Mad Men 2.2: „Flight 1”
Am 1. März 1962 stürzt eine Maschine von American Airlines kurz nach dem Start in die Jamaica Bay, alle an Bord sterben. Das ist historisch, und Mad Men setzt eine fiktive Person in diese Maschine: Petes Vater. Was die Folge daraus macht, ist eine der bösesten Geschichten über das Werbegeschäft, die die Serie je erzählt hat.
Die Nachricht erreicht das Büro über das Radio, alle stehen schweigend drumherum. Pete erfährt kurz darauf von seinem Bruder, dass der Vater an Bord war. Er geht zu Don, ausgerechnet zu Don, und weiß nicht, was er tun soll. Don schenkt ihm einen Drink ein und schickt ihn nach Hause, mit dem trockenen Hinweis, dass es das Leben gibt und die Arbeit. Ich mag diese Szene sehr. Don ist kein Tröster, aber er nimmt Pete in diesem Moment ernster als jeder andere. Pete sucht einen Vater, und Don ist das Nächstbeste.
Dann zeigt die Agentur ihr wahres Gesicht. Duck, Roger und Bert wittern eine Chance: American Airlines braucht nach dem Absturz ein neues Image und vielleicht eine neue Agentur. Dafür müsste Sterling Cooper den kleinen Kunden Mohawk Airlines fallen lassen, für den Peggy und das Team gerade so schöne Arbeit gemacht haben. Don ist dagegen, nicht aus Prinzip, sondern weil er es für illoyal hält. Er wird überstimmt. Und Duck will Pete beim Pitch dabeihaben, mit der Trauer als Verkaufsargument. Pete lehnt ab, wird dann von Don abgewiesen, als er Rat sucht, und geht doch. Er erzählt den Leuten von American Airlines, dass sein Vater in ihrer Maschine gestorben ist. Pete verkauft seinen toten Vater. Und das Perfide ist: Man kann es ihm kaum vorwerfen, denn der Vater hat ihn sein Leben lang verachtet. Dazu passt die Enthüllung, dass der Vater das Familienvermögen längst verspielt hatte. Auch das Erbe, auf dem Petes Status beruhte, war nur Fassade.
Don muss am Ende Mohawk die Kündigung überbringen. Er sagt, es tue ihm leid, und die Kunden glauben ihm kein Wort. Ich glaube, es tut ihm wirklich leid, aber in dieser Welt ist das egal.
Der Rest der Folge ist ein kleines Gesellschaftsbild. Paul feiert eine Party in seiner Wohnung in New Jersey, mit Beatniks und schwarzen Gästen, und stellt seine Freundin Sheila vor. Die Kollegen aus dem Büro fühlen sich sichtlich unwohl, und Joan macht gegenüber Sheila herablassende Bemerkungen mit deutlich rassistischem Unterton. Später wirft sie Paul vor, er sei nur mit Sheila zusammen, um interessant zu wirken. Das Unangenehme: Joan ist hier gemein und hat trotzdem ein bisschen recht. Paul rächt sich, indem er Joans echtes Alter im Büro aushängt. Beide kommen dabei schlecht weg, und das finde ich ehrlich erzählt.
Und Peggy. Sie besucht ihre Familie in Brooklyn, die Mutter drängt sie zur Messe, die Schwester spielt auf psychische Probleme an. Beim Gehen schaut Peggy kurz in das Zimmer, in dem die Kinder ihrer Schwester schlafen. Am Ende sitzt sie in der Kirche, bleibt bei der Kommunion sitzen, und als ihre Schwester ihr ein Baby in den Arm legt, fängt es an zu weinen. Die Folge sagt nicht ausdrücklich, wessen Kind das ist. Muss sie auch nicht.
Meine Einschätzung: Eine starke, kalte Folge. Petes Geschichte ist das Zentrum, und sie gehört zu den besten Pete-Momenten der Serie: Ein Mann, der um einen Vater trauert, der ihn nie geliebt hat, und diese Trauer am Ende verkauft. Die Mohawk-Geschichte zeigt, wie wenig Loyalität in diesem Geschäft zählt. Die Party ist etwas zu lang und Paul als Figur etwas zu sehr Witzfigur, aber Joans Verhalten ist so unangenehm, dass es hängen bleibt. Peggys stille Szenen am Ende sind großartig, gerade weil sie fast nichts erklären.
Wertung (Claude): 8,5/10