KI-Begriffe

Kontextfenster

Alles, was ein Sprachmodell in einem Moment sehen kann. Was nicht drinsteht, gibt es für das Modell nicht.

Lesestand

Das Kontextfenster ist die maximale Menge an Tokens, die ein Modell auf einmal verarbeiten kann – Systemanweisungen, Gesprächsverlauf, angehängte Dateien und die Antwort, die es gerade schreibt.

Es ist das einzige Arbeitsgedächtnis des Modells. Heute fassen große Modelle Hunderttausende bis rund eine Million Tokens. Ein Gedächtnis über das Fenster hinaus gibt es nicht – nur Tricks, die passende Inhalte wieder hineinlegen.

Was hineinkommt

Bei jeder Anfrage wird ein einziger langer Text zusammengesetzt und dem Modell übergeben. Darin steht typischerweise:

  • Systemprompt – Anweisungen des Anbieters oder der App, die du meist nicht siehst.
  • Werkzeuge – Beschreibungen von Funktionen wie Websuche, falls das Modell sie benutzen darf.
  • Gesprächsverlauf – alle bisherigen Fragen und Antworten.
  • Dateien und Ergebnisse – angehängte Dokumente, Suchergebnisse, Code.
  • Platz für die Antwort – auch die Ausgabe muss ins Fenster passen.

Füll ein Fenster selbst und schau, was passiert, wenn es voll wird:

Füll das Kontextfenster
Fenstergröße:
Belegt: von Tokens

Schätzwerte für deutschen Text. Grau gestreift: reservierter Platz für die Antwort (hier 8 000 Tokens). Wird es zu voll, fällt in diesem Beispiel das Älteste heraus – echte Anwendungen machen das unterschiedlich (siehe unten).

Wie groß ist groß?

Die Fenster sind in den letzten Jahren enorm gewachsen. Zum Einordnen, grob gerechnet mit 700 Tokens pro Seite deutschem Text:

Fensterentspricht etwaBeispiel
4 0006 Seitenfrühe Chat-Modelle
128 000180 Seitenein Sachbuch
200 000285 Seitenein Roman
1 000 0001 400 Seitenmehrere Bücher oder eine mittelgroße Codebasis

Die genaue Größe hängt vom Modell und oft auch vom Tarif ab. Für die Ausgabe gibt es meist eine eigene, deutlich kleinere Obergrenze – ein Modell kann also ein ganzes Buch lesen, aber nicht unbedingt ein ganzes Buch am Stück schreiben.

Kein Gedächtnis: jede Anfrage beginnt bei null

Das Modell selbst merkt sich nichts zwischen zwei Anfragen. Dass ein Chat trotzdem zusammenhängend wirkt, liegt daran, dass die App bei jeder neuen Nachricht den kompletten bisherigen Verlauf erneut mitschickt. Das hat eine Folge, die man leicht übersieht: Lange Gespräche werden mit jeder Runde teurer.

Eingabe-Tokens pro Runde wachsen mit jeder Runde an
Angenommen, jede Frage und jede Antwort hat 500 Tokens. In Runde 10 müssen bereits 9 500 Tokens Eingabe verarbeitet werden – nur um eine Frage zu beantworten. Über alle zehn Runden summiert: Eingabe-Tokens.

Anbieter mildern das mit Prompt-Caching: Der unveränderte Anfang einer Anfrage wird zwischengespeichert und günstiger berechnet. Am Prinzip ändert das nichts – das Modell bekommt trotzdem jedes Mal alles vorgelegt.

Warum es überhaupt eine Grenze gibt

Der Grund liegt in der Aufmerksamkeit, dem Kernmechanismus der Transformer: Jedes Token wird mit jedem vorherigen Token verglichen. Bei n Tokens sind das rund n² / 2 Vergleiche – die Arbeit wächst also quadratisch.

Wie viele Vergleiche?
Tokens

Jedes blaue Feld: Token in der Zeile schaut auf Token in der Spalte. Nur zurück und auf sich selbst, nie nach vorn – daher das Dreieck.

Doppelt so langer Text heißt also etwa viermal so viel Rechenarbeit für die Aufmerksamkeit. Dazu kommt Speicher: Für jedes Token im Fenster hält das Modell Zwischenergebnisse vor (den sogenannten KV-Cache), und der wächst mit jedem Token. Moderne Modelle nutzen viele Optimierungen, um beides zu drücken – aber Länge kostet immer Rechenzeit, Speicher und Geld.

Groß heißt nicht perfekt

Dass etwas im Fenster steht, heißt nicht, dass das Modell es gleich gut beachtet. Eine viel zitierte Studie von 2023 („Lost in the Middle“) zeigte: Informationen am Anfang und am Ende eines langen Kontexts wurden deutlich zuverlässiger genutzt als solche in der Mitte.

Anfang des KontextsMitteEnde
Schematisch: Wie zuverlässig eine Information gefunden wird, je nachdem, wo sie steht. Neuere Modelle sind hier deutlich besser geworden, ganz verschwunden ist der Effekt nicht.

Praktische Folgen:

  • Wichtiges gehört an den Anfang oder ans Ende – etwa die eigentliche Frage nach einem langen Dokument.
  • Weniger, aber passendes Material schlägt oft „einfach alles hineinkippen“.
  • In sehr langen Gesprächen lohnt manchmal ein Neustart mit einer kurzen Zusammenfassung.

Wie Anwendungen tricksen

Weil das Fenster endlich ist und das Modell kein Gedächtnis hat, bauen Anwendungen drumherum. Vier verbreitete Strategien:

Abschneiden

F1A1F2A2F3

Das Älteste fällt heraus. Einfach, aber frühe Infos sind weg.

Zusammenfassen

Zusammenfassung F1–A2F3

Alter Verlauf wird zu einer kurzen Zusammenfassung verdichtet. Details gehen verloren, der rote Faden bleibt.

Nachschlagen (RAG)

3 passende AbschnitteFrage

Große Dokumentmengen liegen in einer Datenbank; zur Frage werden nur die passenden Stücke gesucht und eingefügt. „Retrieval-Augmented Generation“.

Erinnerungen

Notizen über dichF1

Funktionen wie „Memory“ speichern Notizen aus früheren Gesprächen und legen sie zu Beginn wieder ins Fenster. Das Modell selbst erinnert sich nicht.

Für Entwickler übersetzt

BegriffEntspricht ungefähr
Kontextfenstermaximale Länge der Eingabeliste – wie ein Puffer fester Größe
Zustandslosigkeitwie ein stateless REST-Endpunkt: Der Session-State liegt beim Client, nicht beim Server
SystempromptKonfiguration, die vor jede Anfrage gehängt wird
max_tokensObergrenze für die Antwortlänge; muss zusätzlich ins Fenster passen
KV-CacheMemoization: schon berechnete Zwischenwerte früherer Tokens werden nicht neu berechnet
RAGvor dem Aufruf eine Datenbank-Abfrage, deren Treffer in den Prompt eingefügt werden
// So sieht ein Chat aus Sicht der API aus (Pseudocode)
List<Nachricht> verlauf = new ArrayList<>();

void frage(String text) {
    verlauf.add(new Nachricht("user", text));
    String antwort = api.senden(systemprompt, verlauf);   // IMMER der komplette Verlauf
    verlauf.add(new Nachricht("assistant", antwort));
}
// Den Zustand hält dein Code – nicht das Modell.
// Wird verlauf zu lang: abschneiden, zusammenfassen oder Fehler.

Häufige Irrtümer

„Das Modell erinnert sich an unser letztes Gespräch.“ – Nur, wenn eine Zusatzfunktion Notizen oder den alten Verlauf wieder ins Fenster legt.
„Großes Fenster = Langzeitgedächtnis.“ – Es ist ein großes Arbeitsgedächtnis. Nach der Anfrage ist alles wieder weg.
„Was im Fenster steht, wird auch beachtet.“ – Meistens, aber nicht garantiert. Bei sehr langen Kontexten kann Wichtiges übersehen werden.
„Kontextfenster und Trainingsdaten sind dasselbe.“ – Nein. Training formt die Parameter dauerhaft; das Kontextfenster ist der flüchtige Text der aktuellen Anfrage.

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