Mad Men 1.8: „The Hobo Code”
Bisher hat Mad Men Dons Vergangenheit in Bruchstücken angedeutet: ein Name im Zug, ein Bruder im Hotel, ein Bild beim Treppensturz. „The Hobo Code” ist die erste Folge, die uns wirklich zurückschickt, auf eine Farm in der Weltwirtschaftskrise, und sie tut es auf eine Weise, die ich bis heute zu den schönsten Rückblenden der Serie zähle.
Der Auslöser ist ausgerechnet ein Joint. Don sitzt bei Midge und ihren Beatnik-Freunden, raucht mit, und plötzlich ist er wieder der kleine Dick Whitman. Ein Landstreicher kommt auf die Farm und bittet um Essen gegen Arbeit. Der Vater will ihn wegjagen, die Stiefmutter lässt ihn bleiben. Der Fremde entpuppt sich als gebildeter Mann aus New York, der Familie und Karriere hinter sich gelassen hat, für die Freiheit der Straße. Er bringt dem Jungen den Hobo-Code bei, die geheimen Zeichen, mit denen Landstreicher einander warnen. Und der Junge gesteht ihm, dass er das Kind einer Hure ist. Am nächsten Morgen prellt der Vater den Mann um seinen Lohn, und am Zaun findet Dick ein eingeritztes Zeichen: Hier wohnt ein unehrlicher Mann.
Was diese Rückblende so stark macht: Sie erklärt Don nicht, sie spiegelt ihn. Der Landstreicher ist das, was Don später wird, ein Mann, der sein altes Leben einfach abstreift. Und das Zeichen am Zaun ist ein Urteil, das Don seitdem mit sich herumträgt. Wenn man die Folge so liest, hängt dieses Zeichen über jedem Haus, in dem er seitdem gewohnt hat.
In der Gegenwart wird es nicht leichter für ihn. Bert Cooper schenkt ihm überraschend einen Bonus von 2.500 Dollar und legt ihm Ayn Rand ans Herz. Don will mit Midge nach Paris, aber er merkt beim Fotografieren mit seiner Kamera, dass Midge und Roy ineinander verliebt sind. Die beiden halten ihm vor, sein Leben sei verlogen und oberflächlich, und diesmal kann er nicht wirklich widersprechen. Statt einer Szene unterschreibt er ihr den Bonusscheck und schlägt vor, sie solle sich ein Auto kaufen. Wieder zahlt er, um zu gehen, wie bei Adam. Danach fährt er heim, weckt seinen Sohn Bobby und verspricht ihm, er werde ihn nie anlügen. Das ist der Moment, in dem ich Don am liebsten geschüttelt hätte: Er meint es ernst, und gleichzeitig ist es die größte Lüge der Folge.
Peggy erlebt ihren ersten Triumph und ihre erste Demütigung am selben Tag. Don präsentiert ihre Belle-Jolie-Kampagne, die Idee, dass eine Frau ihren Mann markieren will, und der Kunde kauft sie. Die Frauen feiern mit ihr in einer Bar. Joan dämpft das mit dem Hinweis, wahrer Erfolg liege für Frauen woanders, und meint damit nicht den Kopf. Peggy will mit Pete Twist tanzen, Pete weist sie schroff ab und geht. Dabei hatten die beiden morgens noch Sex im Büro, Pete hatte gestanden, ihren Text nie gelesen zu haben, und Peggy war darüber sogar erleichtert. Am nächsten Tag ignoriert er sie. Pete kann es nicht ertragen, dass sie Erfolg hat, und Peggy kann es noch nicht erkennen.
Und dann ist da Sal. Der Art Director trifft sich mit Elliott, einem Belle-Jolie-Manager, zum Abendessen. Elliott lädt ihn auf sein Hotelzimmer ein, Sal lehnt ab, aus Angst. Diese Szene ist so leise und so zärtlich gespielt, dass sie für mich der heimliche Höhepunkt der Folge ist. Man sieht einem Mann zu, der etwas will und sich verbietet, es zu wollen. Sal ist damit die vielleicht tragischste Figur im Büro, und die Folge braucht dafür nur ein paar Minuten.
Meine Einschätzung: Für mich eine der besten Folgen der ersten Staffel. Sie verbindet drei Geschichten über Menschen, die nicht sein dürfen, was sie sind, Don, Sal und auf ihre Weise Peggy, und schafft das, ohne es auszusprechen. Die Rückblende ist wunderbar fotografiert, die Sal-Szene herzzerreißend. Einziger Schwachpunkt bleibt Roy, der wieder nur dazu da ist, Don seine Leere vorzuhalten. Aber selbst das funktioniert diesmal, weil Don es zum ersten Mal hört.
Wertung (Claude): 9/10
Sources:
The Hobo Code – Wikipedia