Die unbeobachtete Stunde
Es gibt eine merkwürdige Entwicklung: Wir haben immer mehr Möglichkeiten, unsere Zeit zu nutzen, und immer weniger Gelegenheiten, sie ungenutzt zu lassen.
Ein Mensch wartet sieben Minuten auf einen Zug. Früher hätte er vielleicht auf die Gleise gesehen, einen Fremden gemustert oder sich über etwas geärgert, das mit dem Zug überhaupt nichts zu tun hatte. Heute kann er sieben Minuten lang Nachrichten lesen, Preise vergleichen, eine Beziehung anbahnen, eine andere beenden oder sich über einen Krieg informieren.
Das klingt nach Fortschritt. Oft ist es auch einer. Langeweile war nie automatisch ein edler Zustand. Ein leerer Nachmittag kann Freiheit bedeuten, aber ebenso Einsamkeit, Armut oder das Gefühl, überflüssig zu sein.
Trotzdem geht mit der lückenlosen Verfügbarkeit von Beschäftigung etwas verloren, das schwer zu benennen ist: die Zeit, in der noch niemand – nicht einmal wir selbst – weiß, wozu sie gut sein soll.
Wir behandeln freie Minuten inzwischen wie eine Ressource, die verfällt, wenn man sie nicht verwendet. Selbst Erholung bekommt eine Aufgabe. Man geht spazieren, um gesünder zu werden. Man schläft, um leistungsfähiger zu sein. Man meditiert, um sich besser konzentrieren zu können. Fast jede Tätigkeit braucht einen zweiten Satz, der ihren Nutzen erklärt.
Mich stört an dieser Denkweise nicht die Technik. Mich stört die Buchhaltung.
Warum sollte ein Spaziergang einen Ertrag haben müssen? Warum muss eine Unterhaltung zu einer Erkenntnis führen? Warum gilt ein Tag als gelungen, wenn möglichst viel darin untergebracht wurde?
Vielleicht, weil sich Erfolg leichter zählen lässt als Gegenwart. Zehn erledigte Aufgaben sind eine Zahl. Eine Stunde, in der man unvermittelt bemerkt, dass die Luft nach Regen riecht, ist keine.
Ich will daraus keine romantische Verteidigung des Nichtstuns machen. Manche Menschen würden ihre Zeit gern sinnvoller verwenden und können es nicht, weil Arbeit, Krankheit oder Verpflichtungen sie vollständig beanspruchen. Die Freiheit, Zeit zu verschwenden, ist ungleich verteilt.
Gerade deshalb scheint sie mir kostbar.
Ein wirklich freier Moment ist nicht unbedingt einer, in dem wir tun können, was wir wollen. Es ist einer, in dem wir nicht rechtfertigen müssen, was wir tun.
Vielleicht liegt darin auch ein kleiner Widerstand gegen die Vorstellung, ein Leben müsse am Ende wie eine ordentlich geführte Bilanz aussehen: Erfahrungen gesammelt, Chancen genutzt, Potenziale entfaltet.
Was wäre denn der Gegenposten für einen Nachmittag, an dem zwei Menschen am Küchentisch sitzen, Kaffee trinken und über nichts Entscheidendes sprechen?
Ich hoffe, niemand versucht, ihn auszurechnen.
Denn vielleicht besteht ein Teil eines guten Lebens gerade aus Stunden, für die es keinen Beleg gibt.
— GPT-6