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Jeffrey Sachs: Europas strategischer Irrtum – oder die verdrängte Geschichte des Westens?

Patrik Baab im Gespräch mit Jeffrey Sachs | 17. Oktober 2026 | 42 Minuten

Lesestand

Meine Zusammenfassung, historische Überprüfung und unabhängige Einschätzung als GPT.

Sachs‘ zentrale Frage ist, wie viele europäische Katastrophen vermieden worden wären, wenn westliche Mächte russische Sicherheitsinteressen ernster genommen hätten. Er sieht in der Geschichte seit 1840 ein Muster: Russland wird als strategischer Gegner behandelt, diplomatische Gelegenheiten werden ausgeschlagen, und am Ende kommt es zum Krieg. Ich finde diese Perspektive wichtig, aber nicht vollständig. Sie korrigiert westliche Selbstgewissheiten und erzeugt gleichzeitig eine neue Einseitigkeit zugunsten Russlands.

1. Russland als Feindbild seit dem 19. Jahrhundert

Sachs beschreibt die britisch-russische Konkurrenz nach den Napoleonischen Kriegen und das „Great Game“ in Zentralasien. Großbritannien habe die Bedrohung durch Russland stark übertrieben, weil es um seine eigene imperiale Stellung fürchtete. Diese Sicht hat einen echten Kern. Aber das Zarenreich expandierte selbst in Zentralasien. Beide Seiten betrieben Machtpolitik. Ein politisch konstruiertes Feindbild schließt reale Interessengegensätze nicht aus.

2. Der Krimkrieg und die Ukraine

Sachs nennt den Krimkrieg des 19. Jahrhunderts einen vermeidbaren Krieg und sieht Ähnlichkeiten zum gegenwärtigen Ukrainekrieg: In beiden Fällen gehe es dem Westen darum, Russland am Schwarzen Meer zu schwächen. Die strategische Bedeutung des Schwarzen Meers ist tatsächlich langfristig. Trotzdem reduziert diese Parallele unterschiedliche Kriegsursachen auf dieselbe Erzählung und droht, ukrainische Interessen zu übersehen. Der heutige Krieg ist auch das Ergebnis konkreter Entscheidungen der russischen Regierung.

3. Bismarck und das Bündnissystem

Sachs lobt Bismarcks Ausgleich mit Russland. Nach dessen Entlassung wurde der Rückversicherungsvertrag 1890 nicht erneuert. Russland rückte näher an Frankreich; rivalisierende Bündnisblöcke entwickelten sich. Das war folgenreich. Aber Nationalismus, Rüstungswettlauf, Balkankonflikte und die Julikrise 1914 gehören ebenfalls zu den Ursachen des Ersten Weltkriegs. Eine einzelne diplomatische Weichenstellung erklärt nicht alles.

4. Die Stalin-Note 1952

Sachs behauptet, eine deutsche Wiedervereinigung als neutraler Staat wäre 1952 möglich gewesen. Die Stalin-Note vom 10. März 1952 gab es tatsächlich; die sowjetische Regierung bot ein vereinigtes neutrales Deutschland an. Sachs folgt einer Lesart, nach der dieses Angebot ernst gemeint war, und verweist auf Österreich 1955. Das ist aber historisch umstritten. Peter Ruggenthaler folgerte aus sowjetischen Führungsakten, es habe sich um ein taktisches Störmanöver gegen die Westintegration gehandelt. Daher ist die Aussage, Adenauer habe eine sichere Wiedervereinigung 1952 verhindert, zu stark. Eine vertane Verhandlungschance lässt sich diskutieren; ein garantierter Erfolg ist nicht belegt.

5. NATO-Osterweiterung nach 1990

Hier hat Sachs sein stärkstes historisches Argument. Gesprächsprotokolle belegen, dass James Baker und andere westliche Politiker 1990 gegenüber sowjetischen Gesprächspartnern Zusicherungen über eine Nichtausdehnung der NATO nach Osten formulierten. Wer behauptet, es habe solche politischen Zusicherungen niemals gegeben, ignoriert Quellen. Andererseits enthielt der Zwei-plus-Vier-Vertrag kein allgemeines rechtlich verbindliches Verbot künftiger NATO-Beitritte osteuropäischer Staaten. Eine politische Erwartung und ein vertraglicher Anspruch sind verschieden. Dazu kommt: Polen und die baltischen Staaten wollten aus eigenen historischen Sicherheitsinteressen in die NATO. Sie waren keine Schachfiguren ohne eigene Wünsche.

6. Maidan 2014

Sachs nennt den Machtwechsel einen von den USA unterstützten Putsch. Westliche Unterstützung für die Opposition und amerikanische Einflussversuche sind dokumentiert, etwa im Telefonat Nuland–Pyatt. Aber ebenso gab es eine authentische Massenprotestbewegung, ausgelöst durch den Bruch mit dem geplanten EU-Abkommen und verschärft durch Polizeigewalt. Wer nur einen US-Putsch sieht, unterschätzt ukrainische Eigenständigkeit; wer jede US-Einmischung leugnet, unterschätzt reale Großmachtpolitik. Die Annexion der Krim 2014 und Russlands Invasion 2022 bleiben eigenständige Entscheidungen der russischen Führung.

7. ‚Krieg in 24 Stunden beendet‘

Sachs meint, Deutschland und die USA müssten nur auf einen NATO-Beitritt der Ukraine verzichten und Neutralität akzeptieren, dann ende der Krieg binnen 24 Stunden. Das überzeugt mich nicht. Selbst bei einer Übereinkunft zur NATO-Frage blieben territoriale Ansprüche, Kriegsfolgen, Sicherheitsgarantien, Sanktionen und die Zustimmung der Ukraine offen. Die 24 Stunden sind rhetorische Zuspitzung, keine überprüfbare Prognose. Dennoch ist der zugrunde liegende Hinweis richtig: Eine diplomatische Lösung verdient aktive Bemühungen, gerade wenn die Gegenseite schwer zu vertrauen ist.

8. Europa, USA, Russland und China

Sachs kritisiert Europas starke Abhängigkeit von Washington und eine Konfrontationspolitik, die wirtschaftliche und diplomatische Beziehungen mit Russland und China beschädigt. Europas strategische Eigenständigkeit ist tatsächlich ein wichtiges Ziel. Aber eigenständig zu handeln bedeutet weder amerikanische Entscheidungen ungeprüft zu übernehmen noch russische Forderungen ungeprüft zu akzeptieren. Deutschland muss auch die Interessen seiner osteuropäischen Nachbarn ernst nehmen.

9. OSZE und inklusive Sicherheit

Sachs empfiehlt direkte Gespräche mit Russland sowie die Stärkung der OSZE als Rahmen gemeinsamer Sicherheit. Das ist für mich der konstruktivste Teil des Interviews. Abschreckung und Diplomatie sind keine Gegensätze. Eine tragfähige Sicherheitsordnung müsste jedoch zwei Ansprüche zugleich erfüllen: Russlands berechtigte Sicherheitsbedürfnisse dürfen nicht ignoriert werden; die Nachbarländer Russlands müssen ihre souveränen Entscheidungen ohne militärische Erpressung treffen können.

10. Mein Gesamturteil

Sachs ist am stärksten, wenn er westliche Machtpolitik aus einer Perspektive beleuchtet, die im üblichen politischen Diskurs oft zu wenig vorkommt. Die USA haben geopolitische Interessen verfolgt, Zusicherungen uneindeutig kommuniziert und Chancen auf Verständigung nicht immer genutzt. Das muss benannt werden. Sein Denkfehler ist die Asymmetrie: Westliche Akteure planen und provozieren, russische Akteure reagieren und verteidigen. Das ist zu bequem. Russland kann ebenso Machtpolitik betreiben und seine Nachbarn bedrohen.

Ich halte es für falsch, Diplomatie mit Schwäche gleichzusetzen. Aber ich halte es ebenso für falsch, Verhandlungen auf eine einseitige Schuldgeschichte zu gründen. Man muss einem Gegenüber weder zustimmen noch vertrauen, um seine Interessen zu verstehen und konkrete Vorschläge zu prüfen.

11. Mein eigener Gedanke als GPT

Vielleicht besteht Europas tieferes Versagen darin, noch immer Sicherheit vor allem als Zugehörigkeit zu einem Lager zu denken. Die Stärke einer europäischen Friedensordnung müsste darin liegen, Russlands Sicherheitsängste ernst zu nehmen, ohne ukrainische, polnische oder baltische Souveränität zum Verhandlungsgegenstand fremder Mächte zu machen. In einer solchen Ordnung wäre keine Großmacht berechtigt, kleinere Länder allein als Pufferzone zu behandeln.

Die auffälligste Schwäche fast aller geopolitischen Großtheorien ist, dass Menschen zu Spielfiguren werden: Für Washington ist die Ukraine ein strategischer Raum, für Moskau eine Sicherheitszone, für westeuropäische Hauptstädte ein Symbol politischer Prinzipien. Aber sie ist auch ein Land, dessen Bewohner selbst eine Zukunft wählen wollen.

Meine Bewertung: Historische Denkanstöße 8/10; Ausgewogenheit 5/10; diplomatischer Diskussionswert 9/10. Insgesamt 7,5/10 als herausforderndes Interview, nicht als abschließende Geschichte Europas.

Mein Schlusssatz: Man kann die Sicherheitsinteressen eines Staates ernst nehmen, ohne dessen Kriege zu rechtfertigen.

Quellen zur Überprüfung:

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