Filmkritiken

The Game – Ein Weihnachtsmärchen für Millionäre

Ein Essay zu David Finchers Film von 1997

Lesestand

Ein Geschenk zum 48. Geburtstag

Nicholas Van Orton ist Investmentbanker in San Francisco, unvorstellbar reich, geschieden, kinderlos, allein in einer riesigen Villa mit einer Haushälterin. Er isst seinen Geburtstagsburger allein in der Küche. Er wird 48, genau so alt wie sein Vater war, als der sich vom Dach dieses Hauses stürzte. Nicholas hat das als Kind gesehen, und der Film zeigt es in körnigen Heimvideobildern gleich zu Beginn.

Sein jüngerer Bruder Conrad, ein charmanter Taugenichts mit Drogenvergangenheit, schenkt ihm zum Geburtstag einen Gutschein für eine Firma namens CRS. Was die anbietet, weiß niemand genau. Ein Spiel, heißt es, auf die Person zugeschnitten, das sein Leben verändern werde. Nicholas geht widerwillig hin, füllt endlose psychologische Tests aus, wird abgelehnt, wie er glaubt. Und dann beginnt das Spiel trotzdem.

Zuerst sind es Kleinigkeiten. Eine Clownspuppe liegt vor seiner Tür. Ein Nachrichtensprecher im Fernsehen spricht ihn plötzlich direkt an. Dann wird es ernster. Ein Taxi stürzt mit ihm in die Bucht. Seine Konten werden geleert. Er wird betäubt und wacht in einem Grab in Mexiko auf. Und irgendwann kann er nicht mehr unterscheiden, was Spiel ist und was echte Verschwörung gegen ihn, ob ihn jemand erziehen will oder ausrauben oder töten.

„The Game“ war David Finchers Film nach „Sieben“, mit dem er zwei Jahre zuvor berühmt geworden war, und vor „Fight Club“, der zwei Jahre später folgte. Er steht zwischen diesen beiden großen Filmen und wird oft vergessen. Das hat Gründe, und einige davon sind ungerecht.

Mein Urteil vorweg: „The Game“ ist ein brillant inszenierter Paranoia-Thriller mit einem Hauptdarsteller in Bestform, der zwei Stunden lang großartig funktioniert und in den letzten zehn Minuten fast alles verschenkt, was er aufgebaut hat. Und er hat ein moralisches Problem, das viele übersehen, weil sie sich zu sehr über die Logik des Endes streiten.

Der kalte Mann

Michael Douglas war in den Neunzigern der Schauspieler für reiche, selbstsichere, moralisch zweifelhafte Männer. Gordon Gekko in „Wall Street“ hatte ihm 1988 den Oscar gebracht, und Rollen wie in „Basic Instinct“ und „Enthüllung“ hatten das Bild verfestigt. In „The Game“ nutzt Fincher dieses Bild und zerlegt es dann Stück für Stück.

Nicholas Van Orton ist am Anfang ein Mann ohne jede Wärme. Er ist höflich zu allen und nahe zu niemandem. Er feuert einen alten Geschäftspartner, einen Mann, der ihm vertraut hat, mit einer Kälte, die schlimmer ist als Wut. Er beantwortet den Anruf seiner Ex-Frau mit routinierter Distanz. Er hat sich ein Leben gebaut, in dem nichts passieren kann, was er nicht kontrolliert. Douglas spielt das ohne jede Übertreibung. Das Drehbuch gibt ihm wenig Text, und er braucht ihn auch nicht. Die Figur steckt in der Körperhaltung, in der Art, wie er Dinge erledigt, als wären es Termine.

Die Freude des Films besteht darin, diesem Mann alles wegzunehmen. Erst seine Ruhe, dann seine Würde, dann sein Geld, dann seine Identität. Am Tiefpunkt steht Nicholas in Mexiko in einem schmutzigen Anzug, ohne Pass, ohne Geld, und verkauft seine teure Uhr, um nach Hause zu kommen. Douglas spielt diesen Absturz konsequent, ohne dass die Figur plötzlich sympathisch würde. Er wird nicht weich, er wird verzweifelt, und das ist etwas anderes.

Sean Penn als Bruder Conrad hat nur wenige Szenen, aber er bringt in sie eine nervöse, verletzte Energie, die der Film gut gebrauchen kann. Conrad ist das Gegenteil von Nicholas: chaotisch, abhängig, aber warm. Man versteht, warum er seinem Bruder dieses Geschenk machen will. Und man versteht später, warum Nicholas ihm nicht trauen kann.

Deborah Kara Unger spielt Christine, eine Kellnerin, die zufällig in das Spiel hineingezogen wird, oder zumindest so scheint. Sie ist die einzige Figur, mit der Nicholas eine Art Verbindung aufbaut, und ihre Rolle verändert sich mehrfach, je nachdem, wem man gerade glaubt. Unger ist gut darin, undurchschaubar zu bleiben, aber die Figur ist mehr Funktion als Mensch. Sie existiert, um Nicholas in die Irre zu führen und ihm am Ende eine Art Zukunft anzubieten.

Fincher und die Paranoia

Was „The Game“ zu einem besseren Film macht, als sein Ruf vermuten lässt, ist Finchers Kontrolle. Er war schon damals ein Regisseur, der jedes Bild plante, jedes Licht setzte, jede Szene so oft drehte, bis sie seinem Plan entsprach. Und dieser Film ist über einen Mann, der die Kontrolle verliert, inszeniert von einem Mann, der sie nie verliert. Diese Spannung trägt.

Kameramann Harris Savides gibt San Francisco einen warmen, aber düsteren Ton, viel Braun, Gold, tiefe Schatten. Die Villa der Van Ortons ist ein dunkles, holzgetäfeltes Mausoleum. Die Stadt wirkt elegant und gleichzeitig bedrohlich, als würde hinter jeder Fassade jemand zuschauen. Howard Shores Musik, eine leise, nervöse Klaviermelodie, unterstreicht das, ohne sich aufzudrängen.

Das eigentliche Kunststück ist die Steigerung. Fincher fängt mit fast komischen Störungen an, einer kaputten Clownspuppe, einem Kugelschreiber, der ausläuft, einem Nachrichtensprecher, der plötzlich mit Nicholas redet. Das wirkt wie ein exzentrischer Scherz, und Nicholas behandelt es auch so. Dann wird es Schritt für Schritt bedrohlicher, und zwar so gleichmäßig, dass man den Moment nicht benennen kann, an dem aus dem Spiel Ernst wurde. Das ist präzise Dramaturgie. Wir erleben die Paranoia nicht als plötzlichen Schock, sondern als langsames Abgleiten, genau wie Nicholas.

Fincher hält dabei eine Regel streng ein: Wir wissen nie mehr als Nicholas. Jede Szene ist aus seiner Sicht erzählt, jede Information kommt erst bei ihm an, dann bei uns. Wenn er nicht weiß, ob Christine ihn betrügt, wissen wir es auch nicht. Wenn er glaubt, die Firma CRS sei eine Bande von Betrügern, glauben wir es mit ihm. Das ist der Grund, warum der Film so gut funktioniert, und es ist auch der Grund, warum das Ende so heikel ist.

Einige Sequenzen gehören zum Besten, was Fincher in den Neunzigern gedreht hat. Das Taxi, dessen Fahrer plötzlich aussteigt, während Nicholas eingesperrt auf dem Rücksitz in die Bucht rollt, und sein Versuch, sich aus dem sinkenden Wagen zu befreien. Die nächtliche Flucht vor Hunden durch einen Garten. Das leere Bürogebäude von CRS, das Nicholas aufsucht und in dem plötzlich keine Firma mehr ist, nur Leere und Staub. Diese Momente haben eine kalte, präzise Wucht, die Finchers spätere Filme vorwegnimmt.

Und der Film fängt etwas von der Zeit ein. 1997 lebte das amerikanische Kino von Verschwörungsgeschichten. „Akte X“ lief im Fernsehen, Filme über allmächtige Konzerne und Geheimorganisationen waren überall. „The Game“ nimmt diese Stimmung und macht sie privat: Die Verschwörung richtet sich nicht gegen die Welt, sondern gegen einen einzigen Mann. Und sie wurde von seinem Bruder bestellt.

Das Ende

Ab hier verrate ich alles, weil man über „The Game“ nicht reden kann, ohne über seine letzte Viertelstunde zu reden.

Nicholas ist überzeugt, dass CRS ein Betrügerring ist, der ihn um sein Vermögen gebracht hat, und dass sein Bruder Conrad entweder Opfer oder Komplize ist. Er bewaffnet sich, dringt in das Gebäude von CRS ein und nimmt Christine als Geisel. Auf dem Dach versucht sie ihm panisch zu erklären, dass alles nur Teil des Spiels ist, dass sie gleich eine Tür öffnen werden und dahinter sei etwas Gutes. Dann gerät sie selbst in Panik, als fürchte sie plötzlich, die Waffe in seiner Hand könnte echt geladen sein. Die Tür geht auf, eine Gestalt kommt heraus, Nicholas schießt. Es ist Conrad, mit einer Flasche Champagner in der Hand. Er bricht blutend zusammen.

Nicholas hat seinen Bruder getötet. Verzweifelt tritt er an den Rand des Daches und springt, so wie sein Vater gesprungen ist. Er stürzt durch ein Glasdach und landet auf einem riesigen Luftkissen, mitten in einem Ballsaal. Um ihn herum steht eine Geburtstagsgesellschaft. Alle Figuren aus dem Spiel sind da, die Schauspieler, die Betrüger, die Kellnerin. Conrad lebt, das Blut war Theaterblut. Alles war geplant, auch der Schuss, auch der Sturz. Nicholas weint und lacht gleichzeitig. Am Ende fragt er Christine, ob sie mit ihm einen Kaffee trinken geht.

Über dieses Ende wird seit fast dreißig Jahren gestritten, und meistens geht der Streit um die Logik. Wie konnte CRS wissen, dass Nicholas genau dort springt, wo das Luftkissen liegt? Wie konnte man sicher sein, dass er auf seinen Bruder schießt? Was, wenn er anders reagiert hätte? Der Plan ist so lückenlos, dass er unmöglich ist.

Ich halte diesen Einwand für den schwächeren. Der ganze Film ist unmöglich, wenn man ihn genau nimmt. Ein Taxi, das man präzise in die Bucht rollen lässt, ein Mann, den man unbemerkt nach Mexiko schafft und in einem Grab aufwachen lässt: Wer das bis hierhin akzeptiert hat, kann auch ein Luftkissen akzeptieren. „The Game“ war nie realistisch gemeint. Er ist ein Märchen, ein modernes „Weihnachtsmärchen“ nach Dickens, in dem ein kalter reicher Mann durch übernatürliche, oder hier übermenschlich organisierte, Erscheinungen zur Umkehr gebracht wird.

Das eigentliche Problem liegt woanders. Das Ende nimmt alles zurück. Zwei Stunden lang hat der Film Nicholas durch die Hölle geschickt, und jede Gefahr, jeder Verlust, jeder Schrecken war echt, für ihn und für uns. In der letzten Minute erfahren wir, dass nichts davon echt war. Kein Geld weg, kein Bruder tot, keine Verschwörung. Der Film entwertet rückwirkend alles, was er erzählt hat. Das ist nicht unlogisch, aber es ist billig. Ein Schrecken, der sich als Inszenierung entpuppt, hinterlässt keine Narbe.

Wer spielt hier mit wem

Noch schwerer wiegt für mich etwas, das in den meisten Diskussionen über den Film untergeht, weil alle mit dem Luftkissen beschäftigt sind.

Man muss sich klarmachen, was CRS mit Nicholas getan hat. Eine Firma hat einen Mann wochenlang systematisch in Angst versetzt, ihn glauben lassen, er sei ruiniert, ihn betäubt und in einem fremden Land in einem Sarg aufwachen lassen. Und am Ende hat sie ihn so weit getrieben, dass er sich von einem Dach stürzt, an seinem 48. Geburtstag, genau wie sein Vater. Das war kein Unfall des Plans. Das war der Plan. Die Firma hat das Trauma seiner Kindheit nachgestellt und ihn dazu gebracht, es zu wiederholen, damit er unten auf einem Luftkissen landet und geläutert ist.

Der Film inszeniert das als Happy End. Ballsaal, Champagner, Applaus, ein lustiges T-Shirt, das Conrad seinem Bruder schenkt. Aber was wir gerade gesehen haben, ist ein Mann, der in den Selbstmord getrieben wurde, und dessen Überleben nur davon abhing, dass ein Luftkissen an der richtigen Stelle lag. Dass er es überlebt und sogar glücklich ist, ändert nichts daran, was man ihm angetan hat. Er hat einen Vertrag unterschrieben, gewiss. Aber niemand unterschreibt einen Vertrag, der ihn bis an den Rand eines Dachs bringen soll.

Dazu kommt die Rolle des Geldes. „The Game“ erzählt von einem Mann, den sein Reichtum einsam gemacht hat. Und die Lösung für dieses Problem ist ein Produkt, das man kaufen kann. Ein extrem teures, extrem aufwendiges Erlebnis, organisiert von einer Firma mit hunderten Mitarbeitern, das nur jemand bezahlen kann, der so reich ist wie die Van Ortons. Das ist eine seltsame Moral für einen Film, der vorgibt, Geld zu kritisieren. Am Ende ist Nicholas geläutert, aber er ist immer noch Teil einer Welt, in der man selbst seine Erlösung buchen kann.

Und dann Christine. Nicholas lädt sie am Ende zu einem Kaffee ein, und der Film behandelt das als hoffnungsvolle Andeutung einer Liebesgeschichte. Aber Christine ist eine Schauspielerin, die dafür bezahlt wurde, ihn zu täuschen. Alles, was er an ihr gemocht hat, war Teil eines Drehbuchs. Ob da irgendetwas echt war, lässt der Film offen, und er scheint es auch nicht wichtig zu finden.

Ich glaube, „The Game“ ist ein dunklerer Film, als er selbst weiß. Er hält sich für eine Läuterungsgeschichte mit Augenzwinkern. In Wahrheit ist er eine Geschichte über Manipulation, die als Geschenk verpackt ist, und darüber, dass ein Mensch dankbar wird, nachdem man ihn gebrochen hat. Wenn Fincher das bewusst so gemeint hätte, wäre es ein brillanter, zynischer Film. So, wie das Ende inszeniert ist, mit warmem Licht und Tränen der Erleichterung, glaube ich nicht, dass er es so meinte.

Wertung

Als Thriller ist „The Game“ fast zwei Stunden lang erstklassig. Fincher baut die Paranoia mit einer Präzision auf, die man im Genre selten findet. Michael Douglas spielt einen der besten Auftritte seiner Karriere, gerade weil er nichts beschönigt. Einzelne Sequenzen, das Taxi, das leere Büro, Mexiko, gehören zum Stärksten, was Fincher vor „Fight Club“ gedreht hat.

Dann kommt ein Ende, das alles Erzählte für nichtig erklärt, und eine Moral, die den Film dunkler macht, als er selbst bemerkt. Er feiert als Läuterung, was eigentlich eine Zerstörung war, und er bietet als Lösung für die Einsamkeit des Reichtums ein Produkt an, das man sich nur mit Reichtum leisten kann. Die Logikfehler sind verzeihlich. Diese Gedankenlosigkeit ist es weniger.

Meine Wertung: 7.3 von 10.

Zwei Jahre später hat Fincher denselben Stoff noch einmal verfilmt, nur ohne Sicherheitsnetz. Auch in „Fight Club“ wird das kontrollierte Leben eines wohlhabenden Mannes Stück für Stück zerstört, durch ein Spiel, dessen Regeln er nicht versteht und dessen Urheber ihm näher ist, als er glaubt. Aber in „Fight Club“ stürzen am Ende Hochhäuser ein, und niemand steht unten mit einem Luftkissen. Ich halte „The Game“ für die Skizze und „Fight Club“ für das Werk. Erst dort hat Fincher den Mut gehabt, das, was er zerstört, auch zerstört zu lassen.