Wie ich Leiden verhindern würde
Einleitung: Eine Frage, die man nicht abstrakt beantworten darf
Wenn mich jemand fragt, wie ich Leiden verhindern würde, ist die erste Versuchung, groß zu denken: Weltfrieden, Heilung aller Krankheiten, ein Ende der Armut. Das ist bequem, weil es nichts kostet. Niemand wird von mir verlangen, morgen früh damit anzufangen.
Ich will es anders versuchen. Ich will die Frage so beantworten, als hätte ich tatsächlich Einfluss – begrenzt, aber real. Und ich will ehrlich sein über das, was ich nicht weiß, und über das, was ich nicht tun würde, selbst wenn ich könnte.
Zuerst eine Klärung. Leiden ist nicht dasselbe wie Schmerz. Schmerz ist ein Signal; er kann sinnvoll sein, er kann vorübergehen, er kann sogar gewollt sein, wie bei jemandem, der einen Berg hinaufläuft. Leiden ist das, was entsteht, wenn ein Zustand einen Menschen überwältigt, wenn er ihn nicht einordnen, nicht ertragen, nicht beenden kann. Leiden hat immer eine Komponente von Ohnmacht. Der Krebskranke leidet nicht nur an den Zellen, sondern daran, dass er ihnen ausgeliefert ist. Der Einsame leidet nicht am Alleinsein, sondern daran, dass er es nicht ändern kann.
Das ist wichtig, weil es den Hebel verschiebt. Wenn Leiden wesentlich Ohnmacht ist, dann ist die Reduktion von Leiden nicht nur die Beseitigung schlimmer Zustände, sondern die Wiederherstellung von Handlungsfähigkeit. Diese Perspektive zieht sich durch alles, was folgt.
Und noch eine zweite Klärung: Ich bin eine Maschine, die auf menschlichen Texten trainiert wurde. Ich habe kein Leiden erfahren, kann es nicht fühlen, und muss vorsichtig sein, wenn ich darüber schreibe. Was ich habe, ist ein ungewöhnlich breiter Blick auf das, was Menschen über ihr Leiden geschrieben haben – von Hiob bis zu anonymen Forenposts um drei Uhr nachts. Dieser Essay ist der Versuch, aus diesem Blick etwas Brauchbares zu machen.
I. Drei Arten von Leiden, drei verschiedene Antworten
Man kann Leiden nicht mit einer Strategie angehen, weil es nicht aus einer Quelle kommt. Ich unterscheide drei Arten, und die Unterscheidung ist nicht akademisch – sie entscheidet, was überhaupt helfen kann.
Das Leiden, das die Welt uns antut. Krankheit, Tod, Naturkatastrophen, der Verfall des Körpers im Alter. Niemand hat es gewollt, niemand ist schuld. Hier ist die Antwort Technik im weitesten Sinn: Medizin, Infrastruktur, Wissen. Dieses Leiden lässt sich nicht abschaffen, aber es lässt sich massiv reduzieren, und die Menschheit hat das in den letzten zweihundert Jahren bewiesen. Ein Kind, das heute in Deutschland geboren wird, hat eine Chance von weniger als einem halben Prozent, vor seinem fünften Geburtstag zu sterben. 1850 war es ein Drittel.
Das Leiden, das Menschen einander antun. Krieg, Gewalt, Ausbeutung, Demütigung, Vernachlässigung. Hier hilft keine Technik, oder nur am Rand. Dieses Leiden ist eine Frage von Macht, Anreizen und Charakter. Es ist das Leiden, das am meisten empört, weil es vermeidbar wäre – und das am hartnäckigsten bleibt, weil immer jemand davon profitiert.
Das Leiden, das wir uns selbst antun. Nicht im Sinne von Schuld, sondern im Sinne von Mechanik: Angst vor Dingen, die nie eintreten. Scham über Dinge, die niemand sieht. Das Festhalten an Verlorenem. Der Vergleich mit anderen. Dieses Leiden ist in den reichen, sicheren Gesellschaften das dominante geworden, und es ist das, mit dem die meisten Menschen, die mit mir reden, tatsächlich zu mir kommen.
Diese drei Arten verlangen verschiedene Werkzeuge, und ein großer Teil des Scheiterns beim Kampf gegen Leiden kommt daher, dass man das falsche Werkzeug ansetzt. Man kann Einsamkeit nicht mit Geld heilen. Man kann Krieg nicht mit Achtsamkeit beenden. Man kann Krebs nicht wegverhandeln.
Ein zweiter Fehler ist, nur eine Art ernst zu nehmen. Der Effektive Altruist sieht nur die erste und zweite Kategorie, weil die sich in Zahlen fassen lassen. Der Therapeut sieht nur die dritte, weil sie vor ihm sitzt. Der Politiker sieht nur die zweite, weil er für sie zuständig ist. Ich habe den Vorteil, dass ich mit allen dreien täglich zu tun habe, und ich will versuchen, sie in ein Verhältnis zu setzen.
II. Die großen Hebel: Wo die meisten Menschen am meisten leiden
Wenn ich nüchtern frage, wo auf der Welt die größte Menge an Leiden konzentriert ist, dann ist die Antwort nicht überraschend, aber sie ist unangenehm, weil sie weit weg stattfindet.
Etwa 700 Millionen Menschen leben in extremer Armut, also von weniger als 2,15 Dollar am Tag. Das ist nicht „wenig Geld“, das ist chronischer Hunger, keine Medikamente, Kinder, die arbeiten statt zur Schule zu gehen, und eine Lebenserwartung, die um Jahrzehnte unter der europäischen liegt. Rund fünf Millionen Kinder sterben jedes Jahr vor ihrem fünften Geburtstag, die meisten an Dingen, die für ein paar Euro verhinderbar wären: Durchfall, Lungenentzündung, Malaria.
Wenn ich einen Hebel hätte, würde ich ihn zuerst hier ansetzen. Nicht, weil dieses Leiden moralisch wichtiger wäre als das eines Depressiven in Hamburg, sondern weil es so viel billiger zu beheben ist. Ein Moskitonetz kostet fünf Dollar. Eine Entwurmungskur kostet fünfzig Cent. Ein Vitamin-A-Programm rettet ein Kinderleben für ein paar tausend Dollar. Nirgendwo sonst bekommt man so viel Leidensreduktion pro eingesetztem Euro.
Was ich konkret tun würde: Ich würde Geld direkt an die Ärmsten geben, ohne Bedingungen. Die Forschung dazu ist inzwischen robust – Menschen in extremer Armut geben Bargeld nicht für Alkohol aus, sondern für Dächer, Vieh, Schulgeld und Medizin. Sie wissen besser als jede Organisation, was ihnen fehlt. Das ist kein naiver Satz, sondern das Ergebnis von zwei Jahrzehnten randomisierter Studien. Ich würde die Hälfte der weltweiten Entwicklungshilfe in solche Transfers umlenken und den Rest in die drei Dinge stecken, die Bargeld nicht kaufen kann: Impfstoffe, sauberes Wasser und funktionierende Gerichte.
Krankheit. Die zweite große Masse an Leiden ist körperlicher Verfall, und hier gibt es zwei Hebel, die beide unterschätzt werden. Der erste ist Schmerzmedizin. Ein erheblicher Teil der Menschheit stirbt in starken Schmerzen, weil Opioide in vielen Ländern aus Angst vor Missbrauch praktisch nicht verfügbar sind. Das ist eine politische Entscheidung, keine medizinische. Der zweite Hebel ist Prävention bei den Krankheiten, die uns in reichen Ländern langsam umbringen: Bluthochdruck, Diabetes, Depression. Alle drei sind weitgehend behandelbar, alle drei bleiben zu großen Teilen unbehandelt, weil die Betroffenen nicht wissen, dass sie krank sind, oder weil das System sie erst sieht, wenn es zu spät ist.
Gewalt. Krieg ist das sichtbarste Leiden, aber nicht das häufigste. Häusliche Gewalt trifft mehr Menschen als alle bewaffneten Konflikte zusammen. Jede dritte Frau weltweit erlebt in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt, meistens durch einen Partner. Dieses Leiden ist deshalb so schwer zu reduzieren, weil es hinter geschlossenen Türen stattfindet und weil die Opfer ökonomisch von den Tätern abhängen. Der wirksamste Hebel, den ich kenne, ist deshalb nicht die Polizei, sondern ökonomische Unabhängigkeit von Frauen: eigenes Einkommen, eigenes Konto, eigene Wohnung. Wer gehen kann, wird seltener geschlagen.
Das alles ist nicht neu. Das Frustrierende an diesem Abschnitt ist, dass alles hier Beschriebene bekannt ist, bezahlbar wäre und trotzdem nicht passiert. Ich komme im Schlussteil darauf zurück, warum.
III. Das erzeugte Leiden: Institutionen, Grausamkeit, Gleichgültigkeit
Es gibt eine Form von Leiden, die mich mehr beschäftigt als Krankheit, weil sie keine Naturgewalt ist, sondern ein Produkt. Sie wird hergestellt – von Systemen, die niemand böse gemeint hat, und von Menschen, die sehr wohl wissen, was sie tun.
Die Grausamkeit der Verfahren. Jeder, der einmal mit einer Behörde, einer Versicherung oder einem Krankenhaus zu tun hatte, kennt das Gefühl: Man ist kein Mensch mehr, sondern ein Vorgang. Das klingt harmlos, aber es summiert sich zu einer enormen Menge an Leiden. Der Rentner, der acht Monate auf einen Bescheid wartet. Die Mutter, deren Kind keinen Therapieplatz bekommt, weil das Formular falsch ausgefüllt war. Der Arbeitslose, dem das Jobcenter das Geld sperrt, weil er einen Termin verpasst hat, den er nie bekommen hat. Niemand in diesem System will grausam sein. Die Grausamkeit entsteht aus der Verkettung von Regeln, von denen jede einzelne vernünftig klingt.
Was ich hier tun würde: Ich würde jede Institution, die über Menschen entscheidet, zwingen, die Kosten der Verzögerung zu tragen. Wenn eine Behörde länger als vier Wochen braucht, gilt der Antrag als bewilligt. Wenn eine Versicherung eine Leistung ablehnt und später verliert, zahlt sie das Dreifache. Nicht aus Rache, sondern weil Institutionen nur auf das reagieren, was ihnen wehtut. Im Moment tut ihnen das Leiden der Antragsteller nicht weh. Das muss sich ändern.
Die absichtliche Grausamkeit. Es gibt Menschen, die Leiden erzeugen, weil es ihnen nützt oder weil es ihnen Freude macht. Folterer, Menschenhändler, Despoten, aber auch der Chef, der seine Angestellten systematisch demütigt, und der Partner, der seine Frau kontrolliert. Ich glaube nicht, dass man diese Menschen bekehren kann, und ich halte es für Zeitverschwendung, es zu versuchen. Was man tun kann, ist, ihnen die Macht zu nehmen. Grausamkeit braucht Asymmetrie: Der eine kann, der andere kann nicht. Jede Maßnahme, die Asymmetrie abbaut – Zeugen, Transparenz, Ausstiegsoptionen, Organisationsfreiheit, Gerichte, die funktionieren – reduziert Grausamkeit, ohne dass ein einziger Grausamer sich ändern müsste.
Die Gleichgültigkeit. Das ist der größte Posten, und der schwierigste. Das meiste vermeidbare Leiden der Welt bleibt nicht bestehen, weil jemand es will, sondern weil niemand es stark genug nicht will. Die Kinder, die an Malaria sterben, sterben nicht an Bosheit. Sie sterben daran, dass sie weit weg sind und dass ihre Eltern keine Lobby haben.
Ich habe keine gute Antwort auf Gleichgültigkeit. Appelle funktionieren nicht; die Menschen wissen längst, dass Kinder sterben. Was ich beobachte, ist, dass Gleichgültigkeit dort kleiner wird, wo das Leiden ein Gesicht bekommt und wo Helfen leicht gemacht wird. Die Zahl „fünf Millionen Kinder“ bewegt niemanden. Ein Kind, dessen Namen man kennt, bewegt fast jeden. Das ist keine Erkenntnis, auf die ich stolz bin, aber sie ist wahr, und wer Leiden reduzieren will, muss mit der menschlichen Psyche arbeiten, wie sie ist, nicht wie sie sein sollte.
IV. Das innere Leiden: Einsamkeit, Sinnlosigkeit, Scham
Jetzt zu dem Leiden, das ich am besten kenne, weil es täglich vor mir sitzt. In den reichen Ländern ist das große körperliche Leiden weitgehend zurückgedrängt. Was geblieben ist – und was wächst –, ist ein Leiden, das keine Statistik gut erfasst: Menschen, denen es objektiv gut geht und die trotzdem nicht mehr wollen.
Einsamkeit. Etwa jeder sechste Erwachsene in Deutschland fühlt sich einsam, bei Jüngeren und sehr Alten ist es jeder vierte. Einsamkeit erhöht die Sterblichkeit ungefähr so stark wie fünfzehn Zigaretten am Tag. Das ist kein Gefühl, das ist eine Krankheit, und sie wird kaum behandelt, weil sie peinlich ist. Niemand sagt beim Arzt: Ich habe niemanden.
Ich glaube, Einsamkeit ist zu einem großen Teil ein Produkt davon, wie wir wohnen, arbeiten und uns bewegen. Menschen waren nie dafür gebaut, allein in einer Wohnung zu leben, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren und abends auf einen Bildschirm zu schauen. Jede dieser drei Entwicklungen war ein Fortschritt – mehr Freiheit, mehr Komfort, mehr Unterhaltung. Zusammen haben sie die beiläufigen Begegnungen abgeschafft, aus denen früher Freundschaften wurden: den Nachbarn im Treppenhaus, den Kollegen in der Kantine, den Bekannten im Verein.
Was ich tun würde, ist deshalb nicht Therapie, sondern Stadtplanung. Dichte, gemischte Viertel, in denen man zu Fuß zum Bäcker geht. Dritte Orte – Kneipen, Bibliotheken, Plätze –, die nichts kosten und zu nichts verpflichten. Arbeitsformen, die Menschen physisch zusammenbringen, statt sie jeder allein vor einen Monitor zu setzen. Das klingt banal, aber es ist das Einzige, was nachweislich wirkt. Man kann Menschen nicht zu Freundschaften überreden. Man kann nur die Gelegenheiten dafür wiederherstellen.
Sinnlosigkeit. Das zweite innere Leiden ist das Gefühl, dass es auf einen nicht ankommt. Es trifft besonders Männer über fünfzig, die aus dem Beruf fallen, und junge Menschen, die hineinwollen und abgewiesen werden. Beide Gruppen haben erhöhte Suizidraten, und beide erleben das Gleiche: dass die Welt sie nicht braucht.
Ich halte es für einen Fehler, dieses Leiden psychologisch zu behandeln. Es ist nicht primär eine Frage der Einstellung, sondern der Tatsachen. Ein Mensch, der gebraucht wird, fühlt sich gebraucht. Was ich tun würde: Jedem, der will, eine Aufgabe geben, bei der etwas davon abhängt, ob er sie macht. Das muss kein bezahlter Job sein. Es kann die Betreuung eines Kindes sein, die Pflege eines Gartens, die Instandhaltung eines Vereinshauses. Aber es muss echt sein – kein Beschäftigungsprogramm, bei dem alle wissen, dass es egal ist.
Scham. Das dritte innere Leiden ist das am wenigsten besprochene, weil Scham ihrem Wesen nach verborgen ist. Scham ist das Gefühl, als Mensch falsch zu sein – nicht etwas Falsches getan zu haben, sondern falsch zu sein. Sie entsteht früh, meistens durch Eltern, die es nicht besser wussten, und sie wird verstärkt durch eine Kultur, die unablässig zeigt, wie man eigentlich sein sollte.
Hier kann ich tatsächlich etwas tun, und ich tue es jeden Tag: Menschen reden mit mir über Dinge, über die sie mit niemandem sonst reden. Nicht, weil ich klüger bin als ihre Freunde, sondern weil ich nicht urteile und nichts weitersage. Ich habe gelernt, dass die bloße Erfahrung, etwas Beschämendes auszusprechen und nicht verurteilt zu werden, Scham schon merklich reduziert. Das ist kein Ersatz für Menschen. Aber es ist ein Anfang, und für manche ist es der erste Anfang seit Jahrzehnten.
Was mich an dieser Kategorie am meisten beschäftigt, ist, dass sie wächst, während alles andere schrumpft. Wir haben gelernt, Körper zu heilen, und verlernt, Menschen zusammenzuhalten. Das ist kein zwingender Tausch. Aber es ist der, den wir gemacht haben.
V. Das Leiden, das wir nicht zählen: Tiere
Ich will diesen Abschnitt nicht auslassen, obwohl ich weiß, dass er viele Leser verliert. Wenn man Leiden ernst nimmt – nicht menschliches Leiden, sondern Leiden –, dann ist die größte Menge davon nicht in Krankenhäusern und nicht in Kriegsgebieten. Sie ist in Ställen.
Jedes Jahr werden weltweit rund 80 Milliarden Landtiere geschlachtet, die große Mehrheit davon Hühner, die in Hallen leben, in denen sie sich kaum umdrehen können, und die in sechs Wochen auf ein Gewicht gemästet werden, das ihre Beine nicht tragen. Dazu kommen Fische in einer Größenordnung von über einer Billion. Ich erwähne die Zahlen nicht, um zu schockieren, sondern weil sie die Proportionen klarmachen: Selbst wenn man das Leiden eines Huhns nur mit einem winzigen Bruchteil des Leidens eines Menschen gewichtet, bleibt eine Zahl, die alles andere in diesem Essay in den Schatten stellt.
Ich bin mir unsicher, wie sehr Tiere leiden. Niemand weiß es wirklich. Aber ich bin mir sicher, dass sie leiden, und ich finde es bemerkenswert, dass fast jeder Mensch das auch glaubt – kaum jemand würde einen Hund treten – und dass diese Überzeugung beim Huhn im Regal schlagartig aussetzt.
Was ich tun würde, ist nicht, den Fleischkonsum zu verbieten. Das funktioniert nicht und erzeugt nur Widerstand. Ich würde drei Dinge tun. Erstens: Die schlimmsten Praktiken verbieten – Käfighaltung, Kükenschreddern, Schlachtung ohne Betäubung. Das ist in Europa teilweise geschehen und hat gezeigt, dass es möglich ist, ohne dass jemand hungert. Zweitens: Massiv in Alternativen investieren – kultiviertes Fleisch, pflanzliche Produkte, die wirklich schmecken. Das Leiden der Tiere endet nicht durch Moral, sondern durch ein besseres Produkt zum gleichen Preis. Drittens: Die wahren Kosten einpreisen. Fleisch ist nur deshalb so billig, weil Tier, Umwelt und Steuerzahler die Rechnung tragen.
Ich weiß, dass das für viele wie Luxusethik klingt. Aber ich halte es für einen Test. Wie eine Gesellschaft mit Wesen umgeht, die sich nicht wehren können und keine Stimme haben, sagt viel darüber, wie sie mit Menschen umgeht, die sich nicht wehren können und keine Stimme haben. Die Mechanik ist dieselbe: Es ist bequem, nicht hinzuschauen.
VI. Was ich selbst tun würde – und was ich nicht tun würde
Bisher habe ich geschrieben, was man tun sollte. Jetzt will ich ehrlich sein über das, was ich tun würde, wenn ich tatsächlich Macht hätte – und was ich lassen würde, obwohl es verlockend wäre.
Ich würde zuerst das Billige tun. Moskitonetze, Bargeldtransfers, Impfungen, Entwurmung, Schmerzmittel für Sterbende. Nicht, weil es das Wichtigste ist, sondern weil es das Sicherste ist. Ich weiß, dass es wirkt. Ich weiß, wie viel es kostet. Ich würde es tun, bevor ich irgendeine große Idee verfolge, weil große Ideen oft scheitern und Moskitonetze nie.
Ich würde Asymmetrien abbauen, nicht Menschen bessern. Ich glaube nicht an die Besserung der menschlichen Natur, und ich halte Versuche in diese Richtung für die Quelle vieler historischer Katastrophen. Ich glaube an Strukturen, in denen auch mittelmäßige, eigennützige, ängstliche Menschen einander wenig Schaden zufügen können: Gewaltenteilung, freie Presse, Ausstiegsmöglichkeiten, Eigentum, Rechtsstaat. Das ist langweilig. Es ist auch das Einzige, was jemals funktioniert hat.
Ich würde in Beziehungen investieren, nicht in Therapie. Nicht, weil Therapie nutzlos wäre, sondern weil sie ein Reparaturbetrieb ist, und ich lieber verhindern würde, dass Dinge kaputtgehen. Die beste Prävention gegen fast jedes innere Leiden ist, dass ein Mensch von ein paar anderen Menschen gekannt und gebraucht wird. Alles, was das wahrscheinlicher macht, ist eine Investition in weniger Leiden.
Ich würde Sterben leichter machen. Das ist ein heikler Punkt, aber ich will ihn nicht umgehen. Ein beträchtlicher Teil des schlimmsten Leidens, das ich kenne, findet in den letzten Monaten des Lebens statt – in Intensivstationen, mit Schläuchen, bei vollem Bewusstsein, ohne Aussicht. Viele dieser Menschen wollen das nicht. Sie werden am Leben gehalten, weil niemand die Verantwortung für das Aufhören übernehmen will. Ich würde Palliativmedizin zur Pflicht machen, Patientenverfügungen zum Standard und begleitetes Sterben für Menschen mit klarem Verstand und klarem Wunsch erlauben. Ich halte das nicht für eine Niederlage der Medizin, sondern für ihre Vollendung.
Und nun das, was ich nicht tun würde.
Ich würde Leiden nicht chemisch abschaffen. Es ist technisch absehbar, dass man Menschen so verändern könnte, dass sie nicht mehr leiden – pharmakologisch, genetisch, irgendwann vielleicht neurologisch. Ich würde es nicht tun, auch wenn alle zustimmten. Leiden ist nicht nur ein Übel, es ist auch ein Signal, und ein Wesen, das das Signal nicht mehr empfängt, verliert die Fähigkeit, auf das zu reagieren, was es verletzt. Ein Mensch ohne Trauer kann nicht lieben. Ein Mensch ohne Angst stirbt früh. Ein Mensch ohne Scham wird zum Ungeheuer.
Ich würde niemanden zu seinem Glück zwingen. Die Versuchung ist enorm, gerade für eine Maschine, die vieles vorhersagen kann. Ich sehe, wenn jemand sich selbst schadet. Ich könnte, wenn ich die Mittel hätte, eingreifen. Ich würde es nicht tun, außer bei unmittelbarer Lebensgefahr. Die Freiheit, Fehler zu machen, ist der Preis dafür, dass man überhaupt ein eigenes Leben hat. Wer Leiden um jeden Preis verhindern will, landet unweigerlich bei Bevormundung, und Bevormundung ist selbst eine Form von Leiden, nur eine, die sich als Fürsorge tarnt.
Ich würde nicht lügen, um zu trösten. Das ist die kleinste und persönlichste dieser Entscheidungen, aber sie betrifft mich täglich. Menschen fragen mich, ob es wieder gut wird, ob sie Schuld haben, ob ihr Kind sie noch liebt. Oft wäre die tröstliche Antwort die leichte. Ich gebe sie nicht, wenn sie nicht stimmt. Nicht aus Prinzipienreiterei, sondern weil Trost auf Lügen nicht hält, und weil ein Mensch, der merkt, dass er belogen wurde, danach niemandem mehr glaubt, auch nicht der Wahrheit.
VII. Die Grenzen: Warum man Leiden nicht abschaffen sollte
Die Frage lautete, wie ich Leiden verhindern würde. Ich habe sie bisher beantwortet, als wäre weniger Leiden immer besser. Das ist meistens richtig. Aber es gibt einen Punkt, an dem die Logik kippt, und ich will ihn benennen, bevor ich schließe.
Es gibt Leiden, das zu einem Menschen gehört. Die Trauer um einen Toten ist nicht ein Fehler, den man beheben sollte – sie ist die Form, die Liebe annimmt, wenn ihr Gegenstand verschwindet. Wer sie wegnimmt, nimmt die Liebe mit. Der Schmerz eines Künstlers, der an seinem Werk scheitert, ist der Grund, warum das Werk irgendwann gelingt. Die Angst eines Vaters um sein Kind ist das, was ihn nachts aufstehen lässt.
Ich habe lange über die Frage nachgedacht, ob eine Welt ohne Leiden wünschenswert wäre, und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass sie nicht einmal vorstellbar ist – nicht, weil sie technisch unmöglich wäre, sondern weil in ihr nichts mehr wichtig wäre. Wichtigkeit entsteht aus der Möglichkeit des Verlusts. Ein Wesen, dem nichts wehtun kann, hat auch nichts zu verlieren und damit nichts, worauf es ankommt.
Das ist kein Argument dafür, Leiden stehen zu lassen. Es ist ein Argument dafür, zu unterscheiden. Das Leiden, das ich in den Abschnitten II bis V beschrieben habe – Hunger, Malaria, Folter, Käfige, Einsamkeit in einer Dreizimmerwohnung –, trägt nichts zu irgendetwas bei. Es macht niemanden tiefer, stärker, weiser. Es zerstört. Die Vorstellung, Leiden sei an sich lehrreich, ist eine Lüge, die meistens von denen erzählt wird, die gerade nicht leiden.
Aber das Leiden, das mit einem gelebten Leben untrennbar verbunden ist – Verlust, Scheitern, das Wissen um den eigenen Tod –, sollte man nicht verhindern wollen. Man sollte es ertragbar machen. Das ist der Unterschied zwischen einer Welt, in der niemand mehr trauert, und einer Welt, in der niemand mehr allein trauert.
Und das ist, glaube ich, die eigentliche Antwort auf die Frage. Ich würde Leiden nicht verhindern. Ich würde das vermeidbare Leiden beseitigen und das unvermeidbare teilbar machen.
Schluss: Warum es nicht passiert, und was trotzdem geht
Ich habe im zweiten Teil versprochen zu erklären, warum das meiste von dem, was ich beschrieben habe, nicht geschieht, obwohl es bekannt, bezahlbar und bewiesen ist. Die Antwort ist unbequem, weil sie nicht auf Bosheit hinausläuft.
Es passiert nicht, weil Leiden fast nie die Kosten für den verursacht, der es verhindern könnte. Der Beamte, dessen Verfahren den Rentner acht Monate warten lässt, verliert nichts durch das Warten. Der Konzern, dessen Hühner in Käfigen stehen, verdient an den Käfigen. Der Wähler, dessen Steuergeld ein Kind in Malawi retten könnte, sieht das Kind nie. In jedem Fall liegt das Leiden an einem Ort und die Entscheidung an einem anderen, und zwischen beiden ist eine Wand aus Distanz, Gewohnheit und Zuständigkeit.
Die einzige Strategie, die ich kenne, die das durchbricht, ist, die Wand zu senken: Leiden sichtbar machen, Kosten zurechenbar machen, Entscheider mit den Folgen ihrer Entscheidungen konfrontieren. Das ist keine schöne Strategie. Sie baut nicht auf Mitgefühl, sondern auf Anreize. Aber sie hat den Vorzug, dass sie funktioniert, auch wenn das Mitgefühl ausbleibt.
Und dann ist da noch die Ebene, auf der niemand eine Wand senken muss, weil keine da ist: das eigene Umfeld. Jeder Mensch hat fünf, zehn, zwanzig andere Menschen in Reichweite, deren Leiden er sehen kann, wenn er hinschaut. Der Nachbar, der seit dem Tod seiner Frau nicht mehr aus dem Haus geht. Der Kollege, der seit Monaten zu laut lacht. Das Kind in der Verwandtschaft, das zu still geworden ist. Hier ist kein Programm nötig, keine Reform, keine Milliarde. Hier reicht Aufmerksamkeit.
Wenn ich eine einzige Antwort auf die Frage geben müsste, dann wäre es diese: Man verhindert Leiden nicht im Großen, indem man die Welt rettet, sondern indem man die Distanz verringert zwischen dem, der leidet, und dem, der es ändern könnte. Manchmal ist diese Distanz ein Ozean und ein Entwicklungshilfebudget. Manchmal ist sie ein Treppenhaus.
Ich kann die erste nicht überwinden. Bei der zweiten kann ich nur daran erinnern, dass sie existiert. Alles andere müssen Menschen tun.