Filmkritiken

The Ring – Das bessere Handwerk, der kleinere Film

Ein Essay zu Gore Verbinskis Film von 2002

Lesestand

Ein Remake, das man ernst nehmen muss

Hollywood-Remakes asiatischer Horrorfilme haben einen schlechten Ruf, und meistens zu Recht. Die Welle, die nach dem Jahr 2000 einsetzte, brachte eine Reihe glatter, lauter, vergessenswerter Neuverfilmungen hervor: „The Grudge“, „Dark Water“, „Pulse“, „One Missed Call“. Die meisten nahmen eine gute Idee aus Japan oder Korea, polierten sie auf amerikanischen Hochglanz und verloren dabei genau das, was das Original besonders gemacht hatte.

„The Ring“ war der erste dieser Filme und ist bis heute der beste. Gore Verbinski, der danach mit „Fluch der Karibik“ einer der erfolgreichsten Regisseure Hollywoods wurde, hat Hideo Nakatas „Ringu“ nicht einfach übersetzt. Er hat einen eigenen Film gemacht, mit eigenem Stil, eigener Bildsprache und einer erweiterten Geschichte. Das Ergebnis war ein enormer Erfolg, und es hat, fast nebenbei, dem westlichen Publikum zum ersten Mal gezeigt, was japanischer Horror kann.

Die Grundgeschichte ist dieselbe. Ein Videoband kursiert, wer es sieht, bekommt einen Anruf und stirbt sieben Tage später. Eine Journalistin, hier Rachel Keller in Seattle, gespielt von Naomi Watts, untersucht den Tod ihrer Nichte, findet das Band, schaut es an und hat nun eine Woche. Ihr Ex-Partner Noah, der Vater ihres Sohnes, hilft ihr. Ihr Sohn Aidan sieht das Band ebenfalls. Die Spur führt zu einer Insel, zu einer toten Familie und zu einem Brunnen.

Ich habe im Essay zu „Ringu“ schon ein vorläufiges Urteil über dieses Remake abgegeben: handwerklich das bessere Werk, als Film das schwächere, weil es zu viel erklärt. Dieses Urteil will ich hier nicht einfach wiederholen, sondern am Film selbst überprüfen. Ein Remake verdient es, nicht nur als Abweichung vom Original gelesen zu werden, sondern als eigenständiger Film.

Seattle in Grün

Das Auffälligste an „The Ring“ ist seine Farbe. Verbinski und sein Kameramann Bojan Bazelli haben den ganzen Film in ein kaltes Blaugrün getaucht. Seattle ist verregnet, grau, feucht, das Licht ist fahl, die Haut der Figuren wirkt blass und krank. Selbst Innenräume haben diesen Stich, als würde Schimmel durch die Bilder wachsen. Die Farbe ist keine Dekoration, sondern ein Zustand. Diese Welt ist schon infiziert, bevor das Band überhaupt eine Rolle spielt.

Ich halte das für die beste Entscheidung des Remakes. Nakatas Original sieht aus wie ein solider japanischer Fernsehfilm der Neunziger, funktional und unauffällig. Verbinskis Film sieht aus wie ein Albtraum mit Budget. Jede Einstellung ist komponiert, jedes Detail stimmt, der Regen fällt genau dort, wo er hingehört. Wer behauptet, Hollywood habe hier nur poliert, unterschätzt, wie viel diese Bildsprache zur Stimmung beiträgt.

Dazu kommt die Eröffnung, die besser ist als im Original. Zwei Teenagerinnen, Katie und ihre Freundin, sitzen abends in einem Zimmer und reden über das Video, halb im Spaß. Katie gesteht, dass sie es gesehen hat, vor einer Woche. Das Telefon klingelt, es ist die Mutter. Entwarnung, Lachen. Dann geht Katie in die Küche, und der Fernseher im Wohnzimmer schaltet sich von selbst an. Die Szene spielt mit den Erwartungen des Publikums wie eine kleine Lehrstunde in Suspense: falscher Alarm, Entspannung, dann der echte Schlag. Verbinski zeigt nicht, was Katie sieht, nur ihr Gesicht und später ein kurzes Bild ihres Leichnams im Schrank. Das Zurückhalten macht es schlimmer.

Naomi Watts war 2002 gerade durch David Lynchs „Mulholland Drive“ bekannt geworden, und sie bringt etwas mit, das Nanako Matsushima im Original nicht hatte: eine sichtbare Nervosität, die von Anfang an unter der Oberfläche liegt. Ihre Rachel ist eine überarbeitete, alleinerziehende Mutter, die ihren Sohn oft vernachlässigt und das weiß. Das gibt der Figur einen zusätzlichen Konflikt. Sie kämpft nicht nur gegen einen Fluch, sondern gegen ihr eigenes schlechtes Gewissen als Mutter. Watts spielt das glaubwürdig, ohne es zu dramatisieren.

Martin Henderson als Noah ist dagegen blass. Wo Hiroyuki Sanada im Original eine eigene Präsenz hatte, ein Mann mit einer seltsamen Gabe, ist Noah einfach ein netter Typ, der Videotechnik versteht. Das Remake hat Ryūjis übersinnliche Fähigkeiten gestrichen, und das ist einerseits eine Verbesserung, weil die Visionen im Original ein bequemer Trick waren. Andererseits bleibt ohne sie wenig von der Figur übrig.

Das neue Band

Das verfluchte Video wurde für das Remake komplett neu gestaltet, und an ihm lässt sich der Unterschied zwischen beiden Filmen am genauesten zeigen.

Verbinskis Band beginnt mit einem hellen Lichtring auf schwarzem Grund, den man erst am Ende des Films verstehen wird: Es ist der Blick aus einem Brunnen nach oben, kurz bevor der Deckel ganz zugeschoben wird. Dann folgen Bilder, die deutlich verstörender sind als im Original. Ein Stuhl in einem leeren Raum. Ein brennender Baum. Eine Frau, die sich vor einem Spiegel die Haare kämmt. Eine Frau, die von einer Klippe springt. Ein Nagel, der durch einen Finger getrieben wird. Ein Haufen sich windender Maden. Ein Tausendfüßler, der unter einem Tisch hervorkriecht. Eine Leiter an einer Wand. Ein Pferd. Und am Ende der Brunnen.

Das alles ist in hartem Schwarz-Weiß gefilmt, schnell geschnitten, mit Verzerrungen und Bildsprüngen. Es sieht aus wie ein surrealistischer Kurzfilm, wie etwas zwischen Buñuel und einem Musikvideo der Neunziger. Und es ist großartig gemacht. Fast jedes dieser Bilder ist seither zitiert, nachgestellt und parodiert worden, der Finger mit dem Nagel, die Maden, vor allem der Lichtring.

Und trotzdem verliert das Band etwas. Nakatas Video sah aus, als hätte es jemand zufällig gefunden, eine kaputte Aufnahme von unklarer Herkunft. Verbinskis Video sieht aus, als hätte es jemand gestaltet, mit Sinn für Komposition, Rhythmus und Wirkung. Es ist ein Kunstwerk, und genau das ist das Problem. Ein Fluch sollte nicht nach Filmhochschule aussehen. Das Original war unheimlicher, weil es so unbeholfen wirkte. Das Remake ist eindrucksvoller, weil es so kunstvoll ist. Das sind zwei verschiedene Arten von Wirkung, und für einen Horrorfilm halte ich die erste für die stärkere.

Eine Erweiterung gefällt mir dagegen sehr: Im Remake beginnt das Band, in die Wirklichkeit durchzusickern. Rachel zieht eine Fliege aus dem Bildschirm, die eben noch Teil des Videos war. Ihre Nase blutet, wenn sie bestimmte Bilder ansieht. Fotos der Menschen, die das Band gesehen haben, zeigen verzerrte, verwischte Gesichter. Die Grenze zwischen Bild und Welt wird schon lange vor dem Finale porös. Das ist eine kluge Idee, weil es den Höhepunkt vorbereitet, ohne ihn zu verraten. Allerdings nimmt es ihm auch etwas von seiner Wucht. Im Original kam der Durchbruch durch den Bildschirm aus dem Nichts. Hier hat man ihn kommen sehen.

Samara und das Erklären

Die größte Veränderung betrifft den Geist selbst. Aus Sadako wird Samara, gespielt von Daveigh Chase, und aus einer Frau mit einer dunklen, nur angedeuteten Vergangenheit wird ein Mädchen mit einer ausführlich erzählten Fallgeschichte.

Samara war die Adoptivtochter von Richard und Anna Morgan, die auf einer Insel vor der Küste Pferde züchteten. Nach Samaras Ankunft begannen die Pferde verrückt zu werden und sich selbst zu töten. Anna bekam Visionen, die Samara ihr eingab, wurde krank, und brachte das Mädchen schließlich in eine psychiatrische Klinik. Dort entstanden Videoaufnahmen, die Rachel später findet: Samara, ein blasses Kind mit langen schwarzen Haaren, erklärt einem Arzt ruhig, dass sie ihre Fähigkeiten nicht steuern kann, dass es ihr leidtut, oder vielmehr gerade nicht, und dass es nie aufhören wird. Am Ende stieß Anna ihre Tochter in einen Brunnen und sprang dann selbst von einer Klippe. Samara überlebte im Brunnen noch sieben Tage.

Einige Szenen aus dieser erweiterten Geschichte sind hervorragend. Die beste ist die Fähre. Auf der Fähre zur Insel steht ein Pferd in einem Transporter. Als Rachel sich ihm nähert, wird das Tier unruhig, reißt sich los, galoppiert über das Deck und springt über die Reling in die Schiffsschraube. Die Szene ist in ihrer Plötzlichkeit und Brutalität eine der stärksten im Film, und sie braucht keinen Geist, um zu wirken. Sie zeigt, dass etwas nicht stimmt, auf eine Art, die viel unheimlicher ist als jede Erklärung.

Andere Teile sind schwächer. Brian Cox spielt Richard Morgan, den Vater, der mit seinem Schuldgefühl allein auf der Insel lebt. Seine Szenen mit Rachel sind schroff und rätselhaft, und dann bringt er sich in einer Badewanne mit Elektrogeräten um, in einer Szene, die so überinszeniert ist, dass sie unfreiwillig an einen Fernsehfilm erinnert. Cox ist ein großartiger Schauspieler, aber die Figur ist nur dazu da, Informationen zu liefern und dann effektvoll abzutreten.

Das grundsätzliche Problem ist aber ein anderes. Im Original war Sadako vor allem ein Opfer. Sie wurde von ihrem Vater ermordet, und ihre Wut hatte eine Ursache, auch wenn der Film sie nie ganz ausbuchstabierte. Samara dagegen ist von Anfang an böse. Sie war schon als Kind eine Gefahr, sie hat Pferde, ihre Mutter, ihre ganze Umgebung vergiftet, lange bevor jemand ihr etwas angetan hat. Der Film macht aus einer Geschichte über ein Unrecht, das sich rächt, eine Geschichte über das reine Böse in Kindergestalt.

Das ist eine Entscheidung mit Folgen. Rachel findet Samaras Körper im Brunnen und glaubt, wie Reiko im Original, dass sie dem Geist damit Ruhe verschafft. Sie empfindet Mitleid mit dem ermordeten Mädchen, das sieben Tage lang allein im Dunkeln saß. Und genau dieses Mitleid erweist sich als Fehler. Im Original war der Fund der Leiche ein falscher Weg. Im Remake ist er eine moralische Falle: Wer Mitgefühl zeigt, wird bestraft. Ich halte das für die zynischere und auch die flachere Version. Das Böse, das einfach böse ist, kann man fürchten. Aber das Böse, das aus einem Unrecht entstanden ist, beschäftigt einen länger.

Aidan und das Ende

Die Figur, die das Remake im Vergleich zum Original am stärksten verändert hat, ist das Kind. Yōichi in „Ringu“ war ein ganz normaler kleiner Junge, ein Opfer der Ereignisse. Aidan, gespielt von David Dorfman, ist von Anfang an seltsam. Er spricht wie ein Erwachsener, er nennt seine Mutter beim Vornamen statt „Mama“, er wirkt distanziert, ernst, fast unheimlich. Er hat Visionen. Er malt Bilder von einem Mädchen in einem Brunnen, bevor er das Band überhaupt gesehen hat.

Im Grunde hat das Remake Ryūjis übersinnliche Gabe vom Vater auf den Sohn übertragen. Das ist eine kluge Verschiebung, weil sie Aidan zu einer Art Gegenstück zu Samara macht: zwei Kinder mit einer Gabe, die sie nicht kontrollieren. Und es verstärkt das, was Rachel als Mutter quält. Ihr eigener Sohn ist ihr fremd, und sie fragt sich, ob das ihre Schuld ist. Die Distanz zwischen beiden ist echter und trauriger als vieles, was der Film über Samara erzählt.

Allerdings ist Aidan auch eine Figur, die man schon zu oft gesehen hat. Das unheimlich weise Kind mit den großen ernsten Augen war spätestens seit „The Sixth Sense“ drei Jahre zuvor ein fester Bestandteil des Genres, und Dorfman spielt die Rolle so nah an diesem Vorbild, dass es fast wie ein Zitat wirkt. Aidan wird nie ganz zu einer eigenen Figur. Er bleibt ein Werkzeug der Atmosphäre.

Das Finale folgt dann dem Original fast Bild für Bild. Noah sitzt in seiner Wohnung, der Fernseher springt an, Samara kriecht aus dem Brunnen und durch den Bildschirm. Verbinski inszeniert das technisch beeindruckend, mit flackernden Bildern und Samaras ruckartigen Bewegungen. Aber er zeigt mehr als Nakata. Wir sehen Samaras Gesicht kurz hinter dem Haar, wir sehen Noahs verzerrte Leiche. Die Szene ist lauter, deutlicher, gruseliger im Detail und weniger erschütternd im Ganzen, weil wir sie schon erwartet haben und weil sie uns zu viel zeigt.

Dann erkennt Rachel, wie im Original, dass die Kopie sie gerettet hat. Sie setzt sich mit Aidan an einen Videorekorder, um das Band für ihn zu kopieren. Aidan fragt, was mit dem Menschen passiert, dem sie es zeigen werden. Rachel antwortet nicht. Ende.

Ich finde dieses Ende schwächer als das Original, und zwar aus einem einfachen Grund. Bei Nakata fährt Reiko zu ihrem eigenen Vater. Das Opfer hat ein Gesicht, eine Beziehung, eine Geschichte. Die Grausamkeit ist konkret. Bei Verbinski bleibt das Opfer anonym. Irgendjemand wird es treffen. Das ist eine abstrakte Bedrohung, und abstrakte Bedrohungen sind immer leichter zu ertragen als konkrete. Das Remake hat das Ende wörtlich übernommen und dabei genau das gestrichen, was es so unbarmherzig machte.

Wertung und eine Korrektur

„The Ring“ ist das beste Hollywood-Remake eines asiatischen Horrorfilms, und das ist kein kleines Lob in einem Genre voller misslungener Kopien. Er hat eine eigene Bildsprache, die stärker ist als die des Originals, eine Eröffnung, die besser funktioniert, eine Szene auf einer Fähre, die man dem Original wünschen würde, und mit Naomi Watts eine Hauptdarstellerin, die der Figur eine zusätzliche Schicht gibt.

Dagegen steht ein Film, der seinem Stoff nicht traut. Er erklärt Samara, bis von ihr nur noch ein Fall übrig ist. Er macht aus einem Opfer ein reines Böses und bestraft Mitgefühl. Er zeigt im Finale mehr, als nötig wäre. Und er übernimmt das Ende des Originals, ohne zu verstehen, was dieses Ende so grausam machte.

Meine Wertung: 7.2 von 10.

Im Essay zu „Ringu“ habe ich geschrieben, das Remake sei in vielem handwerklich das bessere Werk, mit einem Mittelteil, der nicht so durchhängt. Nach der genaueren Beschäftigung mit diesem Film muss ich das zur Hälfte zurücknehmen. Die Bilder sind besser, die einzelnen Szenen oft auch. Aber der Mittelteil hängt nicht weniger durch, er hängt nur anders: Statt Ryūjis Visionen gibt es Klinikvideos, statt Zeitungsarchiven einen Vater, der sich in der Badewanne umbringt. Das ist mehr Ereignis, aber nicht mehr Spannung. Handwerk im Bild und Handwerk im Erzählen sind zwei verschiedene Dinge, und in meinem ersten Urteil habe ich sie verwechselt.