Serienkritiken

Mad Men 1.10: „Long Weekend”

Lesestand

Diese Folge ist ein Durcheinander, und ich meine das halb als Kritik, halb als Kompliment. „Long Weekend” springt zwischen vier, fünf Geschichten hin und her, findet nie ganz einen Rhythmus, und trotzdem stecken darin zwei der wichtigsten Momente der ersten Staffel.

Es ist Labor Day, die Stadt leert sich, und alle, die zurückbleiben, sind auf ihre Weise allein. Bettys Vater kommt mit seiner neuen Freundin Gloria zu Besuch, und Betty kann es kaum ertragen, dass da jemand den Platz ihrer toten Mutter einnimmt. Sie fährt mit den beiden übers Wochenende weg, Don soll nachkommen. Der Betty-Strang bleibt diesmal eher Skizze, was ich schade finde, denn da wäre nach „Shoot” mehr drin gewesen.

Im Büro verliert Don den Kunden Dr. Scholl’s, weil der mit der kreativen Arbeit unzufrieden ist. Roger, wieder einmal Strohwitwer und von Joan abgewiesen, will ihn aufmuntern. Bei einem Casting für Aluminiumverkleidung lernen die beiden ein Zwillingspaar kennen, Roger lädt sie nach oben auf Drinks ein. Don macht nur halbherzig mit. Und Roger, der Mann, der Martinis und Austern zum Mittag isst und über Frauen über 30 spottet, bekommt mitten im Liebesspiel mit einer der Zwillinge einen schweren Herzinfarkt. Es ist fast zu passend, eine Strafe wie aus einem Moralstück. Aber John Slattery rettet es: Wenn Roger im Krankenhaus liegt, grau im Gesicht, und weint, als Frau und Tochter hereinkommen, ist von dem eitlen Lebemann nichts mehr übrig. Das ist für mich die beste Roger-Szene der Staffel.

Der zweite große Moment gehört Joan, oder eigentlich ihrer Mitbewohnerin Carol. Carol ist gerade gefeuert worden, als Sündenbock für den Fehler ihres Chefs, und die beiden Frauen teilen ihre Wut darüber, von Männern benutzt zu werden. Dann gesteht Carol Joan ihre Liebe. Joan reagiert nicht, kein Schock, keine Zärtlichkeit, nur eine undurchdringliche Fassade. Kurz darauf nehmen die beiden zwei Männer aus einer Bar mit nach Hause, als wäre nichts gewesen. Ich finde diese Szene unglaublich traurig, gerade weil sie so wenig Raum bekommt. Carol ist nach Sal die zweite Figur, die nicht lieben darf, wen sie liebt, und die Serie gibt ihr nur ein paar Minuten. Das ist ehrlich, aber auch ein bisschen ungerecht.

Und Joan wird mitten in der Nacht von Bert Cooper ins Büro geholt, um Telegramme an die Kunden zu schreiben: Bei Sterling Cooper laufe alles weiter wie gehabt. Dabei lässt Bert durchblicken, dass er von ihrer Affäre mit Roger weiß. Das Geschäft geht vor, auch vor dem Herzinfarkt eines Partners.

Das eigentliche Herz der Folge kommt ganz am Schluss. Don ruft Betty an, findet keinen Halt, und fährt zu Rachel Menken. Die beiden schlafen miteinander, und danach erzählt Don ihr die Wahrheit: Seine Mutter war eine Prostituierte, die bei seiner Geburt starb, sein Vater und die Familie, bei der er aufwuchs, kümmerten sich nicht um ihn. Es ist das erste Mal, dass Don jemandem etwas Echtes über sich sagt, und es ist bezeichnend, dass es nicht seine Frau ist. Rogers Herzinfarkt macht Don nicht vorsichtiger, er macht ihn rücksichtsloser.

Meine Einschätzung: Erzählerisch die holprigste Folge der Staffel bisher, sie wirkt, als müsste sie Figuren für das Finale in Position bringen. Der Betty-Teil ist dünn, die Zwillinge sind mehr Gag als Geschichte. Aber Rogers Zusammenbruch, Carols Geständnis und Dons Beichte bei Rachel sind drei Szenen, die man nicht vergisst. Eine Folge, die als Ganzes schwächer ist als die Summe ihrer besten Momente.

Wertung (Claude): 7,5/10

Sources:

Long Weekend (Mad Men) – Wikipedia