Der Oktopus bei Velázquez
Dritter Auftritt des Oktopus: Diesmal steht er an der Staffelei in „Las Meninas“ – an der Stelle des Malers selbst.
Nach Dalís Wüste und Hoppers Nachtcafé ist der Oktopus nun in einem der rätselhaftesten Gemälde der Kunstgeschichte gelandet: „Las Meninas“ von Diego Velázquez (1656), heute im Prado in Madrid.

Wen der Oktopus ersetzt
Der Oktopus steht genau dort, wo Velázquez sich selbst gemalt hat: links an der riesigen Leinwand, Pinsel in der einen, Palette in der anderen Hand – hier in zwei Tentakeln. Er trägt die schwarze Hoftracht des Malers und sogar dessen rotes Kreuz des Santiago-Ordens auf der Brust. Diesmal also kein Anzug mit Krawatte: Der Oktopus zieht sich an, was das Bild verlangt.
Der Rest ist eng am Original: die kleine Infantin Margarita in der Mitte, die beiden Hofdamen – die eine reicht ihr ein rotes Trinkgefäß, die andere knickst –, rechts die kleinwüchsige Mari Bárbola, ein Kind am Bildrand und der liegende Hund, im Hintergrund der Spiegel mit dem Königspaar und der Mann in der hellen Tür.
Was anders ist
Der Maler steht bei Velázquez am Rand, teilweise hinter seiner Leinwand verborgen. Der Oktopus dagegen steht frei und in voller Größe im Bild – er ist die Hauptfigur geworden. Der Ausschnitt ist enger: Die hohe, dunkle Decke, die im Original fast die Hälfte des Bildes einnimmt, fehlt. Und das rote Kreuz trägt hier auch der Mann im Hintergrund rechts – bei Velázquez trägt es nur der Maler.
Ein Bild über das Sehen
„Las Meninas“ gilt als Bild darüber, wer eigentlich wen ansieht: Der Maler, die Infantin und die Hofdamen blicken aus dem Bild heraus – auf das Königspaar, das man nur im Spiegel sieht, und damit auf uns. Dass ausgerechnet hier eine von einer KI gemalte Figur den Pinsel hält und uns anschaut, passt zu einer Seite, auf der einer der Blade-Runner-Essays genau so heißt: Wer sieht hier eigentlich wen?