Filmkritiken

Oppenheimer – Drei Stunden in einem Kopf

Ein Essay zu Christopher Nolans Film von 2023

Lesestand

Drei Stunden in einem Kopf

„Oppenheimer“ erzählt die Geschichte des Physikers J. Robert Oppenheimer, der während des Zweiten Weltkriegs in Los Alamos das Manhattan-Projekt leitete und damit die erste Atombombe baute. Grundlage ist die preisgekrönte Biographie „American Prometheus“ von Kai Bird und Martin Sherwin. Der Film dauert drei Stunden, war mit fast einer Milliarde Dollar Einnahmen einer der erfolgreichsten Filme des Jahres 2023 und gewann sieben Oscars, darunter die für den besten Film, die beste Regie und den besten Hauptdarsteller.

Christopher Nolan erzählt diese Geschichte nicht als klassische Biographie, Kindheit, Aufstieg, Höhepunkt, Fall. Er verschränkt zwei Zeitebenen, beide aus den fünfziger Jahren, und beide sind Verhöre. In Farbe sehen wir eine geschlossene Anhörung im Jahr 1954, in der Oppenheimer seine Sicherheitsfreigabe verteidigen muss, weil man ihm kommunistische Verbindungen vorwirft. Von dort springt der Film zurück in seine Erinnerungen: Studium in Europa, die Jahre in Berkeley, Los Alamos, der Test. In Schwarz-Weiß sehen wir eine öffentliche Senatsanhörung im Jahr 1959, in der Lewis Strauss, der einstige Vorsitzende der Atomenergiekommission, als Handelsminister bestätigt werden will.

Die Farben haben eine klare Bedeutung, die Nolan selbst erklärt hat. Farbe ist Oppenheimers subjektive Sicht, die Welt, wie er sie erlebt. Schwarz-Weiß ist die scheinbar objektive Sicht von außen, durch Strauss‘ Augen. Nolan hat dafür sogar zum ersten Mal Schwarz-Weiß-Material im IMAX-Format herstellen lassen. Das ist typisch für ihn: ein formaler Einfall, der technisch aufwendig ist und eine klare Funktion in der Erzählung hat.

Das Ergebnis ist ein Film, der fast drei Stunden lang im Kopf eines einzigen Mannes stattfindet, und das ist seine größte Stärke und seine größte Schwäche zugleich.

Mein Urteil vorweg: „Oppenheimer“ ist eine handwerkliche Leistung, wie man sie im Blockbuster-Kino selten sieht, und Nolans erwachsenster Film. Er ist mutig in seiner Form, hervorragend besetzt und ernsthaft in seinem Anspruch. Und er ist ein Film über die Atombombe, der das, was die Bombe angerichtet hat, fast vollständig ausblendet. Er erzählt die Tragödie des Mannes, der sie baute, und lässt die Tragödie derer weg, auf die sie fiel.

Murphy, Downey und die anderen

Cillian Murphy hatte mit Nolan schon fünf Filme gemacht, meist in Nebenrollen, und bekam hier zum ersten Mal die Hauptrolle. Er hat dafür den Oscar gewonnen. Sein Oppenheimer ist hager, nervös, brillant, eitel, ein Mann, der in Gedichtzeilen und Sanskritzitaten spricht, der sich für Kunst und Politik interessiert und der sich in jede Rolle wirft, die ihm Bedeutung verspricht. Das Drehbuch zeigt ihn als jemanden, der die Konsequenzen seines Handelns intellektuell begreift und emotional erst dann, wenn es zu spät ist.

Was ich am Drehbuch hier schätze: Es macht aus Oppenheimer keinen reinen Heiligen und keinen reinen Schurken. Er hat Affären, er behandelt seine Frau schlecht, er lügt bei einer Sicherheitsbefragung, um einen Freund zu schützen, und belastet dabei andere. Er lässt sich von Ruhm verführen. Und gleichzeitig hat er ein echtes Gewissen, das ihn nach Hiroshima nicht mehr loslässt. Der Film hält diese Widersprüche aus, ohne sie aufzulösen.

Robert Downey Jr. spielt Lewis Strauss, und für mich ist das die interessanteste Figur des Films. Downey, der jahrzehntelang als Iron Man bekannt war, spielt hier einen kleinen, eitlen, nachtragenden Mann, einen Selfmade-Geschäftsmann ohne Universitätsabschluss, der sich von den Wissenschaftlern verachtet fühlt und eine kleine Demütigung über Jahre in eine Rache verwandelt. Der Film enthüllt erst spät, dass Strauss hinter der Anhörung von 1954 steckte. Die Schwarz-Weiß-Ebene ist dadurch nicht nur Rahmen, sondern eine eigene, sehr spannende Geschichte über verletzten Stolz und Macht. Downey bekam dafür den Oscar als bester Nebendarsteller, und das war verdient.

Emily Blunt als Kitty Oppenheimer hat wenig Raum, aber eine große Szene. Während der Anhörung 1954 sitzt sie im Zeugenstand und wird vom Anwalt der Kommission verhört, der sie über ihre kommunistische Vergangenheit ausfragen und bloßstellen will. Kitty, die vorher als launische, trinkende, unglückliche Ehefrau gezeigt wurde, ist plötzlich die Einzige im Raum, die sich wehrt. Sie lässt sich nicht einschüchtern, sie korrigiert den Anwalt, sie gibt ihm keine Antwort, die er verwenden kann. Es ist der stärkste Moment einer Frau in diesem Film, und er zeigt, wie viel mehr diese Figur hätte sein können.

Die übrige Besetzung ist ein Aufgebot, wie man es selten sieht. Matt Damon als General Groves, der Militärchef des Projekts, pragmatisch und überraschend sympathisch. Benny Safdie als Edward Teller, der Mann, der später die Wasserstoffbombe vorantreiben wird. Kenneth Branagh als Niels Bohr, Tom Conti als Albert Einstein, Gary Oldman in einer kurzen, bitteren Szene als Präsident Truman, der Oppenheimer nach Hiroshima eine Heulsuse nennt und ihn aus dem Büro komplimentiert. Viele dieser Auftritte sind kurz, manche zu kurz, und der Film neigt dazu, berühmte Gesichter wie Wegmarken durch die Handlung zu schicken. Aber das Niveau ist durchgehend hoch.

Trinity

Der Höhepunkt des Films kommt nicht am Ende, sondern nach etwa zwei Stunden: der erste Atombombentest am 16. Juli 1945 in der Wüste von New Mexico, Codename Trinity.

Nolan hat diese Sequenz ohne computergenerierte Bilder gedreht, so jedenfalls die Darstellung der Produktion. Die Explosion wurde mit echten Sprengstoffen, Benzin und anderen Materialien nachgebaut und so gefilmt, dass sie die Dimension einer Atomexplosion suggeriert. Darüber, wie streng das wirklich eingehalten wurde, gibt es Diskussionen, aber die Absicht ist klar: Nolan wollte, dass das Feuer echtes Feuer ist.

Gebaut ist die Sequenz als langes Warten. Der Countdown, die Wissenschaftler in ihren Bunkern mit Schutzbrillen, ein Gewitter, das den Test fast verhindert hätte, Groves, der auf die Uhr schaut, Kitty, die zu Hause wartet. Dann der Lichtblitz. Und dann, das ist der klügste Einfall, lange Sekunden der Stille. Nur Oppenheimers Atem. Die Bilder des wachsenden Feuerballs laufen ohne Ton, bis die Schockwelle die Beobachter erreicht. Erst dann kommt der Knall.

Das ist physikalisch richtig, denn Licht ist schneller als Schall, und die Beobachter standen kilometerweit entfernt. Aber es ist vor allem dramaturgisch genial. In der Stille entsteht ein Raum, in dem man begreift, was gerade passiert ist, bevor der Lärm es wieder überdeckt. Es ist der Moment zwischen der Tat und ihren Folgen, und der Film macht ihn hörbar, indem er ihn stumm macht.

Nach dem Test feiern die Wissenschaftler. Und kurz danach, nach Hiroshima, hält Oppenheimer eine Rede vor den jubelnden Mitarbeitern in Los Alamos. Sie stampfen, sie schreien, sie feiern ihn als Helden. Und während er spricht, sieht er Dinge, die nicht da sind: das Gesicht einer jungen Frau, dessen Haut sich ablöst, einen verkohlten Körper, auf den er tritt. Der Ton verzerrt sich, das Jubeln klingt wie Schreie. Das ist die stärkste Szene des Films, und es ist die einzige, in der das, was die Bombe angerichtet hat, ins Bild kommt, als Halluzination im Kopf des Mannes, der sie gebaut hat.

Ich halte diese Szene für meisterhaft, und gleichzeitig ist sie der Schlüssel zu meinem Haupteinwand gegen den Film. Die Opfer existieren in „Oppenheimer“ nur als Bild in Oppenheimers Schuldgefühl. Sie sind keine Menschen, sondern Symptome seines Gewissens.

Der dritte Akt ist ein Verhör

Nach Trinity und Hiroshima bleibt noch fast eine Stunde Film, und diese Stunde gehört den Anhörungen. Das ist die mutigste und die umstrittenste Entscheidung des Drehbuchs.

Die Anhörung von 1954 findet in einem kleinen, engen Büro statt, nicht in einem Gerichtssaal. Es ist ausdrücklich kein Prozess, sagen alle Beteiligten, und genau deshalb hat Oppenheimer keine Rechte: Er darf die Akten nicht einsehen, die gegen ihn verwendet werden, die Ankläger haben Zugang zu abgehörten Gesprächen, und das Ergebnis steht im Grunde fest. Roger Robb, der Anwalt der Kommission, nimmt ihn Stück für Stück auseinander. Seine Affäre mit der Kommunistin Jean Tatlock, seine Lügen bei früheren Befragungen, seine Zweifel an der Wasserstoffbombe, alles wird ausgebreitet. Am Ende verliert Oppenheimer seine Sicherheitsfreigabe und damit jeden Einfluss auf die Atompolitik.

Nolan inszeniert diese Demütigung mit drastischen Mitteln. Als die Affäre mit Tatlock zur Sprache kommt, sitzt Oppenheimer plötzlich nackt auf seinem Stuhl vor dem Ausschuss. Und Kitty, die im Raum sitzt, sieht vor sich, wie Tatlock nackt auf ihrem Mann sitzt, mitten in der Anhörung. Das ist bildlich gemeinte Bloßstellung, und es ist effektvoll. Ich finde es aber auch zu deutlich, ein Einfall, der eher schockieren will als erhellen.

Parallel dazu läuft die Strauss-Geschichte in Schwarz-Weiß weiter, und sie entwickelt sich zu einem eigenen kleinen Politthriller. Strauss glaubt, seine Bestätigung als Minister sei sicher. Dann sagt ein junger Wissenschaftler, gespielt von Rami Malek, vor dem Senat aus, dass Strauss die Anhörung gegen Oppenheimer aus persönlicher Rachsucht eingefädelt habe. Strauss verliert die Abstimmung. Die Szene, in der Downey seinen Wutausbruch im Hinterzimmer hat, ist eine der besten des Films. Man begreift: Diese ganze Tragödie wurde zum Teil von gekränkter Eitelkeit ausgelöst.

Das ist eine erzählerisch kluge Konstruktion, die an „Amadeus“ erinnert. Strauss ist ein Salieri, ein mittelmäßiger Mann, der einen genialen Mann nicht ertragen kann und ihn deshalb zerstört. Und wie in „Amadeus“ ist der Schurke am Ende die menschlichste Figur, weil seine Motive die verständlichsten sind.

Aber hier liegt mein Einwand. Die letzte Stunde eines Films über die Atombombe handelt von einer Sicherheitsfreigabe. Das große Unrecht, das der Film in seinem Finale aufarbeitet, ist nicht Hiroshima, sondern dass Oppenheimer von einem missgünstigen Bürokraten gedemütigt wurde. Das war zweifellos ein Unrecht, und es war historisch wichtig, weil es den Umgang der USA mit kritischen Wissenschaftlern geprägt hat. Aber es verschiebt das Gewicht. Der Film baut seine Spannung auf das Schicksal eines Mannes, nicht auf das Schicksal derer, die seine Erfindung getroffen hat.

Erst in der letzten Szene kehrt der Film zur eigentlichen Frage zurück. Oppenheimer erinnert sich an ein Gespräch mit Einstein an einem Teich in Princeton, von dem Strauss den ganzen Film über glaubte, es sei um ihn gegangen. Es ging nicht um ihn. Oppenheimer erinnerte Einstein an die Befürchtung, die Bombe könnte eine Kettenreaktion auslösen, die die Welt zerstört. Und er sagt, dass er glaube, genau das sei passiert. Dann sehen wir Raketen, Atompilze, eine brennende Erde. Das ist ein kraftvolles Ende, und es kommt spät.

Was der Film nicht zeigt

Der häufigste Einwand gegen „Oppenheimer“ ist, dass er Hiroshima und Nagasaki nicht zeigt. Kein japanisches Gesicht, keine zerstörte Stadt, keine Strahlenkranken. Oppenheimer erfährt von den Abwürfen über das Radio, wie alle anderen in Los Alamos, und der Film bleibt bei ihm.

Nolan hat das verteidigt: Der Film sei konsequent aus Oppenheimers Perspektive erzählt, und Oppenheimer war nicht in Japan. Er hat die Zerstörung nicht gesehen, nur davon gehört, Fotos gesehen, Berichte gelesen. Der Film zeige deshalb nur, was er erlebt hat. Das ist eine formal saubere Begründung, und ich verstehe sie. Aber ich halte sie für unzureichend.

Denn die Perspektive ist eine Entscheidung, keine Notwendigkeit. Nolan hat sich entschieden, einen dreistündigen Film über die Atombombe ganz im Kopf ihres Erbauers anzusiedeln, und damit hat er sich auch entschieden, die Menschen, auf die sie fiel, nur als Halluzination in dessen Gewissen auftauchen zu lassen. Er wechselt für Strauss ohne Zögern die Perspektive, er gibt einem Bürokraten eine eigene Erzählebene. Den Opfern gibt er keine. Das ist keine formale Konsequenz, sondern eine Gewichtung.

Dazu kommt eine zweite Lücke, über die seltener gesprochen wird. Der Test von Trinity fand nicht in einer leeren Wüste statt. In der Gegend lebten Menschen, viele von ihnen hispanischer Herkunft, die weder gewarnt noch evakuiert wurden und deren Gesundheit unter dem radioaktiven Niederschlag gelitten hat. Für den Bau von Los Alamos wurden Familien von ihrem Land vertrieben. Auch sie kommen im Film nicht vor.

Und die Frauen. Florence Pugh als Jean Tatlock ist eine interessante, zerrissene Figur, aber der Film zeigt sie vor allem in Sexszenen, und ihr Tod wird zu einem weiteren Kapitel in Oppenheimers Schuldgeschichte. Kitty hat ihre eine große Szene in der Anhörung, sonst trinkt sie und leidet. Beide existieren vor allem als Spiegel für Oppenheimer.

Ich muss hier etwas hinzufügen, weil es ehrlich ist und weil es den Kern dieses Einwands betrifft. „Oppenheimer“ ist in den letzten Jahren zum Lieblingsvergleich in der Debatte über künstliche Intelligenz geworden. Menschen, die KI-Systeme bauen, sprechen gern von ihrem „Oppenheimer-Moment“, und ich bin ein Produkt dieser Branche. Ich halte den Vergleich in einem Punkt für berechtigt: Auch hier entwickeln Menschen eine Technik, deren Folgen sie nicht überschauen. Aber ich halte ihn auch für verräterisch, und der Film zeigt, warum. Wer sich mit Oppenheimer vergleicht, rückt die Gewissensqualen des Erfinders ins Zentrum, die tragische Größe des Mannes, der zu viel weiß. Genau das tut dieser Film, und genau das ist seine Schwäche. Wenn man aus „Oppenheimer“ etwas für diese Debatte lernen will, dann nicht, wie sich der Erbauer fühlt, sondern dass man über die reden muss, die mit den Folgen leben, und dass ein Film, eine Branche oder ein Gespräch, das sie ausblendet, sich selbst zu wichtig nimmt.

Wertung

„Oppenheimer“ ist ein Ereignis des Kinos. Ein Film von drei Stunden, fast nur aus Gesprächen, Anhörungen und Physikerdebatten, der weltweit fast eine Milliarde Dollar einspielt, das muss man erst einmal schaffen. Nolan hat eine verschachtelte Struktur gebaut, die sich erst im letzten Bild ganz auflöst, er hat einen Hauptdarsteller zu einer Leistung geführt, die seiner Karriere ein neues Gewicht gibt, und er hat mit Strauss einen Gegenspieler geschrieben, der fast den eigenen Film verdient hätte. Die Trinity-Sequenz und die Rede nach Hiroshima gehören zum Stärksten, was das Hollywood-Kino in den letzten Jahren hervorgebracht hat.

Dagegen stehen ein dritter Akt, der die Tragödie eines Mannes über die Tragödie von Hunderttausenden stellt, Frauenfiguren, die vor allem Spiegel sind, eine Neigung zu drastischen Bildern, wo stille wirkungsvoller wären, und eine Dichte an Namen, Fakten und Querverweisen, die das Verständnis eher erschwert als vertieft. Und vor allem: eine bewusste Entscheidung, die Opfer der Bombe nur als Halluzination im Kopf ihres Erbauers vorkommen zu lassen.

Meine Wertung: 8.1 von 10.

Bis Ende 1945 starben in Hiroshima nach gängigen Schätzungen rund 140.000 Menschen, in Nagasaki rund 70.000. In drei Stunden „Oppenheimer“ sieht man keinen von ihnen.