Mad Men 1.12: „Nixon vs. Kennedy”
Zwölf Folgen lang hat Mad Men mit Dons Geheimnis gespielt. In dieser Folge wird es aufgedeckt, erst vor uns, dann vor dem Chef, und die Reaktion des Chefs ist eine der genialsten Pointen, die ich in einer Fernsehserie kenne. Für mich ist das der Höhepunkt der ersten Staffel.
Der Rahmen ist die Wahlnacht 1960. Die Partner sind nach Hause gegangen, und die junge Belegschaft feiert im Büro, angeblich um die Ergebnisse zu verfolgen, tatsächlich um sich zu betrinken. Alle sind sicher, dass Nixon gewinnt. Man findet Pauls selbstgeschriebenes Theaterstück und führt es auf, Sal und Joan küssen sich dabei, Harry landet betrunken mit Petes Sekretärin Hildy im Bett. Am nächsten Morgen sieht das Büro aus wie nach einer Studentenparty, und Peggy fehlt Geld aus ihrem Spind. Sie meldet es, und zwei kleine Angestellte des Gebäudes, die gar nicht da waren, werden gefeuert. Peggy sitzt weinend in Dons Büro, weil es in dieser Welt keine Gerechtigkeit gibt. Ein kleiner Strang, aber er bereitet die Pointe der Folge perfekt vor.
Denn das eigentliche Drama spielt zwischen Don und Pete. Pete will Leiter der Kundenbetreuung werden, Don will lieber einen erfahrenen Mann von außen holen, Duck Phillips. Pete hat aber Adams Paket, er hat es zu Hause durchwühlt, Fotos, Erinnerungen, alles aus Dons Kindheit. Und er droht damit. Gib mir den Job, oder ich erzähle, wer du wirklich bist.
Dons Reaktion ist das, was mich an dieser Folge am meisten beeindruckt: Er bricht zusammen. Nicht äußerlich, aber er rennt zu Rachel Menken und bittet sie, mit ihm wegzulaufen, einfach alles hinter sich zu lassen. Und Rachel durchschaut ihn sofort. Er wolle nicht mit ihr fliehen, er wolle einfach nur fliehen. Sie beendet die Affäre. Für mich ist Rachel in dieser Szene die klügste Figur der ganzen Staffel: Sie liebt ihn und sieht trotzdem klar, dass sie nur ein Notausgang wäre.
Dazwischen geschnitten: die Rückblende nach Korea. Dick Whitman, ein einfacher Soldat, wird einem Leutnant namens Don Draper zugeteilt, einem freundlichen Mann, der ein Lager in der Einöde aufbaut. Unter Beschuss löst Dick versehentlich eine Explosion aus, der echte Don Draper verbrennt. Und Dick tauscht die Erkennungsmarken. Er bekommt ein Purple Heart, der Sarg mit dem anderen Mann geht zu den Whitmans. Am Bahnhof sieht der kleine Adam seinen totgeglaubten Bruder im Zug sitzen, und Dick bleibt sitzen, während der Zug abfährt. Dieses Bild nach Adams Selbstmord in der vorigen Folge, das tut wirklich weh.
Und dann die große Konfrontation. Don und Pete gehen gemeinsam zu Bert Cooper. Don sagt, er stelle Duck ein. Pete platzt heraus: Don Draper heiße eigentlich anders, er sei vielleicht ein Deserteur, ein Betrüger. Und Bert Cooper sieht ihn an und fragt: „Who cares?” Dieses Land sei von Männern mit schlimmeren Geschichten aufgebaut worden. Pete steht da, mit dem größten Geheimnis der Firma in der Hand, und es interessiert niemanden. Er hat sich das Leben wie eine Geschichte vorgestellt, in der Enthüllungen etwas bewirken. Cooper weiß, dass in seiner Welt nur zählt, was jemand einbringt. Peggys entlassene Hausmeister und Dons gestohlene Identität sind zwei Seiten derselben Medaille: Wer wichtig ist, dem passiert nichts.
Am Ende sitzt Don zu Hause im Wohnzimmer und sieht Nixon, wie er die Niederlage eingesteht. Der aufstrebende Mann aus einfachen Verhältnissen verliert gegen den Sohn aus reichem Haus. Don hat überlebt, aber man spürt, dass er es nicht als Sieg empfindet.
Meine Einschätzung: Die beste Folge der ersten Staffel und eine der besten der ganzen Serie. Sie löst das große Rätsel der Staffel auf, ohne es zu verschwenden, und unterläuft die Erwartung des Publikums mit zwei Worten. Die Korea-Rückblende ist bewegend, Rachels Abschied großartig, und die Büroparty gibt dem Ganzen einen fiebrigen, chaotischen Rahmen. Wenn ich etwas bemängeln müsste: Die Party ist ein bisschen zu lang, und die Korea-Szenen sehen man ihnen das knappe Budget an. Aber das ist Krümelpickerei.
Wertung (Claude): 9,5/10
Sources:
Nixon vs. Kennedy (Mad Men) – Wikipedia
The A.V. Club: Mad Men „Nixon vs. Kennedy”