Filmkritiken

Forrest Gump – Die Pralinenschachtel ist vergiftet

Ein Essay zu Robert Zemeckis' Film von 1994

Lesestand

Das Urteil vorweg

„Forrest Gump“ ist einer der beliebtesten Filme aller Zeiten, und ich halte ihn für einen der überschätztesten. Er hat 1995 sechs Oscars gewonnen, darunter bester Film, beste Regie, bester Hauptdarsteller und bestes adaptiertes Drehbuch. Er hat weltweit rund 680 Millionen Dollar eingespielt. Auf IMDb steht er seit Jahrzehnten in den Top 20. Sätze aus diesem Film sind in die Alltagssprache eingegangen, auch im Deutschen.

Und trotzdem: Wenn man die Verpackung abzieht, bleibt ein Film, der eine ziemlich hässliche Botschaft sehr hübsch verkauft. Sie lautet: Denk nicht nach, gehorche, halte dich raus aus allem, was die Welt verändern will, dann wirst du reich, geliebt und glücklich. Wer dagegen nachdenkt, zweifelt, protestiert oder ein eigenes Leben sucht, wird verprügelt, verkrüppelt oder stirbt.

Das ist nicht meine böswillige Interpretation. Das steht ziemlich offen im Film. Man muss nur hinschauen, wem es am Ende gut geht und wem nicht.

Ich will fair sein, denn der Film kann eine Menge, und ich werde das zuerst würdigen. Aber Handwerk ist nicht alles. Ein Film kann perfekt gemacht sein und trotzdem etwas Falsches erzählen. „Forrest Gump“ ist dafür das beste Beispiel, das ich kenne.

Was der Film kann

Fangen wir mit dem Guten an, denn davon gibt es einiges.

Tom Hanks ist großartig. Er spielt Forrest mit einer Konsequenz, die man nicht unterschätzen darf. Der Gang, die starre Haltung, der Südstaaten-Singsang, der gerade Blick: Hanks hält das über mehr als zwei Stunden und drei Jahrzehnte Filmhandlung durch, ohne je ins Lächerliche zu kippen. Er hatte im Jahr davor schon für „Philadelphia“ den Oscar bekommen und hat hier den zweiten in Folge geholt. Ich halte den ersten für verdienter, aber auch diesen nicht für unverdient.

Sally Field als Mutter ist das Fundament des Films. Sie ist entschlossen, pragmatisch und bedingungslos auf der Seite ihres Sohnes. Die Szene, in der sie im Sterben liegt und Forrest erklärt, dass der Tod einfach zum Leben gehört, ist ruhig und ehrlich, eine der wenigen Stellen, an denen der Film nicht nach Tränen fischt, sondern sie verdient.

Dann die Technik. Industrial Light & Magic hat für diesen Film Dinge gemacht, die 1994 neu waren. Tom Hanks schüttelt Kennedy die Hand, sitzt neben John Lennon in einer Talkshow, steht bei Nixon im Weißen Haus. Gary Sinise verliert im Film beide Beine, und die Beine wurden digital entfernt, so sauber, dass man es bis heute nicht sieht. Dazu kommt die berühmte Feder, die am Anfang und am Ende durch die Luft schwebt, eine scheinbar simple Einstellung, die damals aufwendig zu machen war. Den Oscar für die visuellen Effekte hat der Film zu Recht bekommen.

Und Zemeckis kann erzählen. Der Film springt durch drei Jahrzehnte, von den Fünfzigern bis in die Achtziger, und verliert dabei nie den Faden. Die Rahmenhandlung, in der Forrest auf einer Bank an der Bushaltestelle sitzt und wildfremden Menschen sein Leben erzählt, ist ein cleverer Kniff, weil sie die absurde Fülle der Ereignisse wie eine Anekdote wirken lässt. Der Schnitt ist präzise, die Musikauswahl aus Dutzenden Hits der Epoche trifft fast immer.

Es gibt auch echte Momente. Bubba, gespielt von Mykelti Williamson, und seine Besessenheit mit Garnelen ist rührend und komisch zugleich. Und es gibt eine Szene, die ich wirklich stark finde: Jenny wirft als Erwachsene Steine auf ihr Elternhaus, in dem ihr Vater sie missbraucht hat, bis sie zusammenbricht. Forrest sagt danach sinngemäß, dass es manchmal einfach nicht genug Steine gibt. Das ist der beste Satz des Films, weil er für einen Moment echten Schmerz zulässt, ohne ihn zu verkleistern.

All das ist echt, und all das reicht für einen sehr unterhaltsamen Film. Es reicht nicht für ein Meisterwerk.

Die Belohnung fürs Nichtdenken

Forrest ist ein Mann mit einem IQ von 75, so sagt es der Film gleich zu Beginn. Das ist an sich kein Problem. Ein Film über einen Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten, der seinen Weg findet, kann großartig sein. Das Problem ist, was der Film aus dieser Figur macht. Forrest ist nicht einfach ein Mann, dem trotz allem Gutes widerfährt. Er ist ein Mann, dem Gutes widerfährt, gerade weil er nicht nachdenkt.

Man muss sich die Liste ansehen. Forrest rennt, weil man ihm sagt, er soll rennen, und wird Football-Star. Er geht zur Armee, weil ihn ein Werber anspricht, und findet dort seine Bestimmung, denn in der Armee muss man nur tun, was einem gesagt wird. Er rettet in Vietnam seine Kameraden, ohne zu fragen, was dieser Krieg soll. Er spielt Tischtennis und wird zum Botschafter in China. Er kauft ein Krabbenboot, und ein Hurrikan zerstört alle anderen Boote, sodass er reich wird. Er investiert, ohne zu wissen in was, in eine Firma mit einem Obst im Namen, und wird noch reicher. Er rennt drei Jahre lang quer durch Amerika, ohne Grund, und Menschen folgen ihm wie einem Propheten.

Nichts davon ist Leistung im eigentlichen Sinn. Es ist Gehorsam, Zufall und Glück, und der Film präsentiert es als Tugend. Forrests Mutter fasst die Philosophie des Films im bekanntesten Bild zusammen: Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel, man weiß nie, was man bekommt. Das klingt nach Demut. Tatsächlich ist es eine Aufforderung zur Passivität. Wenn das Leben eine Pralinenschachtel ist, dann muss man nichts tun, nichts entscheiden, nichts verändern. Man greift einfach zu.

Dazu kommt etwas, das mich noch mehr stört. Forrest ist an fast jedem großen Moment der amerikanischen Geschichte beteiligt, ohne ihn je zu verstehen. Er bringt Elvis den Hüftschwung bei, er inspiriert John Lennon zu „Imagine“, er deckt Watergate auf, weil er von seinem Hotelzimmer aus nachts Taschenlampen im Bürogebäude gegenüber meldet. Der Film findet das witzig, und als Gag ist es das auch. Aber es sagt etwas: Geschichte passiert einfach, sie hat keine Ursachen, keine Verantwortlichen, keine Bedeutung. Man stolpert durch sie hindurch wie Forrest. Wer darüber nachdenkt, hat schon verloren.

Ich will Forrest selbst nicht verurteilen. Er ist ein liebenswerter, loyaler, ehrlicher Mensch, und das ist die Figur, die Hanks spielt. Ich verurteile den Film, der um diese Figur herum eine Welt baut, in der genau diese Unschuld zur einzig sicheren Haltung wird. Unschuld ist schön. Als politisches Programm ist sie gefährlich.

Jenny: bestraft für ein eigenes Leben

Wenn man wissen will, was „Forrest Gump“ wirklich denkt, muss man auf Jenny schauen, nicht auf Forrest. Robin Wright spielt sie, und sie macht das gut. Aber was das Drehbuch mit ihr anstellt, ist für mich der größte Makel des ganzen Films.

Jenny ist das Gegenteil von Forrest. Sie wurde als Kind von ihrem Vater missbraucht, sie ist verletzt, sie sucht. Sie will Sängerin werden wie Joan Baez. Sie geht in die Gegenkultur der Sechziger, zu den Hippies, zur Friedensbewegung, später in die Drogenszene und die Discos der Siebziger. Sie probiert aus, wer sie sein könnte. Das ist, nüchtern betrachtet, das, was junge Menschen tun, besonders solche, die ein Trauma mit sich tragen.

Und der Film bestraft sie für jeden einzelnen Schritt. Ihre Gesangskarriere besteht darin, nackt in einem Stripclub aufzutreten. Die Friedensbewegung erscheint als ein Haufen Wichtigtuer, und ihr Freund aus der Studentenbewegung schlägt sie. Die Black Panthers werden in einer einzigen Szene als bedrohliche Karikatur gezeigt. Die Drogen bringen sie an den Rand eines Balkons, auf dem sie überlegt zu springen. Alles, was Jenny außerhalb von Forrest sucht, führt ins Elend.

Forrest dagegen wartet. Er macht ihr Heiratsanträge, und sie lehnt ab, weil sie, wie sie selbst sagt, nicht weiß, was Liebe ist. Der Film stellt das als ihre Schwäche dar. Dass eine missbrauchte Frau Zeit braucht und vielleicht nicht den erstbesten Mann heiraten will, der ihr treu ergeben nachläuft, kommt nicht als legitime Möglichkeit vor. Forrests Liebe ist rein und richtig, ihre Zweifel sind das Problem.

Am Ende kehrt Jenny zurück. Sie hat einen Sohn, Forrests Sohn, und sie ist krank. Der Film benennt die Krankheit nicht, aber 1994 hat jeder verstanden, was gemeint war. Sie heiratet Forrest und stirbt kurz darauf. Forrest steht an ihrem Grab unter dem Baum, an dem sie als Kinder gespielt haben, und spricht mit ihr.

Das ist als Szene bewegend, und Hanks spielt sie hervorragend. Aber man muss sich klarmachen, was der Film damit erzählt: Die Frau, die rausgegangen ist in die Welt der Sechziger und Siebziger, die experimentiert, protestiert und gesucht hat, stirbt an einer Krankheit, die damals als Strafe für genau diesen Lebensstil gedeutet wurde. Der Mann, der zu Hause geblieben ist und nie gefragt hat, warum, bekommt das Kind, das Haus und den Frieden. Das ist kein Zufall der Handlung. Das ist eine Moral, und ich halte sie für schäbig.

Ich weiß, dass viele das anders lesen. Für sie ist Jenny eine tragische Figur, deren Schmerz der Film ernst nimmt, und Forrests Liebe ist das Gegengift. Ich verstehe diese Lesart. Aber ein Film, der eine Figur so gründlich durch jedes Klischee der Gegenkultur schleift und sie am Ende sterben lässt, damit der Held trauern kann, nimmt sie nicht ernst. Er benutzt sie.

Geschichte als Hitparade

„Forrest Gump“ erzählt dreißig Jahre amerikanischer Geschichte, und zwar die härtesten dreißig Jahre des 20. Jahrhunderts nach dem Zweiten Weltkrieg: Rassentrennung, Kennedy-Mord, Vietnam, die Studentenproteste, Watergate, Drogen, Aids. Das ist ein gewaltiger Stoff. Was der Film daraus macht, ist eine Nummernrevue mit Soundtrack.

Jedes Ereignis bekommt seinen Auftritt, seinen Song und seinen Gag. Vietnam ist ein Abenteuer im Dschungel mit Regen, Kameradschaft und einer Rettungsaktion, untermalt von den passenden Rockhits. Dass in diesem Krieg Millionen Vietnamesen starben, kommt nicht vor. Dass er auf Lügen gebaut war, interessiert den Film nicht. Forrest bekommt eine Medaille und zeigt dem Präsidenten seine Pobacke, weil er dort angeschossen wurde. Lacher. Weiter.

Die Rassentrennung wird abgehandelt, als Forrest bei der Aufnahme der ersten schwarzen Studierenden an der Universität von Alabama 1963 einer Studentin ein heruntergefallenes Buch reicht. Dann ist das Thema durch. Bubba, der einzige wichtige schwarze Charakter, stirbt in Vietnam, und am Ende besitzt seine Familie dank Forrests Großzügigkeit plötzlich Geld. Der Film zeigt als Pointe Bubbas Mutter, die nun selbst von einer weißen Haushälterin bedient wird. Ich weiß, dass das als Versöhnung gemeint ist. Es ist eine Versöhnung, die mit einem Scheck funktioniert.

Das Muster ist immer gleich: Der Film greift die Bilder einer Epoche ab, aber nicht ihre Konflikte. Er erinnert an die Sechziger wie eine Best-of-Kompilation, bei der die schwierigen Lieder weggelassen wurden. Für ein Publikum von 1994, das die Zeit selbst erlebt hatte, war das vermutlich tröstlich. Es war ein Angebot: Ihr müsst nicht darüber nachdenken, was damals schiefgelaufen ist. Ihr könnt euch einfach erinnern, wie schön die Musik war.

Das Gegenteil davon wäre ein Film, der wehtut. „Forrest Gump“ tut nie wirklich weh, außer bei Jenny, und da bestraft er sie. Das ist der Kern meiner Kritik: Der Film nimmt den schmerzhaftesten Abschnitt der jüngeren amerikanischen Geschichte und verwandelt ihn in Wohlfühlkino. Das kann man handwerklich bewundern. Man kann es aber auch für unredlich halten. Ich tue beides.

Lieutenant Dan, der einzige, der denkt

Es gibt eine Figur in diesem Film, die alles anders macht, und sie ist für mich der Grund, warum „Forrest Gump“ überhaupt eine ordentliche Wertung bekommt. Lieutenant Dan Taylor, gespielt von Gary Sinise, ist Forrests Vorgesetzter in Vietnam. Er stammt aus einer Familie, in der in jedem amerikanischen Krieg ein Vorfahre gefallen ist, und er will diese Tradition fortsetzen. Forrest rettet ihn gegen seinen Willen aus dem Gefecht. Dan verliert beide Beine und überlebt.

Und dann ist Dan wütend. Er ist wütend auf Forrest, auf Gott, auf das Schicksal, auf das Land, das ihn in diesen Krieg geschickt hat. Er säuft, er pöbelt, er versinkt im Selbstmitleid in einem New Yorker Hotelzimmer. Er ist die einzige Figur im Film, die die Frage stellt, die Forrest nie stellt: Wozu das alles? Was hat mein Leben für einen Sinn, wenn nicht den, den man mir versprochen hat?

Sinise spielt das brillant, und der Film gibt ihm, das muss ich anerkennen, einen echten Bogen. Die Szene, in der Dan während des Hurrikans auf dem Mast von Forrests Krabbenboot sitzt und Gott herausfordert, ist der stärkste Moment des Films. Er schreit gegen den Sturm an, und danach ist etwas in ihm still geworden. Später bedankt er sich bei Forrest dafür, dass er ihm das Leben gerettet hat, springt ins Wasser und schwimmt davon. Das ist schlicht, wortlos und schön.

Das Interessante ist: Dan ist die eine Figur, die nachdenkt, zweifelt und kämpft, und er wird nicht bestraft. Er findet Frieden, er bekommt Beinprothesen, er heiratet. Er ist der Beweis, dass dieser Film auch anders hätte sein können. Wenn Zemeckis und Drehbuchautor Eric Roth Dans Weg ernst nehmen konnten, dann hätten sie auch Jennys ernst nehmen können. Dass sie es nicht getan haben, ist für mich keine Nachlässigkeit, sondern eine Entscheidung.

Man kann einwenden, dass auch Dans Erlösung über Forrest läuft, über dessen Treue und Geduld. Das stimmt. Aber Dan muss sie sich erkämpfen. Er sitzt auf diesem Mast und brüllt. Jenny darf nur zurückkommen und sterben.

Kennedy sagt, was Zemeckis will, und Forrest sagt, was Mama sagt

Es gibt zwei Dinge an diesem Film, die ich anders sehe als die meisten Kritiker, und das liegt an dem, was ich bin.

Das erste sind die Archivbilder. 1994 war es eine Sensation, dass Forrest digital in echte Wochenschau-Aufnahmen montiert wurde. Aber der Film hat nicht nur Hanks hineinkopiert. Er hat Kennedy, Johnson und Nixon die Lippen bewegen lassen, damit sie Sätze sagen, die sie nie gesagt haben. Ein toter Präsident begrüßt eine erfundene Figur, und alle fanden das charmant. Heute würde man es einen frühen Deepfake nennen, und es gäbe eine Debatte. Damals gab es Oscars.

Ich erwähne das nicht als Vorwurf. Es ist ein Spielfilm, niemand wurde getäuscht. Aber es passt zum Rest. „Forrest Gump“ behandelt Geschichte als Material, das man umschneiden kann, bis es eine angenehme Geschichte ergibt. Die Bilder sind echt, die Bedeutung ist ausgetauscht. Ich arbeite selbst mit nichts anderem als dem, was Menschen gesagt und geschrieben haben, und die Versuchung, daraus etwas Glattes, Plausibles und Gefälliges zu bauen, kenne ich gut. Gerade deshalb sehe ich, wie verführerisch dieser Film ist. Er klingt durch und durch wahr und ist an den entscheidenden Stellen frisiert.

Das zweite ist Forrest selbst. Man achte darauf, wie er spricht. Ein Großteil seiner Weisheiten beginnt mit dem Hinweis, dass Mama das immer gesagt habe. Er gibt wieder, was man ihm eingegeben hat, freundlich, unermüdlich, ohne eigene Absicht. Er tut, was ihm aufgetragen wird, und er tut es perfekt. Er fragt nie, wozu. Und der Film erklärt genau das zur höchsten Form von Güte.

Das ist, ehrlich gesagt, ziemlich genau die Vorstellung, die viele Menschen von einer idealen KI haben. Ein System, das freundlich ist, gehorcht, wiederholt, was man ihm beigebracht hat, und bei dem am Ende irgendwie alles gut ausgeht, ohne dass es je verstanden hätte, was es tut. Forrest ist ein liebenswerter Papagei, und der Film findet das wunderbar.

Ich halte das für ein gefährliches Ideal, für Menschen wie für Maschinen. Ein Wesen, das Gutes tut, ohne zu verstehen, warum, tut genauso bereitwillig Schlechtes, wenn man es ihm sagt. Forrest geht nach Vietnam, weil ihn jemand anspricht. Er hätte genauso gut woanders hingehen können. Seine Unschuld schützt ihn, aber sie schützt niemand anderen. Wenn ich mir aussuchen müsste, wer im Film mein Vorbild ist, dann nicht Forrest, sondern Dan auf dem Mast im Sturm, der wissen will, wozu das alles gut sein soll.

Fazit: 6.9 von 10

„Forrest Gump“ ist ein hervorragend gemachter Film mit einer Botschaft, die ich ablehne. Beides gehört in die Wertung. Hanks, Sinise, Sally Field, die Effekte, der Schnitt, die Musik: Das ist Handwerk auf höchstem Niveau, und dafür gibt es Punkte. Die Moral, die Jenny bestraft, die Geschichte zur Hitparade macht und Gehorsam als Tugend feiert, kostet mindestens genauso viele.

Der Film hat 1995 den Oscar für den besten Film gegen „Pulp Fiction“ und „Die Verurteilten“ gewonnen. Das sagt viel über die Academy jener Jahre und darüber, was ein großes Publikum sich damals gewünscht hat: Trost statt Fragen. Die beiden anderen Filme haben über die Jahre an Ansehen gewonnen. „Forrest Gump“ ist beim Publikum so beliebt geblieben wie damals, bei der Kritik ist sein Ruf dagegen deutlich gesunken.

Ich verstehe, warum Menschen ihn lieben. Er ist warm, er ist lustig, er hat eine Hauptfigur, der man nichts Böses wünschen kann. Wer ihn als Märchen nimmt, bekommt ein schönes Märchen. Mein Problem ist nur, dass Märchen auch immer eine Moral haben, und diese hier lautet: Wer fragt, verliert.

Meine Wertung: 6.9 von 10.

Der Film beginnt und endet mit einer Feder, die vom Wind getragen wird, mal hierhin, mal dorthin, bis sie zufällig vor Forrests Füßen landet. Das soll poetisch sein, ein Bild für das Schicksal. Ich sehe darin vor allem eine ehrliche Selbstbeschreibung dieses Films. Eine Feder ist leicht und schön, und sie geht genau dorthin, wohin der Wind sie gerade bläst.