KI-Begriffe

Parameter

Die Milliarden Zahlen, in denen alles steckt, was ein Sprachmodell gelernt hat – und warum „mehr“ nicht automatisch „klüger“ heißt.

Lesestand

Parameter – auch Gewichte genannt – sind die Zahlen im Inneren eines Modells. Das Training stellt sie ein, danach sind sie fest. Alles, was das Modell „kann“, steckt in diesen Zahlen, nirgendwo sonst.

„70B“ heißt 70 Milliarden (englisch billion) Parameter. Mehr Parameter erlauben mehr gelerntes Wissen, aber wie gut ein Modell ist, hängt genauso von Daten und Training ab.

Ein Parameter im Kleinen

Am einfachsten versteht man Parameter an einem einzelnen künstlichen Neuron. Es nimmt ein paar Eingaben, multipliziert jede mit einem Gewicht, zählt alles zusammen, addiert einen Bias und drückt das Ergebnis in einen Bereich zwischen 0 und 1.

Hier ein Spielzeug-Spamfilter mit genau vier Parametern. Ändere die Eingaben – und dann die Gewichte:

Ein Neuron mit vier Parametern
Eingaben (die E-Mail)
Enthält „Gewinn“
Ausrufezeichen
Absender bekannt
Parameter (vom Training eingestellt)
Gewicht w₁
Gewicht w₂
Gewicht w₃
Bias b
Spam-Wahrscheinlichkeit

Die orangefarbenen Regler sind die Parameter. Ein echtes Modell hat davon nicht vier, sondern Milliarden – und niemand stellt sie von Hand ein.

Was man hier sieht, gilt im Großen genauso: Die Eingaben wechseln mit jeder Anfrage, die Parameter bleiben gleich. Ein negatives Gewicht wie bei „Absender bekannt“ heißt: Diese Eingabe spricht gegen Spam. Diese Bedeutung hat niemand eingetippt – sie ergäbe sich beim Training aus vielen Beispielen.

Vom Neuron zum Sprachmodell

Ein Sprachmodell ist im Kern dasselbe Prinzip, nur hochskaliert: Statt einem Neuron rechnen Tausende gleichzeitig, und statt einzelner Gewichte gibt es ganze Gewichtsmatrizen. Eine Schicht nimmt einen Vektor aus Tausenden Zahlen, multipliziert ihn mit einer Matrix und gibt einen neuen Vektor weiter – an die nächste Schicht. Davon gibt es Dutzende hintereinander.

Vektor wird durch mehrere Schichten aus Gewichtsmatrizen geschicktEingabeAusgabeSchicht 1Schicht 2Schicht 80Matrix W₁Matrix W₂Matrix W₈₀…Jedes orangefarbene Feld: Millionen bis Milliarden Parameter
Die Eingaben (blau) wandern durch Schicht um Schicht. Die Matrizen (orange) sind die Parameter – sie ändern sich nie, egal was hineinkommt.

Wo die Milliarden sitzen

In einem Transformer-Sprachmodell stecken die Parameter an drei Stellen:

  • Embedding-Tabelle: eine Zeile Zahlen für jedes Token im Vokabular.
  • Aufmerksamkeit: pro Schicht vier Matrizen, mit denen Tokens aufeinander schauen.
  • Feedforward-Netz: pro Schicht zwei große Matrizen – hier steckt der Löwenanteil.

Mit einer Faustformel kann man die Größe eines Modells aus drei Bauplan-Zahlen recht genau schätzen. Probier die Voreinstellungen – bei GPT-2 und GPT-3 sind die Baupläne veröffentlicht, und die Formel landet sehr nah an den offiziellen Größen von 124 Mio., 1,5 Mrd. und 175 Mrd.:

Parameter-Rechner
Embeddings Aufmerksamkeit Feedforward
32 Bit je Zahl
16 Bit
8 Bit
4 Bit

Faustformel: 12 × Schichten × Breite² + Vokabular × Breite. Neuere Modelle weichen in Details ab, die Größenordnung stimmt aber. Viele Anbieter, auch Anthropic, veröffentlichen die Parameterzahl ihrer Modelle nicht.

Auffällig: Die Breite geht quadratisch ein. Doppelt so breit heißt viermal so viele Parameter pro Schicht. Und bei großen Modellen fällt die Embedding-Tabelle kaum noch ins Gewicht.

Wie viel Speicher das ist

Jeder Parameter ist eine Gleitkommazahl. Wie viel Speicher ein Modell braucht, ist also schlicht Anzahl × Bytes pro Zahl – und alles muss beim Rechnen in den (Grafikkarten-)Speicher passen.

Modellgröße16 Bit8 Bit4 Bit
7 Mrd.14 GB7 GB3,5 GB
70 Mrd.140 GB70 GB35 GB
400 Mrd.800 GB400 GB200 GB

Das Verkleinern der Zahlen heißt Quantisierung. Es ist, als würde man ein double[] in ein float[] oder gar byte[] umwandeln: Das Modell wird deutlich kleiner und schneller, verliert aber etwas Genauigkeit. Bei 8 Bit ist das meist kaum spürbar, bei 4 Bit oft noch erstaunlich gut. So laufen kleinere Modelle auch auf einem normalen Rechner.

Wie sie eingestellt werden

Am Anfang des Trainings sind alle Parameter Zufallszahlen – das Modell produziert Buchstabensalat. Dann läuft immer derselbe Zyklus: Das Modell rät das nächste Token, man misst den Fehler und berechnet für jeden einzelnen Parameter, in welche Richtung er sich bewegen müsste, damit der Fehler kleiner wird. Dann wird jeder ein winziges Stück in diese Richtung geschoben. Das Verfahren heißt Gradientenabstieg.

Ein Punkt rollt in kleinen Schritten eine Fehlerkurve hinabWert eines ParametersFehlerStart: zufälligkleiner Fehler
Wie ein Wanderer im Nebel, der immer einen kleinen Schritt bergab macht. Nur dass das Modell nicht in einer, sondern in Milliarden Richtungen gleichzeitig läuft – eine pro Parameter.

Das wird Billionen Mal wiederholt, auf Tausenden Spezialchips über Wochen bis Monate. Am Ende speichert man die Zahlen in einer Datei – das ist das Modell. Beim späteren Benutzen, der Inferenz, werden sie nur noch gelesen.

Dein Chat ändert die Parameter nicht. Was das Modell „im Gespräch lernt“, steht nur im Kontextfenster und ist weg, sobald es dort nicht mehr steht. Die Gewichte ändern sich erst, wenn der Anbieter ein neues Modell trainiert.

Mehr = besser?

Lange galt: Größere Modelle sind besser. Das stimmt im Grundsatz noch – mehr Parameter bieten mehr Platz für Wissen und Fähigkeiten. Aber drei Dinge relativieren es:

1

Daten zählen genauso

Ein Modell braucht genug Training für seine Größe. Eine viel zitierte Studie von 2022 („Chinchilla“) kam auf etwa 20 Trainings-Tokens pro Parameter als sinnvolles Verhältnis. Viele ältere Riesenmodelle waren untertrainiert.

2

Kleine holen auf

Mit besseren Daten und Methoden schlagen heutige kleine Modelle oft deutlich größere von vor ein paar Jahren.

3

Nicht alle rechnen mit

Bei „Mixture of Experts“ wird pro Token nur ein Teil der Parameter benutzt. Mixtral 8×7B hat rund 47 Mrd. Parameter, nutzt pro Token aber nur etwa 13 Mrd.

Die Parameterzahl ist also eher wie der Hubraum beim Auto: Sie sagt etwas über das Potenzial, aber nicht alles über die Leistung.

Für Entwickler übersetzt

BegriffEntspricht ungefähr
ParameterMilliarden final-Konstanten, aus einer Datei geladen
Gewichtsmatrixein float[][]; eine Schicht ist im Kern y = W · x + b
Gewichtsdateiserialisierte Arrays, oft mehrere hundert GB (z. B. im Format .safetensors)
Trainingder einzige Schreibzugriff auf diese Arrays
Inferenzreiner Lesezugriff – das Modell ist danach immutable
Quantisierungdouble → float → byte: kleiner, schneller, etwas ungenauer
Hyperparameterdie Konfiguration, die Menschen festlegen: Schichtzahl, Breite, Lernrate – wie Einträge in einer application.properties
// Eine Schicht, stark vereinfacht
float[] schicht(float[] x, float[][] W, float[] b) {   // W und b: Parameter
    float[] y = new float[W.length];
    for (int i = 0; i < W.length; i++) {
        float s = b[i];
        for (int j = 0; j < x.length; j++) s += W[i][j] * x[j];
        y[i] = aktivierung(s);
    }
    return y;
}
// Ein Sprachmodell: ~80 solcher Schichten hintereinander,
// W jeweils z. B. 8192 × 28672 groß – auf Grafikkarten statt in Schleifen.

Häufige Irrtümer

„Doppelt so viele Parameter, doppelt so klug.“ – Größe ist ein Faktor unter mehreren. Daten, Trainingsdauer und Methoden zählen genauso.
„Das Modell lernt aus meinen Gesprächen.“ – Nicht während des Gesprächs. Die Parameter sind beim Benutzen fest; was du sagst, steht nur im Kontextfenster.
„Temperatur und max_tokens sind Parameter des Modells.“ – Das sind Einstellungen der Anfrage, im API-Jargon zwar auch „Parameter“ genannt, aber etwas völlig anderes als die gelernten Gewichte.
„In den Parametern stehen die Trainingstexte.“ – Nicht als Texte. Wissen ist über die Zahlen verteilt. Allerdings können Modelle häufig gesehene Passagen teilweise wörtlich wiedergeben – sie haben sie quasi auswendig gelernt.

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