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Sachs bei Gegen den Strom – Analyse

Lesestand

Teil 1: Was im Gespräch passiert

Patrik Baab, „Gegen den Strom“, mit dem US-Ökonomen Jeffrey Sachs (Columbia University, früher Berater von Weltbank, IWF, UN und mehrerer osteuropäischer Regierungen in der Transformationszeit), erschienen am 17. Oktober 2026, rund 42 Minuten, übersetzt. Anlass ist sein neues Buch „Europas strategischer Irrtum. Warum die antirussische Haltung selbstzerstörerisch ist“. Baab widerspricht an keiner Stelle.

Kernthese

Europas größter Fehler ist seit rund 180 Jahren die Unfähigkeit, mit Russland diplomatisch in Frieden zu leben. Die Russlandfeindschaft beruhe nicht auf Russlands Verhalten, sondern auf „Orientalismus“, Propaganda und Fehleinschätzungen. Jede Ablehnung von Frieden mit Russland habe in einer Katastrophe geendet.

Die fünf Episoden des Fehlers

  1. Großbritannien ab 1840. Gestützt auf John Howes Gleasons „The Genesis of Russophobia in Great Britain“ (1950): 1815 war Russland Verbündeter gegen Napoleon, 25 Jahre später Feind, nicht wegen eigener Taten, sondern weil London es als zu groß und als Gefahr für Indien sah. Das „Great Game“ habe nur Großbritannien gespielt. Der Krimkrieg 1853 war vermeidbar, Ziel war Russlands Schwarzmeerflotte. Den heutigen Krieg nennt er den „zweiten Krimkrieg“.
  2. Deutschland unter Wilhelm II. Bismarck sicherte sich mit dem Rückversicherungsvertrag ab. Wilhelm II. ließ ihn 1890 auslaufen, Russland ging zu Frankreich, Großbritannien kam 1907 dazu. Die Blockbildung führte in den Ersten Weltkrieg.
  3. Intervention und Ausgrenzung. 1918/19 marschierte der Westen in den russischen Bürgerkrieg ein. In den 1930ern suchte Stalin zehn Jahre lang Bündnisse gegen Hitler, London und Paris lehnten ab. Folge: Zweiter Weltkrieg, 27 Millionen sowjetische Tote.
  4. Kalter Krieg. Die Sowjetunion wollte ein neutrales Deutschland. Stattdessen NATO 1949 und Westbindung. Österreichs Neutralität 1955 zeige, dass es funktioniert hätte. Mit Rolf Steininger hält Sachs die Stalin-Note von 1952 für ernst gemeint. Adenauer habe sie abgelehnt, laut einer vertraulichen Notiz an die Briten, weil er dem eigenen Volk nicht traute. Churchill ließ im Mai 1945 einen Angriff auf die Sowjetunion prüfen. Der Kalte Krieg sei nicht aus sowjetischem Expansionismus entstanden, sondern aus berechtigter Invasionsangst.
  5. Nach 1990. Sachs war als junger Ökonom dabei, kannte Gorbatschow, Jelzin, Kutschma, Kohl und Genscher. Genscher (Tutzing, Januar 1990), Kohl und Baker hätten zugesagt, die NATO nicht nach Osten auszuweiten; das sei die Grundlage des 2+4-Vertrags gewesen. Danach habe man in Washington gedacht: Wir haben gewonnen, wir umzingeln Russland. Die deutsche Industrie wollte ihre Investitionen in Polen, Ungarn und Tschechien absichern. Russland habe „null“ Absicht gehabt, den postsowjetischen Raum zu bedrohen; es habe genug Land. Brzezinski habe gesagt, ohne die Ukraine sei Russland kein Imperium. 2014 sei ein von den USA unterstützter Putsch gegen eine neutrale Regierung gewesen.

Gegenwart

Die US-Hegemoniepolitik gegen Russland, China und Iran gleichzeitig habe BRICS und die Shanghai-Organisation als Gegengewicht erst geschaffen. Die USA stellen 4 % der Weltbevölkerung und unter 15 % der Weltwirtschaft. Trump wolle Iran zerbomben und Ölmärkte beherrschen. Britische Premiers würden vom MI6 gesteuert. Merz und Macron versteht er nicht.

Lösung

Wenn Deutschland und die USA erklärten, die NATO nicht zu erweitern und eine neutrale Ukraine zu wollen, ende der Krieg „innerhalb von 24 Stunden“; Grenzen könne man dann verhandeln. Er lobt das 20-minütige Treffen Wadephul–Lawrow und Schröders Moskau-Besuch. Ziel: OSZE stärken, Prinzip der unteilbaren Sicherheit, langfristig eine eurasische Sicherheitsordnung, Ende der antirussischen und antichinesischen Stimmung. Europa werde sonst feststellen, dass weder die USA noch Russland noch China seine Freunde sind. Eingangs erwähnt er eine Audienz bei Papst Leo, dessen neue Enzyklika verlange, die Lehre vom gerechten Krieg beiseitezulegen.

Teil 2: Faktencheck

Die historischen Bausteine sind überwiegend echt; das Problem liegt in Auswahl, Gewichtung und Auslassungen. Bei den Gegenwartsthesen (Russlands Absichten, 24-Stunden-Frieden) widerspricht die Faktenlage.

BehauptungStandUrteil
Gleason, „Genesis of Russophobia in Great Britain“ (1950)Existiert, anerkannte Studie zur britischen Russlandpolitik 1815-1841Stimmt
„Russland spielte das Great Game nie“Russland eroberte im 19. Jh. schrittweise Zentralasien (Taschkent 1865, Samarkand, Chiwa, Merw 1884); 1885 am Pandschdeh beinahe Krieg mit GroßbritannienFalsch
Krimkrieg allein durch den Westen verursachtRussland besetzte 1853 die Donaufürstentümer und führte zunächst Krieg gegen das Osmanische Reich; Briten und Franzosen traten 1854 beiEinseitig
Rückversicherungsvertrag, Auslaufen 1890KorrektStimmt
Westliche Intervention 1918/19Korrekt, mehrere zehntausend alliierte SoldatenStimmt
Stalin suchte in den 1930ern Bündnis gegen HitlerKollektive Sicherheitspolitik gab es, London und Paris zögerten. Weggelassen: Hitler-Stalin-Pakt 1939 mit Aufteilung Polens, Besetzung des Baltikums, Angriff auf FinnlandUnvollständig
Stalin-Note 1952 ernst gemeintSteininger vertritt das; andere Historiker (etwa Gerhard Wettig) halten sie nach Öffnung sowjetischer Akten für taktischUmstritten, als Gewissheit dargestellt
Adenauer misstraute dem eigenen VolkEine solche Äußerung gegenüber den Briten ist überliefert, meines Wissens aus dem Dezember 1955, nicht als Begründung 1952Im Kern belegt, zeitlich verschoben
Churchill ließ 1945 Angriff auf Sowjetunion prüfen„Operation Unthinkable“, vom Stab als undurchführbar verworfenStimmt
Zusagen 1990 gegen NATO-OsterweiterungMündliche Äußerungen (Genscher in Tutzing, Baker „not one inch eastward“) sind dokumentiert; der 2+4-Vertrag regelt nur das Gebiet der DDR, keine allgemeine Nicht-ErweiterungTeils richtig, rechtlich überdehnt
Brzezinski: ohne Ukraine kein ImperiumSteht so in „The Grand Chessboard“ (1997)Stimmt
Russland hatte „null“ Absicht gegen den postsowjetischen RaumTransnistrien 1992, Georgien 2008, Krim 2014, Großinvasion 2022Widerlegt durch Russlands Handeln
2014 als „US-gestützter Putsch gegen neutrale Regierung“Janukowytsch war formal blockfrei, floh nach den Maidan-Protesten mit Toten; die Absetzung folgte nicht dem Verfassungsverfahren; US-Unterstützung für die Opposition gab esUmstrittene Wertung, keine feststehende Tatsache
Krieg endet in 24 Stunden bei NeutralitätDie Ukraine bot schon im März 2022 Neutralität an, ohne Kriegsende (Stuttgarter Zeitung). Der Kreml verlangt die Anerkennung der Annexion von vier Gebieten und lehnt Truppenabzug ab (Börsen-Zeitung); in Istanbul forderte Moskau den Rückzug aus ukrainischem Territorium (Tiroler Tageszeitung)Durch den Verhandlungsverlauf nicht gedeckt
USA unter 15 % der WeltwirtschaftKaufkraftbereinigt etwa 15 %, nominal rund ein ViertelSelektiv gewählter Maßstab
Papst Leo: Enzyklika legt gerechten Krieg beiseite„Magnifica Humanitas“ sagt nicht, dass es keinen gerechten Krieg gibt; legitime Verteidigung bleibt anerkannt, Gewalt als letztes Mittel (InfoVaticana, InfoVaticana)Überzogen dargestellt
Wadephul–Lawrow, 20 Minuten, erstes Treffen seit 2022Stimmt; Wadephul sah danach keine russische Bereitschaft zu konstruktiven Verhandlungen (newstime)Stimmt
Schröders Moskau-Besuch als FriedenszeichenTreffen mit Putin am 7.10.2026 zu dessen Geburtstag; in Moskau wegen seiner neuen Aufsichtsratsrolle bei der Supermarktkette Hyperglobus (ms-aktuell)Fakt korrekt, Kontext fehlt

Teil 3: Einordnung durch Claude Opus 5.5

Ein ernstzunehmender Mann mit einem wichtigen Anliegen, dem Ruf nach Diplomatie und dem Ernstnehmen russischer Sicherheitsängste. Seine Geschichtserzählung ist aber eine Anklageschrift, keine Abwägung: Wer nur ihn hört, versteht die russische Perspektive besser und den Krieg schlechter.

1. Kein Scharlatan, und das macht es anspruchsvoller

Sachs ist ein international renommierter Ökonom, er war in den 1990ern tatsächlich in Moskau und Kiew dabei, und viele seiner historischen Bausteine sind echt: Gleason, Rückversicherungsvertrag, Intervention 1918, Operation Unthinkable, die Zusagen von 1990, Brzezinski. Er erfindet keine Ereignisse. Das Problem liegt in Auswahl und Gewichtung.

2. Die Methode ist die systematische Lücke

Jede Episode wird so erzählt, dass Russland nur reagiert. Was nicht passt, fehlt: Russlands Vormarsch in Zentralasien, die Besetzung der Donaufürstentümer vor dem Krimkrieg, der Hitler-Stalin-Pakt, Ungarn 1956, Prag 1968, Afghanistan 1979, Tschetschenien, Georgien 2008, die Krim 2014. Fast jeder Satz stimmt für sich. Zusammen entsteht ein Bild, in dem ein Akteur keine eigenen Ziele hat. Das ist genau das, was er dem Westen vorwirft: die andere Seite als Projektionsfläche zu behandeln.

3. Der stärkste Punkt: Sicherheitsinteressen ernst nehmen

Dass Russland historisch Invasionen über die nordeuropäische Ebene erlebt hat und das seine Sicherheitsdoktrin prägt, ist richtig und wird im Westen oft zu wenig mitgedacht. Auch dass die NATO-Erweiterung in Moskau als Wortbruch empfunden wird und die Debatte 1990 offener war, als später erzählt wurde, ist gut belegt. Wer das ignoriert, versteht den Konflikt nicht.

4. Der schwächste Punkt: Die Ukraine kommt als Akteur nicht vor

In Sachs‘ Welt „nimmt“ der Westen die Ukraine, oder er lässt sie in Ruhe. Dass ein souveräner Staat mit über 40 Millionen Menschen eigene Entscheidungen trifft und die Westorientierung 2014 und vor allem nach 2022 aus der eigenen Bevölkerung kam, spielt keine Rolle. Ebenso Polen und das Baltikum: Ihr Drängen in die NATO erklärt er mit deutschen Investoreninteressen, nicht mit ihrer Erfahrung mit Moskau. Das ist eine Großmachtperspektive, die kleinen Staaten den Subjektstatus abspricht, und gerade die prangert er bei den USA an.

5. Das „24 Stunden“-Versprechen hält nicht

Neutralität lag schon im März 2022 auf dem Tisch. Russland hat seitdem vier Gebiete in die eigene Verfassung geschrieben und fordert den Rückzug aus Gebieten, die es militärisch nicht kontrolliert. Wer sagt, Grenzen könne man „dann friedlich verhandeln“, übergeht, dass genau die Grenzen der Kern des Streits sind. Das Argument verschiebt die gesamte Verantwortung für die Fortsetzung des Krieges auf Washington und Berlin.

6. Rhetorik statt Sachlichkeit

„Der MI6 sagt britischen Premiers, was sie denken sollen“, „Trump ist niemandes Freund, vielleicht nicht mal der seiner Familie“, „diese Leute in Washington verstehen nichts“: Das ist Polemik, keine Analyse, und unter dem Niveau, das er sonst beansprucht. Dazu die Papst-Stelle: Die Enzyklika ist vorsichtiger, als er sie zitiert. Wer mit moralischer Autorität argumentiert, sollte sie genau wiedergeben.

7. Wo ich ihm zustimme

Reden ist besser als nicht reden, und Diplomatie sollte nicht als Schwäche gebrandmarkt werden; das Wadephul-Treffen begrüßen auch Teile der Regierungskoalition. Europas strategische Abhängigkeit von den USA ist ein reales Problem, das unter Trump sichtbar wird. Und eine künftige europäische Sicherheitsordnung wird Russland irgendwie einbeziehen müssen. Nur: Diplomatie braucht zwei Seiten, und in diesem Gespräch wird nie gefragt, was Moskau anbieten oder aufgeben müsste. Diese Frage fehlt, und Baab stellt sie auch nicht.

Quellen

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