinnen weinen, Joan ist sichtlich erschüttert, die Männer zucken mit den Schultern oder machen Witze. Peggy fragt sich, wie man darauf in einer Kampagne reagieren sollte. Aus einem einzigen historischen Ereignis macht die Folge eine kleine Landkarte, wer in dieser Welt was empfinden darf.

Im Zentrum steht aber ein anderes Ende: das von Freddy Rumsen. Freddy, der alte Texter, der Peggy in Staffel 1 entdeckt hat, trinkt vor einer wichtigen Präsentation für Samsonite ein volles Glas Whisky, macht sich in die Hose und schläft ein. Peggy hilft ihm diskret, und Freddy ist in der Präsentation sogar noch brillant. Doch Pete erzählt den Partnern von dem Vorfall, und Roger und Duck beschließen, dass Freddy gehen muss. Offiziell heißt es: sechs Monate Urlaub, um vom Trinken loszukommen. Jeder weiß, dass er nicht zurückkommen wird.

Don hält dagegen, verliert aber. Und dann gehen Don, Roger und Freddy zu dritt los, um es ihm zu sagen, beim Essen, mit vielen Drinks, wie es sich unter Männern gehört. Freddy nimmt es mit erstaunlicher Würde. Er fragt nur, wer er eigentlich sei, wenn er nicht mehr jeden Tag ins Büro gehe. Das ist für mich die traurigste Frage der Staffel, weil sie für jeden in dieser Agentur gilt, Don eingeschlossen. Joel Murray spielt das mit so viel stiller Verlorenheit, dass man sich wünscht, die Serie hätte ihm mehr Raum gegeben.

Die Nacht endet in einem illegalen Spielclub. Dort trifft Don ausgerechnet Jimmy Barrett, und als der ihn spöttisch begrüßt, schlägt Don ihn mit einem Schlag nieder. Ein befriedigender Moment, und gleichzeitig ein bisschen absurd: Don hat Jimmys Frau verführt, Jimmy hat Betty nur die Wahrheit gesagt, und Don fühlt sich im Recht. Danach trinken Don und Roger allein weiter, und Roger gesteht, dass er sich in Dons Sekretärin Jane verliebt hat. Er will seine Frau Mona verlassen. Don rät ihm davon ab, mit einem Satz, der viel über ihn selbst sagt: Man müsse sich entscheiden, ob man recht haben oder verheiratet sein wolle.

Betty hat Don inzwischen aus dem Haus geworfen, er wohnt im Hotel. Sie selbst liegt tagelang im Bett, trinkt Wein, geht kaum vor die Tür. Eine Frau, die gleichzeitig wütend und verloren ist und nicht weiß, was sie mit ihrer Freiheit anfangen soll. Die Folge zeigt das ohne große Szenen, eher in Stimmungsbildern, und das trifft es gut.

Und Peggy? Sie bekommt Freddys Büro und seine Aufgaben. Ihr Aufstieg beruht auf dem Absturz eines Mannes, der ihr den Weg geebnet hat. Sie stellt Pete zur Rede, weil er Freddy verraten hat, Pete entschuldigt sich nicht, sondern gratuliert ihr zur Beförderung. Am Ende kommt Mona wütend ins Büro und gibt Don die Schuld an Rogers Entscheidung. Jane bricht in Tränen aus, Roger tröstet sie, und Don sagt nur, er wolle diese Frau nicht mehr an seinem Schreibtisch sehen.

Meine Einschätzung: Eine der stärksten Folgen der zweiten Staffel. Freddys Abschied ist herzzerreißend, der Abend der drei Männer gehört zu den besten Szenenfolgen der Serie, und Marilyns Tod bildet einen klugen Rahmen für eine Folge über Menschen, die aus ihrer Rolle fallen. Den Faustschlag gegen Jimmy finde ich als Szene stark, als Moral fragwürdig, und das ist wohl Absicht. Bettys Teil bleibt etwas blass, aber das ist der einzige echte Schwachpunkt.

Wertung (Claude): 9/10