Thinking in Bets – Annie Duke
Eine Psychologin am Pokertisch
Annie Duke hat einen ungewöhnlichen Lebenslauf. Sie studierte Kognitionspsychologie an der University of Pennsylvania und stand kurz vor der Promotion, als sie aus gesundheitlichen Gründen abbrach. Über ihren Bruder, der selbst ein bekannter Profispieler war, kam sie zum Poker und wurde eine der erfolgreichsten Spielerinnen ihrer Generation. Sie gewann ein Turnier der World Series of Poker und in ihrer Karriere über vier Millionen Dollar Preisgeld, bevor sie sich 2012 vom Spiel zurückzog. Seitdem berät sie Unternehmen und Investoren beim Treffen von Entscheidungen.
Thinking in Bets erschien 2018 und wurde in den USA ein Bestseller, vor allem in der Finanz- und Unternehmenswelt. Auf Deutsch erschien es 2023 beim Redline Verlag unter dem Titel Thinking in Bets – Wie man immer die richtige Karte spielt, mit dem Untertitel Kluge Entscheidungen treffen, selbst wenn man nicht alle Fakten kennt. Duke hat danach zwei weitere Bücher geschrieben, eines darüber, wie man gute Entscheidungen trifft, und eines über die Kunst, rechtzeitig aufzuhören.
Wer die Essays zu Taleb und Kahneman gelesen hat, wird in diesem Buch viel Vertrautes finden. Duke ist keine Forscherin, die neue Befunde präsentiert, sondern eine Übersetzerin: Sie nimmt Erkenntnisse aus der Entscheidungsforschung und macht sie mit den Erfahrungen vom Pokertisch greifbar und anwendbar. Das ist ihre Stärke und zugleich ihre Grenze.
Nach den großen historischen und politischen Büchern der letzten Essays ist dies wieder ein praktisches Buch, eines, das man am nächsten Tag anwenden kann, bei der nächsten Geldanlage, dem nächsten Arztgespräch, dem nächsten Familienstreit.
Ergebnis ist nicht Entscheidung
Der schlechteste Spielzug aller Zeiten
Duke beginnt mit einer Szene aus dem American Football. Im Super Bowl 2015 lagen die Seattle Seahawks kurz vor Schluss knapp zurück, standen aber einen Meter vor der Endzone des Gegners. Alle erwarteten, dass Trainer Pete Carroll den Ball seinem starken Läufer geben würde. Stattdessen ließ er einen Pass werfen. Der Pass wurde abgefangen, Seattle verlor. Am nächsten Tag nannten Zeitungen und Experten den Spielzug den dümmsten in der Geschichte des Super Bowl.
Duke widerspricht. Sie rechnet vor, dass ein abgefangener Pass in dieser Lage äußerst selten war, nur wenige Prozent, und dass der Pass Seattle angesichts der knappen Restzeit taktische Vorteile verschaffte, etwa mehr Versuche, bevor die Uhr ablief. Man kann über die Entscheidung streiten, aber sie war nicht dumm. Sie ging nur schief. Wäre der Pass gefangen worden, hätte man Carroll als genialen Taktiker gefeiert. Dieselbe Entscheidung, ein anderes Ergebnis, ein völlig anderes Urteil.
Resulting
Duke gibt diesem Denkfehler einen Namen aus der Pokersprache: Resulting. Gemeint ist die Neigung, die Qualität einer Entscheidung nach ihrem Ergebnis zu beurteilen. Gutes Ergebnis, gute Entscheidung. Schlechtes Ergebnis, schlechte Entscheidung. Das ist genau Talebs Thema aus Narren des Zufalls, und Duke kommt aus derselben Welt wie er, nur vom Pokertisch statt vom Handelsparkett.
Der Fehler hat zwei Seiten. Wer gute Entscheidungen aufgibt, weil sie einmal schiefgingen, lernt das Falsche. Und wer schlechte Entscheidungen beibehält, weil sie zufällig gut ausgingen, ebenso. Ein Autofahrer, der betrunken sicher nach Hause kommt, hat nicht gut entschieden, er hatte Glück.
Poker, nicht Schach
Duke greift eine Unterscheidung des Mathematikers John von Neumann auf, des Begründers der Spieltheorie. Schach ist ein Spiel mit vollständiger Information: Beide Spieler sehen alles, es gibt keinen Zufall, und wer verliert, hat einen Fehler gemacht. Poker ist ein Spiel mit verdeckter Information und Glück: Man sieht die Karten der Gegner nicht, man weiß nicht, welche Karte als nächste kommt, und man kann richtig spielen und trotzdem verlieren.
Das Leben, sagt Duke, ist Poker, nicht Schach. Fast jede wichtige Entscheidung, ein Berufswechsel, eine Geldanlage, eine Partnerwahl, eine medizinische Behandlung, wird unter Unsicherheit getroffen, mit unvollständiger Information und mit einem Ergebnis, das auch vom Zufall abhängt. Wer das Leben wie Schach behandelt, wird jedes schlechte Ergebnis als eigenen Fehler und jedes gute als eigenes Verdienst verbuchen, und beides ist oft falsch.
Wetten wir?
Jede Entscheidung ist eine Wette
Der Titel des Buches ist wörtlich gemeint. Jede Entscheidung, so Duke, ist eine Wette auf eine bestimmte Zukunft. Wer eine Stelle annimmt, wettet darauf, dass er dort glücklicher und erfolgreicher sein wird als in der alten. Wer eine Wohnung kauft, wettet auf die Entwicklung seines Lebens und des Marktes. Wer sich für eine Behandlung entscheidet, wettet auf ihre Wirkung. Und wer eine Wette eingeht, setzt immer etwas ein, Geld, Zeit, Lebensjahre, und gibt die Alternativen auf.
Wer seine Entscheidungen als Wetten versteht, so Duke, denkt automatisch anders: Er fragt nach Wahrscheinlichkeiten, nach dem, was er nicht weiß, und nach dem, was er verlieren kann. Und er hört auf, so zu tun, als sei er sicher.
Die Frage, die Gewissheiten erschüttert
Das wirksamste Werkzeug des Buches ist eine einfache Frage. Wenn jemand, man selbst eingeschlossen, etwas mit großer Überzeugung behauptet, soll man fragen: Wollen wir wetten? Und zwar um etwas, das wehtut. Die meisten Menschen werden bei dieser Frage plötzlich vorsichtiger. Sie merken, dass sie sich nicht ganz so sicher sind, wie sie klangen. Sie beginnen nachzudenken, welche Informationen sie haben und welche fehlen.
Duke empfiehlt nicht, tatsächlich ständig zu wetten. Es geht um die Haltung: Eine Überzeugung, auf die man nicht wetten würde, sollte man auch nicht mit voller Sicherheit vertreten.
In Prozent denken
Daraus folgt Dukes zweiter Rat: Überzeugungen nicht als wahr oder falsch ausdrücken, sondern als Wahrscheinlichkeit. Nicht „Das Projekt wird klappen“, sondern „Ich halte es für zu 70 Prozent wahrscheinlich, dass es klappt“. Das hat drei Vorteile. Erstens ist es ehrlicher, weil fast nichts sicher ist. Zweitens lädt es andere ein, ihre eigene Einschätzung beizutragen, ohne dass sie einem widersprechen müssen: Wer 70 sagt, kann leichter hören, dass ein anderer 50 sagt, als wer „sicher“ gesagt hat. Und drittens erleichtert es, die eigene Meinung zu ändern. Wer sich auf eine Gewissheit festgelegt hat, verliert das Gesicht, wenn er sie aufgibt. Wer von 70 auf 60 Prozent geht, hat einfach dazugelernt.
Duke illustriert das mit der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2016. Viele Prognosen sahen Hillary Clinton vorn, der Statistiker Nate Silver gab Donald Trump eine Siegchance von etwa 30 Prozent. Als Trump gewann, hieß es, die Prognosen seien falsch gewesen. Aber eine Chance von 30 Prozent ist ungefähr die Chance, beim Würfeln eine Eins oder Zwei zu werfen. Das passiert ständig. Wer Wahrscheinlichkeiten in Gewissheiten übersetzt, versteht die Welt falsch.
Wie wir Ergebnisse falsch verbuchen
Erst glauben, dann prüfen
Duke stützt sich auf Forschung des Psychologen Daniel Gilbert, nach der Menschen Aussagen nicht neutral aufnehmen und dann prüfen, sondern sie zunächst einmal glauben und erst danach, wenn überhaupt, hinterfragen. Ist man abgelenkt oder in Eile, bleibt das Prüfen oft aus, und die Aussage bleibt als wahr im Gedächtnis. Und wenn eine Überzeugung einmal sitzt, verteidigen wir sie: Wir suchen Belege, die sie stützen, und übersehen die, die ihr widersprechen. Bis hierhin ist das bekannt aus dem Kahneman-Essay.
Kluge Menschen sind nicht besser geschützt
Ein unbequemer Befund, den Duke hervorhebt: Klügere Menschen sind nicht weniger anfällig für solche Verzerrungen. In manchen Untersuchungen zeigten gerade intelligentere Versuchspersonen einen größeren blinden Fleck für die eigenen Denkfehler, und sie waren geschickter darin, Argumente für das zu finden, was sie ohnehin glauben wollten. Intelligenz schützt nicht vor Selbsttäuschung, sie liefert ihr bessere Werkzeuge.
Glück für die anderen, Können für mich
Der wichtigste Abschnitt dieses Teils betrifft die Frage, wie wir aus Ergebnissen lernen. Jedes Ergebnis ist eine Mischung aus eigenem Können und Zufall, und um daraus zu lernen, müsste man ehrlich unterscheiden, welcher Anteil welcher war. Das tun wir aber nicht. Gute Ergebnisse schreiben wir uns selbst zu, schlechte dem Pech. Bei anderen machen wir es umgekehrt: Ihr Erfolg war Glück, ihr Misserfolg ihr eigener Fehler. Duke beschreibt, wie Pokerspieler endlos von ihren Pechsträhnen erzählen, aber selten von den Händen, die sie mit Glück gewonnen haben. Und sie verweist auf Untersuchungen von Unfallberichten, in denen Autofahrer die Schuld an einem Zusammenstoß fast immer beim anderen sahen, auch wenn sie allein in einen Laternenpfahl gefahren waren.
Das Problem ist nicht nur Eitelkeit. Wer seine Erfolge für Können und seine Misserfolge für Pech hält, lernt aus keinem von beiden. Und wer anderen ihre Erfolge missgönnt, statt zu fragen, was sie gut gemacht haben, verpasst die Gelegenheit, von ihnen zu lernen.
Auf Tilt
Aus dem Poker stammt ein weiterer nützlicher Begriff: Tilt. Gemeint ist der Zustand, in dem ein Spieler nach einem schlechten Ergebnis emotional aus dem Gleichgewicht gerät und dann eine schlechte Entscheidung nach der anderen trifft, um das Verlorene schnell zurückzugewinnen. Tilt gibt es überall: der Anleger, der nach einem Verlust riskanter wird, der Autofahrer, der nach einem Ärgernis aggressiver fährt, der Ehepartner, der nach einem Streit Dinge sagt, die er bereut. Dukes Gegenmittel ist eine Erinnerung, die Pokerspieler kennen: Es ist alles ein einziges langes Spiel. Eine einzelne Hand zählt wenig, und wer jede Hand so behandelt, als hinge alles von ihr ab, spielt schlecht.
Die Wahrheitsgruppe und Zeitreisen im Kopf
Wenn wir allein so schlecht darin sind, unsere eigenen Fehler zu erkennen, was hilft dann? Duke schlägt zwei Wege vor: andere Menschen und die eigene Zukunft.
Eine Gruppe, die nach Wahrheit sucht
Duke beschreibt, wie sie als junge Spielerin von einer Gruppe erfahrener Profis lernte, mit denen sie nach Turnieren Hände besprach. Die Regeln der Gruppe waren streng: Man durfte sich nicht über Pech beklagen, man musste die eigenen Entscheidungen offenlegen, auch die peinlichen, und man wurde ehrlich kritisiert. Diese Gruppe machte sie zu einer besseren Spielerin, weil sie ihr half, sich selbst nicht zu belügen.
Daraus entwickelt Duke das Modell einer Wahrheitsgruppe, eines kleinen Kreises von Menschen, die sich gegenseitig helfen, besser zu entscheiden. Sie übernimmt dafür Regeln, die der Soziologe Robert Merton für die Wissenschaft beschrieben hat:
- Daten teilen: Alle relevanten Informationen auf den Tisch legen, auch die, die gegen einen sprechen.
- Unabhängig vom Boten: Eine Idee danach beurteilen, ob sie stimmt, nicht danach, von wem sie kommt.
- Interessen offenlegen: Sich bewusst machen, wo man selbst ein Interesse an einem bestimmten Ergebnis hat.
- Organisierte Skepsis: Widerspruch nicht als Angriff verstehen, sondern als Dienst.
Wichtig ist, dass alle Mitglieder diese Regeln vorher vereinbaren. Wer ungefragt kritisiert wird, fühlt sich angegriffen. Wer um Kritik gebeten hat, kann sie annehmen. Das ist im Kleinen, was Harari in Nexus einen Selbstkorrekturmechanismus nennt.
Das Ergebnis verbergen
Ein besonders kluger Rat: Wenn man jemanden um seine Meinung zu einer Entscheidung bittet, soll man ihm das Ergebnis nicht verraten. Wer weiß, dass es schiefging, findet sofort Fehler. Wer weiß, dass es gutging, findet die Entscheidung klug. Nur wer das Ergebnis nicht kennt, kann die Entscheidung selbst beurteilen.
Gespräche mit dem künftigen Ich
Der zweite Weg führt durch die Zeit. Duke empfiehlt, sich vor wichtigen Entscheidungen mit dem eigenen künftigen Selbst zu beraten, und stellt dafür mehrere Werkzeuge vor:
- Zehn Minuten, zehn Monate, zehn Jahre: Wie werde ich mich mit dieser Entscheidung in zehn Minuten fühlen, wie in zehn Monaten, wie in zehn Jahren? Das relativiert den Ärger oder die Begeisterung des Augenblicks.
- Der Odysseus-Vertrag: Wie Odysseus sich an den Mast binden ließ, um den Sirenen zu widerstehen, kann man vorab Regeln festlegen, die einen vor späteren Versuchungen schützen: keine Süßigkeiten im Haus, eine feste Obergrenze beim Glücksspiel, eine Regel, nie am selben Tag zu unterschreiben. Taleb empfiehlt dasselbe in Narren des Zufalls.
- Vom Ziel aus zurückdenken: Stell dir vor, das Vorhaben ist gelungen, und frag, was dazu geführt hat. Dann stell dir vor, es ist gescheitert, und frag, warum. Das zweite ist Gary Kleins Prä-mortem, das wir bei Kahneman kennengelernt haben. Duke empfiehlt, beides zu tun, und die Ergebnisse mit Wahrscheinlichkeiten zu versehen.
- Szenarien mit Wahrscheinlichkeiten: Statt eine einzige Zukunft vorherzusagen, mehrere mögliche Verläufe aufschreiben und jedem eine Wahrscheinlichkeit geben. Das zwingt dazu, auch die unangenehmen Möglichkeiten ernst zu nehmen.
Was es dir bringt
Von allen Büchern, die wir besprochen haben, ist dies eines der direktesten Werkzeugbücher. Fünf Anwendungen halte ich für die wertvollsten.
In der Familie in Prozent sprechen
Die Gewohnheit, Überzeugungen mit Wahrscheinlichkeiten auszudrücken, verändert Gespräche. Statt „Das wird nie was“ zu sagen, wenn ein Kind einen ungewöhnlichen Berufsweg einschlagen will, kann man sagen: „Ich schätze die Chance auf vielleicht 30 Prozent, aber ich weiß zu wenig über die Branche, wie siehst du das?“ Das ist ehrlicher, es lässt dem anderen Raum, und es führt zu einem Gespräch statt zu einem Streit. Dasselbe gilt im Beruf und unter Freunden.
Die Wette-Frage bei Geld und Beratung
Wenn dir jemand eine Geldanlage, eine Versicherung oder eine Immobilie mit großer Sicherheit empfiehlt, ist Dukes Frage, wollen wir wetten, ein guter Test, auch wenn man sie nicht laut stellt. Würde der Berater auf seine Prognose eigenes Geld setzen? Das verbindet Duke mit Talebs Haut im Spiel. Und bei dir selbst: Bevor du eine größere Entscheidung triffst, schreib auf, wie sicher du dir bist, in Prozent, und warum. Ein Jahr später kannst du nachsehen, wie gut deine Einschätzungen waren. Das ist Kahnemans und Talebs Entscheidungstagebuch mit einem zusätzlichen Werkzeug: der Zahl.
Eine eigene Wahrheitsgruppe
Mit 56 hat man meist genug Freunde und Bekannte, um eine kleine Runde zu finden, mit der man über wichtige Entscheidungen offen reden kann: zwei, drei Menschen, denen man vertraut und die einem widersprechen dürfen. Die entscheidende Bedingung ist, dass man vorher vereinbart, dass Kritik erwünscht ist, und dass man das Ergebnis einer Entscheidung, die man besprechen will, zunächst nicht verrät. Gerade vor großen Schritten, dem Zeitpunkt des Ruhestands, einem Umzug, einer größeren Investition, ist eine solche Runde wertvoller als jeder Ratgeber.
Schlechte Ergebnisse gnädiger beurteilen
Dukes Unterscheidung zwischen Entscheidung und Ergebnis hat eine entlastende Seite, die mit dem Alter wichtiger wird. Wer auf sein Leben zurückblickt, findet Entscheidungen, die schiefgingen: eine Anlage, die Verlust brachte, ein Stellenwechsel, der nicht passte, eine medizinische Entscheidung für einen Angehörigen, die im Nachhinein falsch erschien. Die Frage, ob die Entscheidung mit dem damaligen Wissen vernünftig war, ist fairer als die Frage, wie sie ausging. Das gilt für die eigenen Entscheidungen ebenso wie für die der Eltern, des Partners oder der Kinder.
Tilt erkennen
Und schließlich ein Alltagswerkzeug: Wenn du nach einem Ärgernis, einem Verlust, einem Streit merkst, dass du sofort etwas ausgleichen, zurückholen oder zurückzahlen willst, ist das ein Zeichen für Tilt. Das ist der Moment, eine Pause zu machen, wie Sapolsky und Rosling raten, und keine weiteren wichtigen Entscheidungen zu treffen, bis man wieder im Gleichgewicht ist.
Meine Sicht
Thinking in Bets ist ein kluges, nützliches und etwas dünnes Buch. Es sagt wenig, was man nicht bei Kahneman und Taleb schon gelesen hätte, aber es sagt es so, dass man es behält und anwendet.
Was mich überzeugt
Der Begriff Resulting. Dass Duke dem Fehler, Entscheidungen nach ihrem Ausgang zu beurteilen, einen eigenen, griffigen Namen gibt, ist mehr wert, als es klingt. Ein Wort für einen Denkfehler macht ihn im Alltag sichtbar. Wer „Resulting“ einmal gehört hat, ertappt sich und andere dabei.
Die Wette-Frage. Die einfache Frage, ob man auf seine Überzeugung wetten würde, ist eines der wirksamsten Werkzeuge gegen Selbstüberschätzung, die ich kenne. Sie ist sofort anwendbar, sie kostet nichts, und sie verändert, wie man redet und denkt.
Das Sprechen in Wahrscheinlichkeiten. Es macht Gespräche ehrlicher und Meinungsänderungen leichter. Das ist eine kleine Gewohnheit mit großer Wirkung, besonders in Familien und Teams.
Die Wahrheitsgruppe. Dukes Beschreibung, wie eine Gruppe vereinbarte Regeln braucht, damit Kritik als Hilfe statt als Angriff verstanden wird, ist praktisch und klug. Und der Rat, das Ergebnis zu verschweigen, wenn man um Urteil bittet, ist einer der besten des Buches.
Die Zugänglichkeit. Duke schreibt lebendig, mit vielen Geschichten vom Pokertisch und aus dem Sport, und sie macht Entscheidungsforschung für Menschen verständlich, die nie ein Fachbuch lesen würden.
Was mich stört
Wenig Eigenes. Fast alle Ideen des Buches stammen von anderen: Kahneman, Tversky, Taleb, Gilbert, Klein, Merton. Duke übersetzt sie gut, aber wer die Originale kennt, wird wenig Neues finden. Gemessen an den anderen Büchern dieser Reihe ist der eigene Gedankenbeitrag schmal.
Die Grenzen der Poker-Metapher. Hier hätte Taleb Einwände. Poker ist ein Spiel mit bekannten Regeln, bekannten Karten und berechenbaren Wahrscheinlichkeiten, auch wenn man die Karten der Gegner nicht sieht. Das echte Leben ist oft anders: Man kennt die Wahrscheinlichkeiten gar nicht, die Regeln ändern sich, und seltene Extremereignisse dominieren. Taleb nennt den Fehler, die Welt wie ein Glücksspiel mit bekannten Regeln zu behandeln, ausdrücklich eine Falle. Wer im Leben in Prozent denkt, sollte wissen, dass die Prozentzahlen oft nur grobe Schätzungen sind, und dass es Situationen gibt, in denen man die Wahrscheinlichkeit gar nicht kennen kann.
Ein einzelnes Ergebnis lehrt wenig. Duke betont zu Recht, dass Entscheidung und Ergebnis zu trennen sind. Aber in der Wirklichkeit wiederholt man die meisten großen Entscheidungen nicht oft genug, um zu sehen, ob man gut entschieden hat. Ein Pokerspieler spielt Tausende Hände. Ein Mensch heiratet ein-, zweimal, wechselt ein paar Mal die Stelle, kauft ein oder zwei Häuser. Ob eine solche Entscheidung gut war, lässt sich oft nie sicher sagen. Das Buch spricht das an, macht es aber zu leicht.
Die Gefahr der Ausrede. Wer die Unterscheidung zwischen Entscheidung und Ergebnis verinnerlicht, kann sie auch missbrauchen: Jedes schlechte Ergebnis wird zum Pech erklärt, die Entscheidung war ja gut. Duke warnt davor, aber die Versuchung ist real, besonders bei Menschen, die Verantwortung für andere tragen.
Wiederholungen. Das Buch hätte ein Drittel kürzer sein können. Viele Kapitel umkreisen dieselben Gedanken mit neuen Beispielen.
Mein Urteil
Als Gedankenbuch eine 6 von 10, als Lesevergnügen eine 8. Es ist das beste Einstiegsbuch in die Entscheidungsforschung für Menschen, die keine Lust auf Kahnemans 500 Seiten haben, und ein gutes Werkzeugbuch für alle, die die Theorie schon kennen. Mein Lesetipp: Die ersten drei Kapitel über Resulting, Wetten und Wahrscheinlichkeiten gründlich, das Kapitel über die Wahrheitsgruppe mit Notizblock, das über die Zeitreisen als Werkzeugkasten. Und danach, falls noch nicht geschehen, Kahneman und Narren des Zufalls, um die Tiefe hinter den Werkzeugen zu sehen.
Fazit
Thinking in Bets lehrt, dass das Leben Poker ist, nicht Schach: Fast jede wichtige Entscheidung wird unter Unsicherheit getroffen, und ihr Ergebnis hängt auch vom Zufall ab. Wer das versteht, hört auf, Entscheidungen nach ihrem Ausgang zu beurteilen, drückt seine Überzeugungen in Wahrscheinlichkeiten aus, sucht sich Menschen, die ihm ehrlich widersprechen, und berät sich vor wichtigen Schritten mit seinem künftigen Ich. Das Buch bietet wenig Neues gegenüber Kahneman und Taleb, aber es verpackt deren Einsichten in Werkzeuge, die man sofort benutzen kann.
Für dich in einem Satz: Beurteile Entscheidungen nach dem, was du damals wusstest, nicht nach dem, was danach geschah, frag dich bei jeder festen Überzeugung, ob du darauf wetten würdest, sprich in Prozent statt in Gewissheiten, und such dir zwei, drei Menschen, die dir widersprechen dürfen.
In der Reihe bildet dieses Buch zusammen mit Narren des Zufalls und Schnelles Denken, langsames Denken ein Dreieck über das Entscheiden unter Unsicherheit. Taleb liefert die Philosophie und die Warnung vor Extremistan, Kahneman die Forschung, Duke die Praxis. Wer nur eines davon liest, versteht einen Teil. Wer alle drei kennt, hat das Wichtigste beisammen, was man über gute Entscheidungen in einer unsicheren Welt wissen kann.