KI-Begriffe

RAG

Retrieval-Augmented Generation: Statt aus dem Gedächtnis zu antworten, schlägt das Modell erst in passenden Dokumenten nach. Die wichtigste Technik, um Sprachmodelle mit eigenem Wissen zu verbinden.

Lesestand

RAG steht für Retrieval-Augmented Generation, also etwa „durch Nachschlagen ergänztes Erzeugen“. Vor der Antwort werden zur Frage passende Textstücke aus einer Dokumentensammlung gesucht und dem Modell ins Kontextfenster gelegt. Das Modell antwortet dann auf Grundlage dieser Texte.

So kann es Fragen zu Firmenhandbüchern, Verträgen, Code oder aktuellen Daten beantworten, die es nie im Training gesehen hat – mit Quellenangabe und deutlich weniger Halluzinationen. Das Modell selbst wird dabei nicht verändert.

Das Problem

Ein Sprachmodell weiß nur, was in seinen Trainingsdaten stand. Drei Arten von Wissen fehlen ihm deshalb grundsätzlich:

🔒

Internes

Firmenhandbücher, Kundenakten, eigener Quellcode – nie öffentlich, also nie im Training.

📅

Aktuelles

Alles nach dem Wissensstichtag: neue Preise, neue Versionen, Nachrichten.

🔍

Seltenes

Details, die im Training kaum vorkamen und deshalb nur verschwommen gespeichert sind.

Fragt man trotzdem, bekommt man im schlechtesten Fall eine plausible Erfindung. Die Lösung von RAG ist so einfach wie wirkungsvoll – sie macht aus einer Gedächtnisprüfung eine Prüfung mit offenem Buch.

Zwei Phasen

Ein RAG-System hat zwei getrennte Abläufe: einen, der die Dokumente vorbereitet, und einen, der bei jeder Frage läuft.

① Vorbereiten (einmalig, bei Änderungen)

DokumentePDFs, Wiki, Code, E-Mails
→
Zerteilenin Abschnitte („Chunks“)
→
Einbettenjeder Abschnitt → Embedding
→
Speichernin einer Vektordatenbank

② Fragen (bei jeder Anfrage)

Frage„Wie viele Urlaubstage …?“
→
Suchenähnlichste Abschnitte finden
→
Prompt bauenFrage + Fundstellen
→
Antwortenmit Quellenangabe
Das Sprachmodell taucht erst im allerletzten Schritt auf. Alles davor ist klassische Software – Suchen, Filtern, Text zusammenbauen.

Mini-RAG zum Ausprobieren

Ein erfundenes Firmenhandbuch, in acht Abschnitte zerlegt. Wähl eine Frage und vergleiche die Antwort mit und ohne Nachschlagen:

Frag das Firmenhandbuch

Ähnlichkeitswerte und Antworten sind nachgestellt. Die Firma und ihr Handbuch sind erfunden. Die drei Abschnitte mit den höchsten Werten über 0,5 werden verwendet.

Worauf es ankommt

Das Prinzip ist einfach, gute Ergebnisse sind es nicht. Die meisten RAG-Probleme sind Suchprobleme: Wird der richtige Abschnitt nicht gefunden, kann auch das beste Modell nicht richtig antworten.

Wie groß sind die Abschnitte?

Zu klein

„… beträgt 30 Tage.“ – Was beträgt 30 Tage? Der Zusammenhang fehlt.

Passend

Ein Absatz oder Abschnitt mit eigener Überschrift – vollständig, aber fokussiert.

Zu groß

Das ganze Kapitel: Das Embedding wird ein unscharfer Mittelwert, und es kostet viel Platz im Kontext.

Oft lässt man benachbarte Abschnitte etwas überlappen und hängt Überschrift und Dokumenttitel an jeden Abschnitt an.

Weitere Stellschrauben

⊕

Hybride Suche

Embedding-Suche findet Bedeutung, versagt aber bei Artikelnummern oder Fachbegriffen. Kombiniert mit klassischer Stichwortsuche wird es deutlich besser.

↕

Nachsortieren

Erst grob 50 Kandidaten holen, dann mit einem genaueren Modell („Reranker“) die besten 5 auswählen.

🔑

Berechtigungen

Wer etwas nicht lesen darf, darf es auch nicht über RAG erfahren. Die Rechte müssen schon bei der Suche gefiltert werden.

Eine Weiterentwicklung ist agentisches RAG: Statt einmal fest zu suchen, entscheidet ein Agent selbst, ob, wonach und wie oft er sucht – formuliert die Suchanfrage um, wenn nichts Passendes kommt, und liest gezielt nach.

RAG, Feinabstimmung oder langer Kontext?

Es gibt drei Wege, einem Modell eigenes Wissen mitzugeben. Sie schließen sich nicht aus:

RAGFeinabstimmungAlles in den Kontext
Prinzippassende Stücke nachschlagenModell weitertrainierenkomplette Dokumente mitschicken
Aktualitätsofort, Index neu bauen genügterst nach neuem Trainingsofort
Datenmengepraktisch unbegrenztgroßbis zur Größe des Kontextfensters
Quellenangabejaneinja
Gut fürWissen, Fakten, DokumentationStil, Format, Verhaltenwenige Dokumente, genaue Analyse

Faustregel: Wenn ein Modell etwas wissen soll, ist RAG meist der richtige Weg. Wenn es sich anders verhalten soll, eher Feinabstimmung. Und wenn die Dokumente klein genug sind, ist alles in den Kontext zu legen oft am einfachsten.

Für Entwickler übersetzt

BegriffEntspricht ungefähr
RAGein Cache-Lookup vor dem Methodenaufruf, dessen Treffer als Parameter mitgegeben werden
Chunkein Datensatz in der Suchtabelle – Text plus Metadaten (Quelle, Seite, Berechtigung)
Vektordatenbankein Index für Ähnlichkeit, z. B. pgvector in PostgreSQL oder ein eigener Dienst
Top-kORDER BY aehnlichkeit DESC LIMIT k
Prompt-Vorlageein Template mit Platzhaltern für Frage und Fundstellen
// RAG im Kern – Bibliotheken wie Spring AI oder LangChain4j kapseln genau das
String antworte(String frage, Benutzer user) {
    float[] q = embedder.embed(frage);

    List<Chunk> treffer = vektorDb.suche(q, /* topK */ 5)
        .stream()
        .filter(c -> user.darfLesen(c.quelle()))          // Rechte nicht vergessen!
        .filter(c -> c.score() > 0.5)
        .toList();

    String kontext = treffer.stream()
        .map(c -> "[%s] %s".formatted(c.quelle(), c.text()))
        .collect(Collectors.joining("\n\n"));

    String prompt = """
        Beantworte die Frage nur anhand der folgenden Auszüge.
        Nenne die Quelle in eckigen Klammern. Steht die Antwort
        nicht darin, sag das ehrlich.

        %s

        Frage: %s
        """.formatted(kontext, frage);

    return llm.complete(prompt);
}

Häufige Irrtümer

„Mit RAG lernt das Modell meine Dokumente.“ – Es lernt nichts. Es bekommt bei jeder Frage einige Auszüge vorgelegt und vergisst sie danach wieder.
„RAG verhindert Halluzinationen.“ – Es reduziert sie stark. Das Modell kann Auszüge aber falsch zusammenfassen oder Lücken mit eigenem Wissen füllen – deshalb Quellen anzeigen und die Anweisung geben, bei fehlender Information ehrlich abzulehnen.
„Man braucht dafür eine Vektordatenbank.“ – Für den Anfang reicht oft eine normale Datenbank mit Vektorerweiterung oder sogar eine klassische Volltextsuche. Das „R“ heißt nur „nachschlagen“, nicht „Vektoren“.
„Mit großen Kontextfenstern ist RAG überflüssig.“ – Für kleine Dokumentmengen ja. Bei Tausenden Dokumenten, Berechtigungen und Kosten pro Anfrage bleibt gezieltes Nachschlagen sinnvoll.

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