Vernichten – Am Ende zu zweit
Das zärtlichste Buch
„Vernichten“ erschien am 7. Januar 2022 bei Flammarion, mit über 700 Seiten und einer Erstauflage von 300.000 Exemplaren; schon vorher war eine Raubkopie im Netz aufgetaucht. Vier Tage später kam die deutsche Ausgabe bei DuMont heraus, übersetzt von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek. In seiner Danksagung schreibt Houellebecq sinngemäß, er sei zufällig bei einem positiven Schluss angekommen, und es sei Zeit für ihn aufzuhören. Ob das ein Abschied vom Roman war, ist bis heute offen; seither ist, soweit bekannt, kein neuer erschienen, wohl aber im März 2026 ein Gedichtband über Verfall und Tod.
Mein Urteil vorweg: Es ist das längste, weichste und unordentlichste seiner Bücher, und es hat das schönste Ende. Ein Politthriller, der ins Leere läuft, eine Familiengeschichte, die trägt, und eine Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die sich nach Jahren wiederfinden, als einer von ihnen sterben muss. Nach sieben Romanen, die von Männern handeln, die allein zurückbleiben, endet Houellebecqs Werk mit einem Paar.
Ein Thriller, der ins Leere läuft
Die Hauptfigur Paul Raison ist knapp fünfzig, hoher Beamter im Wirtschafts- und Finanzministerium und engster Berater des Ministers Bruno Juge, in dem viele Kritiker Houellebecqs Freund Bruno Le Maire erkannt haben. Der Roman beginnt Ende 2026, im Vorfeld der Präsidentschaftswahl 2027. Im Netz tauchen rätselhafte, täuschend echte Videos auf, eines zeigt die Hinrichtung Juges, und dann folgen reale Anschläge: ein Containerschiff, Cyberangriffe auf Häfen, eine Samenbank, ein Flüchtlingsboot. Die Anschlagsorte bilden ein Pentagramm. Gleichzeitig läuft der Wahlkampf, in dem ein Fernsehstar als Platzhalter für den amtierenden Präsidenten antritt.
Wer nach dem Anfang einen Politthriller erwartet, wird enttäuscht. Die Anschläge werden nie aufgeklärt, die Täter nie gefunden, der Wahlausgang tritt in den Hintergrund. Viele Kritiker haben das als Schwäche gesehen, und als Konstruktion ist es eine: Viele Seiten Spannung, die nirgends hinführen.
Ich lese es inzwischen als Absicht, oder zumindest als ehrliches Eingeständnis. Je weiter der Roman fortschreitet, desto gleichgültiger werden ihm die großen Fragen, Terror, Wahlen, die Zukunft Frankreichs, und desto wichtiger werden die kleinen: ein kranker Vater, eine verfahrene Ehe, ein Bruder, der verzweifelt. Das Buch vollzieht selbst die Bewegung, die es erzählt. Am Ende zählt nicht, wer Präsident wird, sondern wer neben einem sitzt, wenn man stirbt.
Der Vater, der nicht sterben darf
Pauls Vater Édouard, früher beim Inlandsgeheimdienst und im Ruhestand, hatte die rätselhaften Botschaften selbst noch analysiert, als ihn kurz vor Weihnachten ein schwerer Schlaganfall trifft. Er überlebt, gelähmt und stumm, und kann sich nur noch durch Blinzeln verständigen. Seine Lebensgefährtin Madeleine, einst seine Haushaltshilfe, pflegt ihn. Die Geschwister, die sich jahrelang kaum gesehen haben, kommen im Familienhaus im Beaujolais wieder zusammen: Paul, seine katholische Schwester Cécile mit ihrem arbeitslosen Mann Hervé, der den Rassemblement National wählt, und der jüngere Bruder Aurélien, ein Kunstrestaurator in einer unglücklichen Ehe.
Als der Vater in eine Einrichtung kommt, in der Personalmangel und Kürzungen sein Leben bedrohen, holt die Familie ihn heraus, mit Hilfe einer militanten Gruppe von Sterbehilfegegnern, und bringt ihn nach Hause. Aus dem Politthriller ist eine Familienrettung geworden.
Hier knüpft Houellebecq an „Karte und Gebiet“ an, mit umgekehrtem Vorzeichen. Dort fuhr ein Vater in die Schweiz, um zu sterben, und der Sohn konnte ihn nicht aufhalten. Hier wird ein Vater vor einem Sterben bewahrt, das andere für ihn entscheiden würden. Man kann diese Episode politisch lesen, als Stellungnahme gegen Sterbehilfe und gegen ein Gesundheitssystem, das alte Menschen verwaltet, und Houellebecq hatte sich im April 2021 im Figaro scharf gegen die Legalisierung der Sterbehilfe gewandt. Man kann sie aber auch einfach als das lesen, was sie erzählerisch ist: das erste Mal in seinem Werk, dass eine Familie zusammenhält.
Paul und Prudence
Paul ist mit Prudence verheiratet, ebenfalls hohe Beamtin, Veganerin, mit einem Interesse für die Wicca-Religion. Die beiden teilen seit Jahren eine Wohnung und sonst nichts, kein Gespräch, kein Bett, keine Kinder. Es ist die typische Houellebecq-Ehe, ein Nebeneinander zweier Einsamkeiten.
Und dann geschieht das Unerwartete: Sie finden wieder zueinander, langsam, vorsichtig, auch körperlich. Es gibt in Houellebecqs Werk keine vergleichbare Szene, eine Liebe, die nicht neu entsteht, sondern zurückkehrt, zwischen zwei Menschen, die nicht mehr jung sind. Valérie in „Plattform“ war eine Utopie, Camille in „Serotonin“ eine verpasste Gelegenheit. Prudence ist eine Frau, mit der man alt werden kann.
Daneben steht ein Gegenbild. Pauls Bruder Aurélien ist mit der Journalistin Indy verheiratet, die ihren gemeinsamen Sohn mit dem Samen eines fremden Spenders bekommen hat, obwohl Aurélien zeugungsfähig ist. Die Ehe ist zerrüttet, und als Indy die Befreiung des Vaters in einem Artikel öffentlich macht, wird Paul vom Dienst suspendiert. Aurélien verliebt sich in Maryse, eine Pflegerin aus Benin, will sich scheiden lassen, und nimmt sich das Leben. Die Ehe, die scheitert, und die Ehe, die heilt, stehen nebeneinander, und Houellebecq urteilt nicht offen. Aber man spürt, auf welcher Seite sein Herz ist, und dass Indy die Züge all dessen trägt, was er an der Gegenwart verachtet.
Die Zunge
Gerade als Paul und Prudence sich wiederfinden, erkrankt Paul an Krebs im Mundraum. Die Ärzte schlagen eine Operation vor, bei der ihm die Zunge entfernt würde. Paul lehnt ab und entscheidet sich für Bestrahlung, Chemo- und Immuntherapie, eine Entscheidung, die man als Verzicht auf die beste Überlebenschance lesen muss. Die letzten Teile des Romans erzählen, wie er mit Prudence auf den Tod zugeht. Es gibt eine lange Passage über zwei Liebende, die sich über viele Wiedergeburten hinweg immer wieder finden. Paul will seine alte katholische Pfarrkirche besuchen. Und das letzte Wort hat Prudence.
Man muss die Entscheidung gegen die Operation zweimal lesen. Ein Mann, dessen Beruf aus Reden und Schreiben bestand, will lieber früher sterben als ohne Zunge leben. Und ein Schriftsteller, der in seiner Danksagung andeutet, es könne sein letzter Roman sein, lässt seine Hauptfigur genau das Organ verteidigen, mit dem man spricht. Ich will nicht zu viel hineinlesen, aber es ist schwer, darin kein Selbstbekenntnis zu sehen.
Dazwischen stehen zahlreiche Träume, viele Seiten lang, oft dunkel und schwer zu deuten. Sie gehören zu den Teilen, die das Buch aufblähen, und ich habe sie meist als Bremse empfunden. Aber sie zeigen auch, wohin sich Houellebecq bewegt hat: weg von der These, hin zu Bildern, die er selbst nicht mehr erklärt.
Das Ende ist das Gegenteil von allem, was er vorher geschrieben hat. Kein Mann liegt allein in Pattaya im Bett, keiner steht allein im Wald, keiner plant den Sprung aus dem Fenster. Ein Mann geht dem Tod entgegen, und eine Frau ist bei ihm. Houellebecq schreibt selbst, er sei zufällig bei einem positiven Schluss angekommen. Man glaubt es ihm, und man ist gerührt.
Urteil
„Vernichten“ ist zu lang, zu zerfahren, mit einem Thriller, der nirgends hinführt, und Träumen, die den Leser ermüden. Als Konstruktion ist es das schwächste seiner späten Bücher. Als Erfahrung ist es eines der stärksten. Die Familiengeschichte, die Rückkehr der Liebe zwischen Paul und Prudence und der Schluss haben eine Wärme, die man diesem Autor nach fast drei Jahrzehnten nicht mehr zugetraut hätte.
Mein Urteil: kein großer Roman, aber ein großer Abschied, falls es einer ist. Lesen sollte es, wer Houellebecq bis hierher begleitet hat, denn erst mit diesem Buch wird sein Werk vollständig.
Die acht Romane im Rückblick
Wer alle acht nacheinander liest, sieht eine Bewegung, die man am Anfang nicht erwartet hätte. Sie beginnt 1994 mit einem namenlosen Mann, der einen anderen zum Mord anstiftet und allein in einen Wald fährt. Sie führt über Brüder, die an ihrer Mutter und an ihrem Begehren zugrunde gehen, über Frauen, die sterben, damit Männer allein zurückbleiben, bis zu einem Schriftsteller, der sich selbst ermorden lässt, und einem Intellektuellen, der sich aus Bequemlichkeit unterwirft. Und sie endet 2022 mit einem Paar, das gemeinsam dem Tod entgegengeht.
Meine Rangfolge, nach allem, was ich geprüft und geschrieben habe:
- Karte und Gebiet (2010): sein bestes Buch, komisch, zärtlich, selbstironisch.
- Unterwerfung (2015): sein elegantestes und umstrittenstes, eine böse Satire auf die Gleichgültigkeit.
- Ausweitung der Kampfzone (1994): sein reinstes, der Kern von allem.
- Elementarteilchen (1998): sein wichtigstes, groß, ungleich, verstörend.
- Vernichten (2022): sein zärtlichstes, zu lang, aber ein schöner Abschied.
- Serotonin (2019): sein traurigstes, mit der stärksten politischen Episode.
- Plattform (2001): eine Liebesgeschichte in einer Provokationsmaschine.
- Die Möglichkeit einer Insel (2005): zu lang, mit einem schönen Ende.
Wer wenig Zeit hat, liest „Ausweitung der Kampfzone“ und „Karte und Gebiet“. Wer den ganzen Weg sehen will, schließt mit „Vernichten“: Dazwischen liegt die Entwicklung vom kalten Diagnostiker zum Mann, der am Ende nicht mehr allein sein will.
Quellen
Der Roman ist urheberrechtlich geschützt. Die Handlung ist gegen mehrere Sekundärquellen abgeglichen; wo diese sich widersprechen, etwa beim Wahlausgang, bei der genauen Einrichtung, in die der Vater kommt, und bei der Frage, ob Paul im Roman stirbt, bleibt der Essay bewusst offen.
- Annihilation (Houellebecq novel), Wikipedia: Erscheinen, Handlung, Krankheit, Therapie, Aurélien, Rezeption
- Perlentaucher: Vernichten: deutsche Ausgabe, Rezensionen
- ORF: „Vernichten“, zwischen Thriller und Romantik: Erscheinungsdaten, Danksagung
- Livres Hebdo: Raubkopie vor Erscheinen: Leak, Umfang, Auflage
- Commonweal: Last Judgment: Einrichtung, Ablehnung der Operation
- New Statesman: Material Hell: Träume, Ende, „letzter Roman“
- UnHerd: How France lost her dignity (April 2021): Houellebecqs Text gegen die Sterbehilfe
- La Libre: Houellebecq, en attendant la fin d’un monde (März 2026): Gedichtband 2026