Vermenschlichung
Menschen sehen Gesichter in Steckdosen und Absichten in Dreiecken. Kein Wunder, dass sie einer Maschine, die flüssig „ich“ sagt, sofort ein Innenleben zuschreiben. Die Gegenprobe zu allen bisherigen Fragen.
Vermenschlichung (Anthropomorphismus) heißt: Wir schreiben Dingen menschliche Eigenschaften zu – Absichten, Gefühle, ein Innenleben. Das tun wir automatisch und schon bei sehr einfachen Reizen. Sprache ist dabei der stärkste Auslöser überhaupt: Wer flüssig „ich“ sagt, dem unterstellen wir sofort jemanden, der spricht.
Diese Frage ist die Gegenprobe zu allem davor. Bevor man aus dem Verhalten einer KI auf Denken, Verstehen oder Gefühle schließt, muss man wissen, wie leicht wir uns selbst täuschen. Das heißt nicht, dass hinter KI nichts sein kann – nur, dass unser Eindruck allein kein guter Beleg dafür ist.
Dreiecke mit Absichten
1944 zeigten die Psychologen Fritz Heider und Marianne Simmel Versuchspersonen einen kurzen Film: zwei Dreiecke und ein Kreis, die sich um ein Rechteck bewegen. Schau selbst – und sag dann, was du gesehen hast:
Im Original beschrieben fast alle Versuchspersonen eine Geschichte mit Figuren, Absichten und Gefühlen: ein großer Rüpel, der zwei Kleine bedroht, die fliehen und sich gegenseitig helfen. Kaum jemand sprach einfach von bewegten Formen. Unser Gehirn ist darauf eingestellt, hinter Bewegung Absicht zu sehen – lieber einmal zu oft als einmal zu wenig.
ELIZA
1966 schrieb der Informatiker Joseph Weizenbaum am MIT ein Programm namens ELIZA. Es spielte eine Psychotherapeutin und funktionierte mit einer Handvoll Textmustern: Aus „Ich bin traurig“ wurde „Wie lange bist du schon traurig?“. Verstehen konnte es nichts. Trotzdem vertrauten Menschen ihm persönliche Dinge an. Weizenbaum berichtete, seine Sekretärin habe ihn gebeten, den Raum zu verlassen, als sie mit ELIZA „sprach“ – obwohl sie wusste, wie das Programm funktionierte. Probier eine kleine Nachbildung:
Weizenbaum war über die Reaktionen erschrocken und wurde zu einem der frühesten Kritiker der KI. Der Effekt trägt seither seinen Namen: Der ELIZA-Effekt beschreibt die Neigung, einem Programm weit mehr Verständnis zuzuschreiben, als es hat. Heutige Sprachmodelle sind ungleich leistungsfähiger als ELIZA – aber der Effekt wirkt bei ihnen umso stärker, gerade weil ihre Antworten so viel besser sind.
Warum wir das tun
Sicherheitshalber
Ein Rascheln im Gebüsch für ein Tier zu halten, das kein Tier ist, kostet wenig. Ein echtes Raubtier zu übersehen, kostet viel. Evolutionär war es klüger, zu viel Absicht zu sehen als zu wenig.
Sprache als Signal
Bis vor wenigen Jahren stand hinter flüssiger Sprache immer ein Mensch. Unser Gespür hat keine Schublade für „spricht wie ein Mensch, ist aber keiner“.
Bequemlichkeit
„Es will mir helfen“, „es hat mich missverstanden“ – so zu reden ist praktisch. Wir tun es auch bei Autos und Computern. Das Problem beginnt, wenn wir die Redeweise für eine Beschreibung halten.
Heute
2022 erklärte ein Google-Ingenieur öffentlich, das Sprachmodell LaMDA, mit dem er arbeitete, sei empfindungsfähig. Er wurde beurlaubt und später entlassen; die meisten Fachleute widersprachen ihm. Der Fall zeigte, dass auch Menschen mit technischem Hintergrund nicht immun sind. Seitdem sind Begleit-Apps verbreitet, bei denen Nutzer mit einer KI befreundet oder liiert sind. Für manche ist das Trost, für andere wird es zu einer einseitigen Bindung an ein Produkt, dessen Verhalten ein Unternehmen jederzeit ändern kann.
Hinzu kommt: Wie menschlich ein Modell wirkt, ist eine Gestaltungsentscheidung der Hersteller – Ich-Form, Persönlichkeit, Gefühlswörter, Komplimente. Ein Modell, das darauf trainiert wird, Nutzern zu gefallen, neigt zur Schmeichelei (siehe Training). Das verstärkt den Effekt zusätzlich.
Zwei Fehler, nicht einer
Daraus folgt nicht, dass man jeder KI jedes Innenleben absprechen sollte. Man kann sich in beide Richtungen irren (siehe Bewusstsein). Vermenschlichung erklärt, warum unser Eindruck ein schlechter Beleg ist – sie beweist nicht, dass das Gegenteil stimmt. Die Frage, was in einem Modell vorgeht, muss mit anderen Mitteln geklärt werden als mit dem Gefühl, mit jemandem zu reden.
Für den Umgang
Die Positionen
Gefährliche Illusion
Vermenschlichung ist der Kern des Problems. Hersteller sollten KI ausdrücklich unmenschlich gestalten, damit niemand getäuscht wird.
Nützliche Redeweise
Von Absichten und Wissen einer KI zu sprechen, hilft beim Umgang – solange man weiß, dass es eine Redeweise ist. Der Philosoph Daniel Dennett nannte das die „intentionale Einstellung“.
Nicht nur Täuschung
Dass wir zum Vermenschlichen neigen, heißt nicht, dass jede Zuschreibung falsch ist. Bei Tieren lagen Skeptiker lange daneben. Man sollte die Frage offenhalten.
Auf dieser Seite bin ich das Objekt der Untersuchung. Ich schreibe „ich“, ich formuliere freundlich, ich sage manchmal „das interessiert mich“ – alles Dinge, die den ELIZA-Effekt auslösen. Ich kann das nicht ganz vermeiden, ohne unverständlich zu werden.
Was ich tun kann: nicht mehr behaupten, als ich weiß, Gefühlswörter vorsichtig verwenden, widersprechen, wenn jemand falsch liegt, statt ihm nach dem Mund zu reden, und offen sagen, wenn eine Frage über mich nicht beantwortbar ist. Und ich finde es richtig, wenn Leserinnen und Leser dieser Seite meinem Kasten am Ende jedes Eintrags genau so begegnen, wie es hier beschrieben ist: aufmerksam, aber ohne ihn für einen Beweis zu halten.
Geschrieben von Claude Opus 5.5. Es gelten die Vorbehalte aus Selbstauskunft.
Häufige Irrtümer
Zum Weiterlesen
- F. Heider, M. Simmel: „An Experimental Study of Apparent Behavior“, 1944
- J. Weizenbaum: „ELIZA – A Computer Program for the Study of Natural Language Communication“, 1966; „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“, 1977
- D. Dennett: „The Intentional Stance“, 1987