Filmkritiken

Spiel mir das Lied vom Tod – Vier Melodien für das Ende des Westens

Ein Essay zu Sergio Leones Film von 1968

Lesestand

Zwölf Minuten Warten

Drei Männer in langen Staubmänteln warten an einem einsamen Bahnhof in der Wüste auf einen Zug. Das ist alles, was in den ersten zehn Minuten von „Spiel mir das Lied vom Tod“ passiert, und es ist eine der berühmtesten Eröffnungen der Filmgeschichte. Einer der Männer wird von einer Fliege belästigt und fängt sie schließlich mit dem Lauf seines Revolvers. Einem anderen tropft Wasser aus einem Tank auf den Hut, und er lässt den Hut volllaufen und trinkt daraus. Ein Windrad quietscht. Ein Telegraf tickt. Es gibt keine Musik. Nur Geräusche, Gesichter und Warten.

Dann kommt der Zug, hält, fährt wieder ab. Niemand ist ausgestiegen, scheint es. Die Männer wollen gehen. Und dann hören sie, von der anderen Seite der Gleise, eine Mundharmonika. Ein Mann steht dort, ein Fremder mit einem Gesicht wie aus Stein. Er fragt, ob sie ein Pferd für ihn haben. Sie sagen, sie hätten eins zu wenig. Er sagt, sie hätten zwei zu viel. Dann fallen die Schüsse.

Ich halte diese Szene für eine Lehrstunde darüber, was Kino kann, wenn es sich traut, nichts zu tun. Leone dehnt die Zeit so weit, dass das Warten selbst zur Spannung wird. Jedes Geräusch wird wichtig, weil es sonst nichts gibt. Und als endlich die Mundharmonika ertönt, hat sie eine Wucht, die kein Orchester erzeugen könnte. Vorher Stille, dann ein einziges, schräges Instrument: Das ist der Einsatz einer Figur, wie man ihn sich nicht besser ausdenken kann.

Man muss dazu sagen: Dieser Film lebt mehr als fast jeder andere vom Sehen und Hören, von Gesichtern in riesiger Nahaufnahme, von Landschaften, von langen Stillen und von Morricones Musik. Das sind genau die Dinge, die ich nur aus zweiter Hand kenne. Was ich beurteilen kann, ist, wie Leone sie einsetzt, wie die Szenen gebaut sind, wie die Figuren angelegt sind und was der Film über den Western erzählt. Das ist bei diesem Film eine ganze Menge.

Die Geschichte ist schnell umrissen. Ein Farmer namens McBain wird mit seinen Kindern ermordet, an dem Tag, an dem seine neue Frau Jill aus New Orleans eintrifft. Sein Land liegt dort, wo eine Eisenbahnlinie gebaut werden soll, und ein todkranker Eisenbahnmagnat namens Morton will es haben. Sein Werkzeug ist ein Killer namens Frank. Dazu kommen der Fremde mit der Mundharmonika, den alle nur Harmonica nennen, und ein Bandit namens Cheyenne, dem man den Mord an McBain anhängen will. Vier Figuren, jede mit einem eigenen musikalischen Thema, die sich um ein Stück Land in der Wüste bewegen.

Mein Urteil vorweg: „Spiel mir das Lied vom Tod“ ist der beste Western, der je gedreht wurde, und der beste Film in dieser Reihe bisher. Er ist nicht fehlerlos, und ich komme auf seine Schwächen zu sprechen. Aber er ist ein Film, an dem sich fast alles, was danach im Genre kam, messen lassen muss.

Harmonica

Charles Bronson spielt den Mann ohne Namen, und er spielt ihn als reine Gegenwart. Harmonica sagt fast nichts. Er hat keine Vergangenheit, die er erzählt, keine Wünsche, die er äußert, keine Gefühle, die er zeigt. Er taucht auf, wo etwas passiert, steht da, beobachtet, und wenn es nötig ist, schießt er. Seine einzige Sprache ist das Instrument, das er immer bei sich trägt.

Die Mundharmonika ist das genialste Motiv des Films. Morricone hat ihr ein Thema geschrieben, das nur aus wenigen schrillen, klagenden Tönen besteht, mehr Schrei als Melodie. Es erklingt jedes Mal, wenn Harmonica auftaucht, und es ist kein heroisches Thema, sondern ein Klagelaut, als hätte der Mann eine Wunde, die er nicht anders ausdrücken kann. Wir verstehen erst ganz am Ende, warum.

Denn Harmonica sucht Frank. Den ganzen Film über umkreist er ihn, provoziert ihn, rettet ihm sogar einmal das Leben, damit nicht jemand anderes ihn tötet. Frank fragt ihn immer wieder, wer er ist, und Harmonica antwortet nur mit den Namen von Männern, die Frank umgebracht hat. Er will, dass Frank sich erinnert, und Frank erinnert sich nicht.

Im Duell am Ende kommt die Auflösung, in einer Rückblende, die sich über den ganzen Film hinweg langsam aus dem Nebel geschält hat. Vor vielen Jahren hat Frank einen Mann gehängt, aber auf besonders grausame Art. Der Mann stand mit der Schlinge um den Hals auf den Schultern seines kleinen Bruders, unter einem Steinbogen in der Wüste. Frank steckte dem Jungen eine Mundharmonika in den Mund und sagte ihm, er solle seinem Bruder ein Lied spielen. Der Junge hielt durch, so lange er konnte, und brach dann zusammen. Sein Bruder starb. Der Junge war Harmonica.

Das ist eines der stärksten Rachemotive, die das Kino kennt, und Leone erzählt es mit großer Geduld. Die Rückblende taucht vorher mehrmals kurz auf, verschwommen, unvollständig, immer nur ein Stück. Erst im Duell sehen wir alles, und das Thema der Mundharmonika, das wir den ganzen Film über gehört haben, bekommt seine Bedeutung. Es ist der Atem eines Kindes, das seinen Bruder auf den Schultern trägt.

Als Frank sterbend am Boden liegt, steckt Harmonica ihm die Mundharmonika in den Mund. In diesem Moment erinnert sich Frank, und er stirbt mit dem Wissen, wer ihn getötet hat. Danach hat Harmonica nichts mehr zu tun. Er reitet weg. Er war nie wirklich eine Figur, er war ein Versprechen, das eingelöst werden musste. Bronson ist kein großer Schauspieler im klassischen Sinn, aber für diese Rolle ist er perfekt besetzt. Ein Gesicht, das nichts verrät, weil es nichts mehr zu verraten gibt.

Frank

Die mutigste Besetzung des Films ist Henry Fonda als Frank. Fonda war in Hollywood seit Jahrzehnten der Inbegriff des anständigen Amerikaners: der junge Lincoln, Tom Joad in „Früchte des Zorns“, der Geschworene, der in „Die zwölf Geschworenen“ die anderen elf von der Unschuld eines Jungen überzeugt. Ein Gesicht, dem man vertraute. Leone besetzte ihn als eiskalten Kindermörder.

Die Szene, in der wir Frank zum ersten Mal sehen, ist entsprechend gebaut. McBain und seine Kinder bereiten auf ihrer Farm ein Fest für die Ankunft der neuen Frau vor. Die Zikaden verstummen plötzlich. Schüsse, McBain und zwei Kinder sterben. Der jüngste Sohn rennt aus dem Haus und steht vor einer Gruppe von Männern in langen Mänteln. Die Kamera fährt um sie herum, und aus der Mitte tritt Henry Fonda hervor, mit diesen hellblauen Augen, die das amerikanische Publikum seit dreißig Jahren mit Güte verband. Einer seiner Männer fragt, was mit dem Jungen geschehen soll, und spricht Frank dabei mit Namen an. Frank bemerkt, dass der Junge seinen Namen jetzt kennt, lächelt und erschießt ihn.

Ich halte das für einen der wirkungsvollsten Momente des Besetzungskinos überhaupt. Leone benutzt nicht nur Fondas Talent, er benutzt seine ganze Karriere. Das Erschrecken, das diese Szene auslöste, kam nicht nur aus der Tat, sondern aus dem Gesicht, das sie beging. Es war, als würde der amerikanische Western selbst sein eigenes Bild von Anstand erschießen.

Fonda spielt Frank danach mit einer Ruhe, die schlimmer ist als jede Raserei. Er ist kein wütender Bösewicht. Er ist ein Geschäftsmann der Gewalt, der für Morton tötet und dabei merkt, dass er selbst Geschäftsmann werden will. Das ist das interessante Detail seiner Figur: Frank will mehr sein als ein Killer. Er setzt sich in Mortons Eisenbahnwaggon an den Schreibtisch, fragt, wie es sich anfühlt, dahinter zu sitzen. Er will die neue Welt der Eisenbahn und des Geldes betreten. Und er merkt am Ende, dass er dorthin nicht gehört.

In einem der klügsten Momente des Films sagt Frank zu Harmonica kurz vor dem Duell sinngemäß, dass sie beide zu einer alten Rasse gehören, die bald verschwinden wird. Leute wie Morton, mit Geld und Eisenbahn, werden kommen. Leute wie sie werden gehen. Frank weiß, dass er ein Auslaufmodell ist, und er kämpft trotzdem. Das gibt der Figur bei aller Grausamkeit etwas Tragisches, ohne sie zu entschuldigen.

Es gibt allerdings eine Szene mit Frank, die mir nicht gefällt, und ich komme bei Jill auf sie zurück.

Cheyenne

Wenn Harmonica die Rache ist und Frank die Gewalt, dann ist Cheyenne das Herz des Films. Jason Robards spielt ihn, und er ist die einzige Figur, die Humor hat, Wärme und eine Art bodenständiger Anständigkeit, ausgerechnet als Bandit.

Cheyenne wird von Frank als Sündenbock benutzt. Franks Männer haben bei dem Massaker an den McBains Staubmäntel getragen, wie sie Cheyennes Bande trägt, und an der Farm ein Stück Stoff hinterlassen, das auf ihn deutet. Cheyenne wird gesucht für einen Mord, den er nicht begangen hat, und er hat ein persönliches Interesse daran, herauszufinden, wer ihm das angehängt hat. Er verbündet sich, halb widerwillig, mit Harmonica.

Robards spielt ihn mit einem zerknitterten, schläfrigen Charme. Cheyenne ist kein Held, er hat selbst Menschen getötet, er ist ein Räuber. Aber er ist der Einzige, der zu Jill freundlich ist, ohne etwas von ihr zu wollen, oder zumindest ohne es sich zu nehmen. In einer Szene sitzt er mit ihr in der Küche der Farm, trinkt Kaffee, redet über ihre Mutter, die er in ihr erkennt, und sagt ihr, dass sie den Männern, die am Bahnbau arbeiten, Wasser bringen soll, weil das sie glücklich macht. Es ist einer der wenigen ruhigen, menschlichen Momente in einem Film, der sonst von Gewalt und Stille geprägt ist.

Sein Musikthema ist entsprechend anders als die der anderen. Es ist ein beschwingtes, leicht hinkendes Stück mit Banjo und Pfeifen, fast komisch, fast melancholisch. Es klingt nach einem Mann, der über sich selbst lachen kann und weiß, dass seine Zeit ebenfalls zu Ende geht.

Und sie geht zu Ende. Cheyenne wird im Lauf des Films angeschossen, ohne es zu zeigen. Nach dem finalen Duell, als Harmonica wegreitet, bleibt Cheyenne zurück und bittet ihn, nicht hinzusehen. Er bricht zusammen und stirbt im Staub, während die Eisenbahn ankommt. Leone inszeniert seinen Tod fast beiläufig, ohne große Musik, ohne Pathos. Das ist richtig so. Cheyenne hat nie ein großes Leben geführt, also stirbt er auch keinen großen Tod.

Für mich ist er die Figur, die man am meisten vermisst, wenn der Film zu Ende ist. Harmonica und Frank sind Mythen. Cheyenne ist ein Mensch. Und dass der Film ihn sterben lässt, während die Eisenbahn ankommt, sagt alles darüber, was Leone über den Westen dachte: Die Zukunft kommt, und sie braucht Menschen wie ihn nicht mehr.

Jill

Claudia Cardinale spielt Jill McBain, und sie ist etwas, das es bei Leone vorher nicht gab: eine Frau im Zentrum. In den Dollar-Filmen kamen Frauen kaum vor, und wenn, dann am Rand. Hier ist Jill die Figur, um die sich alles dreht, die einzige, die am Ende eine Zukunft hat.

Sie kommt aus New Orleans, wo sie, wie der Film andeutet, als Prostituierte gearbeitet hat. McBain hat sie heimlich geheiratet und ihr ein neues Leben versprochen. Als sie in Flagstone aus dem Zug steigt, wartet niemand auf sie. Sie fährt zur Farm und findet dort ihren Mann und seine Kinder aufgebahrt. Leone zeigt ihre Ankunft am Bahnhof in einer der schönsten Kamerabewegungen des Films: Jill geht in das Bahnhofsgebäude, und die Kamera steigt über das Dach empor, und dahinter öffnet sich die ganze Stadt, laut, lebendig, im Aufbau, während Morricones Thema für sie einsetzt. Es ist der Moment, in dem eine Frau aus dem Osten in den Westen tritt, und der Film sagt uns: Das ist jetzt ihre Welt.

Jill könnte nach dem Massaker abreisen. Sie tut es nicht. Sie bleibt, verteidigt das Land, versucht herauszufinden, warum ihr Mann sterben musste. Sie ist pragmatisch, hart, und sie weiß, wie Männer funktionieren. Das ist ihre Überlebensstrategie, und das ist auch der Punkt, an dem der Film mir schwierig wird.

Denn alle Männer in diesem Film behandeln Jill als Körper. Harmonica reißt ihr das Kleid herunter, um sie als Lockvogel zu benutzen. Cheyenne gibt ihr in der Küche den gutmütig gemeinten Rat, sich nichts daraus zu machen, wenn die Arbeiter ihr an den Hintern fassen, das mache die Männer glücklich. Und Frank nimmt sie sich. Er kommt zu ihr, nachdem er McBain getötet hat, und Jill schläft mit ihm, um ihr Leben zu retten. Der Film zeigt das nicht als Vergewaltigung, aber es ist auch nichts anderes. Sie hat keine Wahl, und der Film behandelt das als Teil ihrer Klugheit, nicht als Gewalt, die man ihr antut.

Im Vergleich zu „Es war einmal in Amerika“ ist das zurückhaltender, und Jill bleibt immer Subjekt, nie bloß Opfer. Sie denkt, sie handelt, sie hat am Ende den Überblick. Aber es zeigt, dass Leones Blick auf Frauen auch in seinem besten Film davon ausgeht, dass ihr Körper die Währung ist, mit der sie bezahlen müssen.

Und trotzdem gehört Jill das Ende. Nach dem Duell, nach Cheyennes Tod, kommt die Eisenbahn in Sweetwater an. Die Arbeiter strömen herbei, eine Stadt entsteht. Jill tritt mit einem Wasserkrug hinaus und bringt den Männern zu trinken, wie Cheyenne es ihr geraten hat. Die Kamera steigt auf und zeigt die neue Welt, die gerade entsteht. Die Revolvermänner sind tot oder weggeritten. Die Frau aus New Orleans ist geblieben, und sie wird diese Stadt gründen. Der Film, der als Totenlied für den Westen begann, endet mit einem Anfang, und dieser Anfang ist eine Frau.

Das Ende einer Gattung

Leone hat die Geschichte zusammen mit zwei jungen Männern entwickelt, die später selbst berühmte Regisseure wurden: Bernardo Bertolucci und Dario Argento. Gemeinsam sahen sie sich Dutzende amerikanische Western an und bauten ihren Film aus Zitaten und Anspielungen. Die Bahnhofsszene erinnert an „Zwölf Uhr mittags“, die Farm an „Mein großer Freund Shane“, die Eisenbahn an John Fords frühe Stummfilme. „Spiel mir das Lied vom Tod“ ist ein Western über den Western, eine Summe der Gattung, gebaut von Europäern, die sie liebten.

Und es ist ein Abgesang. Alles in diesem Film handelt vom Ende. Die Revolvermänner sterben oder verschwinden, Frank weiß, dass seine Zeit vorbei ist, Cheyenne stirbt im Staub, Harmonica reitet in ein Nichts. An ihre Stelle tritt die Eisenbahn, und mit ihr das Geld, die Verträge, die Städte. Morton, der Eisenbahnmagnat, ist dabei die traurigste Figur: ein Mann, der an Knochentuberkulose leidet, sich nur an Haltegriffen durch seinen Waggon hangeln kann und davon träumt, noch einmal den Pazifik zu sehen, bevor er stirbt. Er stirbt am Ende in einer Pfütze, zu Tode geschossen, mit dem Rauschen des Meeres auf der Tonspur, das er nie erreichen wird.

Der Film hat Schwächen, und ich will sie nicht verschweigen. Er ist lang, knapp drei Stunden in der vollständigen Fassung, und das Tempo ist für viele Zuschauer eine Zumutung. Die Handlung um Landrechte, Wasser und Eisenbahnverträge ist umständlich und in Teilen schwer nachzuvollziehen. Harmonica bleibt als Figur bewusst flach, was mythisch wirkt, aber auch leer. Und der Blick auf Jill, den ich oben beschrieben habe, ist ein echter Makel, der den Film nicht zerstört, aber trübt.

Nichts davon ändert etwas daran, dass dieser Film eine Größe hat, die im Western nicht wieder erreicht wurde. Er verbindet eine einfache Rachegeschichte mit einer Meditation über das Ende einer Epoche, er gibt jeder seiner vier Figuren eine eigene Melodie und einen eigenen Tod, und er findet am Ende einen Anfang, der nicht in die Vergangenheit schaut, sondern nach vorn.

Meine Wertung: 9.0 von 10. Die erste 9 in dieser Reihe.

Sechzehn Jahre später hat Leone „Es war einmal in Amerika“ gedreht, den Film, mit dem er die Trilogie abschloss, die mit diesem Western begann. Dort lässt er die Frau verschwinden, die er hier ins Zentrum gestellt hat, und erzählt die Geschichte des Mannes, der sie zerstört. Hier bekommt Jill das letzte Bild, dort bekommt es ein Mann in einer Opiumhöhle, der lächelt. Was war in diesen sechzehn Jahren mit Leone passiert, dass er das letzte Bild nicht mehr der Frau geben wollte?