Serienkritiken

Mad Men 1.6: „Babylon”

Lesestand

Wenn ich jemandem erklären müsste, warum Mad Men keine Serie über Werbung ist, sondern über Sehnsucht, würde ich ihm diese Folge zeigen. „Babylon” erzählt kaum Handlung im klassischen Sinn. Stattdessen fügt sie fünf, sechs Lebenslagen zu einem Mosaik zusammen, und am Ende ergibt das ein Bild, das mich jedes Mal wieder trifft.

Es beginnt fast slapstickhaft: Don will Betty zum Muttertag Frühstück ans Bett bringen und stürzt die Treppe hinunter. Im Fallen sieht er sich selbst als Jungen, wie er seinen neugeborenen Halbbruder Adam zum ersten Mal sieht. Nach „5G” ist das ein kluger Nachhall: Don hat Adam mit Geld weggeschickt, aber aus dem Kopf bekommt er ihn nicht. Am Abend, als Betty nach einem Film über Joan Crawfords Alter und ihre tote Mutter melancholisch wird, wischt Don das weg: Trauer sei nur verlängertes Selbstmitleid. Ein Satz, der mehr über ihn verrät als über Betty.

Der eigentliche Fokus dieser Folge liegt aber auf den Frauen, und das finde ich ihre große Stärke. Die Agentur soll Israel als Reiseziel bewerben, und weil Don nicht weiß, wie man Juden anspricht, fragt er Rachel Menken um Rat. Sie bleibt beim Mittagessen strikt professionell, gesteht aber später ihrer Schwester, dass sie Gefühle für ihn entwickelt. Rachel erklärt Don nebenbei auch das Wort Utopie: ein guter Ort, und zugleich ein Ort, den es nicht geben kann. Das ist für mich der Schlüssel zur ganzen Folge.

Dann die große Überraschung: Roger und Joan haben seit einem Jahr eine Affäre. Roger will ihr eine Wohnung besorgen, Joan lehnt ab, mit einer Klarheit, die mich beeindruckt hat. Sie weiß, dass er sie irgendwann gegen eine Jüngere tauschen wird, und sie plant ihr Leben entsprechend. Joan war bis hierhin die souveräne Bürochefin, hier sieht man zum ersten Mal, wie nüchtern sie ihre eigene Lage durchschaut. Später schenkt Roger ihr einen Vogel im Käfig. Das Symbol ist nicht subtil, aber es sitzt.

Und Peggy hat ihren ersten echten Moment. Freddy Rumsen lässt die Sekretärinnen Lippenstifte für den Kunden Belle Jolie testen, während die Männer hinter einem Spiegel zusehen, wie bei einer Tierbeobachtung. Peggy probiert nichts. Sie will nicht eine von hundert Farben in einer Schachtel sein, sagt sie, und nennt den Papierkorb voller benutzter Tücher einen „Korb voller Küsse”. Freddy ist so beeindruckt, dass er ihr anbietet, Texte für den Etat zu schreiben. Es ist ein kleiner Schritt, aber man spürt: Hier beginnt etwas.

Don verbringt den Abend bei Midge, wo er ihren neuen Liebhaber Roy kennenlernt, einen Beatnik, der Don für sein Vorstadtleben und seinen Beruf verspottet. Don gibt es ihm zurück, und ehrlich gesagt sind beide gleich unangenehm. Roys Selbstgefälligkeit ist genauso hohl wie Dons Zynismus.

Das Finale ist pure Kunst: In einem Café im Village singt ein Folk-Trio „Babylon”, das Lied der verschleppten Juden, die an Zion denken. Darüber geschnitten: Joan und Roger, die das Hotel verlassen und so tun, als würden sie sich nicht kennen, jeder in sein eigenes Taxi. Don, der in einer fremden Szene sitzt. Rachel. Alle sehnen sich nach einem Ort, an den sie nicht zurückkönnen oder den es nie gab. Ohne ein Wort Dialog fasst diese Montage zusammen, was die Folge erzählt hat.

Meine Einschätzung: Die bis dahin beste Folge der Serie und für mich die erste, in der Mad Men wirklich wie ein Roman funktioniert. Joan bekommt Tiefe, Peggy einen Anfang, Rachel eine Tragik, und die Schlussmontage gehört zu den schönsten Momenten der ersten Staffel. Abzug nur für Roy, eine Figur, die mehr Thesenträger als Mensch ist, und für den Vogelkäfig, der ein bisschen zu deutlich mit dem Zaunpfahl winkt.

Wertung (Claude): 9/10

Sources:

Babylon (Mad Men) – Wikipedia