Serienkritiken

Mad Men 1.7: „Red in the Face”

Lesestand

Nach der melancholischen Schönheit von „Babylon” kommt eine Folge, die sich fast wie eine schwarze Komödie anfühlt, und das meine ich als Kompliment. „Red in the Face” handelt von Männern, die sich lächerlich machen, und von einem Mann, der genau darauf wartet.

Roger Sterling ist allein in der Stadt, Frau und Tochter sind verreist, Joan hat keine Zeit für ihn. Also hängt er sich an Don, trinkt mit ihm und muss in der Bar feststellen, dass die jungen Frauen nicht ihn ansehen, sondern Don. Roger hat gerade noch verkündet, Frauen verlören mit 30 ihren Glanz, und merkt nicht, dass er selbst längst angefangen hat zu verblassen. Er lädt sich zum Abendessen bei den Drapers ein, isst Betty buchstäblich die Hauptspeise weg und macht sich, als Don kurz den Raum verlässt, betrunken an sie heran.

Was danach passiert, ist für mich die eigentlich verstörende Szene. Don ist wütend, aber nicht auf Roger, sondern auf Betty. Sie habe ihn ermutigt. Und dann nennt er sie „ein kleines Mädchen”, genau die Formulierung ihres Psychiaters, der ihm alles aus den Sitzungen weitererzählt. Man sieht förmlich, wie Betty in ihrem eigenen Zuhause eingesperrt ist: Der Therapeut redet mit dem Ehemann, der Ehemann benutzt es gegen sie. Am nächsten Tag will Roger sich entschuldigen, und Don tut so, als wüsste er von nichts. Das ist kein Verzeihen, das ist Kalkül.

Die Rache folgt, und sie ist großartig inszeniert. Vor einem Termin mit Nixons Wahlkampfteam lädt Don Roger zum Mittagessen ein, Austern, Martinis, noch mehr Austern. Vorher hat er den Liftboy bestochen. Als die beiden zurückkommen, ist der Aufzug angeblich kaputt, und sie müssen dreiundzwanzig Stockwerke zu Fuß gehen. Oben übergibt sich Roger vor den Nixon-Leuten in die Lobby. Don fragt besorgt, ob alles in Ordnung ist, und geht dann grinsend davon. Ich gebe zu: Ich habe beim ersten Sehen gelacht. Beim zweiten Mal fiel mir auf, wie kalt das ist. Don bestraft Roger, ohne je ein Wort zu verlieren, und behält dabei die Kontrolle über alles.

Pete bekommt den bizarrsten Strang. Er will eine doppelte Chipsschale zurückgeben, ein Hochzeitsgeschenk, scheitert daran, das Geld bar zurückzubekommen, und kauft mit der Gutschrift ein Gewehr. Trudy wollte die Schale übrigens behalten. Im Büro zeigt er Peggy das Gewehr und erzählt ihr eine Fantasie: Er erlegt einen Hirsch, schleppt ihn zu einer Hütte, und eine Frau kocht ihn und sieht ihm beim Essen zu. Peggy ist sichtlich angetan. Das ist so absurd und gleichzeitig so treffend: Ein Mann, der in seiner Ehe, im Job und vor dem Verkäufer ständig Niederlagen einsteckt, träumt sich in eine Welt, in der er Jäger ist. Dazu passt, dass Pete Peggys Texte für Belle Jolie unbedingt „durchsehen” will. Er erträgt es nicht, dass sie an etwas Wichtigem arbeitet.

Betty schließlich trifft Helen Bishop im Supermarkt. Helen stellt sie wegen der Haarlocke zur Rede, die Betty ihrem Sohn Glen gegeben hat, und Betty ohrfeigt sie. Später beschließen die Hausfrauen, Helen zu schneiden. Betty, die selbst so eingesperrt ist, schlägt ausgerechnet die Frau, die versucht, frei zu leben.

Meine Einschätzung: Eine bösartig gute Folge, vielleicht die witzigste der ersten Staffel, aber ein Witz, der im Hals stecken bleibt. Die Treppe ist eine der berühmtesten Szenen der Serie, und zu Recht. Was mir weniger gefällt: Der Betty-Helen-Strang wirkt etwas gehetzt, die Ohrfeige kommt mir zu plötzlich, als hätte die Folge keine Zeit mehr gehabt, sie richtig vorzubereiten. Trotzdem stark, vor allem wegen Rogers langsamer Demontage.

Wertung (Claude): 8,5/10

Sources:

Red in the Face – Wikipedia