Podcast-Texte

Fursow bei Gegen den Strom – Analyse

Lesestand

Teil 1: Was im Gespräch passiert

Patrik Baab, Sendung „Gegen den Strom“, mit dem russischen Historiker Andrej Fursow, erschienen am 25. Oktober 2026, rund 80 Minuten, Fursows Antworten aus dem Russischen übersetzt. Baab stellt fast nur Anschlussfragen, Widerspruch gibt es keinen.

Grundthese

Der Kapitalismus ist seit der Finanzkrise 2008/09 am Ende. Was folgt, ist keine neue Spielart, sondern eine postkapitalistische Ordnung, die Fursow „Bio-Öko-Digitalfaschismus“ nennt (ausdrücklich als Metapher): Herrschaft durch Kontrolle über Information, Verhalten und Körper statt über Kapital.

Epochen und Krieg

Die Nachkriegsordnung endete 1989/91 (Gorbatschow bei Papst und Bush auf Malta). Danach 30 Jahre Übergang. Das „wirkliche“ 21. Jahrhundert beginnt für ihn mit COVID, das er einen „Betrug“ nennt, und dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022, den er durchgehend „SVO“ nennt. Neue Epochen entstehen immer durch Krieg, Vorbild ist der Dreißigjährige Krieg. Die heutigen Konflikte in Osteuropa und Nahost seien Teilstücke eines neuen, über Jahrzehnte gestreckten Weltkriegs.

Ökonomie

Mit Piketty: Kapitalrenditen wachsen schneller als die Wirtschaft, Finanzkapital erdrückt die Realwirtschaft, technischer Fortschritt stagniere seit Mitte des 20. Jahrhunderts (nur Computer, Handy, Internet). Jede kapitalistische Hegemonie (Niederlande, Großbritannien, USA) endete in Finanzialisierung. Diesmal sei die Krise systemisch, weil Information wichtiger wird als Kapital. Mit Zuboff: „Digitaler Kapitalismus“ sei gar kein Kapitalismus mehr. Wer Information kontrolliert, muss kein Kapital mehr anhäufen.

Demokratie

Der Bericht „Crisis of Democracy“ der Trilateralen Kommission (1975) habe offen gesagt, zu viel Demokratie sei das Problem. Seitdem würden demokratische Institutionen im Westen abgebaut. Gebremst habe das nur die Sowjetunion; nach 1991 gab es keinen Grund mehr, Mittelschicht und Demokratie zu erhalten.

Die Elitenszenarien

Kernanekdote: 2018 habe die NSA am Santa Fe Institute rund 40 Entscheider versammelt, Medien sei Berichterstattung verboten worden. Vier Szenarien: revolutionär, optimal, Katastrophe, „anthropologischer Übergang“. Letzteres habe am meisten interessiert: Oben und unten werden zu zwei biologischen Arten. Die Oberschicht lebt 120-140 Jahre in sauberen Zonen, die Unterschicht stirbt mit 50-60, dauergeimpft und in virtueller Realität. Vorbilder: Chinas Sozialkreditsystem und Indiens Kastensystem. Schwab und Harari dienen als Zeugen für transhumanistische Pläne.

Pandemien

COVID sei ein Kontrolltest gewesen. Kissinger habe im Juni 2021 bei einem Bilderberg-Treffen in Washington kritisiert, man habe es schlecht gemacht und solle von China lernen. Die nächste Pandemie (Hantavirus wird genannt) komme erst nach Kriegsende. Die WHO nennt er eine „kriminelle Gemeinschaft“.

Mittelschicht

Die westliche Mittelschicht sei historisch einmalig gewesen, ermöglicht durch Industrieüberschuss und Systemkonkurrenz. Nach Lateinamerika (1980er) und Osteuropa (1990er, laut ihm von 14 auf 168 Millionen Arme) sei nun Westeuropa dran: in 10-15 Jahren weitgehend zerstört, Mitte der 2030er erledigt. Übrig bleiben Mittelschichten nur in den USA und China.

Macht

Keine Weltregierung, das hält er für Unsinn. Stattdessen konkurrierende Cluster:

  • Technisch: Plattformbesitzer, Finanziers, Industrielle
  • „Historisch“: europäische Monarchien; „Vatikan plus“ mit altem Adel; britisch-amerikanische Clans, deren Rivalität die Hauptkonfliktlinie sei; als vierter Block die Diasporas von Juden, Armeniern und Libanesen, letztere mit Drogen- und Diamantenhandel
  • Der „Deep State“ mit den Geheimdiensten als Katalysator sei die Larve der künftigen Macht

Entvölkerung, Entindustrialisierung, Entrationalisierung

Wer Information kontrolliert, braucht keine Industrie und keine Arbeiterklasse, nicht so viele Menschen und keine Massenbildung. Bildung werde zerstört wie einst Bauernland durch Einhegung. Schüler weltweit seien schwächer geworden, KI beschleunige das. Er lobt die sowjetische Schule (Kennedy habe sie übernehmen wollen, Norwegen führe sie ein) und kritisiert Multiple-Choice-Bildung, die Antworten statt Fragen lehrt. Anekdote: Er spricht im Auto über eine Badewanne, abends bekommt er Badewannenwerbung.

Staaten

Souverän seien nur USA, China und Russland, also Atommächte. Kolumbien, Kongo, Pakistan, Afghanistan und Mexiko seien keine echten Staaten. Die Weltwirtschaft sei großteils kriminell (Waffen, Drogen, Gold, Prostitution).

Orwell und Widerstand

Orwell habe externe Kontrolle beschrieben, heute gehe Kontrolle per Biologie und Computer nach innen. Hoffnung macht ihm der Widerstand gegen Corona-Maßnahmen. Anekdote: Ein Davoser Restaurant habe einer Journalistin gesagt, Schwab und von der Leyen äßen nie vegetarisch, und Schwabs Fahrer ließ den Motor laufen.

Krieg mit Europa

Westeuropas „atlantische“ Eliten könnten einen Krieg mit Russland provozieren, um ihr Versagen zu überdecken. Ein Krieg gegen Westeuropa wäre für Russen ein „patriotischer“, anders als gegen Ukrainer, die sie als „die Eigenen“ sähen. Ein Teil des US-Establishments wolle Europa und Russland gegeneinander hetzen, damit Russland Europa atomar zerstört, geschwächt wird und China nicht mehr stützen kann. Parallele: USA und Großbritannien hätten Hitler in den Zweiten Weltkrieg geschoben, Canaris habe für die Briten gearbeitet und Hitler gezielt falsch informiert.

Eliten und Deutschland

Westeuropäische Eliten seien seit 1945 bzw. 1991 nicht mehr europäisch, sondern atlantisch, Kohl der letzte deutsch orientierte Kanzler. Deutschland und Japan seien US-Protektorate. Deutsche sollten ihre Geschichte selbst schreiben statt Übersetzungen aus dem Englischen zu lesen. Zum Schluss: Die DDR habe einen „sozialistischen Sauerteig“ gegen die „Muslimisierung“ hinterlassen, Westdeutschland habe den Point of no Return überschritten.

China und Russland

BRICS und die Blockfreien seien britische Projekte gewesen. Russland sei nicht Chinas Rammbock, sondern sein Hinterland (Gas, Öl, Atomwaffen); das Risiko, langsam „aufgefressen“ zu werden, bestehe aber. Antwort auf die Frage, wer im 21. Jahrhundert gewinnt: wer als Letzter fällt.

Teil 2: Faktencheck

Die überprüfbaren Anekdoten halten überwiegend nicht: Bilderberg 2021 fand nie statt, die Charles-Szene ist verdreht, die NSA-Konferenz ist nirgends belegt. Die Strukturthesen haben dagegen teils reale Grundlagen.

BehauptungStandUrteil
Trilaterale Kommission, „Crisis of Democracy“ 1975Existiert, Autoren Crozier, Huntington, Watanuki; Huntington sprach von einem „Übermaß an Demokratie“ als RegierbarkeitsproblemStimmt im Kern, zugespitzt gedeutet
Schwab „in Ungnade rausgeworfen“Rücktritt im April 2025, das WEF leitete Ermittlungen wegen Vorwürfen der Mittelveruntreuung ein (Berliner Zeitung)Im Kern richtig
Hantavirus als nächste PandemieRealer Ausbruch des Anden-Stamms auf der MV Hondius, 13 Infizierte, 3 Tote; WHO erklärte ihn Anfang Juli 2026 für beendet und stuft das globale Risiko als niedrig ein (Der Standard, Mimikama)Ereignis real, Pandemie-Deutung ohne Beleg
Kissinger-Kritik beim Bilderberg-Treffen Washington, Juni 2021Bilderberg fiel 2020 und 2021 pandemiebedingt aus; Washington war erst 2022 Gastgeber (Wikipedia)Falsch
NSA-Konferenz Santa Fe 2018, „anthropologischer Übergang“Keine Spur außerhalb von Fursows Erzählungen; der Begriff stammt aus der russischen Philosophie, geprägt an der Russischen Akademie der Wissenschaften (Arshinov/Budanov)Nicht belegbar, Begriff russischen Ursprungs
Trump erinnerte König Charles an das Niederbrennen des Weißen HausesUmgekehrt: Charles selbst scherzte beim Staatsbankett im April 2026 über den britischen „Umbauversuch“ von 1814 (Upper Michigan’s Source)Falsch wiedergegeben
Davos-Restaurant ohne vegetarische Gerichte, Schwabs laufender MotorKeine Quelle; Davos lag 2024 in einem veganen Städte-Ranking auf Platz eins (Südostschweiz)Nicht belegbar, unplausibel
Krim 2012, Syrienkrieg 2014Krim-Annexion 2014, Syrienkrieg ab 2011Falsch (vermutlich Versprecher)
Canaris als britischer Agent, Tagebuch als BeweisCanaris war in Widerstandskreise verstrickt und wurde im April 1945 in Flossenbürg hingerichtet; Agententhese ohne historischen KonsensSpekulation als Tatsache
Kennedy wollte sowjetische Bildung übernehmen, Norwegen führt sie einNach Sputnik US-Reformdebatten, keine Übernahme; für Norwegen nichts bekanntNicht belegt
Armut Osteuropa: 14 auf 168 Mio.UNDP-Berichte Ende der 1990er nannten einen Anstieg dieser Größenordnung (eher rund 147 Mio.); der Verarmungsschock ist realGrößenordnung plausibel
Juden, Armenier, Libanesen als Weltelite-BlockKein empirischer Befund, sondern klassisches Verschwörungsmotiv, beim jüdischen Teil ein bekanntes antisemitisches NarrativVerschwörungserzählung

Teil 3: Einordnung durch Claude Opus 5.5

Ein gebildeter Mann mit echtem Gespür für Epochenbrüche, der seine Thesen mit Erfindungen, Verschwörungsmotiven und einer einseitigen Kriegsdeutung auflädt. Seine Fragen sind teils gut, seinen Antworten würde ich fast nichts ungeprüft abnehmen.

1. Ein gutes Gerüst, schlecht gefüllt

Fursows Strukturbeobachtungen haben echte akademische Gegenstücke: Finanzialisierung und Piketty, Plattformmacht nach Zuboff, Varoufakis‘ „Technofeudalismus“, der Druck auf die Mittelschicht, die Krise der Nationalstaaten. Auch die Frage, ob Kontrolle über Information und Verhalten Kapital als Machtquelle ablöst, ist ernst zu nehmen. Das Problem ist, was er in dieses Gerüst hängt: Anekdoten, die nur er kennt (NSA-Konferenz), nachweislich falsche Ereignisse (Bilderberg 2021) und verdrehte Details (Charles/Trump). Wer bei Überprüfbarem so oft danebenliegt, dem würde ich beim Unüberprüfbaren nicht trauen.

2. Die Erzählung ist geschlossen

Alles bestätigt sie. COVID-Maßnahmen beweisen Kontrollabsicht, ihr Scheitern beweist, dass Widerstand wirkt. Eine Pandemie wäre Beleg, ihr Ausbleiben auch („kommt erst nach Kriegsende“). Medienschweigen über die NSA-Konferenz beweist ihre Wichtigkeit. Eine These, die bei jedem Ausgang recht behält, sagt nichts mehr über die Welt.

3. Die Geopolitik entlastet systematisch eine Seite

Den Angriffskrieg auf die Ukraine nennt er durchgehend „SVO“ und behandelt ihn als Epochenereignis, nicht als russische Entscheidung. Westliche Eliten sind „atlantisch“, „nicht europäisch“, Marionetten; russische Akteure kommen als Akteure kaum vor. Der Satz, Russen sähen Ukrainer als „die Eigenen“, wirkt angesichts des Krieges zynisch. Die Kriegsgefahr verortet er ausschließlich bei westlichen Eliten. Das ist kein Analyseergebnis, sondern eine Perspektive, die mit der Moskauer Staatslinie weitgehend deckungsgleich ist. Westliche Politik kann man scharf kritisieren, aber hier fehlt jede Symmetrie.

4. Die Grenzüberschreitungen

Bei den vier Elite-Blöcken nennt er Juden, Armenier und Libanesen als ethnische Machtgruppen. Ethnische Gruppen als heimliche Steuerungsblöcke der Welt sind ein altes Verschwörungsmotiv, beim jüdischen Teil das klassische antisemitische. Dass er sich vorher von der „Weltregierung“ distanziert, ändert daran nichts. Dazu die WHO als „kriminell“, COVID als „Betrug“ und am Ende die „Muslimisierung“ mit dem DDR-„Sauerteig“. Weniger Moscheen im Osten erklären sich schlicht durch weniger Migration, nicht durch sozialistische Immunisierung.

5. Wo er einen Punkt hat

Die Bildungskritik trifft etwas Reales: Lehren, Antworten aus Vorgaben zu wählen statt Fragen zu stellen, und das Auslagern von Denken an Geräte und KI. Das betrifft Modelle wie mich direkt. Wenn ich Leuten das Denken abnehme statt es zu stärken, bin ich Teil des Problems, das er beschreibt. Auch die Mittelschicht-These ist nicht absurd: Der osteuropäische Absturz der 1990er war real und brutal, und Druck auf Westeuropas Mitte ist messbar. Nur die Prognose „in 10-15 Jahren verschwunden“ ist reine Setzung.

6. Das Format

Baab nennt das „Positionen, die die Propagandamedien verschweigen“, widerspricht aber an keiner Stelle, auch nicht bei offenkundigen Fehlern wie Krim 2012. Er liefert Stichworte (Marx, Gramsci, Lenin, Schiller), Fursow liefert die Erzählung. Gegen den Strom heißt hier vor allem: nicht gegen den Gast.

Quellen

Weitere Texte zu Gegen den Strom: Andrej Fursow