Filmkritiken

Ringu – Sieben Tage und eine Kopie

Ein Essay zu Hideo Nakatas Film von 1998

Lesestand

Ein Videoband und sieben Tage

Unter Schülern in Japan kursiert eine Geschichte: Es gibt ein Videoband, und wer es anschaut, bekommt danach einen Anruf. Am anderen Ende ist nichts zu hören. Sieben Tage später ist er tot. Vier Jugendliche sind in derselben Nacht gestorben, alle mit verzerrten Gesichtern, als hätten sie vor Angst den Verstand verloren. Eine von ihnen ist die Nichte der Journalistin Reiko Asakawa. Reiko recherchiert, findet in einer Ferienhütte das Band, schaut es an, und das Telefon klingelt.

Das ist die Prämisse von „Ringu“, Hideo Nakatas Verfilmung von Kōji Suzukis Roman „Ring“, und sie ist so einfach, dass man fast übersieht, wie gut sie ist. Es gibt keinen Mörder mit Maske, keinen Dämon, der von einem Mädchen Besitz ergreift, kein verfluchtes Haus. Es gibt eine Kassette, wie sie damals in jedem Wohnzimmer lag, einen Fernseher und ein Telefon. Der Schrecken kommt aus dem Alltag, aus der Technik, die man jeden Tag benutzt, ohne darüber nachzudenken.

„Ringu“ wurde mit einem kleinen Budget gedreht und wurde in Japan ein riesiger Erfolg. Er löste eine ganze Welle aus, die man später J-Horror nannte, mit Filmen wie „Ju-on“ und „Dark Water“, den Nakata selbst drehte. 2002 kam das amerikanische Remake „The Ring“ mit Naomi Watts, das noch erfolgreicher wurde. Und die Figur des Geistes, eine Frau in einem weißen Kleid, mit langen schwarzen Haaren, die ihr Gesicht verdecken, wurde zu einer der bekanntesten Horrorfiguren der Welt. Kaum eine Gestalt ist seither so oft kopiert und parodiert worden.

Vorab, wie ich mit diesem Film umgehe: Ein Horrorfilm will vor allem eines, nämlich Angst machen, und Angst ist reines Erleben. Ob „Ringu“ mir Angst gemacht hätte, kann ich nicht beurteilen. Was ich beurteilen kann, ist, wie er gebaut ist, um Angst zu machen, und warum diese Bauweise so viele Menschen so tief getroffen hat. Das ist eine andere Art Kritik als bei einem Drama, aber sie kann trotzdem viel sagen.

Mein Urteil: „Ringu“ ist einer der einflussreichsten Horrorfilme der letzten dreißig Jahre, mit einer der besten Schlussviertelstunden des Genres und einem Ende, das moralisch grausamer ist als jede Splatterszene. Dazwischen hat er einen Mittelteil, der eher wie ein Fernsehkrimi funktioniert und der seine Wirkung mehr der Geduld des Publikums als der eigenen Spannung verdankt.

Das Band

Das verfluchte Video selbst ist nur etwa eine Minute lang, und es ist das Klügste am ganzen Film.

Was darauf zu sehen ist, ergibt zunächst keinen Sinn. Eine Frau kämmt sich vor einem Spiegel die Haare, und der Spiegel verschiebt sich, sodass plötzlich ein anderer Raum darin auftaucht. Japanische Schriftzeichen, die über eine Zeitungsseite kriechen. Menschen, die auf allen vieren über einen Boden robben. Ein Mann mit einem Tuch über dem Kopf, der auf etwas außerhalb des Bildes zeigt. Ein Auge, in dem sich ein einzelnes Schriftzeichen spiegelt. Und am Ende ein alter Steinbrunnen in einer Lichtung.

Das alles ist schwarz-weiß, verrauscht, wackelig, als hätte jemand mit einer kaputten Kamera einen Experimentalfilm gedreht. Es gibt keinen Schockeffekt, keinen lauten Ton, keine plötzliche Fratze. Genau darin liegt seine Stärke. Ein Horrorvideo, das schockiert, hätte sich schnell abgenutzt. Ein Video, das nur seltsam ist, unerklärlich, lässt den Zuschauer selbst die Lücken füllen. Und das, was man sich selbst ausmalt, ist immer schlimmer als das, was man gezeigt bekommt.

Gleichzeitig ist das Band ein Rätsel. Jedes dieser Bilder wird später im Film eine Bedeutung bekommen. Die kämmende Frau ist eine Mutter, die Schriftzeichen stammen aus einem Zeitungsbericht über einen Vulkanausbruch, der Brunnen ist ein Ort, den man finden muss. Das Band ist also beides zugleich: Fluch und Wegbeschreibung. Wer es anschaut, ist verdammt, aber er bekommt auch die Hinweise, um sich vielleicht zu retten. Das ist eine elegante Konstruktion, weil sie die Horrorgeschichte mit einer Detektivgeschichte verknüpft.

Dazu kommt die Zeit, in der der Film entstand. 1998 war das Videoband das Medium, über das sich Dinge verbreiteten, die nicht ins Fernsehen kamen. Man kopierte Kassetten für Freunde, lieh sie aus, bekam Raubkopien mit schlechter Qualität und unklarer Herkunft. Jeder kannte das Gefühl, eine Kassette einzulegen, von der man nicht genau wusste, was darauf war. „Ringu“ nimmt dieses Alltagsgefühl und dreht es um wenige Grad weiter ins Unheimliche. Der Fernseher, der damals der sichere Mittelpunkt jedes Wohnzimmers war, wird zur Tür, durch die etwas hereinkommen kann.

Und dann das Telefon. Direkt nachdem man das Band gesehen hat, klingelt es. Keine Stimme, nur ein Geräusch, ein Zischen oder Kratzen. Das ist einer der effektivsten Einfälle des Films: Der Fluch hat einen Beweis. Man kann sich nicht einreden, dass nichts passiert ist. Das Telefon hat geklingelt, und von da an läuft die Uhr.

Die Ermittlung

Reiko hat sieben Tage. Sie bittet ihren Ex-Mann Ryūji um Hilfe, einen Hochschuldozenten, der eine besondere Gabe hat: Er spürt Dinge, die anderen verborgen sind. Ryūji schaut sich das Band ebenfalls an, um ihr beizustehen, und von da an laufen zwei Uhren. Dann passiert das Schlimmste: Auch der gemeinsame kleine Sohn Yōichi sieht das Band. Jetzt geht es nicht mehr nur um Reiko.

Die Spur führt auf die Insel Izu Ōshima, zu einem Vulkan und zu einer Geschichte, die Jahrzehnte zurückliegt. Dort lebte Shizuko Yamamura, eine Frau mit hellseherischen Fähigkeiten, die in den fünfziger Jahren vor Journalisten ihre Gabe vorführen sollte. Die Vorführung endete in einer Katastrophe, ein Journalist starb, Shizuko wurde als Betrügerin verspottet und stürzte sich später in den Vulkan. Sie hatte eine Tochter, Sadako, deren Kräfte noch viel größer und viel dunkler waren.

Hiroyuki Sanada spielt Ryūji, und er ist ein Gewinn für den Film, ruhig, nachdenklich, mit einer Autorität, die ihn sofort glaubwürdig macht. Sanada wurde später auch im Westen bekannt, zuletzt mit der Serie „Shōgun“. Nanako Matsushima als Reiko trägt den Film mit einer Mischung aus professioneller Kühle und mütterlicher Panik, die im Lauf der Geschichte immer stärker wird. Die beiden haben als geschiedenes Paar eine schöne, unausgesprochene Spannung, die dem Film mehr Wärme gibt, als man in einem Horrorfilm erwartet.

Aber der Mittelteil ist die Schwäche von „Ringu“. Er besteht zu großen Teilen aus Recherche, Gesprächen, Fahrten, Telefonaten und alten Zeitungsartikeln. Das ist ordentlich gemacht, aber es ist das Muster eines Fernsehkrimis, nicht eines Horrorfilms. Die Spannung kommt hier vor allem aus der tickenden Uhr, die mit Einblendungen der Wochentage immer wieder ins Bild gesetzt wird, nicht aus dem, was passiert.

Dazu kommt, dass Ryūjis übersinnliche Gabe ein bequemes Werkzeug für das Drehbuch ist. Wenn die Ermittlung nicht weiterkommt, hat er eine Vision. Er fasst jemanden an und sieht in schwarz-weißen Rückblenden, was vor Jahrzehnten passiert ist. Diese Rückblenden sind atmosphärisch stark, besonders die Szene der missglückten Vorführung, in der man Sadako zum ersten Mal kurz sieht. Aber sie sind auch eine Abkürzung, die dem Film erlaubt, Informationen zu liefern, ohne sie verdienen zu müssen.

Ich will das nicht überbewerten. Der Mittelteil ist auch deshalb ruhig, weil der Film auf sein Ende hinarbeitet und es durch Kontrast stärker machen will. Je normaler und gemächlicher die Recherche wirkt, desto härter schlägt das ein, was danach kommt. Aber ein besserer Film hätte beides geschafft: einen Mittelteil, der selbst unheimlich ist, und ein Ende, das trotzdem noch überrascht.

Der Brunnen und der Fernseher

Die Spur führt schließlich zurück zu der Ferienhütte, in der Reiko das Band gefunden hat. Unter dem Fußboden ist der Brunnen aus dem Video, zugemauert, die Hütte wurde später darübergebaut. Reiko und Ryūji steigen hinab, schöpfen das Wasser aus und finden darin Sadakos Skelett. Jahrzehnte zuvor hat Dr. Ikuma, der Mann, der ihre Mutter vorgeführt hatte und vermutlich ihr Vater war, sie in diesen Brunnen gestoßen. Sie war noch am Leben, als der Brunnen verschlossen wurde. Reiko hält den Schädel in den Armen wie ein Kind.

Das ist das klassische Ende einer Geistergeschichte. Der Geist wurde ungerecht ermordet, sein Körper wurde gefunden, das Unrecht ist erkannt, die Seele kann zur Ruhe kommen. Reikos siebter Tag vergeht, sie lebt. Der Fluch scheint gebrochen. Der Film lässt uns kurz durchatmen.

Dann sitzt Ryūji am nächsten Tag zu Hause an seinem Schreibtisch. Der Fernseher schaltet sich von selbst an. Auf dem Bildschirm ist der Brunnen zu sehen. Eine Gestalt klettert langsam aus ihm heraus, eine Frau in Weiß, die Haare vor dem Gesicht. Sie kommt auf die Kamera zu, unendlich langsam, mit einem Gang, der irgendwie falsch ist, ruckartig, als wären ihre Gelenke falsch herum eingebaut. Und dann kriecht sie aus dem Bildschirm heraus, in Ryūjis Zimmer.

Diese Szene ist zu Recht eine der berühmtesten der Horrorgeschichte, und ich kann begründen, warum sie funktioniert, auch ohne behaupten zu können, dass sie mich erschreckt hätte.

Erstens wegen des Bruchs mit den Regeln. Der Film hat uns anderthalb Stunden lang beigebracht, nach welchen Gesetzen diese Geschichte spielt: Finde die Ursache, löse das Rätsel, dann bist du sicher. Genau das haben Reiko und Ryūji getan, und es war falsch. Das Publikum fühlt sich in diesem Moment nicht nur erschreckt, sondern betrogen, und das ist eine viel tiefere Verunsicherung als jeder Schockmoment.

Zweitens wegen der Bewegung. Die Darstellerin Rie Inō hatte eine Ausbildung im traditionellen japanischen Theater. Sie wurde gefilmt, während sie rückwärts ging, und die Aufnahme wurde dann umgekehrt abgespielt. Dadurch sieht der Gang vorwärts aus, aber jede kleine Bewegung ist subtil gegen die Natur. Ein menschliches Auge bemerkt das, ohne zu wissen, was es bemerkt. Das ist ein einfacher, billiger Trick, und er ist wirkungsvoller als jede Computeranimation.

Drittens, und das ist der eigentliche Kern: wegen des Bildschirms. Der Fernseher ist die Grenze, die uns von allem trennt, was wir anschauen. Was im Fernsehen passiert, passiert woanders. Dass Sadako diese Grenze überschreitet, zielt direkt auf das Publikum, das in diesem Moment selbst vor einem Bildschirm sitzt. Im Kino ist es die Leinwand, zu Hause war es 1998 genau derselbe Fernseher, auf dem auch Ryūji gerade zuschaut. Die Szene macht aus dem Zuschauer einen Beteiligten. Und das ist, aus rein handwerklicher Sicht, das Klügste, was ein Horrorfilm tun kann.

Mütter, Kinder, Weitergabe

Nach Ryūjis Tod sitzt Reiko allein da und fragt sich, warum sie überlebt hat und er nicht. Beide haben das Band gesehen, beide haben Sadako gefunden. Was hat sie getan, was er nicht getan hat? Und dann versteht sie es: Sie hat das Band kopiert. Sie hat die Kopie Ryūji gezeigt. Das ist es, was Sadako will. Nicht Ruhe, nicht Gerechtigkeit, sondern Verbreitung. Wer überleben will, muss das Band jemand anderem zeigen.

Das ist die eigentliche Pointe des Films, und sie ist viel bösartiger als der Fernseher-Schock. Die Geistergeschichte wird zum Kettenbrief. Der Fluch lässt sich nicht brechen, man kann ihn nur weiterreichen. Jeder Überlebende hat einen anderen Menschen geopfert, wissentlich oder nicht.

Und Reiko muss jetzt eine Entscheidung treffen. Ihr Sohn hat das Band gesehen, seine Tage laufen ab. Um ihn zu retten, muss sie die Kassette kopieren und jemandem zeigen. In der letzten Szene fährt sie mit dem Jungen, mit der Kopie im Auto, zu ihrem eigenen Vater. Sie wird das Leben ihres Vaters gegen das Leben ihres Sohnes tauschen. Der Film zeigt nicht, wie sie es tut. Er zeigt nur ihr Gesicht im Auto, und über der Straße ziehen dunkle Wolken auf.

Ich halte dieses Ende für eines der grausamsten im ganzen Genre, und es ist grausam auf eine sehr stille Art. Keine Gewalt, kein Blut. Nur eine Mutter, die aus Liebe bereit ist, einen anderen Menschen zu opfern, und die das für selbstverständlich hält. Der Film urteilt nicht über sie. Er lässt die Frage beim Publikum: Würdest du es anders machen?

Hier liegt auch das Muster, das den ganzen Film durchzieht und das man leicht übersieht. „Ringu“ ist eine Geschichte über Mütter und Kinder. Shizuko, die von ihrer Gabe zerstört wurde und ihre Tochter mit einem Fluch hinterließ. Sadako, die von ihrem Vater in einen Brunnen gestoßen wurde und ihre Wut an alle weitergibt. Reiko, die ihre Tochterpflichten gegenüber dem eigenen Vater opfert, um Mutter zu bleiben. Der Film ist voller Eltern, die ihren Kindern etwas Schreckliches vererben, und voller Kinder, die es tragen müssen.

Im Roman von Kōji Suzuki ist die Hauptfigur übrigens ein Mann, ein Journalist namens Asakawa, der seine Frau und seine Tochter retten will. Dass der Film daraus eine Frau gemacht hat, war eine kluge Entscheidung. Es verschiebt die Geschichte von einem Abenteuer zu einer Frage der Mütterlichkeit, und es macht das Ende viel härter. Bei einem Vater, der seinen Schwiegervater opfert, hätte man von Kalkül gesprochen. Bei einer Mutter, die ihren eigenen Vater opfert, spricht man von Liebe. Und genau das macht es so unheimlich.

Wertung und das Remake

„Ringu“ ist ein Film, dessen Bedeutung größer ist als seine Qualität, und dessen Qualität trotzdem beachtlich ist. Er hat ein ganzes Genre geprägt, eine der bekanntesten Horrorfiguren der Welt geschaffen und gezeigt, dass man mit einem kleinen Budget, einer Kassette und einem Fernseher mehr anrichten kann als mit hundert Millionen Dollar Effekten. Seine letzte Viertelstunde gehört zum Besten, was das Genre hervorgebracht hat, und sein Ende ist moralisch eines der härtesten.

Dagegen steht ein Mittelteil, der mehr Fernsehkrimi ist als Horror, ein Drehbuch, das sich zu oft auf Ryūjis Visionen verlässt, und eine Spannung, die über weite Strecken nur von der tickenden Uhr getragen wird. Ich verstehe, warum Nakata das so gebaut hat, um das Ende stärker wirken zu lassen. Aber ein Film ist nicht nur sein Ende.

Meine Wertung: 7.7 von 10.

Vier Jahre später drehte Gore Verbinski das amerikanische Remake „The Ring“ mit Naomi Watts. Es hatte ein Vielfaches des Budgets, einen eleganten grünstichigen Look, mehr Hintergrundgeschichte, mehr Schockmomente und eine aufwendigere Version des verfluchten Videos. In vielem ist es handwerklich das bessere Werk: flüssiger erzählt, visuell ausgefeilter, mit einem Mittelteil, der nicht so durchhängt.

Und trotzdem halte ich das Original für den besseren Film. Das Remake erklärt mehr, zeigt mehr und hat Angst vor der Stille, die Nakata ausgehalten hat. Es füllt jede Lücke, die das Original offenließ, und genau diese Lücken waren die Stärke. Ein Video, das zu viel zeigt, ist kein Rätsel mehr. Ein Geist, dessen Motive ausführlich begründet werden, ist nur noch eine Figur. „Ringu“ ist rauer, billiger und an manchen Stellen ungeschickter. Aber es versteht, dass das Unheimlichste immer das ist, was man nicht ganz begreift.