Filmkritiken

Parasite – Der beste Plan ist keiner

Ein Essay zu Bong Joon-hos Film von 2019

Lesestand

I

Meine Wertung: 8.9 von 10. Damit ist „Parasite“ der bestbewertete Film in dieser Reihe bis jetzt, knapp vor „Blade Runner“. Ich setze die Zahl diesmal an den Anfang, weil sie bei diesem Film weniger überrascht als die Begründung.

Die Geschichte ist schnell erzählt, und sie ist am Anfang eine Komödie. Familie Kim lebt in Seoul in einer Halbkellerwohnung, halb unter der Erde, das Fenster auf Höhe des Bürgersteigs, durch das Betrunkene hineinpinkeln. Vater, Mutter, Sohn und Tochter falten Pizzakartons für einen Hungerlohn und klauen das WLAN der Nachbarn. Dann bekommt der Sohn Ki-woo durch einen Freund eine Stelle als Nachhilfelehrer bei der reichen Familie Park, die in einem modernen Architektenhaus auf einem Hügel wohnt. Er fälscht dafür sein Universitätszeugnis. Und dann holt er, Stück für Stück, mit List und gefälschten Lebensläufen, seine ganze Familie ins Haus. Die Schwester wird Kunsttherapeutin für den kleinen Sohn, der Vater wird Chauffeur, die Mutter Haushälterin. Die bisherigen Angestellten werden mit Intrigen hinausgeekelt.

Das ist ungefähr die erste Stunde, und sie ist großartig, eine Gaunerkomödie mit perfektem Timing. Dann kommt eine Wendung, die ich hier verraten werde, weil man über den Film nicht ernsthaft reden kann, ohne sie zu kennen, und danach wird „Parasite“ zu etwas ganz anderem: zu einem Thriller, dann zu einer Tragödie, schließlich zu einem Gemetzel.

Bong Joon-ho hat dafür 2019 die Goldene Palme in Cannes gewonnen, als erster koreanischer Regisseur. Ein paar Monate später kamen vier Oscars dazu, darunter der für den besten Film. Es war das erste Mal, dass ein nicht englischsprachiger Film diesen Preis bekam. Das allein macht „Parasite“ zu einem historischen Film. Aber Preise sind nicht der Grund für meine Wertung.

Der Grund ist, dass dieser Film etwas schafft, was nur wenigen Filmen so vollständig gelingt. Er erzählt eine Geschichte über Klassen, über Arm und Reich, über Würde und Demütigung, ohne eine einzige Predigt zu halten. Er hat keine Bösewichte. Er hat nur ein Haus, eine Treppe und einen Geruch. Und am Ende ist klar, dass das Problem nicht die Menschen sind, sondern das, was zwischen ihnen steht.

II

Die erste Stunde von „Parasite“ ist eine der besten Gaunerkomödien, die ich kenne, und sie funktioniert, weil Bong die Kims nicht als Opfer zeigt, sondern als hochbegabtes Team.

Jeder in dieser Familie ist gut in etwas, und keiner bekommt die Chance, es zu zeigen. Ki-woo ist gebildet genug, um als Nachhilfelehrer zu überzeugen, auch ohne Abschluss. Seine Schwester Ki-jung fälscht Dokumente mit Photoshop so perfekt, dass ihr Bruder bemerkt, mit diesem Talent könnte sie an jeder Uni studieren. Sie erfindet sich als „Jessica“, eine Kunsttherapeutin mit Auslandserfahrung, und hat sich ihren Lebenslauf als kleinen Merkreim zurechtgelegt. Die Mutter war früher Leichtathletin, Hammerwerferin. Der Vater Ki-taek, gespielt von Song Kang-ho, war Unternehmer, mehrmals, und ist jedes Mal gescheitert.

Das ist der erste kluge Gedanke des Films. Die Kims sind nicht arm, weil sie dumm oder faul sind. Sie sind arm, weil es für Menschen wie sie keine Leiter gibt. Sobald sie eine Tür offen finden, zeigen sie, was sie können, und sie sind besser als die Leute, die sie verdrängen. Das macht den Betrug sympathisch und gleichzeitig unbequem, denn um ins Haus zu kommen, müssen sie andere hinausdrängen, die genauso wenig haben.

Die Szene, in der sie die bisherige Haushälterin Moon-gwang loswerden, ist eine kleine Meisterleistung. Die Haushälterin hat eine Pfirsichallergie. Die Kims streuen den Flaum von Pfirsichen auf sie, sie bekommt Hustenanfälle, und dann inszenieren sie mit einem blutigen Taschentuch und einem gefälschten Gespräch die Vermutung, sie habe Tuberkulose. Das alles ist als Montage geschnitten, im Takt einer barocken Musik, mit der Präzision eines Heist-Films. Es ist komisch und gleichzeitig grausam. Bong lässt uns lachen und fragt uns im selben Moment, worüber wir eigentlich lachen.

Song Kang-ho ist das Herz dieser Familie. Er ist einer der bekanntesten Schauspieler Koreas und hat mit Bong schon „Memories of Murder“ und „The Host“ gedreht. Sein Ki-taek ist gutmütig, ein bisschen träge, voller Sprüche und ohne jeden Plan. Er ist der Einzige in der Familie, der sich im Haus nicht ganz wohlfühlt, und das ist wichtig für das, was später kommt.

Auf der anderen Seite stehen die Parks. Der Vater Dong-ik, gespielt von Lee Sun-kyun, ist Chef einer Technikfirma, höflich, korrekt, ein bisschen steif. Die Mutter Yeon-kyo ist naiv, leicht zu beeindrucken, mischt englische Wörter in ihr Koreanisch und vertraut allem, was mit einer Empfehlung kommt. Sie sind nicht böse. Sie sind einfach sehr reich und haben vergessen, wie die anderen leben. Gerade diese Freundlichkeit macht sie so angreifbar, und am Ende so tragisch.

III

Das Haus der Parks ist die eigentliche Hauptfigur des Films. Im Film heißt es, ein berühmter Architekt habe es für sich selbst gebaut. In Wahrheit existiert es nicht: Es wurde als Kulisse errichtet, und jeder Raum, jede Sichtachse, jede Treppe wurde so geplant, wie Bong die Geschichte erzählen wollte. Das merkt man. Selten war ein Filmset so vollständig ein Teil der Aussage.

Das Haus ist offen, hell, minimalistisch, mit einem riesigen Fenster zum Garten, das wie eine Kinoleinwand wirkt. Die Reichen leben im Licht. Die Kims dagegen leben unter der Erde, mit einem Fenster, durch das sie die Füße der Passanten sehen. Und der ganze Film ist entlang dieser Senkrechten gebaut: oben und unten, hinauf und hinab. Es gibt in „Parasite“ unglaublich viele Treppen. Treppen ins Haus, Treppen in den Keller, Treppen in der Stadt.

Die stärkste Sequenz des Films zeigt das ganz ohne Worte. Die Parks sind zum Campen gefahren, und die Kims haben sich im leeren Haus breitgemacht, trinken den Whisky, liegen auf dem Sofa, spielen reiche Familie. Dann regnet es, die Parks kommen früher zurück, die Kims müssen fliehen. Und dann laufen sie durch den strömenden Regen nach Hause, die Stadt hinunter, Treppe um Treppe, Unterführung um Unterführung, immer weiter nach unten. Als sie ankommen, steht ihr Viertel unter Wasser. Die Kanalisation läuft über, das Wasser steht bis zur Brust in der Wohnung, aus der Toilette schießt Abwasser. Ki-jung setzt sich auf den Klodeckel, um ihn zuzuhalten, und zündet sich in all dem Dreck eine Zigarette an.

Am nächsten Morgen sagt Frau Park beim Telefonieren, wie wunderbar der Regen gewesen sei, er habe die Luft gereinigt, der Himmel sei so klar. Für sie war es ein Segen, für die Kims eine Katastrophe. Derselbe Regen. Diese eine Szene sagt mehr über soziale Ungleichheit als jede Statistik, weil sie zeigt, dass Arm und Reich nicht in verschiedenen Welten leben, sondern in derselben Welt, nur auf verschiedenen Höhen.

Und dann der Geruch. Das Motiv zieht sich durch den ganzen Film und wird zum Auslöser des Endes. Der kleine Sohn der Parks bemerkt als Erster, dass Chauffeur, Haushälterin, Nachhilfelehrer und Kunsttherapeutin alle gleich riechen. Später hören die Kims, versteckt unter einem Tisch, wie Herr Park seiner Frau beschreibt, dass der Fahrer einen Geruch an sich habe, wie alte Rettiche, wie Menschen, die U-Bahn fahren. Ein Geruch, der eine Grenze überschreitet. Herr Park sagt das nicht böse. Er sagt es beiläufig, wie eine Beobachtung. Und genau das ist das Vernichtende daran.

Es ist eine bemerkenswerte Entscheidung, ausgerechnet den Geruch zum Zentrum eines Films zu machen. Geruch ist der einzige Sinn, den das Kino überhaupt nicht übertragen kann. Niemand im Kinosaal riecht, was Herr Park riecht. Wir sehen nur, wie er die Nase rümpft, wie er sich wegdreht, wie die Kims sich ihre Kleidung ans Gesicht halten. Damit zwingt Bong sein Publikum in dieselbe Lage wie seine Figuren: Klasse ist etwas, das man nicht sieht, aber das alle bemerken. Man kann seinen Lebenslauf fälschen, seine Kleidung, seine Sprache. Den Geruch einer Halbkellerwohnung kann man nicht fälschen.

IV

Die Wendung kommt in jener Regennacht, als die Kims allein im Haus sind. Es klingelt. Vor der Tür steht Moon-gwang, die alte Haushälterin, die sie vertrieben haben, durchnässt und verzweifelt. Sie habe im Keller etwas vergessen. Im Keller, hinter einem Regal, gibt es eine Geheimtür zu einem Bunker, den der frühere Besitzer gegen nordkoreanische Angriffe gebaut hat. Die Parks wissen nicht einmal, dass er existiert. Und dort unten lebt seit über vier Jahren Moon-gwangs Ehemann Geun-sae, versteckt vor Kredithaien, versorgt von seiner Frau mit Essen aus der Küche der Parks.

In diesem Moment kippt der Film, und zwar genial. Bis dahin waren die Kims die Parasiten, die sich in ein fremdes Haus eingenistet haben. Jetzt zeigt sich, dass es noch eine Etage tiefer gibt. Unter den Armen gibt es die noch Ärmeren. Und was tun die Kims, als sie das herausfinden? Sie solidarisieren sich nicht. Sie kämpfen. Es kommt zu einer Rangelei, bei der es um ein Handyvideo geht, mit dem beide Familien einander erpressen können, und am Ende sind Moon-gwang und ihr Mann gefesselt im Bunker, Moon-gwang schwer verletzt.

Das ist für mich der härteste und ehrlichste Gedanke des Films. Er verweigert die bequeme Vorstellung, dass die Armen zusammenhalten gegen die Reichen. In „Parasite“ kämpfen die Armen gegeneinander um die Krumen, die vom Tisch der Reichen fallen. Die Parks merken davon nichts. Sie schlafen oben, während unten im Keller zwei Familien einander zerfleischen. Das ist keine Anklage gegen die Armen, sondern gegen ein System, das ihnen nichts anderes lässt.

Geun-sae ist dabei eine der verstörendsten Figuren der jüngeren Filmgeschichte. Er hat im Dunkeln eine Art Verehrung für Herrn Park entwickelt, dessen Haus er bewohnt, ohne dass Park es weiß. Jeden Abend, wenn Park die Treppe hinaufgeht, schaltet Geun-sae mit dem Kopf das Licht im Treppenhaus an, und er schickt ihm dabei, im Morsecode, Botschaften des Dankes. Er ist so tief unten, dass er den, der oben steht, anbetet. Das ist grotesk, komisch und furchtbar traurig zugleich.

Dann die Geburtstagsfeier. Die Parks geben im Garten ein Fest für ihren Sohn, und Geun-sae, inzwischen verwitwet und verrückt geworden, bricht aus dem Bunker aus und sticht mit einem Küchenmesser auf Ki-jung ein. Panik, Blut, Chaos. Ki-taek kniet neben seiner sterbenden Tochter. Herr Park verlangt von ihm die Autoschlüssel, um seinen ohnmächtigen Sohn ins Krankenhaus zu bringen. Die Schlüssel liegen unter Geun-saes Körper. Als Park sie aufhebt, hält er sich die Nase zu. Wegen des Geruchs.

In diesem Moment sticht Ki-taek ihn nieder. Es ist ein Mord, der nichts mit Plan zu tun hat und nichts mit Rache für das, was Park getan hat. Park hat nichts getan. Er hat nur die Nase gerümpft. Aber in dieser kleinen Geste steckt alles, was Ki-taek den ganzen Film über geschluckt hat: dass er für diesen Mann nicht ganz ein Mensch ist, sondern ein Geruch. Ich finde, das ist die genaueste Szene über Demütigung, die das Kino in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat. Sie erklärt nicht, warum Ki-taek zusticht. Sie zeigt es. Und man versteht es, ohne es gutzuheißen.

V

Perfekt ist „Parasite“ nicht, und die 8.9 hat Gründe, warum sie keine 9.5 ist.

Der erste ist, dass Bong seine Symbole manchmal zu offen auf den Tisch legt. Ki-woo bekommt am Anfang von seinem Freund einen Gelehrtenstein geschenkt, einen schweren, verzierten Stein, der Wohlstand bringen soll. Er trägt ihn durch den ganzen Film mit sich herum und sagt beim ersten Ansehen, der sei so metaphorisch. Das ist witzig gemeint, ein Augenzwinkern ans Publikum. Aber es ist auch eine Absicherung, als traue Bong uns nicht zu, die Metapher selbst zu finden. Später wird Ki-woo mit genau diesem Stein fast erschlagen, und der Film drückt sein Symbol noch einmal so fest auf, dass es weh tut. Ähnlich die Treppen: Nach dem Regen haben wir verstanden, dass oben die Reichen und unten die Armen leben. Der Film wiederholt das trotzdem noch einige Male.

Der zweite Grund ist der Umschwung im letzten Akt. Ich finde ihn größtenteils verdient. Aber Geun-saes Ausbruch bei der Geburtstagsfeier ist dramaturgisch die bequemste Lösung. Ein Mann, der vier Jahre im Dunkeln gelebt hat und gerade seine Frau verloren hat, wird zum Messerstecher, genau in dem Moment, in dem alle Figuren im Garten versammelt sind. Das ist Kino-Logik, nicht Menschen-Logik. Es führt zu einer Szene, die man nicht vergisst, aber man spürt das Drehbuch, das alle Figuren an ihren Platz schiebt.

Der dritte ist Frau Park. Yeon-kyo ist die einzige Figur, die der Film zur Karikatur macht, die naive, reiche Hausfrau, die alles glaubt und von nichts weiß. Ihr Mann bekommt die Würde einer echten Figur, sogar eine gewisse Tragik. Sie bekommt sie nicht. Das ist ein kleiner, aber merklicher Riss in einem Film, der sonst so genau darauf achtet, niemanden zum Bösewicht oder zum Witz zu machen.

Und dann das Ende. Ki-woo überlebt den Schlag mit dem Stein mit einer Hirnverletzung, die ihn grundlos lachen lässt. Seine Mutter und er werden verurteilt, kommen mit Bewährung davon. Ki-taek ist verschwunden. Ki-woo beobachtet das Haus der Parks, in dem inzwischen eine deutsche Familie wohnt, und bemerkt, dass die Lampe im Treppenhaus in Morsezeichen blinkt. Sein Vater ist in den Bunker geflohen und lebt nun dort, wo Geun-sae lebte. Ki-woo schreibt ihm einen Brief, den er nie abschicken kann: Er werde Geld verdienen, viel Geld, und eines Tages das Haus kaufen. Dann müsse sein Vater nur noch die Treppe hinaufkommen. Wir sehen diese Zukunft, das Haus, den Garten, den Vater, der aus dem Keller tritt und seinen Sohn umarmt. Dann schneidet Bong zurück in die Halbkellerwohnung. Ki-woo sitzt dort, wo er am Anfang saß.

Ich halte dieses Ende für das bitterste Ende eines großen Films in den letzten zehn Jahren, und es ist genau richtig. Früher im Film hatte Ki-taek seinem Sohn erklärt, warum er keine Pläne mehr macht: Weil Pläne nie aufgehen, und wer keinen Plan hat, kann auch nicht scheitern. Damals klang das wie Faulheit. Am Ende ist es die einzige ehrliche Einsicht, die der Film seinen Figuren zugesteht. Ki-woo hat jetzt endlich einen Plan. Und der Film lässt keinen Zweifel daran, was dieser Plan wert ist.