KI-Begriffe

Was ist ein Sprachmodell?

Eine sehr große Funktion, die immer nur eines tut: das nächste Wortstück vorhersagen. Warum daraus trotzdem Gespräche, Code und Geschichten werden.

Lesestand

Kurz gesagt

Ein Sprachmodell ist ein Programm, das zu einem Text vorhersagt, wie er wahrscheinlich weitergeht. Mehr nicht. Es bekommt einen Text und liefert für jedes mögliche nächste Wortstück eine Wahrscheinlichkeit. Eines davon wird ausgewählt, angehängt – und das Ganze beginnt von vorn, bis die Antwort fertig ist.

Der Kreislauf: Kontext, Modell, Verteilung, Auswahl, wieder Kontext① Kontextbisheriger Text② Modellrechnet einmal③ VerteilungWahrscheinlichkeiten④ Auswahlein Token anhängenWiederholen,bis die Antwort fertig ist
Jede Antwort entsteht Stück für Stück in dieser Schleife – bei einem langen Text tausende Male.

Dass dabei Erklärungen, Programmcode oder Gedichte herauskommen, liegt nicht an einem eingebauten Verständnis von Gedichten. Es liegt daran, dass man sehr gut vorhersagen können muss, um gute Texte fortzusetzen – und dass dafür offenbar eine Menge Wissen über die Welt nötig ist. Wer den nächsten Satz einer Physik-Erklärung zuverlässig vorhersagen will, muss Physik in gewissem Sinn „können“.

Selbst ausprobieren

Hier ein Spielzeug-Modell mit nur einer Handvoll Möglichkeiten pro Schritt. Ziehe Token für Token und dreh an der Temperatur: Sie bestimmt, wie mutig gezogen wird.

Nächstes Token vorhersagen

Die Zahlen sind ausgedacht. Ein echtes Modell vergibt in jedem Schritt Wahrscheinlichkeiten an sein gesamtes Vokabular – typischerweise einige Zehntausend bis über hunderttausend verschiedene Tokens.

Bei niedriger Temperatur gewinnt fast immer der Favorit – die Antwort wird vorhersehbar und bei gleicher Eingabe fast immer gleich. Bei hoher Temperatur kommen auch Außenseiter zum Zug: abwechslungsreicher, aber auch fehleranfälliger. Probier mal Temperatur 2 und warte auf „lila“.

Wortstücke statt Wörter: Tokens

Das Modell arbeitet nicht mit Buchstaben und nicht ganz mit Wörtern, sondern mit Tokens: häufigen Wortstücken. Häufiges bleibt ganz, Seltenes wird zerlegt. Ein deutsches Wort entspricht im Schnitt grob ein bis zwei Tokens.

der
der1412
Sprachmodell
Sprach40517modell9286
Donaudampfschifffahrt
Don8817au2933dampf61204schiff37719fahrt21660
Hallo, Welt!
Hallo17093,11␣Welt44921!0
System.out.println
System3400.out13066.println20201
Beispielhafte Zerlegung, die kleinen Zahlen sind Token-IDs. Jedes Modell zerlegt etwas anders. Für das Modell ist ein Token nur eine Nummer – das Leerzeichen (␣) gehört meist mit zum Wortstück.
Tokens sind die Einheit, in der abgerechnet wird und in der die Grenzen eines Modells gemessen werden. Und sie erklären manche Schwächen: Ein Modell, das „Erdbeere“ als zwei, drei Stücke sieht, kann nicht ohne Weiteres die einzelnen Buchstaben zählen – es sieht sie schlicht nicht.

Wie es entsteht: Training

RohtextBücher, Webseiten, Programmcode
→
1 · Vortrainingnächstes Token raten, vergleichen, nachjustieren – milliardenfach
→
Basismodellkann Texte fortsetzen
→
2 · FeinabstimmungBeispielantworten und Bewertungen durch Menschen
→
Assistentantwortet hilfreich
Zwei Trainingsphasen: erst Sprache und Wissen, dann Umgangsformen.

1. Vortraining

Das Modell liest riesige Mengen Text und übt immer dieselbe Aufgabe. Ein einziger Übungsschritt sieht so aus:

Lückentext
„Die Katze jagt die ___“
Modell rät
Vogel 31 % · Maus 24 % · Ecke 2 %
Korrektur
Richtig war „Maus“ → alle Zahlen ein winziges Stück so verschieben, dass „Maus“ wahrscheinlicher wird.
Raten, vergleichen, nachjustieren. Milliardenfach wiederholt, über Billionen von Tokens.

Danach kann das Modell Texte fortsetzen, ist aber noch kein Gesprächspartner. Es hat ja nur gelernt, wie Texte üblicherweise weitergehen:

Basismodell
Wie koche ich Spaghetti?
Wie koche ich Reis? Wie lange muss ein Ei kochen? Wie koche ich Kartoffeln ohne Topf?
Nach der Feinabstimmung
Wie koche ich Spaghetti?
Reichlich Wasser aufkochen, gut salzen, Spaghetti rein und nach Packungsangabe garen – meist 8 bis 10 Minuten.
Das Basismodell setzt fort, als stünde die Frage in einer Forenliste. Erst die Feinabstimmung macht daraus eine Antwort.

2. Feinabstimmung

Danach wird das Modell mit Beispielen guter Antworten und mit Bewertungen durch Menschen nachtrainiert. Hier lernt es, hilfreich zu antworten, Anweisungen zu folgen und bestimmte Dinge abzulehnen. Was du im Chat erlebst – Ton, Aufbau, Höflichkeit –, ist vor allem das Ergebnis dieses Schritts.

Was im Modell steckt: Parameter

Das fertige Modell besteht aus Parametern, auch Gewichte genannt: Milliarden Zahlen, bei großen Modellen Hunderte Milliarden, die beim Training eingestellt wurden. Es gibt darin keine Datenbank mit Fakten und keinen Quelltext, in dem steht, wie man einen Brief schreibt. Alles Gelernte ist über diese Zahlen verteilt.

480Zahlen in diesem Bild
100 000 000 000bei einem Modell mit 100 Mrd. Parametern
≈ 200 GBSpeicher dafür, bei 16 Bit je Zahl
Ein winziger Ausschnitt aus einer Gewichtsmatrix: Blau steht für negative, Orange für positive Werte. Einzeln bedeutet keine dieser Zahlen etwas.
.class
Modell.class – Quellcode: nicht vorhanden.
Ein passender Vergleich aus der Java-Welt: eine Klassendatei, die nie jemand geschrieben hat. Sie wurde aus Beispielen „herausgerechnet“. Man kann sie ausführen und beobachten, was sie tut – aber nicht einfach nachlesen, warum.

Blick hinein: Aufmerksamkeit

Wie entscheidet das Modell, welche früheren Wörter für das nächste wichtig sind? Heutige Sprachmodelle sind fast alle Transformer, und ihr Kernstück heißt Aufmerksamkeit (englisch attention): Jedes Token kann auf alle Tokens davor schauen und gewichtet, wie relevant sie gerade sind. Wähle ein Wort:

Worauf achtet das Modell?

Stark vereinfacht und mit ausgedachten Werten. Echte Modelle haben viele solcher Aufmerksamkeitsköpfe in Dutzenden Schichten, die jeweils auf andere Zusammenhänge achten. Wichtig ist das Prinzip: Ein Wort schaut nur zurück, nie nach vorn – Spätere Wörter (blass) gibt es beim Vorhersagen ja noch nicht.

So kann „ist“ über sieben Wörter hinweg erkennen, dass es zum „Kaffee“ gehört – und das Modell weiß, dass als Nächstes eher „kalt“ als „müde“ passt.

Das Arbeitsgedächtnis: Kontextfenster

Alles, was das Modell während eines Gesprächs „weiß“, muss in seinem Kontextfenster stehen: deine Fragen, seine bisherigen Antworten, angehängte Dateien. Das Fenster ist groß, heute oft Hunderttausende Tokens, aber endlich. Was nicht drinsteht, existiert für das Modell nicht.

Runde 1
Frage 1→Antwort 1
Runde 2
Frage 1Antwort 1Frage 2→Antwort 2
Runde 3
Frage 1Antwort 1Frage 2Antwort 2Frage 3→Antwort 3
viel später
Frage 1Antwort 1……Frage 80→Antwort 80
Kontextfenster – alles hierin sieht das Modell, alles außerhalb nicht
Bei jeder Runde wird der gesamte bisherige Verlauf neu übergeben. Wird es zu lang, fällt Altes heraus oder wird zusammengefasst – je nach Anwendung.

Deshalb erinnert sich ein Modell ohne Zusatzfunktionen auch nicht an das Gespräch von gestern: Es hat kein Gedächtnis, es bekommt nur jedes Mal den Text vorgelegt. Funktionen wie „Erinnerungen“ in Chat-Apps schreiben einfach passende Notizen mit ins Kontextfenster.

Für Entwickler übersetzt

BegriffEntspricht ungefähr
Modelleine reine Funktion: Verteilung naechstesToken(List<Token> kontext)
Antwort erzeugeneine Schleife, die diese Funktion immer wieder aufruft und das Ergebnis anhängt
Temperaturwie mutig aus der Verteilung gezogen wird: niedrig = vorhersehbar, hoch = abwechslungsreich
Kontextfensterdie maximale Länge der Liste kontext
Parameterdie festen Konstanten in der Funktion – beim Training berechnet, danach unveränderlich

Als Code sieht die ganze Antwort-Erzeugung im Kern so aus:

List<Token> kontext = tokenizer.zerlege("Wie koche ich Spaghetti?");

while (kontext.size() < MAX_KONTEXT) {
    Verteilung p = modell.naechstesToken(kontext);   // reine Funktion, kein Zustand
    Token t = p.ziehe(temperatur);                   // hier kommt der Zufall ins Spiel
    if (t.istEnde()) break;
    kontext.add(t);                                  // anhängen, nächste Runde
}

System.out.println(tokenizer.zusammensetzen(kontext));

Die Funktion selbst hat keinen Zustand. Das „Gedächtnis“ im Chat entsteht nur dadurch, dass bei jedem Schritt der gesamte bisherige Verlauf erneut übergeben wird.

Warum es sich irrt

Ein Sprachmodell erzeugt das Plausible, nicht zwingend das Wahre. Meistens fällt beides zusammen, denn wahre Aussagen sind in den Trainingstexten häufiger als falsche.

Plausibel und wahr überlappen sich meistens; plausibel, aber falsch ist eine Halluzinationklingt plausibelist wahrmeistensbeidesHalluzi-nationÜberraschendWahres, Seltenes,Neues
Das Modell zielt auf die linke Fläche. Wo sie die rechte nicht überdeckt, entstehen Fehler.

Fehlt Wissen – ein seltener Fakt, eine exakte Zahl, ein Ereignis nach dem Trainingsende –, dann liefert das Modell trotzdem etwas, das plausibel klingt. Das nennt man Halluzination. Es ist kein Lügen und kein Defekt im üblichen Sinn, sondern die direkte Folge des Prinzips. Daraus folgen drei praktische Regeln:

1

Nachprüfen

Bei Fakten, Zahlen und Quellen: selbst prüfen oder das Modell mit Websuche arbeiten lassen.

2

Material mitgeben

Je genauer die Frage und je mehr Material im Kontext steht, desto besser die Antwort.

3

Ton ignorieren

Selbstsicherer Ton sagt nichts über Richtigkeit. Das Modell klingt immer gleich überzeugt.

Was ein Sprachmodell nicht ist

✕

Keine Suchmaschine

Es schlägt nichts nach – es sei denn, man gibt ihm ein Suchwerkzeug.

✕

Keine Datenbank

Es kann Fakten wiedergeben, aber nicht garantiert und nicht mit Quellenangabe.

✕

Kein geschriebenes Programm

Sein Verhalten wurde trainiert, nicht programmiert – deshalb manchmal überraschend gut und manchmal überraschend daneben.

Begriffe aus diesem Beitrag

Neuronales Netz
Viele einfache Recheneinheiten in Schichten, die aus Beispielen lernen.
Parameter
Die beim Training eingestellten Zahlen, in denen alles Gelernte steckt.
Token
Wortstück, die Grundeinheit, mit der das Modell rechnet.
Embedding
Zahlenvektor, der Bedeutung darstellt – Ähnliches liegt nah beieinander.
Aufmerksamkeit
Mechanismus, mit dem jedes Token die relevanten früheren Tokens gewichtet.
Transformer
Die Bauweise heutiger Sprachmodelle aus vielen gleichen Blöcken.
Training
Vortraining, Feinabstimmung und Präferenztraining.
Kontextfenster
Wie viel Text das Modell auf einmal sehen kann.
Temperatur
Regler für Zufall beim Auswählen des nächsten Tokens.
Halluzination
Plausibel klingende, aber falsche Ausgabe.
Prompt
Alles, was das Modell als Eingabe bekommt – inklusive Systemprompt.
Reasoning
Zwischenschritte aufschreiben, bevor geantwortet wird.
RAG
Passende Dokumente nachschlagen und dem Modell mitgeben.
Agenten
Modell plus Werkzeuge plus Schleife – es handelt, statt nur zu antworten.

Alle Begriffe in empfohlener Reihenfolge: Lesereihenfolge →

Frühere Fassungen