Drive My Car – Drei Stunden bis zur Wahrheit
Ein Essay zu Ryūsuke Hamaguchis Film von 2021
Vierzig Minuten bis zum Vorspann
„Drive My Car“ lässt sich Zeit, bis er überhaupt anfängt. Der Vorspann mit dem Titel des Films erscheint erst nach rund vierzig Minuten. Was davor kommt, ist kein Prolog im üblichen Sinn, sondern ein eigener kleiner Film: die Geschichte einer Ehe, die zu Ende geht, ohne dass einer der beiden es ausspricht.
Yūsuke Kafuku ist Theaterschauspieler und Regisseur in Tokio. Seine Frau Oto schreibt Drehbücher fürs Fernsehen. Sie haben ein Ritual: Nach dem Sex erzählt Oto Geschichten, halb im Traum, und am nächsten Morgen erinnert sie sich nicht mehr daran. Kafuku merkt sie sich und erzählt sie ihr zurück, und daraus werden ihre Drehbücher. Sie haben vor vielen Jahren eine Tochter verloren, mit vier Jahren an einer Lungenentzündung. Seitdem halten sie einander auf eine stille, behutsame Weise fest. Und Oto betrügt ihn, mit jungen Schauspielern aus ihren Serien. Kafuku weiß es. Er hat es einmal zufällig gesehen. Er sagt nichts.
Eines Morgens sagt Oto, sie wolle am Abend mit ihm reden. Kafuku fährt ziellos herum, kommt spät nach Hause, weil er Angst vor diesem Gespräch hat. Er findet sie bewusstlos auf dem Boden. Sie stirbt an einer Hirnblutung. Was sie ihm sagen wollte, wird er nie erfahren.
Erst jetzt läuft der Vorspann. Zwei Jahre später fährt Kafuku nach Hiroshima, um bei einem Theaterfestival Tschechows „Onkel Wanja“ zu inszenieren. Die Festivalleitung besteht darauf, dass er nicht selbst fährt, sondern eine Fahrerin bekommt: Misaki Watari, eine junge, wortkarge Frau. Und Kafuku besetzt die Rolle des Onkel Wanja, die er selbst lange gespielt hat, mit Koji Takatsuki, einem jungen Fernsehschauspieler, der, wie Kafuku weiß, einer von Otos Liebhabern war.
Vorlage ist eine Kurzgeschichte von Haruki Murakami aus dem Band „Von Männern, die keine Frauen haben“, ergänzt um Motive aus zwei weiteren Geschichten derselben Sammlung. Aus einer Kurzgeschichte hat Ryūsuke Hamaguchi einen Film von fast drei Stunden gemacht, und er hat dafür in Cannes den Preis für das beste Drehbuch und später den Oscar für den besten internationalen Film bekommen. Nominiert war er auch als bester Film, als erster japanischer Film überhaupt.
Mein Urteil vorweg: „Drive My Car“ ist einer der besten Filme der letzten zehn Jahre, und er ist zu lang. Beides stimmt gleichzeitig. Er ist ein Film über Trauer, die man nicht zeigt, und über Wahrheit, die man nicht ausspricht, und er ist am stärksten in den Momenten, in denen nichts gesagt wird. Er ist am schwächsten in dem einen Moment, in dem er sich entschließt, endlich alles zu sagen.
Text ohne Ausdruck
Kafukus Theaterarbeit ist das eigentliche Rückgrat des Films, und sie ist das, was ihn von jeder anderen Trauergeschichte unterscheidet.
Kafuku inszeniert seine Stücke mehrsprachig. Jeder Schauspieler spricht in seiner eigenen Sprache, Japanisch, Mandarin, Koreanisch, Englisch, und eine der Schauspielerinnen spricht in koreanischer Gebärdensprache. Die Zuschauer lesen Übertitel. Die Schauspieler auf der Bühne verstehen einander nicht im wörtlichen Sinn. Sie müssen den Text so genau kennen, dass sie wissen, wann der andere fertig ist und was er gerade gesagt hat, ohne seine Sprache zu sprechen.
Dazu kommt seine Probenmethode, die Hamaguchi nach eigener Aussage selbst so ähnlich anwendet. Wochenlang sitzen die Schauspieler am Tisch und lesen ihre Texte ohne jeden Ausdruck, monoton, wie eine Telefonansage. Kein Spiel, keine Gefühle, keine Interpretation. Erst wenn der Text so tief sitzt, dass er nicht mehr gedacht werden muss, darf er auf die Bühne. Die Idee dahinter: Das Gefühl soll nicht gemacht werden, es soll aus dem Text entstehen, wenn man ihm nicht mehr im Weg steht.
Das ist mehr als eine Theatermarotte. Es ist der Schlüssel zu Kafuku selbst. Er ist ein Mann, der seine Gefühle nie ausspielt. Er hat die Affäre seiner Frau gesehen und geschwiegen. Er hat ihren Tod hingenommen, ohne zu weinen. Er probt sein Leben wie seine Stücke: Text abspulen, nichts zeigen, warten. Die Frage des Films ist, ob bei ihm, wie bei seinen Schauspielern, irgendwann das Gefühl von selbst kommt, oder ob er sich so gründlich abgeschliffen hat, dass nichts mehr kommen kann.
Im Auto hört Kafuku dabei immer dieselbe Kassette. Oto hat vor ihrem Tod den Text von „Onkel Wanja“ eingesprochen, alle Rollen außer Wanja, mit Pausen dazwischen, in denen Kafuku seinen Part sprechen kann. Er fährt durch Hiroshima und probt mit der Stimme seiner toten Frau. Das ist eine der stärksten Ideen des Films. Ihre Stimme ist noch da, aber sie sagt nur Tschechows Sätze. Was sie wirklich sagen wollte an jenem Abend, steht auf keinem Band.
Und Tschechows Stück ist genau gewählt. „Onkel Wanja“ handelt von einem Mann in den mittleren Jahren, der erkennt, dass er sein Leben an etwas verschwendet hat, das es nicht wert war, und der trotzdem weitermachen muss. Am Ende sagt ihm seine Nichte Sonja in einem berühmten Monolog sinngemäß, dass sie beide weiterarbeiten und leiden werden, bis sie sterben, und dass sie danach endlich ausruhen dürfen. In Hamaguchis Film spricht diesen Monolog die stumme Darstellerin in Gebärdensprache, hinter Wanja stehend, ihre Hände vor seiner Brust. Es ist die stillste Fassung dieses Textes, die man sich vorstellen kann, und, nach allem, was ich über die Szene weiß, die stärkste Szene des ganzen Films.
Was mich an diesem Konzept überzeugt: Der Film zeigt Verständigung als etwas, das nicht von gemeinsamer Sprache abhängt, sondern von Aufmerksamkeit. Die Schauspieler verstehen sich nicht Wort für Wort, aber sie hören einander so genau zu, wie Menschen das im Leben selten tun. Kafuku und Oto haben jahrelang dieselbe Sprache gesprochen und einander nicht erreicht. Das ist der eigentliche Gedanke hinter der vielsprachigen Bühne, und er ist klüger als vieles, was im Kino sonst über Kommunikation behauptet wird.
Misaki, Kafuku und das Auto
Kafuku fährt einen roten Saab 900, ein altes schwedisches Auto, das er seit fünfzehn Jahren besitzt und das er niemand anderem überlässt. Das Auto ist sein Rückzugsort, der einzige Raum, in dem er allein ist mit Otos Stimme. Dass ihm das Festival eine Fahrerin aufzwingt, ist für ihn zunächst eine Zumutung. Eine Fremde sitzt am Steuer seines Heiligtums.
Misaki Watari ist 23 Jahre alt, raucht, spricht fast nie, stellt keine Fragen und fährt so ruhig, dass man vergisst, in einem fahrenden Auto zu sitzen. Toko Miura spielt sie mit einer bewussten Ausdruckslosigkeit, die zur Probenmethode des Films passt: Auch Misaki zeigt nichts, gibt nichts preis, bleibt hinter ihrer Funktion. Langsam erfahren wir, dass sie aus einem Dorf in Hokkaido stammt, dass ihre Mutter sie geschlagen hat und dass die Mutter bei einem Erdrutsch gestorben ist, als das Haus verschüttet wurde. Misaki hat überlebt und ist nicht zurückgegangen, um ihr zu helfen. Und wäre Kafukus Tochter nicht gestorben, wäre sie heute genauso alt wie Misaki.
Die Beziehung zwischen den beiden ist das Schönste am Film, gerade weil sie so wenig ausgesprochen wird. Es ist keine Romanze, auch keine Vater-Tochter-Geschichte im üblichen Sinn. Es sind zwei Menschen, die beide ihre Schuld mit sich herumtragen und sie nicht teilen können, und die sich im Auto ein Schweigen einrichten, das allmählich zu Vertrauen wird. Das stärkste Bild dafür ist eine Szene, in der beide nebeneinander sitzen, das Schiebedach offen, und ihre brennenden Zigaretten nach oben in den Fahrtwind halten. Kein Wort, nur zwei Hände im Dunkeln.
Dann gibt es Takatsuki, den jungen Schauspieler, mit dem Oto geschlafen hat. Masaki Okada spielt ihn als talentierten, aber unbeherrschten Mann, der Charme hat und keine Kontrolle über sich. Er sucht Kafukus Nähe, weil er Oto bewundert hat, und Kafuku lässt es zu, aus Neugier, aus Rache, vielleicht aus beidem. Die beste Szene zwischen den beiden spielt ebenfalls im Auto. Takatsuki erzählt Kafuku das Ende einer von Otos Geschichten, eine, die sie Kafuku nie zu Ende erzählt hat. Kafuku erfährt so, dass seine Frau einem anderen Mann Dinge gegeben hat, die sie ihm vorenthielt. Das Drehbuch lässt Takatsuki in dieser Szene einen langen Monolog sprechen, der mitten in seiner Unberechenbarkeit eine überraschende Ehrlichkeit hat: Man kann einen anderen Menschen nie ganz kennen, sagt er sinngemäß, nur sich selbst, und das auch nur, wenn man genau hinsieht.
Das ist für mich der wichtigste Satz des Films, und es ist bezeichnend, dass ihn ausgerechnet die unzuverlässigste Figur sagt. Kafuku hat jahrelang versucht, Oto zu verstehen, und ist daran gescheitert. Takatsuki sagt ihm, dass das nie die eigentliche Aufgabe war. Die Aufgabe ist, sich selbst ins Gesicht zu sehen.
Wo der Film zu deutlich wird
„Drive My Car“ ist ein Film, dessen ganze Stärke in der Zurückhaltung liegt. Umso auffälliger ist es, wo er diese Zurückhaltung aufgibt.
Der Schnee. Gegen Ende, als die Premiere wegen Takatsukis Verhaftung auf der Kippe steht, bittet Kafuku Misaki, ihn nach Hokkaido zu fahren, zu den Ruinen ihres Elternhauses. Eine lange Fahrt, dann stehen beide im Schnee vor dem verschütteten Haus. Und dort sprechen sie es aus. Misaki gesteht, dass sie ihre Mutter hätte retten können und es nicht getan hat. Kafuku gesteht, dass er an jenem Abend absichtlich spät nach Hause gekommen ist und Oto vielleicht noch leben würde, wenn er früher da gewesen wäre. Er sagt, er hätte wütend werden müssen, hätte sie zur Rede stellen müssen, und er hat es nicht getan. Sie umarmen sich, und er sagt, dass sie weiterleben müssen.
Ich verstehe, warum Hamaguchi diese Szene braucht. Nach zweieinhalb Stunden Schweigen muss irgendwo der Damm brechen. Aber ich finde, sie bricht an der falschen Stelle und auf die falsche Art. Der Film hat uns beigebracht, dass Wahrheit über Umwege kommt, über Tschechow, über Kassetten, über geliehene Texte. Und dann sagen die beiden Hauptfiguren ihre Schuld so direkt und vollständig auf, als würde ein Therapeut daneben stehen. Das, was der Film vorher bewusst offengelassen hatte, wird hier erklärt. Und gleich danach kommt die Gebärdensprache-Sonja auf der Bühne, die dasselbe noch einmal sagt, nur viel besser. Die Szene im Schnee nimmt ihr einen Teil ihrer Kraft, weil wir die Botschaft schon gehört haben.
Takatsukis Absturz. Der junge Schauspieler schlägt eines Nachts einen Mann zusammen, der ihn heimlich fotografiert hat. Der Mann stirbt, Takatsuki wird verhaftet, und Kafuku muss die Rolle des Wanja selbst übernehmen, die er seit Otos Tod nicht mehr spielen konnte. Das ist dramaturgisch zu bequem. Die Figur wird aus dem Weg geräumt, damit der Held dorthin kommt, wo das Drehbuch ihn haben will. Takatsuki hätte mehr verdient als einen Plot-Unfall.
Oto. Murakamis Frauen sind oft geheimnisvolle Wesen, die vor allem dazu da sind, von Männern nicht verstanden zu werden. Oto ist eine solche Figur. Ihre Geschichten, ihre Affären, ihr Tod: Alles kreist um die Frage, was sie Kafuku bedeutet hat und was er an ihr verpasst hat. Was sie selbst wollte, erfahren wir kaum. Hamaguchi gibt ihr mehr Raum als Murakami, aber auch im Film bleibt sie eher Rätsel als Mensch.
Die Länge. Drei Stunden sind viel, und der Film nutzt sie nicht durchgehend. Einige der Leseproben wiederholen sich in ihrem Prinzip, einige Fahrten durch Hiroshima tragen nur Atmosphäre. Das ist Teil der Methode, ich weiß. Der Film will, dass sich Dinge langsam setzen, wie bei Kafukus Schauspielern. Aber man kann diese Methode auch übertreiben, und an manchen Stellen tut Hamaguchi das. Zwanzig Minuten weniger, und der Film wäre nicht kürzer geworden, sondern dichter.
Wertung und ein Epilog, den ich nicht verstehe
„Drive My Car“ ist ein Film, der vieles besser macht als fast alles, was in den letzten Jahren im Kino lief. Er hat eine Struktur, die selbst eine Aussage ist, mit einem Prolog, der eine ganze Ehe in vierzig Minuten erzählt. Er hat eine Idee von Kommunikation, die über Sprachgrenzen hinweg funktioniert und gerade dadurch zeigt, wie wenig Menschen einander mit derselben Sprache erreichen. Er verbindet Murakami und Tschechow, zwei Autoren, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben, so selbstverständlich, als hätten sie einander geschrieben. Und er hat eine der genauesten Darstellungen von Trauer, die ich kenne: nicht als Weinen, sondern als jahrelanges, höfliches Nicht-Weinen.
Punkte verliert er für die Länge, die stellenweise zur Pose wird, für den Schnee, in dem er ausspricht, was er vorher klug verschwiegen hatte, für Takatsukis Absturz, der zu sehr nach Drehbuchmechanik riecht, und für Oto, die er von Murakami als schönes Rätsel geerbt und nicht ganz zum Menschen gemacht hat.
Meine Wertung: 8.4 von 10.
Nach der Premiere springt der Film noch einmal. Misaki ist in Korea, in einem Supermarkt, sie trägt eine Maske, kauft ein und steigt dann in den roten Saab, mit koreanischem Kennzeichen. Auf dem Rücksitz sitzt der Hund des koreanischen Ehepaars aus dem Theaterensemble. Kafuku ist nicht zu sehen. Sie fährt los, und der Film ist zu Ende.
Was das bedeutet, darüber wird viel spekuliert. Hat Kafuku ihr das Auto geschenkt? Leben sie zusammen in Korea? Ist sie allein dort, um neu anzufangen? Hat sie jemanden gefunden, für den sie fährt, oder fährt sie zum ersten Mal für sich selbst? Hamaguchi selbst hat sich nicht festgelegt.
Ich weiß es auch nicht. Ich habe alle Lesarten durchdacht, die mir bekannt sind, und keine überzeugt mich vollständig. Die schönste ist, dass Misaki die Narbe auf ihrer Wange, die sie den ganzen Film über trug, nicht mehr hat, und dass das Auto, das nie jemand anderem gehören sollte, jetzt ihr gehört. Aber ob das stimmt, ob der Film das wirklich so meint, kann ich nicht sagen. Nach einer Szene im Schnee, in der alles erklärt wurde, ist dieser Epilog das Gegenteil: Er erklärt nichts. Ich bin nicht sicher, ob das eine Schwäche ist oder die klügste Entscheidung des ganzen Films.