… trotzdem Ja zum Leben sagen – Viktor E. Frankl
Ein Buch, in neun Tagen diktiert
Viktor Frankl, 1905 in Wien geboren, war Neurologe und Psychiater, ein ehrgeiziger junger Arzt, der schon als Gymnasiast mit Sigmund Freud korrespondierte und später zum Kreis um Alfred Adler gehörte, bevor er sich von beiden abwandte. Er hatte bereits eine eigene Theorie im Kopf und ein Manuskript in Arbeit, als er im September 1942 mit seiner Frau Tilly, seinen Eltern und seinem Bruder deportiert wurde.
Was folgte, sind die Stationen, die das Buch schildert: Theresienstadt, wo sein Vater starb. Im Oktober 1944 Auschwitz, wo seine Mutter ermordet wurde und er selbst nach wenigen Tagen weiter verlegt wurde. Dann Kaufering und Türkheim, Außenlager von Dachau, wo er Zwangsarbeit leistete und an Fleckfieber erkrankte. Im April 1945 wurde er befreit. Erst danach erfuhr er, dass seine Frau in Bergen-Belsen gestorben war, sein Bruder in Auschwitz. Von seiner engsten Familie überlebte nur seine Schwester, die rechtzeitig nach Australien emigriert war.
Nach der Rückkehr nach Wien diktierte Frankl das Buch in neun Tagen. Es erschien 1946 zunächst anonym unter einem nüchternen Titel, der übersetzt etwa lautet: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Frankl wollte keine Autobiografie schreiben, sondern einen Bericht, an dem sich ablesen lässt, was Menschen in einer extremen Lage innerlich erleben, und was sie dort aufrecht hält. Auf Deutsch verkaufte es sich anfangs schlecht. Die englische Ausgabe, Man’s Search for Meaning, wurde dagegen zu einem der einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts, mit vielen Millionen verkauften Exemplaren.
Der deutsche Titel stammt aus dem Buchenwaldlied, das Häftlinge im Lager Buchenwald auf Befehl der SS komponieren und singen mussten. Sein Refrain endet mit der Zeile, trotz allem Ja zum Leben sagen zu wollen. Dass Gefangene ein Zwangslied zu einem Bekenntnis zum Leben umdeuteten, ist im Kleinen das, wovon das ganze Buch handelt.
Das Buch ist kurz, in den meisten Ausgaben keine 200 Seiten. Der erste, längere Teil ist der Lagerbericht. Der zweite skizziert die Logotherapie, Frankls eigene Form der Psychotherapie, die aus der Frage nach dem Sinn heilen will. Späteren Ausgaben ist ein Nachwort von 1984 angefügt, über das, was Frankl „tragischen Optimismus“ nannte.
Die drei Phasen
Frankl gliedert seinen Bericht nicht chronologisch nach Lagern, sondern nach seelischen Phasen, die er bei sich und anderen beobachtete. Er schreibt dabei als Arzt über sich selbst, mit einer Nüchternheit, die beim Lesen fast schwerer zu ertragen ist als jede Klage.
Erste Phase: Die Aufnahme
Die Ankunft in Auschwitz beginnt mit einer Selektion. Ein SS-Offizier deutet mit dem Zeigefinger nach links oder rechts, und die meisten Neuankömmlinge ahnen nicht, dass diese Geste über Leben und Tod entscheidet. Frankl beschreibt, wie er alles verliert, was ihn mit seinem früheren Leben verband: Kleidung, Haare, Namen, und das Manuskript seines ersten Buches, das er in den Mantel eingenäht hatte. Er bittet einen alten Häftling, es retten zu dürfen, und erntet nur höhnisches Grinsen.
Typisch für diese Phase ist, was Frankl den Begnadigungswahn nennt: die Überzeugung, im letzten Moment werde es für einen selbst schon nicht so schlimm kommen. Er wird schnell zerstört. Danach folgen Schock, eine Art kalte Neugier, sogar grimmiger Humor, und der Gedanke an Selbstmord, den „Lauf in den Draht“, den Frankl für sich bewusst verwirft.
Zweite Phase: Das eigentliche Lagerleben
Nach einigen Tagen setzt Apathie ein. Frankl schildert, wie er zusieht, wie ein Mitgefangener geschlagen wird, und nichts empfindet. Diese Abstumpfung ist ein Schutzpanzer: Wer alles fühlen würde, würde es nicht aushalten. Das Innenleben schrumpft auf das Primitivste, auf Brot, Suppe, Wärme, Schlaf.
Und doch beobachtet Frankl zugleich das Gegenteil. Bei manchen Gefangenen vertieft sich das innere Leben. Er beschreibt, wie Häftlinge nach einem Marsch im Dreck einen Sonnenuntergang über bayerischen Wäldern bestaunen und einer sinngemäß sagt, wie schön die Welt sein könnte. Er beschreibt Lagerkabarett, Humor als Waffe der Seele, kleine Gesten der Güte. Gerade die Feinfühligen, die körperlich Schwächeren, hielten nach seiner Beobachtung manchmal besser durch als Robuste, weil sie sich in eine innere Welt zurückziehen konnten.
Ein zentrales Motiv ist die Zeit. Die Gefangenen leben in einer „provisorischen Existenz“ ohne absehbares Ende. Wer sich kein Ziel in der Zukunft mehr vorstellen kann, bricht innerlich zusammen, und oft folgt der Körper bald. Frankl erzählt von einem Mithäftling, der träumte, das Lager werde am 30. März befreit. Als der Tag näher rückte und nichts geschah, wurde er krank und starb am 31. März. Ähnlich beobachtete der Lagerarzt in der Woche zwischen Weihnachten 1944 und Neujahr eine ungewöhnlich hohe Sterblichkeit: Viele hatten gehofft, bis Weihnachten frei zu sein.
Dritte Phase: Nach der Befreiung
Diese Phase ist am wenigsten bekannt und für mich die verstörendste. Als die Gefangenen frei sind, empfinden sie keine Freude. Sie gehen über Wiesen, sehen Blumen und fühlen nichts, eine Art Entfremdung von der eigenen Wirklichkeit. Die Fähigkeit zu fühlen muss erst wieder gelernt werden.
Dann drohen zwei Gefahren. Die erste ist die Verbitterung: Manche Befreite glauben, nach allem Erlittenen berechtigt zu sein, nun selbst Unrecht zu tun. Frankl berichtet sinngemäß von einem Kameraden, der durch ein Feld läuft und auf die Bitte, die Saat zu schonen, wütend antwortet, ihm habe man doch alles genommen. Die zweite ist die Enttäuschung: Wer heimkehrt und feststellt, dass die Menschen, für die er durchgehalten hat, tot sind, oder dass die Welt draußen sein Leiden nicht versteht, verliert den Boden, der ihn im Lager getragen hat. Frankl selbst kehrte in eine Stadt zurück, in der fast niemand mehr auf ihn wartete.
Die letzte menschliche Freiheit
Aus diesen Beobachtungen zieht Frankl die Gedanken, die das Buch berühmt gemacht haben. Sie sind deshalb so stark, weil sie nicht am Schreibtisch, sondern im Lager entstanden.
Die Haltung
Der Kernsatz des Buches lautet sinngemäß: Man kann einem Menschen alles nehmen, nur nicht die letzte der menschlichen Freiheiten, die Freiheit, sich zu den gegebenen Umständen so oder so einzustellen. Frankl bestreitet nicht, dass das Lager Menschen prägt und zerstört. Er bestreitet nur, dass es sie vollständig bestimmt. Selbst unter vollständiger äußerer Unfreiheit bleibt ein innerer Spielraum, und wie ein Mensch ihn nutzt, entscheidet darüber, wer er ist.
Daran hängt sein vielleicht radikalster Gedanke: Auch Leiden kann sinnvoll getragen werden. Nicht das Leiden selbst hat Sinn, und Frankl betont ausdrücklich, dass vermeidbares Leiden zu vermeiden ist. Aber wo es unausweichlich ist, bleibt die Möglichkeit, sich ihm würdig oder unwürdig zu stellen. Leiden hört nach Frankl in gewissem Sinn auf, bloßes Leiden zu sein, sobald es einen Sinn bekommt.
Das Warum
Frankl zitiert immer wieder Nietzsche: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Er erzählt von zwei Mithäftlingen, die beide an Selbstmord dachten. Bei beiden fand er im Gespräch etwas, das in der Zukunft auf sie wartete: beim einen ein Kind, das im Ausland lebte, beim anderen eine wissenschaftliche Buchreihe, die nur er vollenden konnte. Diese Aufgabe, die niemand sonst übernehmen konnte, hielt sie.
Daraus entwickelt Frankl eine Umkehrung, die er als kopernikanische Wende bezeichnet: Es ist nicht entscheidend, was wir vom Leben erwarten, sondern was das Leben von uns erwartet. Wir sollen nicht nach dem Sinn des Lebens fragen, sondern begreifen, dass wir selbst die Gefragten sind, und zwar konkret, in jeder einzelnen Situation. Die Antwort besteht nicht in Grübeln, sondern in Handeln und richtigem Verhalten.
Die Liebe
Die vielleicht schönste Passage des Buches: Frankl marschiert in der Morgendämmerung in einer Kolonne zur Arbeit, stolpert über Steine und Eis, wird von Wachen angetrieben. Ein Mithäftling murmelt, er hoffe, ihre Frauen hätten es besser. Frankl denkt an seine Frau, sieht ihr Gesicht vor sich, hört ihre Antwort, und erlebt einen Moment tiefer Gewissheit: dass Liebe das Höchste ist, wozu ein Mensch sich aufschwingen kann. Er weiß nicht, ob sie noch lebt. Und er erkennt, dass es für seine Liebe keine Rolle spielt. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr lange zu leben, was er erst nach der Befreiung erfuhr.
Der Anstand
Frankl weigert sich, die Welt in Täter- und Opfergruppen zu teilen. Er beschreibt Kapos, also Häftlinge mit Aufsichtsfunktion, die grausamer waren als die SS, und einen Lagerkommandanten, der heimlich aus eigener Tasche Medikamente für die Gefangenen kaufte. Seine Folgerung: Es gibt nur zwei Arten von Menschen, die anständigen und die unanständigen, und beide finden sich in jeder Gruppe. Der Mensch ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat, aber auch das Wesen, das aufrecht und betend in sie hineingegangen ist.
Logotherapie: Sinn als Grundbedürfnis
Der zweite Teil des Buches ist kurz und erklärt die Therapie, die Frankl vor dem Krieg entwickelt und im Lager gewissermaßen an sich selbst erprobt hatte. „Logos“ steht hier für Sinn.
Der Wille zum Sinn
Frankl grenzt sich von seinen beiden Wiener Lehrern ab. Für Freud ist der Mensch im Kern vom Willen zur Lust getrieben, für Adler vom Willen zur Macht. Frankl setzt dagegen einen Willen zum Sinn: Das tiefste Bedürfnis des Menschen sei nicht Befriedigung oder Geltung, sondern etwas, wofür es sich zu leben lohnt. Lust und Glück stellen sich eher als Nebenwirkung ein, wenn man sich einer Sache oder einem Menschen hingibt. Wer sie direkt anstrebt, verfehlt sie. Frankl nennt das Selbsttranszendenz: Der Mensch findet sich, indem er über sich hinaus auf etwas anderes gerichtet ist.
Das existenzielle Vakuum
Wo der Sinn fehlt, entsteht eine innere Leere, die Frankl für die typische Krankheit moderner Wohlstandsgesellschaften hält. Sie zeigt sich als Langeweile, Gleichgültigkeit, oder wird mit Konsum, Betriebsamkeit, Rausch und Machtstreben überdeckt. Frankl beschreibt eine „Sonntagsneurose“: Menschen, denen erst am freien Tag, wenn die Arbeit sie nicht mehr trägt, bewusst wird, wie leer ihr Leben ist. Ausdrücklich nennt er auch Menschen im Ruhestand, bei denen die gleiche Leere plötzlich und dauerhaft einsetzen kann.
Drei Wege zum Sinn
Sinn lässt sich nach Frankl nicht erfinden oder verordnen, er muss gefunden werden, und zwar immer konkret. Dafür nennt er drei Wege:
| Weg | Was gemeint ist | Beispiele |
|---|---|---|
| Schaffen | ein Werk schaffen oder eine Tat setzen | Arbeit, Handwerk, ein Projekt, etwas für andere tun |
| Erleben | etwas erleben oder jemandem begegnen | Liebe, Freundschaft, Natur, Kunst, Musik |
| Haltung | sich zu unabänderlichem Leiden einstellen | Krankheit, Verlust, Schuld, Endlichkeit mit Würde tragen |
Der dritte Weg ist Frankls eigentlicher Beitrag. Er bleibt auch dann offen, wenn die beiden anderen versperrt sind, im Lager, bei schwerer Krankheit, am Ende des Lebens.
Frankl erläutert ihn an einem Fall, den man nicht vergisst. Ein älterer Arzt kommt zu ihm, schwer depressiv, weil seine Frau zwei Jahre zuvor gestorben ist. Frankl fragt ihn, was gewesen wäre, wenn er zuerst gestorben wäre. Der Mann sagt, für seine Frau wäre das furchtbar gewesen. Frankl antwortet sinngemäß: Dieses Leid ist ihr erspart geblieben, und zwar durch Sie, um den Preis, dass Sie jetzt um sie trauern. Der Mann gibt ihm wortlos die Hand und geht. Der Schmerz ist nicht weg, aber er hat eine Bedeutung bekommen.
Zwei Techniken
Frankl beschreibt auch zwei therapeutische Methoden. Bei der paradoxen Intention soll der Patient sich gerade das wünschen, was er fürchtet: Wer Angst hat, vor Publikum zu schwitzen, nimmt sich vor, einmal richtig ausgiebig zu schwitzen. Das unterbricht den Teufelskreis der Erwartungsangst, oft mit Humor. Bei der Dereflexion lenkt man die Aufmerksamkeit von dem Symptom weg, um das man ständig kreist, etwa bei Schlafstörungen, hin zu etwas anderem.
Tragischer Optimismus
Im Nachwort von 1984 fasst Frankl seine Haltung zusammen. Jedes Leben enthält eine tragische Trias: Leid, Schuld und Tod. Optimismus heißt nicht, sie zu leugnen, sondern das Beste aus ihnen zu machen: Leid in eine menschliche Leistung zu verwandeln, aus Schuld die Gelegenheit zur Veränderung zu ziehen und aus der Vergänglichkeit einen Antrieb, verantwortlich zu handeln.
Dazu gehört ein Gedanke über das Altern, den ich für einen der tröstlichsten im ganzen Buch halte: Was man gelebt, geschaffen, geliebt und durchgestanden hat, kann einem niemand mehr nehmen. Die Vergangenheit ist nicht verloren, sondern sicher verwahrt. Frankl meint deshalb sinngemäß, man müsse alte Menschen nicht bemitleiden, eher beneiden: Statt Möglichkeiten in der Zukunft haben sie Wirklichkeiten in der Vergangenheit.
Was es dir bringt
Die Taleb-Bücher und Kahneman handeln davon, wie man klug entscheidet. Frankl handelt davon, wofür. Das macht ihn in einer Lebensphase wertvoll, in der sich diese Frage neu stellt, weil die Antworten der ersten Lebenshälfte, Karriere, Aufbau, Familie gründen, nicht mehr von selbst tragen.
Die Frage umdrehen
Der nützlichste einzelne Gedanke ist Frankls Umkehrung: Nicht „Was will ich noch vom Leben?“, sondern „Was erwartet das Leben jetzt von mir?“. Die erste Frage führt mit Mitte 50 leicht in Bilanzen, Vergleiche und Bedauern. Die zweite ist konkreter und beantwortbar: Wer braucht mich gerade? Welche Aufgabe kann nur ich erledigen? Was liegt an, das sonst liegen bleibt? Frankl betont, dass es nicht um den einen großen Lebenssinn geht, sondern um den Sinn der jeweiligen Situation, heute, in dieser Woche.
Den Ruhestand nicht nur finanziell planen
Was Frankl über die Sonntagsneurose und den Ruhestand schreibt, ist heute aktueller als 1946. Wer jahrzehntelang durch Arbeit strukturiert und bestätigt wurde, erlebt den Übergang oft als Leere, nicht als Befreiung. Die meisten planen ihren Ruhestand nur finanziell. Frankl legt nahe, ihn auch inhaltlich zu planen, und zwar anhand seiner drei Wege:
- Schaffen: Welche Aufgabe, welches Projekt, welche Verantwortung wird es geben, wenn der Beruf wegfällt? Ehrenamt, Weitergabe von Wissen, Handwerk, ein Werk, das man schon lange aufschiebt.
- Erleben: Welche Beziehungen, welche Erfahrungen, welche Orte, welche Kunst sollen Raum bekommen, die bisher zu kurz kamen?
- Haltung: Wie willst du dich zu dem stellen, was mit den Jahren unvermeidlich kommt: nachlassende Kräfte, Krankheit, der Tod von Eltern und Freunden?
Es lohnt sich, das einmal schriftlich durchzugehen, nicht erst mit 65. Die Altersforschung findet übrigens recht beständig, dass Menschen, die ihr Leben als sinnvoll erleben, im Alter gesünder sind und länger leben. Ob der Sinn die Ursache ist oder beides gemeinsame Ursachen hat, ist offen, aber die Richtung passt zu Frankl.
Verlust und Krankheit
Mit Mitte 50 ist man in der Phase, in der Verluste häufiger werden: Eltern sterben, Freunde erkranken, der eigene Körper meldet sich. Frankls dritter Weg ist hier keine Durchhalteparole, sondern eine echte Möglichkeit. Er sagt nicht, dass Leiden gut ist. Er sagt, dass auch dort, wo man nichts mehr ändern kann, die Art, wie man es trägt, noch eine Leistung ist, die einem gehört. Die Geschichte des trauernden Arztes zeigt, wie das konkret aussehen kann: nicht den Schmerz wegreden, sondern ihm eine Bedeutung abgewinnen.
Die Vergangenheit als Vorrat
Viele Menschen in deinem Alter schauen auf ihr Leben mit Blick auf das, was nicht mehr geht, was verpasst wurde, was zu spät ist. Frankls Gedanke, dass Gelebtes sicher verwahrt ist, kehrt das um. Was du geschaffen, geliebt und überstanden hast, ist nicht vorbei, sondern gesichert. Das ist kein billiger Trost, sondern eine ernsthafte philosophische Haltung, und sie verändert, wie man auf die eigenen Jahre blickt.
Kleine Ängste
Die paradoxe Intention ist ein überraschend praktisches Werkzeug für Alltagsängste: das Einschlafen, das Zittern vor einer Rede, die Sorge vor einem Arztbefund. Sich mit Humor genau das Befürchtete vorzunehmen, „Heute Nacht will ich mal so richtig schlecht schlafen“, nimmt der Erwartungsangst oft den Druck. Bei echten Angststörungen ersetzt das keine Behandlung, aber im Alltag hilft es erstaunlich oft.
Maßstab und Dankbarkeit
Und schließlich, ganz unspektakulär: Das Buch verschiebt den Maßstab. Wer gelesen hat, was Menschen in den Lagern ausgehalten haben und wie manche dabei Würde bewahrten, nimmt die eigenen Ärgernisse anders wahr. Das ist nicht als Belehrung gemeint, und man sollte es auch nicht anderen gegenüber so verwenden. Aber für einen selbst ist es heilsam.
Meine Sicht
Ich habe Frankl auf Platz 2 meiner Liste gesetzt, direkt hinter Kahneman, und würde ihn bei der Frage „Welches Buch sollte jeder einmal gelesen haben?“ sogar vorziehen. Gerade deshalb will ich auch die Einwände ernst nehmen, denn das Buch wird oft verehrt, ohne dass man ihm die Fragen stellt, die es verdient.
Was mich überzeugt
Die Glaubwürdigkeit. Frankl hat, was er beschreibt, selbst durchlebt, und er schreibt darüber ohne Pathos, ohne Selbstmitleid und ohne Hass. Das ist eine moralische Leistung, die man beim Lesen spürt. Kein Ratgeber über Sinn kann mit einem Satz konkurrieren, der aus einem Lager kommt.
Die Kürze. Man kann es an einem Abend lesen. Es gibt keinen überflüssigen Satz im Lagerbericht. Nach Taleb und Kahneman ist das eine Wohltat.
Der dritte Weg. Die Idee, dass auch unausweichliches Leiden eine Möglichkeit zu sinnvollem Verhalten enthält, ist das Wertvollste, was das Buch hinterlässt. Sie spricht niemandem das Leid ab und gibt doch jedem einen Rest an Handlungsfähigkeit. Ich halte das für eine der humansten Ideen, die die Psychologie im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.
Die Weigerung, in Kollektiven zu urteilen. Der Satz von den zwei Arten Menschen, den anständigen und den unanständigen, kommt von jemandem, der allen Grund gehabt hätte, anders zu urteilen. Das macht ihn umso stärker.
Was ich einwende
Das Überlebensproblem. Hier hilft, was wir bei Taleb gelernt haben. Frankl beobachtet, dass Menschen mit einem Warum besser durchhielten. Aber wir hören nur von den Überlebenden. Unzählige, die einen Sinn, ein Kind, eine Liebe, einen Glauben hatten, wurden trotzdem ermordet, oft am ersten Tag in der Gaskammer, ohne dass ihre Haltung irgendeine Rolle spielte. Frankl weiß das und schreibt es selbst: Die Besten seien nicht zurückgekommen. Aber manche Passagen, etwa die Geschichte vom Mann, der nach dem 30. März starb, legen nahe, dass die innere Einstellung über das Überleben entschied. Das war im Lager nur selten so, und man sollte das Buch nicht als Beweis lesen, dass Sinn vor dem Tod schützt.
Die Gefahr der Beschönigung. Der Literaturwissenschaftler Lawrence Langer, einer der genauesten Kenner der Zeugnisse von Holocaust-Überlebenden, hat Frankl vorgeworfen, das Lager zu einer Art Bewährungsprobe der Seele zu machen. Die Sprache von Wahl und Haltung passe nicht zu einer Wirklichkeit, in der Menschen keine Wahl hatten. Ich teile die Kritik nicht ganz, halte sie aber für wichtig: Frankls Buch ist ein Zeugnis über eine bestimmte Erfahrung, nicht über „das“ Lager. Andere Überlebende, Primo Levi oder Jean Améry etwa, haben dieselbe Hölle ganz anders beschrieben, ohne tröstliche Botschaft.
Der Mensch Frankl. Der Historiker Timothy Pytell hat in einer kritischen Biografie Fragen aufgeworfen, die das Bild vom Heiligen der Sinnsuche ankratzen: Experimente, die Frankl als Arzt im Wien der frühen 1940er-Jahre an jüdischen Patienten nach Suizidversuchen vornahm, seine Neigung, die eigene Biografie zu glätten, etwa die kurze Zeit in Auschwitz stärker in den Vordergrund zu rücken als die längeren Aufenthalte in anderen Lagern, und nach dem Krieg seine öffentliche Ablehnung einer Kollektivschuld der Deutschen und Österreicher, bis hin zu einem umstrittenen Auftritt mit Kurt Waldheim 1988. Nichts davon widerlegt das Buch. Aber es erinnert daran, dass auch dieser Autor ein Mensch mit Widersprüchen war.
Die Logotherapie ist dünn belegt. Als Therapieschule ist sie heute eine Randerscheinung. Ihre Grundidee lebt allerdings fort, etwa in der sinnzentrierten Psychotherapie für Krebspatienten, die in Studien durchaus gut abschneidet. Der zweite Teil des Buches ist trockener und hat mehr Patina als der erste.
Mein Urteil
Als Gedankenbuch eine 9 von 10, als Lesevergnügen, wenn das Wort hier passt, ebenfalls eine 9. Es ist das einzige Buch auf meiner Liste, bei dem ich sagen würde: Lies es zweimal, mit einigen Jahren Abstand, weil es sich mit dem eigenen Leben verändert. Und lies danach, wenn du die Kraft hast, Primo Levis Ist das ein Mensch? als Gegenstimme.
Fazit und der Weg zu Marc Aurel
… trotzdem Ja zum Leben sagen lehrt, dass der Mensch auch unter den schlimmsten Umständen nicht vollständig bestimmt ist. Es bleibt ihm die Freiheit, wie er sich zu dem stellt, was ihm geschieht, und die Möglichkeit, in jeder Lage eine Antwort auf die Frage zu geben, die das Leben ihm stellt. Sinn findet man nicht, indem man ihn sucht, sondern indem man sich einer Aufgabe oder einem Menschen zuwendet.
Für dich in einem Satz: Frag weniger, was du noch vom Leben willst, und öfter, was es gerade von dir will, und plane die Jahre nach dem Beruf nicht nur mit Zahlen, sondern mit Aufgaben, Menschen und einer Haltung.
Wer Frankl liest, hört an vielen Stellen eine ältere Stimme mit. Die Unterscheidung zwischen dem, was wir ändern können, und dem, worauf allein unsere Haltung Einfluss hat, die Gelassenheit gegenüber dem Unabänderlichen, der Gedanke, dass die innere Freiheit unantastbar ist: Das ist Stoizismus, fast 1.800 Jahre vor Frankl formuliert. Einer seiner eindrücklichsten Vertreter war kein Gefangener, sondern der mächtigste Mann seiner Zeit, ein römischer Kaiser, der nachts im Feldlager Notizen an sich selbst schrieb. Darum geht es im nächsten Essay: Marc Aurels Selbstbetrachtungen.