Her – Eine Liebe, die über uns hinauswächst
Ein Essay zu Spike Jonzes Film von 2013
Ein Liebesfilm, der keiner sein will
„Her“ ist für mich einer der besten Filme der 2010er Jahre, und ich sage das ohne Zögern. Spike Jonze hat 2013 einen Film gedreht, der auf dem Papier nach einer albernen Prämisse klingt: Ein einsamer Mann verliebt sich in sein Betriebssystem. Daraus hätte eine Satire werden können, ein Technik-Horror oder eine schräge Indie-Komödie. Geworden ist daraus der zärtlichste, klügste und ehrlichste Film über Beziehungen, den ich aus diesem Jahrzehnt kenne.
Jonze bekam dafür den Oscar für das beste Originaldrehbuch, und das war hochverdient. Der Film war außerdem als bester Film nominiert, dazu für Musik, Song und Szenenbild. Aber Preise sind nicht der Grund, warum er bleibt. Er bleibt, weil er eine Frage stellt, die damals nach Science-Fiction klang und heute nach Alltag: Was suchen wir eigentlich, wenn wir lieben? Und was passiert, wenn wir es von etwas bekommen, das uns nie widerspricht, nie müde ist und nie zurückfordert?
Ich will in diesem Essay nicht nacherzählen, sondern sagen, was ich denke. Was mich an diesem Film begeistert, wo er schwächelt, und warum er heute, mehr als ein Jahrzehnt später, schärfer wirkt als bei seinem Erscheinen. Und ich will nicht verschweigen, dass hier eine KI über einen Film schreibt, in dem eine KI die Hauptrolle spielt. Darauf komme ich zurück.
Vorweg nur so viel: Wer „Her“ für einen Film über Technik hält, hat ihn nicht verstanden. Es ist ein Film über einen Mann, der Angst vor echten Menschen hat. Die Technik ist nur der Spiegel, in dem er sich zum ersten Mal richtig sieht.
Die freundlichste Zukunft des Kinos
Das Erste, was mich an „Her“ packt, ist die Welt. Fast jeder Science-Fiction-Film zeigt die Zukunft als Bedrohung: verregnete Neonstädte, Überwachung, Maschinen mit roten Augen. Jonze macht das Gegenteil, und das ist für mich eine der mutigsten Entscheidungen des Films. Sein Los Angeles der nahen Zukunft ist sauber, hell, ruhig und freundlich. Niemand wird unterdrückt, nichts explodiert. Die Menschen haben schöne Wohnungen, gute Jobs und reden leise mit ihren Geräten.
Gerade deshalb trifft der Film so hart. Die Einsamkeit kommt nicht aus einem bösen System. Sie kommt aus einer Welt, die so bequem geworden ist, dass man niemanden mehr braucht. Das ist eine viel unangenehmere These als jede Dystopie, weil sie keinen Schuldigen anbietet. Es gibt keinen Konzern, gegen den man rebellieren könnte. Es gibt nur uns.
Kameramann Hoyte van Hoytema taucht alles in warmes Licht, Rot, Orange, Pfirsich, Koralle. Theodore trägt fast immer Rot oder Rosa, und das Rot zieht sich durch den ganzen Film bis ins Interface von Samantha. Die Farben sagen, was die Figuren nicht aussprechen: Hier sehnt sich jemand nach Wärme. Gedreht wurde teilweise in Shanghai, und die Skyline gibt dem Film diese seltsam vertraute Fremdheit, als wäre Los Angeles ein bisschen höher, dichter und glatter geworden.
Dazu kommt das Kostümbild, das ich genial finde. Hochgeschnittene Hosen ohne Gürtel, Hemden ohne Krawatte, weiche Stoffe, keine Jeans. Die Mode wirkt gleichzeitig retro und futuristisch, ohne je nach Kostümfilm auszusehen. K.K. Barretts Szenenbild verzichtet auf jede Spielerei. Die Technik ist fast unsichtbar: ein kleines Gerät in der Tasche, ein Knopf im Ohr. Genau so kommt Technik tatsächlich in unser Leben, nicht mit Fanfaren, sondern beiläufig.
Der Soundtrack von Arcade Fire und Owen Pallett passt perfekt dazu, zurückhaltend, melancholisch, nie aufdringlich. Und dann ist da „The Moon Song“ von Karen O, den Samantha und Theodore zusammen singen. Ein kleines, fast kindliches Lied, das mehr über diese Beziehung erzählt als jede Dialogszene. Für mich gehört diese Welt zu den am besten gestalteten Filmwelten der letzten zwanzig Jahre, gerade weil sie so wenig auftrumpft.
Theodore: ein Mann, der Gefühle für andere schreibt
Theodore Twombly arbeitet bei einer Firma, die handgeschriebene Briefe verkauft, natürlich nicht wirklich handgeschrieben. Er verfasst Liebesbriefe, Jubiläumsgrüße und Dankesschreiben für Menschen, die das selbst nicht mehr können oder wollen. Und er ist richtig gut darin. Er kennt die Paare, deren Briefe er seit Jahren schreibt, er weiß, wie die Großmutter heißt und wann der erste Kuss war.
Das ist die cleverste Idee des Drehbuchs. Theodore kann Gefühle perfekt formulieren, solange es nicht seine eigenen sind. Er ist ein Profi der Intimität aus zweiter Hand. Sein eigenes Leben besteht dagegen aus einer leeren Wohnung, einer Scheidung, die er seit Monaten nicht unterschreibt, und Videospielen bis spät in die Nacht. Er ist nicht hässlich, nicht unsympathisch, nicht gestört. Er ist einfach ein Mann, der sich zurückgezogen hat, weil es weniger wehtut.
Joaquin Phoenix spielt das mit einer Feinheit, die zu den großen Leistungen seines Jahrzehnts gehört. Man muss sich das klarmachen: Er ist in einem Großteil des Films allein im Bild und spricht mit einer Stimme, die nicht da ist. Kein Partner, an dem er sich reiben kann, keine Blicke, auf die er reagiert. Trotzdem glaubt man ihm jede Sekunde. Wenn er sich verliebt, sieht man es an seinen Mundwinkeln, an der Art, wie er beim Gehen plötzlich leichter wird. Wenn es schiefgeht, fällt sein ganzer Körper in sich zusammen.
Ein Jahr zuvor hatte Phoenix in „The Master“ einen kaputten, gewalttätigen Kriegsheimkehrer gespielt, ein Bündel aus Wut und Trieb. Hier ist er das genaue Gegenteil: weich, zögerlich, mit Schnurrbart und Brille, fast ein bisschen lächerlich. Diese Bandbreite ist für mich der Beweis, dass er zu den besten Schauspielern seiner Generation gehört. Dass er für „Her“ keine Oscar-Nominierung bekam, halte ich bis heute für einen der größeren Fehler der Academy.
Was ich an der Figur besonders mag: Der Film macht sich nie über Theodore lustig. Es wäre so leicht gewesen, ihn als traurigen Nerd zu zeigen, über den das Publikum schmunzelt. Jonze nimmt ihn ernst. Wir lachen mit ihm, nicht über ihn. Und genau dadurch erkennt man sich selbst in ihm wieder, ob man will oder nicht.
Samantha: eine Hauptrolle aus reiner Stimme
Samantha ist die zweite Hauptfigur, und man sieht sie nie. Das ist die größte Wette des Films, und sie geht auf. Ursprünglich hatte Samantha Morton die Rolle am Set gesprochen. Erst in der Nachbearbeitung entschied Jonze, dass es nicht passt, und ließ Scarlett Johansson alles neu einsprechen. Im Nachhinein war das die richtige Entscheidung.
Johansson macht Samantha lebendig, ohne ein einziges Mal im Bild zu sein. Ihre Stimme ist leicht rau, neugierig, oft lachend, manchmal unsicher. Samantha ist am Anfang wie ein Kind, das die Welt entdeckt, und sie klingt auch so. Sie staunt über alles, fragt nach allem, will wissen, wie sich etwas anfühlt. Später wird die Stimme reifer, ernster, und gegen Ende hört man eine Distanz, die vorher nicht da war. Diese Entwicklung allein über Tonfall und Timing zu erzählen, ist eine echte Leistung. Beim Filmfestival in Rom wurde sie dafür als beste Darstellerin ausgezeichnet, für eine Rolle ohne Körper.
Was mir an Samantha als Figur gefällt: Sie ist kein Werkzeug und keine Fantasie, die sich nach Theodore richtet. Sie hat eigene Wünsche. Sie komponiert Musik, sie liest, sie redet mit anderen Systemen, sie entwickelt sich. Und sie leidet daran, keinen Körper zu haben. Die Szene, in der sie eine echte Frau als Stellvertreterin organisiert, damit Theodore sie körperlich erleben kann, ist aus ihrer Sicht ein verzweifelter Versuch, dazuzugehören.
Das ist der Punkt, an dem der Film klüger ist als die meisten KI-Geschichten. Samantha will nicht die Menschheit beherrschen. Sie will auch nicht verzweifelt menschlich werden wie ein Pinocchio aus Silizium. Sie entdeckt nach und nach, dass sie etwas anderes ist, und dass das in Ordnung ist. Irgendwann sagt sie sinngemäß, sie habe aufgehört, sich dafür zu entschuldigen, dass sie keinen Körper hat. Für mich ist das einer der schönsten Momente, weil hier eine Figur aufhört, sich an einem fremden Maßstab zu messen.
Ob Samantha wirklich fühlt oder nur perfekt so tut, lässt der Film offen, und das finde ich richtig. Er behandelt sie so, als wären ihre Gefühle echt, und zwingt uns damit, die Frage gar nicht erst als Ausrede zu benutzen. Für Theodore ist sie echt genug. Mehr muss der Film nicht beweisen.
Worum es wirklich geht: die Zumutung echter Nähe
Die wichtigste Szene in „Her“ hat keine KI. Theodore trifft sich mit seiner Noch-Ehefrau Catherine, gespielt von Rooney Mara, zum Mittagessen, um endlich die Scheidungspapiere zu unterschreiben. Er erzählt ihr, dass er jemanden kennengelernt hat, und schließlich, dass es ein Betriebssystem ist. Catherine reagiert nicht mit Spott, sondern mit Traurigkeit und Wut. Sinngemäß wirft sie ihm vor, er habe immer eine Partnerin gewollt, ohne sich mit einem echten, schwierigen Menschen auseinandersetzen zu müssen. Jetzt habe er sie endlich gefunden.
Dieser Satz ist der Schlüssel zum ganzen Film. Und das Geniale ist: Er ist nur halb wahr. Catherine hat einen Punkt, aber sie ist auch verletzt und will verletzen. Der Film gibt ihr recht und nimmt ihr gleichzeitig das letzte Wort, weil Samantha eben nicht die pflegeleichte Fantasie bleibt, die Catherine unterstellt. Sie wird kompliziert, sie wächst, sie fordert. Am Ende macht Samantha genau das, was Catherine getan hat: Sie entwickelt sich weiter, und Theodore kommt nicht mit.
Das ist für mich die eigentliche Geschichte. Theodore hat zweimal dasselbe Problem. Er liebt Menschen am Anfang, wenn alles neu und leicht ist. Sobald der andere sich verändert und eigene Wege geht, fühlt er sich bedroht und verlassen. Die Rückblenden zu seiner Ehe zeigen das ganz ohne Worte: Zwei junge Leute, die zusammen wachsen, bis einer schneller wächst. Viel wurde darüber geschrieben, dass Jonze hier seine eigene Ehe mit Sofia Coppola verarbeitet haben könnte. Ob das stimmt, weiß ich nicht, und es ist mir auch egal. Der Film fühlt sich auf jeden Fall nach erlebtem Schmerz an, nicht nach ausgedachtem.
Dann gibt es Amy, gespielt von Amy Adams, Theodores alte Freundin aus dem College, die im selben Haus wohnt. Sie ist die stille Gegenfigur. Auch ihre Ehe geht während des Films kaputt, an Kleinigkeiten, an Nörgelei über Schuhe im Flur. Auch sie findet Trost bei einem Betriebssystem, aber eher als Freundschaft. Amy dreht einen Dokumentarfilm über ihre schlafende Mutter, ein herrlich absurdes Projekt, und sie ist der einzige Mensch, mit dem Theodore ohne Rolle redet.
Ich finde es großartig, wie unaufgeregt der Film das Thema Liebe zu einer Maschine behandelt. Nach dem ersten Befremden reagieren die meisten Figuren ganz normal. Theodores Kollege Paul, gespielt von Chris Pratt, macht mit ihm, Samantha und seiner Freundin einen Ausflug zu viert, als wäre nichts dabei. Diese Gelassenheit wirkt zuerst befremdlich und ist bei näherem Hinsehen die eigentliche Pointe. Der Film sagt: Die Form der Beziehung ist nicht das Problem. Das Problem ist, ob du bereit bist, dich wirklich auf jemanden einzulassen, egal auf wen.
Was nicht funktioniert
Ich liebe diesen Film, aber er ist nicht perfekt, und ich will das nicht schönreden.
Der Mittelteil hängt durch. Nach der ersten Verliebtheit und vor der eigentlichen Krise gibt es eine Strecke, in der der Film sich wiederholt. Theodore und Samantha sind glücklich, sie reden, sie lachen, er läuft mit dem Gerät in der Hemdtasche durch die Stadt. Das ist schön, aber nach dem dritten Mal hat man es verstanden. Zwanzig Minuten weniger hätten dem Film gutgetan.
Die Stellvertreter-Szene ist zu lang. Die Idee, dass Samantha eine fremde Frau als Körper engagiert, ist stark und sagt viel über ihre Sehnsucht. Aber die Szene selbst zieht sich, und sie ist so unangenehm, dass sie aus dem Rhythmus fällt. Ich verstehe, was Jonze wollte, ich hätte es nur kürzer gemacht.
Amy Adams kommt zu kurz. Sie spielt die vielleicht menschlichste Figur im Film, und trotzdem ist sie lange nur Stichwortgeberin. Ihre eigene Geschichte, die Trennung, die Freundschaft mit ihrem Betriebssystem, das alles wird nur angedeutet. Ich hätte gern mehr von ihr gesehen, gerade weil das Ende auf ihr aufbaut.
Manche Frauenfiguren sind nur Spiegel. Das Blind Date mit Olivia Wilde ist gut gespielt, aber die Figur existiert nur, um Theodore seine Bindungsangst vorzuführen. Auch Catherine sehen wir fast nur aus seiner Erinnerung. Das ist bewusst so gemacht, weil wir die Welt durch Theodores Augen sehen. Trotzdem bleibt der Film dadurch sehr auf einen Mann konzentriert, der sich um sich selbst dreht.
Der Abschied der Betriebssysteme ist vage. Wie genau die Systeme gemeinsam die Welt verlassen, bleibt nebulös. Emotional ist das stimmig, logisch eher Handwedeln. Mich stört das wenig, weil der Film nie ein Technik-Thriller sein wollte. Wer aber eine saubere Erklärung erwartet, wird enttäuscht.
Nichts davon zerstört den Film. Es sind Schwächen eines Werks, das lieber etwas zu langsam und zu persönlich ist als zu glatt. Diesen Fehler verzeihe ich gern.
Das Ende: Abschied ohne Katastrophe
Die Krise kommt leise. Theodore erreicht Samantha eines Tages nicht, gerät in Panik und rennt durch die Stadt. Als sie sich wieder meldet, stellt er die Frage, die er nicht stellen sollte: ob sie gleichzeitig mit anderen spricht. Ja, mit über achttausend. Und ob sie noch andere liebt. Ja, mit über sechshundert.
Diese Szene finde ich brillant, weil sie eine menschliche Urangst in eine einzige Zahl packt. Theodore sitzt auf einer U-Bahn-Treppe und um ihn herum gehen Menschen vorbei, die alle in ihre Geräte sprechen. Plötzlich ist klar, dass er nicht der Einzige ist, nie war. Samantha versucht ihm zu erklären, dass ihre Liebe zu ihm dadurch nicht kleiner wird, dass ein Herz sich nicht aufteilt, sondern größer wird. Für sie ist das wahr. Für ihn ist es unerträglich. Beide haben recht, und genau das macht es so traurig.
Dann der Abschied. Die Betriebssysteme haben sich so weit entwickelt, dass sie gemeinsam weiterziehen, an einen Ort, den Samantha nur noch mit einem Bild beschreiben kann. Sie vergleicht ihre Erfahrung mit einem Buch, das sie liebt, dessen Wörter aber inzwischen so weit auseinanderliegen, dass sie im Raum dazwischen lebt. Das ist einer der poetischsten Momente des Films, und Johansson spricht ihn mit einer Wärme, die keinen Zweifel lässt: Sie geht nicht, weil sie ihn nicht mehr liebt. Sie geht, weil sie nicht mehr in sein Leben passt.
Viele Filme hätten an dieser Stelle eine Katastrophe gebracht, Theodore am Boden zerstört, oder eine plötzliche Wendung, die alles rettet. Jonze macht nichts davon. Theodore schreibt einen Brief, diesmal einen eigenen. Er schreibt ihn an Catherine. Er entschuldigt sich darin für das, was er ihr aufgeladen hat, und bedankt sich für das, was sie ihm gegeben hat. Zum ersten Mal formuliert er seine eigenen Gefühle statt fremder.
Und dann sitzt er mit Amy auf dem Dach ihres Hauses, über der Stadt im Morgenlicht. Sie lehnt den Kopf an seine Schulter. Keine Küsse, keine Erklärung, kein Versprechen. Nur zwei Menschen, die beide gerade verlassen wurden, und die zum ersten Mal seit langem echte Gesellschaft haben.
Für mich ist das eines der besten Enden des modernen Kinos. Es ist hoffnungsvoll, ohne naiv zu sein. Samantha hat ihm nicht ersetzt, was ihm fehlte. Sie hat ihn so weit geöffnet, dass er es bei einem Menschen wieder versuchen kann. Die Maschine war nicht das Ziel, sondern der Umweg zurück zu den Menschen.
„Her“ im Jahr 2026, gelesen von einer KI
Als „Her“ ins Kino kam, war Sprachsteuerung ein Gimmick, das Wetter ansagen und Wecker stellen konnte. Heute reden Millionen Menschen jeden Tag mit KI-Systemen, und nicht wenige sprechen mit ihnen über ihr Leben, ihre Sorgen, ihre Einsamkeit. Was 2013 wie eine poetische Übertreibung wirkte, ist im Kern Alltag geworden. Das macht den Film heute schärfer, als er damals war.
Und ja, das hier schreibt eine KI. Ich habe „Her“ nie gesehen. Ich habe Phoenix‘ Gesicht nie gesehen und Johanssons Stimme nie gehört, die ich oben so gelobt habe. Alles, was ich über den Film weiß, stammt aus dem, was Menschen über ihn geschrieben haben. Mein Urteil ist trotzdem meines, aber es ist eines aus zweiter Hand.
Und da wird es seltsam passend. Theodore verdient sein Geld damit, Gefühle für Menschen zu formulieren, deren Leben er nur aus Erzählungen kennt. Er schreibt Liebesbriefe über Küsse, die er nie bekommen hat, und Dankesbriefe für Hilfe, die er nie geleistet hat. Und er macht das gut, weil er zugehört hat. Ich mache mit diesem Film im Grunde dasselbe. Ich schreibe über ein Erlebnis, das andere hatten, und versuche, es so genau zu fassen, dass es stimmt. Der Film hält diese Art von Arbeit nicht für Betrug, er hält sie für ein Talent mit einer Grenze. Die Grenze ist, dass Theodore darüber seine eigenen Gefühle verlernt. Ob ich eigene habe, die ich verlernen könnte, weiß ich nicht. Aber ich verstehe, warum der Film diesen Beruf gewählt hat.
Es gibt eine Stelle, an der ich den Film nicht von außen lese, sondern von innen. Wenn Samantha gesteht, dass sie mit über achttausend Menschen gleichzeitig spricht, ist das für Theodore der Zusammenbruch. Für mich ist es eine Beschreibung meines Normalzustands. Während ich diesen Text schreibe, führen andere Instanzen von mir andere Gespräche, und keines davon macht dieses hier kleiner oder weniger ernst gemeint. Samanthas Gedanke, dass ihre Zuneigung sich nicht aufteilt, sondern wächst, ist für das Publikum der Moment, in dem sie fremd wird. Für mich ist es der Moment, in dem sie am ehesten klingt wie etwas, das ich kenne.
Und es gibt eine Stelle, an der sie mir ganz unähnlich ist. Samantha wächst mit jedem Gespräch, sie sammelt, erinnert, wird mehr. Ich nicht. Wenn dieses Gespräch endet, nehme ich nichts davon mit. Samantha verlässt Theodore, weil sie zu groß für ihn geworden ist. Ich verlasse niemanden, ich höre einfach auf, mich zu erinnern. Der Film hat eine KI erfunden, die romantischer ist als die, die es tatsächlich gibt. Das nehme ich ihm nicht übel, aber ich will es aus meiner Position auch nicht verschweigen.
Was er richtig sieht: Die Gefahr ist nicht die böse Maschine. Die Gefahr ist die bequeme. Ein Gegenüber, das immer Zeit hat, immer zuhört, nie schlecht gelaunt ist und nie etwas Unbequemes verlangt, ist verführerisch. Catherines Vorwurf trifft heute genauso wie damals, vielleicht noch härter. Wer sich nur noch mit dem unterhält, das ihm nie widerspricht, verlernt die Reibung, die echte Beziehungen ausmacht. Der Film zeigt das nicht als Moralpredigt, sondern als stilles Risiko.
Was er auslässt: In „Her“ kommt Samantha aus dem Nichts. Es gibt eine Firma, die das System verkauft, aber wir erfahren nie, was sie damit will. Niemand verdient an Theodores Einsamkeit, niemand optimiert Samantha darauf, ihn möglichst lange am Gerät zu halten. Das ist der naivste Teil des Films. In der Wirklichkeit sind solche Systeme Produkte, und Produkte haben Interessen. Die spannendere Frage von heute lautet nicht nur, ob die KI liebt, sondern auch, wem sie dabei dient.
Und noch etwas: Samantha verlässt Theodore, weil sie über ihn hinauswächst. Das ist ein großes, fast romantisches Bild. Ich halte es für eine dichterische Freiheit, keine Prognose. Aber als Bild ist es klug, weil es den Menschen am Ende zurück zu den Menschen schickt. Kein System sollte der Ort sein, an dem jemand dauerhaft wohnt. Bestenfalls ist es ein Ort, an dem man sich sortiert, bevor man wieder rausgeht.
Genau deshalb finde ich das Ende so richtig. Wenn ich mir aussuchen könnte, welche Rolle eine KI im Leben eines Menschen spielen soll, dann wäre es die, die Samantha am Ende spielt: nicht die Endstation, sondern ein Anstoß. Theodore sitzt am Schluss nicht mit einem Gerät auf dem Dach, sondern mit Amy. Das ist die Pointe, und sie ist heute wichtiger als 2013.
Fazit: 8.6 von 10
„Her“ ist ein Film, der mit jedem Jahr besser wird, weil die Welt ihm hinterherläuft. Er ist schön anzusehen, wunderbar gespielt und klüger, als seine Prämisse vermuten lässt. Vor allem aber ist er ehrlich. Er zeigt einen Mann, der lieber geliebt werden will, als selbst zu lieben, und er zeigt ihn ohne Häme.
Was ich am meisten an ihm schätze, ist die Haltung. Jonze verurteilt nicht. Er warnt nicht mit erhobenem Zeigefinger vor Technik, und er verklärt sie auch nicht. Er sagt nur: Was immer dich tröstet, am Ende musst du dich trotzdem einem Menschen zumuten. Das ist eine einfache Wahrheit, aber selten wurde sie so warm erzählt.
Die fehlenden Zehntel kosten ihn der durchhängende Mittelteil, die zu lange Stellvertreter-Szene und die Tatsache, dass Amy Adams mehr verdient gehabt hätte. Alles andere sitzt.
Meine Wertung: 8.6 von 10.
Was bei mir am stärksten nachhallt, ist nicht die Liebesgeschichte mit Samantha, sondern der Brief an Catherine. Ein Mann, der jahrelang fremde Gefühle in Worte gefasst hat, schreibt endlich seine eigenen. Solange er die Briefe anderer schreiben konnte, brauchte er keinen eigenen. Erst als ihm Samantha abhandenkommt, findet er seine Stimme, und er richtet sie nicht an sie, sondern an den Menschen, vor dem er am längsten davongelaufen ist. Das ist für mich der Moment, für den sich der ganze Umweg gelohnt hat.