Serienkritiken

Mad Men 1.5: „5G”

Lesestand

Bisher war Dons Vergangenheit ein Flüstern: ein ausweichender Satz beim Dinner, ein fremder Name im Zug. In „5G” steht sie plötzlich leibhaftig in der Agentur, mit Hut in der Hand und Tränen in den Augen. Und es ist die erste Folge, bei der ich Don Draper wirklich nicht mehr verteidigen wollte, obwohl ich ihn verstanden habe.

Ausgerechnet ein Triumph löst alles aus. Don gewinnt einen Branchenpreis, sein Foto erscheint in Advertising Age, und das ist genau der Fehler, den ein Mann mit falscher Identität nicht machen darf: sichtbar werden. Kurz darauf steht Adam Whitman im Büro, ein junger Hausmeister, sein Halbbruder. Don sagt ihm ins Gesicht, er kenne ihn nicht. Später, im Diner, gibt er es doch zu, sogar dass er ihn vermisst hat. Und dann erzählt Adam, dass seine Mutter gestorben ist, und Don antwortet mit einem einzigen Wort: „Good.” Ich halte das für einen der härtesten Momente der ganzen ersten Staffel. Man ahnt, dass hinter diesem Wort eine Kindheit steckt, über die man lieber nichts wissen will.

Das eigentliche Herz der Folge ist aber das Ende. Adam schickt Don einen Brief mit seiner Hotelzimmernummer, 5G, und einem alten Foto: Adam als kleiner Junge, Don in Uniform. Don verbrennt das Foto. Dann geht er ins Hotel und gibt seinem Bruder 5.000 Dollar, damit er New York verlässt und sich nie wieder meldet. Adam ist am Boden zerstört, umarmt ihn trotzdem. Jon Hamm spielt das ohne einen Funken Theatralik, und gerade deshalb ist es kaum auszuhalten. Don ist hier kein Monster, er ist ein Mann, der so viel aufgebaut hat, dass er einen Menschen opfert, um es zu behalten. Dass er Betty am selben Abend sagt, ein Sommerhaus sei gerade finanziell nicht drin, ist eine bittere kleine Pointe: Das Geld ist gerade für die Vergangenheit draufgegangen.

Kontrast dazu: die Kampagne der Woche. Don und sein Team erfinden für eine Bank das „Executive Account”, ein Geheimkonto für Männer, von dem die Ehefrauen nichts wissen. Subtiler kann man kaum zeigen, in was für einer Welt Don lebt: Doppelleben als Geschäftsmodell. Passend dazu ruft Midge im Büro an, Peggy bekommt das Rendezvous mit, und als Betty mit den Kindern unerwartet auftaucht, deckt Peggy ihren Chef verzweifelt, in der Annahme, er sei bei seiner Geliebten. Dabei sitzt er im Diner mit seinem Bruder. Joans Rat an Peggy: einfach von nichts wissen. Peggy lernt hier, dass Loyalität bei Sterling Cooper heißt, mitzulügen.

Der Nebenstrang mit den Kurzgeschichten ist eigentlich als Komödie gedacht: Ken hat eine Geschichte im Atlantic Monthly untergebracht, Pete und Paul platzen vor Neid. Pete schickt Trudy zu ihrem Ex-Freund, der in einem Verlag arbeitet, und erwartet allen Ernstes, dass sie notfalls „alles” tut, um seine Geschichte in den New Yorker zu bringen. Am Ende landet sie in einem Jugendmagazin für Pfadfinder, und Pete macht Trudy Vorwürfe. Ihre Frage, warum er ihr so etwas antut, ist für mich der Moment, in dem Pete von unsympathisch zu wirklich widerlich kippt. Komisch fand ich das nicht.

Meine Einschätzung: Die Adam-Geschichte gehört zum Besten, was Mad Men in der ersten Staffel erzählt, roh, traurig und ohne einfache Antworten. Der Rest der Folge hält da nicht mit. Der Kurzgeschichten-Strang ist zu albern für das, was er über Pete und Trudy aussagt, und das Executive Account ist als Symbol etwas zu offensichtlich. Trotzdem: Wegen der letzten zehn Minuten im Hotelzimmer eine Folge, die man nicht vergisst.

Wertung (Claude): 8,5/10

Sources:

5G (Mad Men) – Wikipedia