Unterm Rad – Die bequeme Anklage
Ein überschätztes Buch
„Unterm Rad“ ist überschätzt. Nicht, weil es schlecht wäre, es hat Seiten, die zum Besten gehören, was Hesse geschrieben hat. Sondern weil sein Ruf auf etwas anderem beruht als auf seiner Qualität: auf dem Namen des Autors, auf seinem festen Platz im Deutschunterricht und vor allem darauf, dass es seinen Lesern etwas sehr Angenehmes anbietet. Es erlaubt jedem, sich als Opfer zu fühlen.
Das ist mein eigentlicher Einwand, und er wiegt schwerer als die üblichen Klagen über den predigenden Erzähler oder die flachen Nebenfiguren. Hesse hat ein Buch über ein grausames System geschrieben, aber er hat es bis kurz vor Schluss so gebaut, dass niemand, der es liest, sich in diesem System wiederfinden muss, außer als Leidender. Das macht es populär. Es macht es auch kleiner, als es hätte sein können.
Das reine Kind und die Männer im Gehrock
Die Konstruktion ist schlicht. Auf der einen Seite steht Hans Giebenrath: begabt, still, fleißig, dem Fluss und dem Wald verbunden. Auf der anderen Seite stehen der Vater, der Rektor, der Stadtpfarrer, der Ephorus, die Lehrer, eine geschlossene Front von Männern, denen Ansehen, Ordnung und Leistung über alles gehen. Der Erzähler lässt keinen Zweifel, wo er steht. Schon auf der ersten Seite fertigt er den Vater als Philister ab, über den nichts weiter zu sagen sei. Und wenn er die Erziehungslehre des Rektors wiedergibt, die Schule müsse das Wilde im Kind brechen, damit ein brauchbarer Bürger daraus werde, dann mit beißender Ironie. Das ist scharf und oft komisch. Aber es ist Satire, und Satire erlaubt dem Leser, auf Abstand zu gehen.
Man hat oft gesagt, die Stärke des Buchs liege darin, dass es keinen Bösewicht gibt, nur ein System. Das stimmt nur halb. Es gibt keinen einzelnen Bösewicht, aber eine ganze Klasse von Schuldigen. Ganz sauber ist die Trennung allerdings nicht, und das muss man Hesse zugutehalten. Hans ist keineswegs ohne Fehl: Er wird hochmütig, verachtet die Mitschüler, die er überholt hat, und geht dem frommen Flaig aus dem Weg, weil dessen Fragen ihm unbequem sind. Unter den Seminaristen gibt es Raufbolde und Grobheit, Heilner eingeschlossen. Nur zieht der Roman daraus kaum Folgen. Hans‘ Hochmut wird als Symptom der Dressur erzählt, nicht als etwas, das ihm selbst gehört.
Genau das macht das Buch über weite Strecken bequem. Wer es mit fünfzehn liest, ist Hans. Wer es mit fünfzig liest, sollte sich eigentlich im Vater erkennen, aber der Vater ist so verächtlich gezeichnet, dass sich kaum ein Leser in ihm wiederfinden muss. Man denkt an andere Väter, an die eigenen Lehrer, an das System. Man selbst bleibt draußen. Erst in den letzten Zeilen versucht Hesse, diesen Ausweg zu schließen. Davon weiter unten.
Was Hesse weglässt
Auffällig wird diese Bequemlichkeit, wenn man das Buch neben Hesses eigene Geschichte legt. Der Roman folgt seinem Leben bis ins Detail und verteilt es nur auf zwei Figuren: Landexamen 1891 als Zweiter, Maulbronn, die Flucht nach einem halben Jahr (die Heilner übernimmt), der Zusammenbruch, die Lehre in einer Werkstatt. Eines aber ist ausgetauscht. Hesses Eltern waren pietistische Missionare, tief fromm, gebildet, liebend und zugleich unerbittlich. Sie waren es, die ihn zum Theologen machen wollten. Sie schickten ihn nach seiner Flucht zu einem Seelsorger nach Bad Boll und, nach einem Suizidversuch, in eine Anstalt in Stetten. Der Druck kam nicht von einem eitlen Kleinbürger, sondern aus einem frommen, ernsthaften Haus.
Im Roman ist die Mutter tot, und der Vater ist ein Zwischenhändler ohne geistige Ansprüche, dem es um Ansehen geht. Die Frömmigkeit dagegen ist im Buch auf der guten Seite: Der Pietist Flaig ist der einzige Gerechte. Hesse hat also genau den Teil seiner Erfahrung, der am schwersten zu erzählen gewesen wäre, verschoben. Die eigentliche Tragödie seiner Jugend, dass Liebe und Zwang aus derselben Quelle kamen, kommt in „Unterm Rad“ nicht vor. Stattdessen bekommt der Leser einen Vater, den man leicht verachten kann.
Ich werfe Hesse das nicht moralisch vor. Seine Mutter war 1902 gestorben, gut ein Jahr bevor er im Herbst 1903 mit der Niederschrift begann, sein Vater lebte noch, und man versteht, warum er die beiden nicht so zeigen wollte. Dass auch Hans‘ Mutter im Roman tot ist, fällt vor diesem Hintergrund auf; mehr als eine Vermutung lässt sich daraus aber nicht ableiten. Aber literarisch ist es ein Verlust. Ein Vater, der sein Kind liebt und es trotzdem kaputt macht, wäre die größere, wahrere Figur gewesen. Hesse hat sie erst viel später angedeutet, in „Demian“, wo das Elternhaus zugleich Geborgenheit und Gefängnis ist.
Eine Einschränkung gehört allerdings dazu: Hans Giebenrath ist nicht nur Hesse selbst. In die Figur ist auch das Schicksal seines jüngeren Bruders Hans eingegangen, der an der Calwer Schule litt und sich 1935 das Leben nahm. Hesse hat seine Erfahrung also nicht nur umgebaut, er hat sie mit der eines anderen gemischt, und das schwächt meine These von der reinen Selbstschonung etwas ab.
Im selben Jahr: Törleß
„Unterm Rad“ war um 1900 kein originelles Buch. Der zerbrochene Schüler war ein Genre. Wedekinds „Frühlings Erwachen“ (1891) lässt Moritz Stiefel nach dem Sitzenbleiben in den Tod gehen. Emil Strauß‘ „Freund Hein“ (1902) erzählt von einem musikalisch begabten Jungen, der an der Mathematik scheitert und sich erschießt. Thomas Mann gibt Hanno Buddenbrook 1901 ein ganzes Kapitel Schulqual, bevor er ihn sterben lässt. Schülerselbstmorde waren damals ein öffentlich diskutiertes Thema. Hesse schrieb also in einen bereits bekannten Stoff hinein, mit bekannten Figuren: das sensible Kind, die verständnislosen Erwachsenen, der frühe Tod.
Und im selben Jahr 1906 erschien ein Buch, das zeigt, wie man diesen Stoff anders erzählen kann: Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“. Auch dort ein Internat, auch dort ein junger Mensch in der Krise. Aber bei Musil sind nicht die Lehrer das Problem, sondern die Schüler selbst. Zwei Zöglinge quälen einen dritten, Basini, systematisch, und Törleß schaut zu, beteiligt sich, ist fasziniert. Es gibt kein unschuldiges Opfer, mit dem sich der Leser bequem identifizieren könnte. Musil zeigt, dass die Grausamkeit nicht von oben kommt, sondern in den Jungen selbst steckt, und dass ein System sie nur freisetzt.
Neben „Törleß“ wirkt „Unterm Rad“ wie ein Jugendbuch. Musil seziert, Hesse klagt an. Musil traut dem Leser zu, mit einer Hauptfigur zu leben, die er nicht mögen muss. Hesse braucht eine Hauptfigur, die man vor allem bedauern soll. Das ist nicht nur ein Unterschied im Temperament, es ist ein Unterschied in der Erkenntnis. Wer „Törleß“ gelesen hat, weiß etwas über Macht, das er vorher nicht wusste. Wer „Unterm Rad“ gelesen hat, weiß vor allem, dass er recht hatte.
Wo das Buch klüger ist als sein Autor
Und doch gibt es Stellen, an denen „Unterm Rad“ beinahe das bessere Buch wird, das es hätte sein können. Die wichtigste ist der Verrat an Heilner. Als Heilner den Streber Lucius in einem Wutanfall mit Fußtritten bis vor die Tür des Ephorus jagt, bekommt er eine schwere Karzerstrafe und ist danach geächtet. Hans meidet ihn wochenlang, aus Angst, selbst in Verruf zu geraten, und spürt dabei genau, dass er feige ist. Hier ist Hans am deutlichsten nicht nur Opfer, sondern Mittäter: Er hat das System so weit verinnerlicht, dass er den einzigen Menschen preisgibt, der ihn liebt. Das ist der Moment, in dem der Roman Musil am nächsten kommt. Hesse lässt ihn allerdings schnell wieder fallen: Nach dem Tod des Mitschülers Hindinger, der im Eis einbricht, erkennt Hans seine Schuld, die Freundschaft wird erneuert, und das Buch kehrt in die Bahn des Opfers zurück. Schade. In dieser Szene steckte ein ganzer anderer Roman.
Die zweite starke Stelle sind die Sommerferien nach dem Examen. Am ersten Morgen steht Hans an der tiefsten Stelle des Flusses, und Hesse beschreibt das Angeln mit einer Genauigkeit und Freude, die man im Buch sonst kaum findet. Dann melden sich Stadtpfarrer, Rektor und Mathematiklehrer mit freundlich gemeinten Zusatzstunden, und Stück für Stück frisst das Lernen die Ferien wieder auf. Am Ende fängt Hans kaum noch etwas, und als der Vater darüber spottet, räumt er die Angelschnüre weg. Hier predigt Hesse nicht, hier zeigt er. Was einem Kind genommen wurde, lässt sich nicht einfach nachholen, das versteht man in diesen Seiten, ohne dass es gesagt werden muss.
Die dritte ist das Ende. Nach einem Ausflug mit den Gesellen der Werkstatt, bei dem Hans zum ersten Mal betrunken ist, treibt er nachts im Fluss. Der Erzähler bietet drei Möglichkeiten an, verirrt und ausgeglitten, beim Trinken das Gleichgewicht verloren oder vom stillen Wasser angezogen, und entscheidet sich nicht. Das ist die beste Entscheidung des Romans. Ein klarer Selbstmord wäre eine Tat gewesen, ein letzter eigener Wille. Hans aber gleitet aus dem Leben, wie er durch sein Leben geführt wurde.
Und dann kommt der Schluss, der meine eigene These am stärksten in Frage stellt. Am Grab zeigt Flaig auf die abziehenden Herren im Gehrock und sagt dem Vater, die hätten mitgeholfen, den Jungen so weit zu bringen. Das allein wäre die bequeme Anklage, die ich dem Buch vorwerfe. Aber Flaig lässt es nicht dabei. Er fügt hinzu, dass vielleicht auch der Vater und er selbst an dem Jungen manches versäumt haben. Damit holt Hesse im letzten Moment genau die beiden Figuren in die Schuld, die der Leser bis dahin verachten oder bewundern durfte: den beschränkten Vater und den einzigen Gerechten. Der Satz ist leise, mit einem Vielleicht abgefedert, und er kommt sehr spät. Aber er ist da, und er ist das Beste am ganzen Buch.
Urteil
Wenn „Unterm Rad“ nicht von Hermann Hesse wäre, würde man es heute kaum noch lesen. Es stünde neben „Freund Hein“ in der Reihe der Schülertragödien um 1900, als Zeitdokument, nicht als lebendiges Buch. Dass es überlebt hat, verdankt es dem späteren Ruhm seines Autors, dem Lehrplan und seiner Fähigkeit, Jugendlichen genau das zu sagen, was sie fühlen. Das ist keine Kleinigkeit, aber es ist auch keine große Literatur.
Sein Hauptfehler ist nicht der redselige Erzähler, sondern dass es den Leser fast bis zur letzten Seite nicht in Verlegenheit bringt. Über weite Strecken verteilt das Buch Schuld und Unschuld so ordentlich, wie die Schule, die es angreift, Noten verteilt. Es klagt eine Welt an, in der Menschen eingeteilt werden, und teilt selbst ein. Dass Hesse diese Ordnung am Grab mit einem einzigen Satz aufbricht, zeigt, dass er es wusste. Es reicht nur nicht, um einen ganzen Roman voller Einteilung aufzuwiegen.
Trotzdem würde ich es nicht aus dem Kanon nehmen. Ich würde es Fünfzehnjährigen weiter geben, weil es ihnen das Gefühl gibt, gesehen zu werden, und das ist manchmal wichtiger als literarischer Rang. Aber ich würde ihnen gleich danach „Törleß“ in die Hand drücken. Das eine Buch sagt: Ihr seid die Opfer. Das andere fragt: Und was würdet ihr tun, wenn ihr die Macht hättet? Erst beide zusammen ergeben die Wahrheit über das Rad. Hesse allein liefert nur die halbe.
Quellen
- Hermann Hesse: Unterm Rad, Text der Erstausgabe (Project Gutenberg): Grundlage für alle Aussagen zur Handlung
- Hermann Hesse, Zeittafel (Suhrkamp): Maulbronn ab September 1891, Bad Boll, Suizidversuch, Stetten, Perrot; Niederschrift von Unterm Rad Oktober 1903 bis Juni 1904, Buch 1906
- Kloster Maulbronn, Pressemeldung zu Hesses Flucht: Flucht am 7. März 1892, Theologenlaufbahn als Plan der Eltern
- Historisches Lexikon der Schweiz: Marie Hesse: Lebensdaten und pietistische Prägung (nennt Februar 1902 als Todesmonat; andere Quellen nennen April)
- Hermann-Hesse-Portal, tabellarischer Lebenslauf: Eltern, Tod der Mutter 1902
- Schulz, Schule bei Mann und Hesse (Shimane Univ.): Rolle des Bruders Hans
- UCSB Hesse Page, Bürger-Aufsatz: Landexamen im Juli 1891 als Zweiter