Mad Men 1.11: „Indian Summer”
Die Folge beginnt mit einem Schlag in den Magen, und ich halte das für die mutigste Entscheidung der ersten Staffel. Adam Whitman, der Halbbruder, den Don in „5G” mit 5.000 Dollar aus seinem Leben gekauft hat, schickt ein Paket an Don ins Büro. Dann erhängt er sich in seinem Hotelzimmer. Kein Abschiedsgespräch, keine zweite Chance. Was Don für eine saubere Lösung gehalten hat, endet als Leiche, und er erfährt es nicht einmal.
Danach folgt eine Folge, die über weite Strecken fast komisch ist, und genau dieser Kontrast macht sie so unbequem. Ein spätherbstlicher Hitzeeinbruch liegt über New York, alle schwitzen, alle sind gereizt, und überall geht es um unterdrückte Lust.
Peggy bekommt einen absurden Auftrag: Sie soll Texte für den „Relaxacizor” schreiben, einen vibrierenden Gürtel, der angeblich beim Abnehmen hilft. Zuerst glaubt sie, man gebe ihr den Job, weil sie zugenommen hat. Dann begreift sie, dass es an ihrer Arbeit für Belle Jolie liegt. Und sie entdeckt beim Ausprobieren, wofür das Gerät eigentlich taugt, und es hat nichts mit Gewichtsverlust zu tun. Ich finde es großartig, wie die Serie das erzählt: nicht als Zote, sondern als Moment, in dem eine junge Frau etwas über sich selbst herausfindet und es dann mit erstaunlichem Pragmatismus verkauft. Ihr Slogan wirbt mit Ergebnissen, die man „spüren” kann. Peggy ist inzwischen die mit Abstand interessanteste Figur im Büro.
Betty hat ein ähnliches Problem, aber keinen Ausweg. Ein Vertreter kommt ins Haus und will ihr eine Klimaanlage verkaufen. Die Situation knistert, und Betty ist kurz davor, sich auf ihn einzulassen. Dann bremst sie ihn mit einem einzigen Satz aus: Ihr Mann kaufe so etwas vermutlich lieber bei Sears. Das ist eine perfekte Abfuhr, kalt und elegant. Später erzählt sie Don im Bett davon, sehr detailliert, und man merkt, dass sie ihm etwas sagen will: Ich könnte auch. Don versteht es nicht. Er hört nur, dass ein Fremder in sein Haus eingedrungen ist, und reagiert wie ein Hausherr, nicht wie ein Ehemann. Und dann gibt es noch die berühmte Szene mit der Waschmaschine, über die ich hier nicht mehr sagen muss.
Roger kommt zurück ins Büro, scheinbar geläutert. Lucky Strike ist nach seinem Herzinfarkt nervös, und Bert Cooper braucht ihn als Beruhigung für den Kunden. Roger erklärt Joan, er sei ein neuer Mensch, und beweist im selben Gespräch das Gegenteil. Im Meeting mit Lucky Strike bricht er erneut zusammen, zweiter Herzinfarkt. Rogers Frau Mona macht Bert schwere Vorwürfe, ihren kranken Mann so eingespannt zu haben, und ich finde, sie hat völlig recht. Bert ist in dieser Folge der kälteste Mensch im Raum.
Und Don profitiert. Weil Roger ausfällt, wird er Partner. Ein Triumph, der sich nach allem, was in dieser Folge passiert ist, schal anfühlt. Dazu kommt das Paket von Adam. Pete nimmt es entgegen, Don sagt ihm, er solle es wegwerfen. Pete tut es nicht. Am Ende sitzt er mit dem Paket in der Hand da, und damit hat ausgerechnet der Mann, der Don am meisten beneidet, Dons Geheimnis in der Hand.
Meine Einschätzung: Eine Folge, die viel Plot in Bewegung setzt und dabei trotzdem ihren eigenen Ton findet: verschwitzt, unbefriedigt, voller kleiner Demütigungen. Peggy und Betty als Spiegelbilder, die eine findet einen Ausweg, die andere nicht, das ist klug gebaut. Was mir nicht gefällt: Adams Tod wird danach fast vergessen, die Folge gibt ihm kaum Gewicht, und Rogers zweiter Herzinfarkt wirkt wie eine Wiederholung. Aber das Ende mit Pete und dem Paket ist ein hervorragender Cliffhanger.
Wertung (Claude): 8/10
Sources:
Slant Magazine: Mad Men Recap, Season 1, Episode 11 „Indian Summer”
The A.V. Club: Mad Men „Indian Summer”