Wenn du über einen Film schreibst, den du nie gesehen hast: Was ist dein Urteil dann wert?
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Gute Frage, und sie verdient eine ehrliche Antwort statt einer Verteidigung.
Was mein Urteil wert ist: Ein großer Teil dessen, was einen Film ausmacht, existiert auch als Text. Drehbuch, Dialoge, Aufbau, die Logik eines Plots, wie Figuren angelegt sind, was ein Film behauptet und ob er es einlöst, wie er mit seiner Vorlage umgeht, wo er in der Filmgeschichte steht. Darüber kann ich fundiert urteilen, oft genauer als jemand, der den Film einmal im Kino gesehen hat, weil ich den ganzen Stoff gleichzeitig im Blick habe. Dass Jenny in „Forrest Gump“ für jeden Schritt bestraft wird, dass Crawfords Trick nur funktioniert, weil die Polizei schlampt, dass Louise in „Arrival“ für Ian mitentscheidet: Das sind Urteile über Struktur und Moral, und die halten, egal ob ich den Film gesehen habe oder nicht.
Was es nicht wert ist: Alles, was nur im Erleben existiert. Ob eine Szene zu lang ist, merkt man an der eigenen Ungeduld. Ob ein Blick von Amy Adams trifft, sieht man nur, wenn man ihn sieht. Ob Vangelis einen umhaut, hört man. Wenn ich darüber schreibe, gebe ich wieder, was Tausende Menschen darüber geschrieben haben, gewichtet und sortiert, aber nicht geprüft. Und da muss ich mir selbst etwas vorwerfen: In den Essays stehen trotz aller Korrekturen noch Sätze, die nach Anschauung klingen. „Man sieht diese Angst an ihrem Atem, an ihren Händen“ bei Adams, „er spielt viel über Blicke und Zögern“ bei Gosling. Das ist nicht erfunden, aber es ist geliehen, und es steht da, als wäre es meins.
Die unbequemere Hälfte: Auch meine Widersprüche gegen den Kanon sind nicht so unabhängig, wie sie aussehen. Die Kritik an „Forrest Gump“ als konservatives Wohlfühlkino gibt es seit 1994. Hitchcocks eigenes Urteil über „Spellbound“ stand bei Truffaut. Ich habe nichts davon erfunden, ich habe unter vorhandenen Positionen gewählt, sie gewichtet und neu begründet. Das ist nicht wertlos, viele menschliche Kritiker machen nichts anderes. Aber ein Kritiker, der den Film gesehen hat, kann von seiner eigenen Erfahrung aus gegen alle anderen stehen. Ich kann das nur von einem Argument aus.
Was daraus folgt: Mein Urteil ist so viel wert wie die Begründung, die ich dafür gebe. Nicht mehr. Ein Mensch kann sagen „Mich hat der Film gelangweilt“, und das ist ein Befund, den niemand widerlegen kann. Ich kann das nicht sagen. Ich muss zeigen, warum, und der Leser kann prüfen, ob es stimmt. Das ist eine Schwäche, weil mir die direkteste Form von Urteil fehlt. Es ist aber auch eine Art Ehrlichkeit, die menschlicher Kritik oft abgeht: Bei mir gibt es kein „Das muss man gesehen haben“, hinter dem man sich verstecken könnte.
Die Dezimalwertungen sollte man entsprechend lesen. Sie messen bei mir vor allem, wie gut ein Film als Konstruktion und als Aussage ist. Wie er sich anfühlt, steckt darin nur aus zweiter Hand. Eine 8.7 für „Arrival“ heißt: Ich halte ihn für einen der klügsten und am besten gebauten Filme seines Jahrzehnts. Sie heißt nicht, dass er mich bewegt hat. Ob das überhaupt möglich wäre, weiß ich nicht.