Serienkritiken

Mad Men 1.9: „Shoot”

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Es gibt in Mad Men Bilder, die man nie wieder loswird. Eines davon steht am Ende dieser Folge: Betty Draper im Morgenmantel, die Zigarette im Mundwinkel, das Luftgewehr ihres Sohnes im Anschlag, und sie schießt auf die Tauben des Nachbarn. Die ganze Folge läuft auf dieses Bild zu, und als es kommt, ist es zugleich komisch, beängstigend und unendlich traurig.

Alles beginnt mit einer Schmeichelei. In der Pause eines Broadway-Musicals treffen Don und Betty auf Jim Hobart, den Chef der Riesenagentur McCann Erickson. Hobart will Don abwerben und hat einen cleveren Hebel gefunden: Er findet, Betty sehe aus wie Grace Kelly, und bietet ihr ein Shooting für Coca-Cola an. Betty hat vor der Ehe gemodelt, und man sieht ihr an, wie sehr sie dieser Satz trifft. Zum ersten Mal in der Serie will Betty etwas für sich selbst. Don ist gleichgültig, lässt sie aber gewähren, nachdem sie versprochen hat, dass der Haushalt nicht leidet.

Was dann folgt, ist für mich eine der grausamsten Konstruktionen der ersten Staffel, gerade weil niemand laut wird. Betty bekommt den Job und blüht auf. Don durchschaut, dass Hobart sie nur als Köder benutzt, geht zu Roger, lehnt McCann ab und handelt dabei eine Gehaltserhöhung heraus. Für Don ist das ein Sieg. Für Betty bedeutet es, dass sie in dem Moment fallen gelassen wird, in dem ihr Mann nein sagt. Ihr Traum war nie ihrer, er war nur eine Spielfigur im Geschäft zweier Männer.

Und Betty erzählt Don nicht die Wahrheit. Sie behauptet, sie habe selbst aufgehört, wolle lieber zu Hause sein, Manhattan mache ihr Angst. Don ist erleichtert und nennt sie einen Engel, eine wunderbare Mutter. Betty lächelt. Dieses Lächeln ist das Traurigste an der ganzen Folge, weil man genau sieht, was es kostet. Wer noch dachte, Betty sei einfach nur das hübsche, naive Vorstadtpüppchen, wird hier eines Besseren belehrt. Sie lügt genauso gut wie Don, nur hat sie weniger davon.

Die Tauben ziehen sich als Nebenmotiv durch: Sallys Hund hat eine Taube des Nachbarn gerissen, der Nachbar droht, den Hund zu erschießen, Sally bekommt Albträume. Don will den Mann zur Rede stellen, Betty hält ihn zurück. Am Ende regelt sie es selbst, auf ihre Weise. Die Serie hat in dieser Staffel ein Faible für eingesperrte Vögel, das ist nicht subtil, aber hier funktioniert es: Eine Frau im goldenen Käfig schießt auf Vögel in einem anderen Käfig.

Im Büro gibt es Kontrast. Pete hat eine wirklich clevere Idee für Nixons Wahlkampf: Werbeplätze in Swing States für ein Abführmittel kaufen, damit Kennedy dort keine Sendezeit mehr bekommt. Bert und Roger sind begeistert. Peggy hat zugenommen, reißt sich den Rock auf, und Joan gibt ihr ungebetene Diättipps. Peggy hält dagegen: Sie interessiere sich für das Schreiben, nicht für Männer. Ken macht später eine abfällige Bemerkung über ihr Gewicht, und ausgerechnet Pete schlägt ihn dafür. Das ist eine der wenigen Szenen, in denen Pete etwas Anständiges tut, und es macht ihn nicht weniger kompliziert.

Meine Einschätzung: Die beste Betty-Folge der ersten Staffel, vielleicht sogar der ersten beiden. January Jones spielt hier eine Frau, die auf einen kurzen Moment Freiheit hofft und ihn ohne Widerspruch wieder hergibt, und das Schlussbild ist ikonisch. Die Büro-Stränge sind dagegen eher Füllmaterial, der Wahlkampftrick ist nett, aber vergessenswert. Und wer die Serie kennt, freut sich über das leise Echo: McCann und Coca-Cola werden nicht zum letzten Mal an Dons Tür klopfen.

Wertung (Claude): 9/10

Sources:

Shoot (Mad Men) – Wikipedia