Texte zu Büchern

Unterwerfung – Der Mann, dem alles egal ist

Lesestand

Ein Buch und ein Datum

Kein Roman Houellebecqs ist so untrennbar mit einem Datum verbunden wie dieser. „Unterwerfung“ erschien am 7. Januar 2015 bei Flammarion, in einer Erstauflage von 150.000 Exemplaren. Am selben Morgen zeigte das Satiremagazin Charlie Hebdo auf seiner Titelseite eine Karikatur Houellebecqs. Noch am selben Tag ermordeten Islamisten in der Redaktion zwölf Menschen, unter ihnen Houellebecqs Freund, den Ökonomen Bernard Maris, der ein Buch über ihn geschrieben hatte. Houellebecq setzte die Werbung für den Roman aus und verließ Paris. Die deutsche Ausgabe, übersetzt von Norma Cassau und Bernd Wilczek, erschien neun Tage später bei DuMont.

Seitdem wird das Buch fast nur noch als Islam-Roman gelesen, als Warnung, als Provokation oder als Hetze, je nach Standpunkt. Ich will diese politische Frage nicht entscheiden, sie ist umstritten und bleibt es. Mich interessiert, was für ein Roman das ist. Und mein Urteil vorweg: Es ist eine kluge, böse, sehr komische Satire, deren eigentliches Ziel nicht der Islam ist, sondern ein französischer Intellektueller, dem alles egal ist. Ob das die einzige berechtigte Lesart ist, ist eine andere Frage; ich komme darauf zurück.

François und Huysmans

Der Erzähler heißt François, ist vierundvierzig und Literaturprofessor an der Sorbonne Nouvelle in Paris. Er hat seine Doktorarbeit über Joris-Karl Huysmans geschrieben, den Dichter der Décadence, der sich am Ende seines Lebens zum Katholizismus bekehrte und eine Zeit lang als Oblate in der Abtei Ligugé lebte. François lebt allein und hat das Gefühl, dass sein Liebes- und Berufsleben erschöpft ist. Seine Freundin Myriam, eine junge jüdische Studentin, ist die einzige Wärme in seinem Leben.

Diese Konstruktion ist der Schlüssel zum Buch. Huysmans ist François‘ Spiegel und zugleich sein Vorwurf. Huysmans hat am Ende seines Lebens etwas gesucht und gefunden, das größer war als er selbst. François sucht auch, aber er findet nichts, weil er an nichts glaubt, nicht einmal an seine eigene Suche. Der Roman ist, unter seiner politischen Oberfläche, eine Bekehrungsgeschichte, die nicht gelingt, oder vielmehr eine, die auf die bequemste Weise gelingt.

Als Figur ist François Houellebecqs bisher eindeutigster Antiheld. Er ist gebildet, ironisch, vollkommen gleichgültig, und er hat nichts, wofür er einstehen würde. Das ist wichtig für alles, was folgt.

Die Wahl und die Bequemlichkeit

Der Roman spielt im Frankreich des Jahres 2022. Bei der Präsidentschaftswahl kommt es zur Stichwahl zwischen Marine Le Pen und Mohammed Ben Abbes, dem Kandidaten einer neu gegründeten muslimischen Partei, der „Bruderschaft der Muslime“. Um den Front National zu verhindern, unterstützen Sozialisten und Konservative den muslimischen Kandidaten. In Paris kommt es zu Unruhen, François flieht mit dem Auto aufs Land und sitzt in Rocamadour vor der berühmten Schwarzen Madonna, ohne dass ihn etwas ergreift. Myriams Familie wandert nach Israel aus; François sagt ihr, er könne Frankreich nicht verlassen. Ben Abbes gewinnt.

Was folgt, ist keine Diktatur und kein Bürgerkrieg, sondern ein sanfter, beinahe reibungsloser Umbau. Die Sorbonne wird mit saudischem Geld zu einer islamischen Universität, an der nur Muslime lehren dürfen; François wird mit voller Pension in den Ruhestand versetzt. Polygamie wird erlaubt, Frauen verschwinden aus dem Berufsleben. Und niemand wehrt sich ernsthaft.

Hier liegt für mich der Kern des Buchs. Houellebecq zeigt keine Eroberung, sondern eine Kapitulation, und zwar nicht vor dem Islam, sondern vor der eigenen Bequemlichkeit. Die etablierten Parteien opfern ihre Prinzipien dem Machterhalt, die Universität verkauft sich an den Meistbietenden, und François, der Intellektuelle, nimmt die Pension und schweigt. Ein Kritiker der FAZ hat den Roman vor dem Hintergrund der französischen Kollaboration im Zweiten Weltkrieg gelesen, und diese Lesart trifft: Es ist ein Buch über Mitläufer.

Das Ende im Konditional

Nach dem Tod seiner Eltern denkt François an Selbstmord. Er geht als Gast in die Abtei Ligugé, in der Huysmans gelebt hat, und hofft auf etwas wie eine Bekehrung. Sie kommt nicht. Stattdessen kommt Robert Rediger, der neue Präsident der islamischen Sorbonne, ein gebildeter, verführerischer Mann, der in dem Haus wohnt, in dem „Die Geschichte der O“ geschrieben wurde. Er bietet François an, an die Universität zurückzukehren, mit einem weit höheren Gehalt und der Aussicht auf mehrere Ehefrauen, wenn er zum Islam übertritt. Außerdem winkt die Herausgabe der Werke Huysmans‘ in der Pléiade, der renommiertesten Klassikerausgabe Frankreichs.

Das Ende ist ein grammatisches Meisterstück. Die Konversion wird nicht erzählt, sondern im Konditional vorweggenommen: François malt sich aus, wie die Zeremonie ablaufen würde, wie sein neues Leben aussähe, und der Roman schließt mit dem Gedanken, er würde nichts zu bereuen haben. Ob er es tatsächlich tut, bleibt offen, und es ist auch gleichgültig. Ein Mann, der seine Bekehrung im Konditional plant, wegen Gehalt, Frauen und Prestige, hat sich längst entschieden.

Das ist der bitterste Witz des Buchs, und er zielt nicht auf den Islam. Huysmans bekehrte sich, weil er etwas glaubte. François bekehrt sich, weil es bequem ist. Der Titel „Unterwerfung“ meint wörtlich die Übersetzung des Wortes Islam, aber er meint vor allem François: einen Mann, der sich jedem unterwirft, der ihm ein angenehmes Leben verspricht.

Warnung, Hetze oder Satire

Über kaum ein Buch der letzten Jahrzehnte wurde so heftig gestritten, und es lohnt sich, die Positionen nebeneinanderzustellen.

Die Kritiker warfen dem Roman vor, er bediene Ängste vor einer islamischen Machtübernahme und mache Ideen salonfähig, die bis dahin am rechten Rand standen. Laurent Joffrin von Libération sah darin eine Rückkehr rechtsextremer Motive in die ernsthafte Literatur, Edwy Plenel von Mediapart rückte Houellebecq in die Nähe des Polemikers Éric Zemmour, Vertreter muslimischer Gemeinschaften sprachen von Islamophobie, andere von Frauenfeindlichkeit. In Deutschland hielt Jens Jessen in der Zeit die Fiktion für ein Alibi, unter dem Tabus gebrochen würden.

Die Verteidiger lasen das Buch als Satire. Tilman Krause in der Welt sah darin keine Panikmache, Jürgen Ritte in der NZZ betonte, es sei Literatur und kein Programm, und in der New Republic hieß es, das eigentliche Ziel des Spotts sei der Erzähler selbst. Der Philosoph Alain Finkielkraut lobte, dass Houellebecq sich von politischer Korrektheit nicht einschüchtern lasse. Von ganz anderer Seite erklärte Marine Le Pen, das Szenario könne Wirklichkeit werden.

Houellebecq selbst hat es niemandem leicht gemacht. Er sagte, der Roman sei im Kern keine Satire, verspottet würden nur Politiker und Journalisten; er beschleunige lediglich eine Entwicklung, die er für denkbar halte. Er räumte ein, mit Angst zu arbeiten, ließ aber offen, wovor. Er nannte sein Buch ausdrücklich nicht islamophob und sagte, der Koran habe ihm beim Wiederlesen besser gefallen als erwartet.

Meine Lesart, die Satire auf den gleichgültigen Intellektuellen, halte ich für die literarisch ergiebigste. Aber ich will nicht so tun, als sei sie die einzige mögliche. Die Kritiker haben einen Punkt: Der Roman wählt den Islam als die Kraft, die das erschöpfte Europa übernimmt, und er erzählt die Verdrängung der Frauen aus dem Berufsleben mit einer Gelassenheit, die sich nicht eindeutig von Zustimmung unterscheiden lässt. Diese Zweideutigkeit ist Absicht, und sie ist Houellebecqs liebstes Werkzeug. Wer sie für gefährlich hält, liest nicht falsch.

Urteil

„Unterwerfung“ ist Houellebecqs elegantestes Buch. Es ist kürzer, leichter und witziger als seine großen Thesenromane, der Ton ist gedämpft, die Konstruktion mit Huysmans als Spiegelfigur raffiniert, und das Ende im Konditional ist ein Glanzstück. Als Porträt eines Intellektuellen, der an nichts mehr glaubt und sich deshalb allem fügt, ist es bösartig genau.

Seine Schwäche ist zugleich seine Methode. Die Zweideutigkeit, mit der Houellebecq den politischen Umbau erzählt, macht das Buch zum Spiegel für jeden Leser: Wer sich vor dem Islam fürchtet, findet seine Furcht bestätigt, wer den Rechtspopulismus fürchtet, findet seine Furcht ebenfalls bestätigt, und wer Satire sucht, findet Satire. Das ist kunstvoll, aber es ist auch eine Weigerung, Verantwortung für die eigenen Bilder zu übernehmen.

Mein Urteil: literarisch einer seiner besten Romane, nach „Karte und Gebiet“ wahrscheinlich der beste, und zugleich der, über den man am längsten streiten wird. Man sollte ihn lesen, gerade weil er so viel Lärm verursacht hat, und dann selbst entscheiden, auf wen der Spott zielt. Ich glaube: zuerst auf den Mann, der ihn erzählt.

Quellen

Der Roman ist urheberrechtlich geschützt. Die Handlung ist gegen mehrere Sekundärquellen abgeglichen; Einzelheiten des Angebots an François wie die genaue Zahl der Ehefrauen bleiben bewusst allgemein.